Wie kann man heute Fronleichnam feiern?

Als Kind war für mich Fronleichnam der Höhepunkt des Kirchenjahres. Ich lebte damals mit meiner Familie in Siegen. Die Fronleichnamsprozession, die von den drei Stadtpfarreien getragen wurde, zog sich durch den ganzen Ort. Die Wegstrecke war mit Wimpeln geschmückt. Es gab vier eigens errichte Altäre im Freien, vor denen große Blumenteppiche ausgelegt wurden. Die Prozession wurde von zwei Blaskapellen begleitet. In ihr gingen so viele Ministranten, dass die roten Ministrantentalare nicht ausreichten, so dass auf grüne und violette ausgewichen werden musste. Der Rauch aus mehreren Weihrauchfässern umhüllte den Baldachin, unter dem das Allerheiligste in der Monstranz getragen wurde. Zahlreiche Fahnen der katholischen Vereinigungen begleiteten den Zug. Es werden einige Hundert Leute gewesen sein, die in der Prozession mitliefen, die währenddessen sangen und beteten. Auch an den Rändern der Prozessionsstrecke standen viele Menschen. Häusereingänge waren mit Blumen und Fahnen geschmückt. Wenn die Monstranz vorbeigetragen wurde, knieten viele nieder, ebenso beim sakramentalen Segen, der den Abschluss jeder Gebetsstation an den Altären bildete. Es war in etwa das, was man von einer klassischen Fronleichnamsprozession erwartete. Umso ernüchternder war es für mich, dass ich nach unserem Umzug in die norddeutsche Diaspora das Fronleichnamsfest ganz entbehren musste. Eine Prozession gab es bei uns nicht. Es hat viele Jahre gedauert, genaugenommen bis zu meiner Diakonatszeit in Hamburg-Harburg, bis ich in unserem Bistum wieder auf eine lebendige Form der „großen“ Feierform des Festes traf.

Seit einigen Jahren erlebt Fronleichnam in unserem Bistum eine gewisse Renaissance, aber – so meine Wahrnehmung – zugleich auch eine deutliche Krise. Diese Spannung erscheint nicht logisch. Fronleichnam hat als Fest durchaus Konjunktur. Die Fronleichnamsprozession am Hamburger Mariendom hat seit Jahren wachsende Besucherzahlen. Vor einiger Zeit hat die Pfarrei St. Joseph in Hamburg-Altona wieder mit einer Sakramentsprozession begonnen. Sie führt tatsächlich über die „Große Freiheit“ in St. Pauli und damit über eine der „sündigen Meilen“ der Hansestadt. Dieses Jahr hat zudem Erzbischof Stefan Heße die katholischen Schulen zu einem gemeinsamen Gottesdienst an Fronleichnam auf den Fischmarkt eingeladen. Etwa 5000 Schülerinnen und Schüler haben daran teilgenommen. Die Pfarrei Rostock brach dieses Jahr mit einer langen Tradition und verlegte die Prozession vom Friedhof, wo die Katholiken „unter sich“ waren, in die Innenstadt. In einigen der neuen Großpfarreien wird Fronleichnam für neu geschaffene zentrale Gottesdienste genutzt.

Erlebt das Fest also einen neuen Aufschwung? Das ist schwer zu sagen. Zugleich leidet das Fest nämlich zunehmend an einer Sinnkrise. Ich wurde darauf erneut aufmerksam, als ich in den Vorbereitungen des Schweriner Fronleichnamsfestes darauf hingewiesen wurde, dass man die Liedhefte schon im vergangenen Jahr mit erklärenden Hinweisen ausgestattet habe, da ein Großteil der Teilnehmenden mit der Form der eucharistischen Prozession wenig anzufangen wüsste. Dieser Befund überraschte mich, da ich doch den Eindruck hatte, dass die eucharistische Frömmigkeit auch in Form der Anbetung hier durchaus eine gepflegte Tradition ist. Diese Tradition läuft offensichtlich aus. Besonders eklatant wurde mir das bei der Fronleichnamsprozession im rheinischen Bad Honnef, also im eigentlich katholischen Kernland bewusst. Ich hatte in Ansätzen etwas Ähnliches erwartet, wie das was mir aus Kindheitserinnerungen noch vor Augen stand. Fronleichnam ist in Nordrhein-Westfalen gesetzlicher Feiertag. Über die Teilnehmerzahl wunderte ich mich nicht. Sie entsprach ungefähr dem normalen Sonntagsgottesdienstbesuch. Vielmehr war ich darüber erstaunt, dass die Tradition im kleinstädtischen Umfeld offensichtlich keinen „Sitz im Leben“ mehr hatte. Wer Honnef vorher zum Karnevalsumzug im Ausnahmezustand erlebt hatte, sah jetzt etwas, das mit „Desinteresse“ noch freundlich umschreiben war. Es gab vielleicht noch zwei oder drei Häuser am Prozessionsweg, deren Eingänge geschmückt waren. Am Prozessionsweg stand niemand, um wenigstens im Vorbeiziehen etwas von Fronleichnam mitzubekommen. Unterwegs war ich geneigt, mich bei den vorbeiziehenden Joggern und Fahrradfahrern dafür zu entschuldigen, dass wir mit unserem Zug ihre Strecke versperrten. Die Terrassen der Cafés waren voller Leute, die mehr oder weniger freundlich sich darum bemühten, von der Prozession keine Notiz zu nehmen. Scheinbar ganz ausgestorben ist das Knien beim sakramentalen Segen. Eigentlich könnte, so mein Eindruck, Fronleichnam ein schönes Fest sein, wenn nur nicht so viele störende liturgische Elemente wären.

