Christliches Menschenbild – Teil 3

Papst Franziskus hat in den letzten Jahren das Wort „Barmherzigkeit“ als zentrale Botschaft des Christentums in den Mittelpunkt gestellt. Für ihn ist es die wichtigste Botschaft Jesu.[1] Tatsächlich stehen wir bei der Betrachtung des christlichen Menschenbildes an einem entscheidenden Punkt. Der vorherige Beitrag zum christlichen Menschenbild (Teil 2 in diesem Blog) hatte das Verhältnis von Freiheit und Sünde thematisiert. Dabei war klar geworden: Der Mensch kann sich von der Sünde nie ganz freimachen. Er ist in den sündhaften Zusammenhang der Menschheit gestellt („Erbsünde“) und verfehlt sich zudem immer wieder auch in seiner freiheitlichen Entscheidung gegen das Gute und das Gebot Gottes. Daher ist eine der großen Streitfragen der Bibel: Wie soll man mit den Sündern umgehen? Hier setzt die Botschaft Jesu einen entscheidenden Akzent.

Sünde, Strafe und Vergebung im Alten Testament

Es entspricht dem menschlichen Empfinden, dass ein Vergehen, ein Verstoß oder eine Schuld vergolten werden soll. Sobald in den Medien öffentlich über ein schweres Verbrechen berichtet wird, über Mord, Betrug, Vergewaltigung oder Raub, erhebt sich sofort der Ruf nach einer schweren Bestrafung des Täters. Mit Unverständnis wird darauf reagiert, wenn Gerichte in einem solchen Fall milde Strafen aussprechen. Offenbar ist klar: Ohne eine angemessene Bestrafung der Täter kann ein Verbrechen nicht aufgearbeitet werden, ist eine Versöhnung mit der Tat nicht möglich. Mit einem alten Wort spricht von der „Sühne“ einer Tat. Weil ein Verbrechen, etwa die Verletzung oder Tötung eines anderen Menschen nie in der Weise gutgemacht oder geheilt werden kann, dass der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt wird, gibt es eine Strafe, die quasi symbolisch diese Wiedergutmachung „bedeuten“ soll. Eine langjährige Gefängnisstrafe für den Täter verändert objektiv den Zustand des Opfers (etwa die Folgen seiner Verletzung) nicht. Zugleich schafft sie aber einen gewissen Ausgleich für das erlittene Leid, indem der Täter an seinem eigenen Leib und mit seiner Lebenszeit für seine Tat „büßen“ muss. Die Strafe hat also eine „sühnende“ Wirkung. Zumindest im Auge der Gesellschaft wird so zumindest in gewissem Maße das „Gleichgewicht“ zwischen der Verletzung der Regeln und Rechte der Gemeinschaft und deren Wiedereinsetzung hergestellt.

Es gibt verschiedene Rechtstheorien, die eine Bestrafung begründen. Hier interessiert allerdings nur der allgemeine Zusammenhang zwischen Vergehen und Sühne. Er ist im Rechtsdenken auch der alten Kulturen verortet.

Auch das Gesetz Israels, das dem Volk mit göttlicher Autorität übergeben wurde, definiert diesen Zusammenhang klar. Wer gegen das Gesetz verstößt, muss in irgendeiner Form für diesen Verstoß Sühne leisten. Dazu gab es verschiedene Möglichkeiten. Die berühmte Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (Dtn 19,21) stammt aus den Regulatorien für die Gerichtsverhandlungen. Die Richter sind angehalten, im Rechtsstreit eine Strafe zu verhängen, die genau dem entstandenen Schaden entspricht. Die Strafe soll also verhältnismäßig sein. Wenn der eine dem anderen etwas leiht, das geliehene Gut allerdings verloren geht, soll der Leihende das verlorene Gut 1:1 ersetzen. Das klingt selbstverständlich, wird aber auch im Falle eines Mordes angewandt. Laut Lev 24,21 ist ein Mord mit der Tötung des Mörders zu bestrafen. Das Leben des einen wird also mit dem Leben des anderen aufgewogen. Für unser Rechtsempfinden ist eine solche Strafe heute vielleicht unverhältnismäßig, für das damalige Rechtsverständnis ist sie gewissermaßen noch milde. Bei den Völkern der antiken Welt galt es nämlich durchaus als gerechtfertigt, nicht nur den Mörder, sondern auch seine ganze Familie mit dem Tod zu bestrafen. Das alttestamentliche Gesetz weist dies also unverhältnismäßig zurück. Die Strafe und damit auch die Sühne muss im Verhältnis zur Tat stehen (auch wenn im Alten Testament auch Fälle von Auslöschungen ganzer Familien berichtet werden – s. z.B. Gen 34).

