Gottheit tief verborgen – Teil 1

Das bevorstehende Fronleichnamsfest ist ein wenig das Sorgenkind des katholischen Festkalenders. Wie soll man es heute in angemessener Form feiern?[1] Die Frage hat ausnahmsweise nichts mit der Corona-Krise zu tun, auch wenn diese im Jahr 2020 die Pfarreien auch bezüglich dieses Festes vor große Herausforderungen stellt (ohne Prozession, Blasmusik und Gesang…). Viel zentraler ist der Festinhalt. Es geht um das Sakrament der Eucharistie. Die ausgestellte Hostie, der Leib Christi, wird nach der Eucharistiefeier in einem Schaugefäß, der Monstranz, in einer Prozession durch die Straßen geführt. Es bedarf schon einer festen Verankerung im katholischen Glauben und kirchlichem Leben, um die Bedeutung einer solchen Handlung zu verstehen. Die Eucharistie ist zum einen das Herzstück des katholischen Gottesdienstes und zentral für die kirchliche Frömmigkeit, zum anderen aber ein Sakrament, das sich nicht voraussetzungslos erschließt. Gängige Erklärungsmuster wie „Erinnerung an das letzte Abendmahl“ oder „Gemeinsames Mahl“ loten allenfalls Teilaspekte dessen aus, was „Eucharistie“ bedeutet. Ich halte es daher für sinnvoll, dass immer wieder Hilfen zum Verständnis dieses Sakraments angeboten werden. In der Theologie und in der Tradition gibt es viele Erklärungsmuster, die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten entstanden sind. Ich möchte hier durch einen biblischen Anweg versuchen, dem Zentralsakrament näher zu kommen.

Natürlich ist die Eucharistie mit dem Geschehen im Abendmahlssaal eng verbunden. Indem Jesus den Jüngern Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut anbietet und ihnen aufträgt, diese Feier zu seinem Gedächtnis zu begehen, wird der Grundstein für die Feier des „Herrenmahles“ als Herzstück des christlichen Gottesdienstes gelegt. Es wäre aber meines Erachtens zu kurz gegriffen, die Eucharistie auf diesen einen Punkt zu begrenzen. Vielmehr bündeln sich in der Eucharistiefeier verschiedenste biblische Linien. Das Sakrament kann als eine Zusammenfassung wichtiger biblischer Motive verstanden werden. Sie machen das Zeichen vielschichtig und reicher, als es auf den ersten Blick scheint.

Einer der zentralen Texte des Fronleichnamsfestes ist der Hymnus „Adoro te devote“ von Thomas von Aquin. In der deutschen Übersetzung heißt die erste Strophe: „Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier. Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin, weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.“ Das Geheimnis der Eucharistie wird hier als tiefe Erfahrung der göttlichen Gegenwart verstanden. Die „Gottheit, tief verborgen“ nennt den unseren Augen unsichtbaren Gott, der unter den Zeichen (hier die eucharistischen Gaben) wiedergefunden wird. Die Entdeckung der göttlichen Präsenz führt zur Verehrung und zur Selbsteinsicht. Löst man diese Worte aus dem engen Eucharistiekontext ist genau dieses Wiederfinden der verborgenen Gottheit unter den Zeichen seiner Anwesenheit ein zentrales Motiv bereites der alttestamentlichen Theologie. Die Eucharistie bestätigt und überbietet in christlicher Lesart diese Überzeugung des zeichenhaft verborgenen (mit einem Fremdwort „sakramental gegenwärtigen“) Gottes.

1. Nahrung

Gott ist als Schöpfer immer schon mehr als ein bloßer „Gestalter“ oder Künstler eines Werkes. Die Bibel kennt viele Stellen, an denen Gott als Erhalter seines Werkes gepriesen wird. Gott ist es, der alles im Dasein erhält. Zu diesem Erhalten gehört, dass er für die Ernährung sorgt. Könige alter Kulturen mussten sich an dem Erfolg messen lassen, in Notzeiten ausreichend Nahrung für die Bevölkerung zur  Verfügung zu stellen. Dafür liefert die Josefserzählung im Buch Genesis einen eindrucksvollen Beleg. Der König ahmt das göttliche Werk nach. Gott erhält die Schöpfung so, dass sie immer wieder Nahrung hervorbringt. Psalm 104, das große Loblied des Schöpfers bringt dies prägnant auf den Punkt:

Wie zahlreich sind deine Werke, HERR, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. […] Auf dich warten sie alle, dass du ihnen ihre Speise gibst zur rechten Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein, öffnest du deine Hand, werden sie gesättigt mit Gutem. Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.