Das ist nur ein Blitzlicht, ein persönlicher Eindruck, aber wahrscheinlich eine nicht ganz untypische Wahrnehmung. Als ich mir die Aufzeichnung der Schulmesse auf dem Fischmarkt, die auf youtube eingestellt ist, ansah, war der Befund ganz ähnlich. Viele Schülerinnen und Schüler wirkten einfach überfordert, zum einen mit der Tatsache, dass es sich um einen Freiluft-Gottesdienst handelte und die eingeübten Muster der Teilnahme in einer Kirche offensichtlich nicht mehr griffen. Viele, die schon mit der Form der Eucharistiefeier nicht vertraut sind, erlebten an Fronleichnam zudem ein Fest, das sich ihnen religiös nicht erschloss. Das dürfte nicht nur für die Schüler zutreffen, sondern mittlerweile auch für große Teile der regelmäßigen Sonntagsgemeinde.

Fronleichnam entstand im 13. Jahrhundert. Es hat zwei Ursprünge, zum einen die Vision der heiligen Juliana von Lüttich, in der ihr die Notwendigkeit zur Einführung eines eigenen Festes zur besonderen Verehrung der Eucharistie klar wurde. Zum anderen geht es um das sogenannte Blutwunder von Bolsena. Ein Priester, der an der Realpräsenz Jesu unter den eucharistischen Gestalten zweifelte, feierte im mittelitalienischen Bolsena eine Heilige Messe, bei der während des Hochgebets aus der Hostie Blut austrat und auf das Altartuch tropfte. Das Tuch, das heute im Dom von Orvieto ausgestellt ist, wurde zu Papst Urban IV. gebracht, der das Wunder zum Anlass nahm, das Fronleichnamsfest im Jahr 1264 einzuführen. Die äußeren Anlässe dürfen nicht darüber hinwegsehen lassen, dass es für Fronleichnam auch Gründe gab, die aus der theologischen Diskussion der Zeit stammen. Das IV. Laterankonzil hatte 1215 gegen die Lehren der Katharer und Albingenser die Lehre von der Transsubstantiation definiert. Es hatte festgehalten, dass Leib und Blut Jesu Christi „im Sakrament des Altares unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft enthalten sind, wenn durch göttliche Macht das Brot in den Leib und der Wein in das Blut wesenhaft verwandelt (transsubstantiatis) sind.“[1] Damit entwickelte sich ein Denkmodell, das die schon im frühen Mittelalter diskutierte Frage beantwortete, auf welche Weise die bleibende Gegenwart Christi in der Eucharistie zu denken ist. Thomas von Aquin, der übrigens auch die liturgischen Hymnen zum Fronleichnamsfest schrieb, entwickelte eine eigene Theologie der Eucharistie, die bis heute Gültigkeit hat. Offenbar wurde die so definierte Lehre in der Folge nicht überall geteilt. So gibt es etwa aus dem Jahr 1265 einen Brief von Papst Clemens IV., der sich gegen ein abweichendes Eucharistieverständnis  eines Bischofs richtet.[2] Das Fronleichnamsfest diente also auch pädagogisch dazu, dem neu gewonnenen Eucharistieverständnis der bleibenden Gegenwart Christi einen feierlichen liturgischen Ausdruck zu geben. In der Tat ist die Anbetung des Herrenleibes unter der Gestalt der Hostie der Kern der eucharistischen Andacht. Gerade in der Barockzeit, die die gnadenhafte Gegenwart Gottes in den Sakramenten besonders betonte, wurden Fronleichnamsprozessionen in großer liturgischer Pracht gefeiert.