Ein weiterer Punkt kommt für Israel noch hinzu. Da der Bruch des Gesetzes nicht nur als ein Vergehen an der Gemeinschaft Israels sondern auch als ein Vergehen gegen Gott angesehen wurde, musste zur weltlichen Strafe auch die Aussöhnung mit Gott hinzutreten. Da Gott kein Gegenüber wie ein Mensch ist, dem ich etwas zurückerstatten kann, muss ich dies in symbolischer Form tun. Dieser Gedanke ist einer der Ursprünge des Opferkultes. Ich erbitte die Vergebung Gottes, indem ich ihm eine Gabe darbringe. Das Opfer wird durch eine kultische Handlung Gott dargebracht und bewirkt so die Sühne, also die Versöhnung mit Gott (vgl. z.B. Lev 4). Nach Abschluss von Strafe und Sühne ist die Sünde wieder aus der Welt geschafft. Der Täter ist wieder versöhnt oder „gerechtfertigt“ und damit wieder vollgültiges Mitglied des Volkes. Dabei ist allerdings auch für Israel klar: Niemand kann sich selbst in diesen Status zurückversetzen. Das Opfer ist also kein Automatismus. Es ist nötig, dass Gott das Opfer annimmt. Gott nimmt im Letzten die Position des Richters ein. Er entscheidet über die Vergebung der Sünden. Die Strafe, die Reue und das Opfer zeigen dabei nur die Vergebungsbereitschaft des Sünders an. Die Vergebung selbst ist ein „Gnadenakt“, im letzten ein Akt der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Sünder. Dies ist an sich nichts Ungewöhnliches, weil es gleichermaßen für den menschlichen Bereich gilt. Ein Täter kann für seine Taten bestraft werden, er kann Reue zeigen und um Vergebung bitten. Die Tat ist aber erst wirklich „geheilt“, wenn das Opfer dem Täter verzeihen kann.

Ein weiteres kommt hinzu. Mit der Vergebung gibt es auch die Verpflichtung zur „Umkehr“, also zur Bereitschaft des Täters, seine Reue auch unter Beweis zu stellen und (zumindest diese) Sünde nicht wieder zu begehen. Im Wiederholungsfall wird es mit der Vergebung zumindest deutlich schwieriger.

Soweit in aller Kürze zu ein paar Grundgedanken des alttestamentlichen Rechtsempfindens. Wichtig ist der Zusammenhang von Strafe, Reue, Opfer und Umkehr, damit eine Versöhnung vollständig wird. Das Alte Testament geht allerdings von einer positiven Grundüberzeugung aus: Gott ist gnädig und barmherzig (Ex 34,6). Das hat er im Bundesschluss seinem Volk versprochen (Dtn 5,31). Das bedeutet: Es gibt für den Sünder, sofern er es ernst meint, immer eine Möglichkeit, in die ursprüngliche Gemeinschaft mit Gott und mit dem Volk zurückzukehren. Wenn er aufrichtig um Vergebung bittet und sich durch seinen Lebenswandel und die Beachtung der Gesetzesvorschriften darum bemüht, wird Gott ihm verzeihen. Besonders die Propheten betonen diesen Grundsatz immer wieder und loten aus, wie weit die Barmherzigkeit Gottes geht. Sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

In Ez 16 etwa wird die Stadt Jerusalem beschuldigt, von Gott abgefallen zu sein, indem sie anderen Göttern dient. Dies ist ein Verstoß gegen das erste und grundlegende Gebot („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“). Wegen dieser Sünde könnte die Stadt gänzlich verworfen werden. In der Tat wird sie für ihr Vergehen hart bestraft. Dann aber ändert sich der Ton: Weil Gott seinem Volk seine Treue geschworen hat, wird er die Stadt auch jetzt nicht verwerfen. Nach einer Zeit der Buße vergibt Gott und schafft damit die Sünde wieder aus der Welt.

Eine andere Richtung schlägt das Buch Jona ein. Dort soll der Prophet Jona der Stadt Ninive das Gericht und die Strafe der Vernichtung wegen ihrer Taten androhen. Die Bewohner der Stadt leisten Buße und bitten um Vergebung. Aufgrund ihres Tuns wird die Strafe nicht vollstreckt. Jona ist darüber enttäuscht. In der letzten Szene des Buches (Jon 4) erteilt ihm Gott daher eine Lektion. Er lässt Jona wissen, dass er aus Barmherzigkeit gehandelt hat und damit die eigentlich gerechte Strafe ausgesetzt hat. Die Vergebung schlägt an dieser Stelle das Gerechtigkeitsempfinden Jonas. Die Barmherzigkeit Gottes ist größer, als Jona gedacht hat.