Alles Leben empfängt sich von Gott und kehrt zu ihm zurück. Die Nahrung und das Wachstum sind Zeichen des göttlichen Segens. Als Isaak seinem Sohn Jakob den Erstgeborenensegen gibt wünscht er ihm unter anderem: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels, vom Fett der Erde, viel Korn und Most“ (Gen 27,28).  Das „gelobte Land“, zu dem die Israeliten unterwegs sind, ist ein unsagbar fruchtbares Land. Dieses Land ist Teil der Verheißungen an Israel von denen es im Buch Deuteronomium heißt: „Er wird dich lieben, dich segnen und dich zahlreich machen. Er wird die Frucht deines Leibes und die Frucht deines Ackers segnen, dein Korn, deinen Wein und dein Öl, den Wurf deiner Rinder und den Zuwachs an Lämmern und Zicklein, in dem Land, von dem du weißt: Er hat deinen Vätern geschworen, es dir zu geben“ (Dtn 7,13). Fruchtbarkeit ist ein Zeichen des Segens und der Gottesnähe. Wer gut erntet und in Sicherheit und Wohlstand leben kann, darf dies als Ausdruck der Zuwendung des verborgenen Gottes verstehen (s. z.B. Ps 144, 12-16). Daher werden auch die Erstlingsgaben, also die ersten geernteten Feldfrüchte, Gott zum Dank dargebracht, weil sie als Geschenk empfangen und stellvertretend für die ganze Ernte als Geschenk wieder zurückgegeben werden (s. Lev 23,10). Die Anwesenheit und der Segen Gottes zeigt sich in den Gaben der Schöpfung.

So ist es nicht ungewöhnlich, dass zentrale Episoden der Wüstenwanderung Israels um die Nahrung kreisen. Das Volk in der Wüste hat Hunger und Durst (Ex 16, Ex 20). Diese Erfahrung löst eine Krise aus. Die Glaubwürdigkeit von Mose und Aaron wird angezweifelt: Warum mussten wir Ägypten, wo es uns materiell gut ging, verlassen und durch die Wüste ziehen, in der es keine Nahrung gibt? In diesem Murren zeigt sich zugleich auch eine religiöse Krise: Wer soll der Gott sein, der uns fruchtbares Land verheißt und uns dann in der Wüste sterben lässt? Gott fühlt sich herausgefordert und erweist sich als der anwesende Gott, indem er Nahrung sendet, Wachteln, Manna und Wasser aus dem Felsen. Diese Zeichen werden zugleich mit Drohworten begleitet. Gott zeigt seine Nähe und klagt zugleich über das Murren und den Zweifel des Volkes. Ein besonders eindrückliches Zeichen ist das Manna, diese brotähnliche Nahrung, die morgens mit dem Tau auf dem Boden liegt und von den Israeliten gesammelt werden kann, jeweils eine Tagesration. Durch diese beständige Speisung „von oben“ ernährt Gott sein Volk auf der Wüstenwanderung. Er erweist sich so als der präsente, sorgende, anwesende Gott. Das Manna wird zum Zeichen der göttlichen Gegenwart. Der tief verborgene Gott macht auf diese Weise seine Wirkmacht anschaulich.  

2. Tempel und Volk

Gott ist unsichtbar. Anders als die Gottheiten der alten Zeit gibt es von ihm kein Kultbild, das in Tempeln und auf Bildern verehrt wird. Dennoch kennt auch Israel besondere Orte der göttlichen Präsenz. Die Bundeslade wird auf der Wanderung durch die Wüste zum symbolischen Ort seiner Anwesenheit, eine Art Thronsitz in einem beweglichen Heiligtum (dem Offenbarungszelt) inmitten seines Volkes. Erst viel später wird unter Salomo der Jerusalemer Tempel vollendet. Der Bericht der Tempeleinweihung berichtet wie Gottes Herrlichkeit verborgen unter Wolke in den Tempel einzieht. Das Offenbarungszelt wird so zu einem festen Ort inmitten des gelobten Landes und damit zum zentralen Heiligtum für das Volk Israel. In der religiösen Vorstellungswelt ist der Tempelberg der Ort, an dem Gottes Fuß die Erde berührt, also ein Ort, der „heilig“ (das bedeutet von und für Gott ausgesondert) ist. In der Mitte des Tempels steht das Allerheiligste, in dem ursprünglich die Bundeslade aufbewahrt wurde. Dieser Mitte konnte man sich nur annähern. Nur zu ganz bestimmten Zeiten wurde das Allerheiligste von bestimmten Priestern, die sich vor ihrem Dienst Reinigungs- und Heiligungsriten unterziehen mussten, betreten. Je näher ein Mensch Gott kam, desto mehr musste er erkennen, dass „vor solchem Wunder ich nur Armut bin“.

Im Tempel findet sich also ein Ort, der die bleibende Gegenwart Gottes in Israel verbürgte und zugleich vor den umliegenden Völkern deutlich machte. Der verborgene Gott an einem „heiligen Ort“, der von einer „heiligen Priesterschaft“ umgeben wurde inmitten eines „heiligen Volkes“. Fast wichtiger als der Tempel ist jedoch das Volk als Zeichen der göttlichen Gegenwart. Durch den Bund mit Gott gilt Israel als Zeichen unter den Völkern für den einen Gott. In Gen 19, 3-6 wird dies besonders deutlich:

Mose stieg zu Gott [auf den Berg] hinauf. Da rief ihm der HERR vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.