Am Kern des Fronleichnamsfestes, der feierlichen Verehrung der Eucharistie, kommt niemand vorbei, der dieses Fest feiern möchte. In Zeiten eines häufig diffusen Eucharistieverständnisses wäre es angebracht, Feier und Verehrung des Altarsakraments wieder stärker in den Vordergrund zu rücken und damit die „pädagogische“ Funktion des Festes neu zu beleben. Damit allerdings tun sich Priester und Gemeinden häufig schwer. Die eucharistische Frömmigkeit ist von einer Regel- zu einer Spezialform katholischer Spiritualität geworden. Es hilft wenig, den Festinhalt von Fronleichnam nur zu erklären. Zur wirklichen andächtigen und erbauenden Mitfeier der Prozession und ihrer Stationen bedarf es eines innerlichen und geistlichen Zugangs, der sich erst durch eine vertiefte geistliche Praxis erschließen dürfte. Fronleichnam kann den besonderen Wert der Eucharistie eigentlich nur zum Ausdruck bringen, wo er auch sonst eine Rolle im kirchlichen Leben einnimmt. Es werden zur Erschließung des Festes Alternativen gesucht. Häufig wird die Praxis der Prozession damit begründet, dass wir Katholiken uns in der Öffentlichkeit zeigen müssten, also unseren Glauben und unsere Gemeinschaft der profanen Welt ins Gedächtnis rufen. Dies kann ein starkes Argument sein. Fronleichnam war in der Zeit des Nationalsozialismus in einigen Gebieten geradezu eine Gegenveranstaltung zu staatlich organisierten Aufmärschen der NS-Organisationen. Allerdings will man sich heute ja meist gerade nicht gegenweltlich positionieren, sondern sucht die Verständigung mit den Außenstehenden. Gerade dazu ist Fronleichnam, als „urkatholisches“ (und im Laufe der Geschichte auch immer wieder „antiprotestantisches“) Fest nicht geeignet. Andere Erklärungsmodelle laufen ebenfalls am Festgehalt vorbei. Weder die Überbetonung des Gemeinschaftscharakters einer großen Feier noch die Verbindung mit einem gesellschaftspolitischen Anliegen („wir demonstrieren mit unserem Glauben zugleich für die Freiheit, Menschenwürde oder den Erhalt der Schöpfung“) können wirklich überzeugen. Oft wird Fronleichnam eher zu einem schönen Gottesdienst im Grünen, der halt etwas anders ist als andere Gottesdienste. Dies könnte aber auch an einem anderen Fest, Himmelfahrt, Pfingsten, Peter und Paul oder Maria Himmelfahrt der Fall sein.

Wie soll man also Fronleichnam feiern? Ich glaube, es ist eine gewisse Bescheidenheit angebracht. Zum einen müssten Inhalt und Form des Festes stärker thematisiert und gedeutet werden. Im Zugehen auf das Fest könnte in den Sonntagsmessen ein Moment der eucharistischen Anbetung eingebettet werden, um Praxis und Spiritualität der eucharistischen Verehrung neu anzubieten. Die Form des eucharistischen Segens sollte während des Kirchenjahres immer wieder vorkommen. Die Fronleichnamsfeier selbst kann durchaus bescheiden sein, in dem Sinne, dass sie sich auf das Wesentliche konzentriert. Vielleicht empfiehlt es sich, gerade hier durch Gesänge, Stille und Meditation das Geheimnis der göttlichen Gegenwart zugänglich zu machen. Eine festliche und schön gefeierte Liturgie wäre für das Fronleichnamsfest schon ein echter Gewinn. Oft ist dies in einer Kirche besser möglich als im Freien. Eine Prozession macht Sinn, wenn sie von Gesängen und Gebeten begleitet wird. Mit den Ministranten und anderen liturgischen Diensten sollten Ablauf und Sinngehalt der Prozession gut besprochen werden. Bei ihnen ist die innere Haltung und ein Verständnis dessen, was dort geschieht, für ihren Dienst wichtig. Eine Prozession muss aus meiner Sicht nicht lang sein, so dass die Spannung der inneren Teilnahme erhalten bleiben kann. Bei allem bleibt Fronleichnam ein Fest der Sinne. Blumen, Weihrauch, Kerzen, festliche Gewänder sollen einen schönen Rahmen (aber bitte nur den Rahmen!) für das eigentliche Festgeheimnis bieten, die wunderbare Tatsache, dass sich Gott für uns gegenwärtig macht .


[1] DH 802

[2] DH 849

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