Jesus und die Barmherzigkeit

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele aus den Schriften des Alten Testaments anführen. Für uns ist es allerdings entscheidender, den letzten Grundsatz der Jonaerzählung aufzunehmen. Die Barmherzigkeit (d.h. die Vergebungsbereitschaft) Gottes ist größer, als es die Menschen für möglich halten. Dies ist ein Grundgedanke der Verkündigung Jesu und ein Grund, weswegen seine Lehre und seine Taten immer wieder Anstoß erregen. Die Barmherzigkeit schlägt nämlich das Gerechtigkeitsempfinden.

Jesus verdeutlicht dies z.B. im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Der sog. „verlorene Sohn“ hat sein Erbe und alle seine Ansprüche verspielt. Er kommt zum Vater zurück, um bei ihm als Diener zu arbeiten. Das ursprüngliche Vater-Sohn-Verhältnis wäre an dieser Stelle verloren gegangen. Der Fortgang der Geschichte wäre gewesen, dass der Sohn bei seinem Vater den Dienst in seinem Haus als eine „Strafe“ oder „Kompensation“ für seinen verlorenen Status auf sich nimmt. In dem Maße, wie er also gewissermaßen „Buße“ leistet, wird der Vater ihm irgendwann sicher vergeben. Es kommt aber anders: Der Vater bestätigt sofort seinen Sohnesstatus und nimmt ihn mit großer Freude und einem Fest als solchen wieder in sein Haus auf. Das erregt den Unmut des zweiten Sohnes. Für ihn ist die Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft des Vaters zu groß. Er, der Gewissenhafte, fühlt sich ungerecht behandelt und muss lernen: In diesem Fall gelten andere Gesetze. Die Barmherzigkeit schlägt die Gerechtigkeit. Die Strafe wird erlassen.

Ganz ähnlich in der Erzählung von der Begegnung mit dem Zöllner Zachäus: Dieser paktierte in seiner Funktion mit den Römern und war ein Betrüger. Als Sünder ist er von der städtischen Gesellschaft gemieden. Jesus erweist ihm durch seinen Besuch eine unverdiente Gnade und Rehabilitation. Weil die Barmherzigkeit, die Zachäus erfährt, so groß ist, begibt er sich anschließend auf den Weg der Umkehr und ist bereit, seinen Anteil an der Schuld zu tilgen. Die ursprüngliche Reihenfolge Strafe, Reue, Opfer, Versöhnung und Umkehr ist also aufgehoben. Die Barmherzigkeit steht nicht am Ende eines Sühneprozesses, sondern an dessen Anfang.

Hierin ist Jesus etwas Besonderes. Man könnte es zugespitzt vielleicht so sagen: Das Reich Gottes ist eine Sofortmaßnahme Gottes. Weil Gottes Herrschaft kommen soll, gibt es für die Sünder keine Zeit mehr für eine langsame Versöhnung auf dem Weg der Gerechtigkeit, sondern es gibt eine Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, eine sofortige Amnestie für die Sünder, die über die Momente der Strafe, der Buße, des Opfers hinausgeht und stattdessen nicht mehr fordert, als Reue und Umkehr. Jesus weist zu Beginn seines öffentlichen Wirkens darauf hin. In der Synagoge von Kafarnaum liest er aus Jes 61 die Worte, er sei gekommen, um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (Lk 4,19). Mit dem Gnadenjahr gehen die Heilungen einher, eine Zeit der besonderen Gnadenerweise, aber auch das Ende der Bußzeit. Zugleich ist die Rede vom Gnadenjahr eine Anspielung auf das sog. Jubeljahr (Lev 25). In diesem Jahr sollen Strafen aufgehoben werden und ursprüngliche Verhältnisse wieder hergestellt werden. Dafür gelten in diesem Jahr eigene Sondergesetze.

Damit ist auf eine weitere Besonderheit hingewiesen. Mit Jesus ist die Zeit der Barmherzigkeit nicht nur im Verhältnis der Menschen zu Gott gekommen. Zugleich soll die göttliche Barmherzigkeit, die bereit ist, über das Rechtsempfinden hinwegzugehen, auch für das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Nächsten gelten (Lk 6,36). Oder wie das Vater Unser formuliert: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt 6,12).  Die Barmherzigen werden „selig“ gepriesen (Mt 5,7). Die Barmherzigkeit, also die Vergebungsbereitschaft soll über das gängige Maß hinausreichen, weil Gott bereit ist, genauso an den Menschen zu handeln.

Für das christliche Menschenbild lässt sich daher festhalten, dass die Vergebung ein zentraler Zug in ihm ist. Die Versöhnung des Sünders selbst in einem Maß, das über das gängige Gerechtigkeitsempfinden hinausgeht ist ein wirklich ungewöhnlicher Bestandteil des christlichen Menschenbildes. Es ist zugleich einer, an dem Anstoß genommen werden kann. Im Kern geht es um ein Geschehen, das die ursprüngliche Beziehung der Menschen untereinander und mit Gott wieder herstellt und den Weg zur Umkehr frei macht.

 

[1] Papst Franziskus, Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, München 2016, 25f.

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