Die Zusammengehörigkeit von „Priesterschaft und Volk“ deutet dabei nicht auf eine besondere Gruppe innerhalb des Volkes. Vielmehr ist die Teilhabe am „heiligen Volk“ zugleich ein priesterlicher Dienst. Mit dem Priestertum verbindet sich die Verehrung Gottes, aber auch die zeichenhafte Darstellung und Anwaltschaft des Volkes für seinen Gott. Ganz Israel wird so zum Zeichen für Gottes Wirklichkeit und Anwesenheit.

3. Opfer

Opfer sind für die Bibel Rituale der Kommunikation des Menschen mit Gott. Der Mensch bringt eine Gabe, macht Gott also ein Geschenk, dankt ihm damit oder erbittet etwas von ihm. Opfer bringen zeichenhaft zum Ausdruck, was auch im Gebet geschieht. „Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin“. In der Tat weisen die Schriften, besonders der Propheten darauf hin, dass die Opfer nur dann wirksam sein können, wenn sie auch Ausdruck einer inneren Hinwendung zu Gott sind (Jes 29,13; Hos 4, Am 4, Ps 51,19). Im Opfer kommen also Gott und Mensch zusammen. Es ist sowohl Ausdruck der menschlichen Hingabe wie auch der göttlichen Erhörung.

Auch wenn uns die Tatsache und Vorstellung der Opfer heute fremd sind, ist ihre Bedeutung so zentral, dass man weite Teile der Bibel, auch des Neuen Testaments kaum verstehen kann, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt. Hier haben nur ein paar kurze Hinweise Platz. Neben den Lob-, Dank und Bittopfern gibt es drei Opfer, die für die Deutung der Eucharistie zentral werden: Das erste ist das Pessachopfer. Ex 12 erzählt davon, wie die Israeliten am Abend vor der Flucht aus Ägypten sich in den Familien versammeln. Sie schlachten das Erstgeborene eines Schafes oder einer Ziege und streichen sein Blut an die Türpfosten. Diese Handlung ist eine symbolische. Es droht schließlich die zehnte Plage, die Tötung des Erstgeborenen in den Häusern der Ägypter. Es wird also der Erstgeborene Sohn der Familie ausgelöst durch das Opfer eines erstgeborenen Tieres. Gleiches wird also mit gleichem „kompensiert“. Weil hier der eine Erstgeborene stirbt, wird der andere (der Mensch) und mit ihm auch seine Nachkommenschaft verschont. Das Blut des Tieres zeigt an, wo das Opfer vollzogen wurde. Es bewahrt die Israeliten vor dem Tod.

Das zweite Opfer ist das Bundesopfer. Als Gott mit den Israeliten seinen Bund schließt, wird dies durch ein Opfer besiegelt (Ex 24). Mose errichtet einen Altar, umgeben von 12 Steinmalen für das Volk Israel. Dann folgt das Schlachtopfer. Mose nimmt die Hälfte des Bundes und sprengt es an den Altar. Die andere Hälfte sprengt er über dem Volk aus und sagt dabei: „Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund seiner Worte mit euch geschlossen hat“. Der Bundesschluss wird also durch das Opfer zum einen zeichenhaft verdeutlicht, zum anderen besiegelt. Die Aufteilung des Blutes zeigt die Lebensgemeinschaft (also die innere Verbindung) Gottes mit seinem Volk an. Das Blut des Bundes wird zum Ausdruck der unauflöslichen Zusammengehörigkeit zwischen Gott und Israel.

Als drittes soll noch auf das Versöhnungsopfer hingewiesen werden. Zu den festen Ritualen gehörte auch in Israel die Aussöhnung des schuldig gewordenen Menschen mit Gott. Dies geschah in einem Tieropfer, bei welchem dem Tier die Hände aufgelegt und damit die Schuld auf es geladen wurde (vgl. Lev 1). Die Priester hatten dann die Aufgabe, die Opfergabe darzubringen, wieder, indem sie u.a. das Blut an den Altar sprengten. In der Zeit des sog. „zweiten Tempels“, nach dem babylonischen Exil entstand der große Versöhnungstag („jom kippur“), an dem die Versöhnung des Volkes mit Gott gemeinschaftlich begangen wurde. An diesem Tag betrat der Hohepriester das Allerheiligste und versprengte dort das Opferblut. Diese Blutrituale stellen symbolisch die Hingabe des Lebens dar in der Hoffnung, das Leben erneuert zurückgeschenkt zu bekommen.

Die „Gottheit, tief verborgen“ erhält in den genannten und anderen Zeichen ihren Ort im alltäglichen Leben des Volkes. Wie sich bei der Schilderung der Opfer schon andeutet, laufen diese unterschiedlichen Deutungen christlich gewendet im Sakrament der Eucharistie zusammen. Es ist Aufgabe des zweiten Teils dieses Beitrags, diese christliche Ausdeutung zu beleuchten und geistlich zu erschließen.


[1] Über die Schwierigkeiten heutiger Fronleichnamsfeiern hatte ich letztes Jahr schon geschrieben: https://sensusfidei.blog/2019/06/27/wie-kann-man-heute-fronleichnam-feiern/

Ein Kommentar zu „Gottheit tief verborgen – Teil 1

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