Gottheit tief verborgen – Teil 2

Eine beliebte Darstellung des Mittelalters war das Motiv der sogenannten „Messe des Heiligen Gregor“. Sie geht auf eine Legende über Papst Gregor des Großen zurück. Bei der Feier der Heiligen Messe in der Kirche Santa Croce in der Nähe des Lateran soll Gregor auf eine Frau aufmerksam geworden sein, die bezweifelte, dass es sich beim gereichten Brot, der Hostie, wirklich um den Leib Christi handelt. Daraufhin habe sich die Hostie in ein Stück Fleisch verwandelt. Die Frau sei fortan in ihrem Glauben an die Realpräsenz, also die wirkliche Anwesenheit Christi in den eucharistischen Gaben überzeugt gewesen. Die mittelalterlichen Maler schmücken diese Szene aus. Hier erscheint Gregor bei der Wandlung die Christusgestalt selber. Dem Betrachter soll so die Übereinstimmung des Brotes mit dem Leib Christi sichtbar gemacht werden. Solche Bilder wurden eingesetzt, um einen durchaus schwer zu verstehenden Glaubenssatz verständlich zu machen. Gerade das Mittelalter war eine Zeit, die sich intensiv um theologische Erklärungen der Eucharistie bemühte. „Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier“ – so dichtet Thomas von Aquin in seinem Eucharistiehymnus. Es wäre eine gute Aufgabe für einen späteren Artikel, seine Lehre über die Sakramente noch einmal ausführlicher darzustellen. Hier allerdings geht es, wie bereits im ersten Teil gesagt[1], um einen biblischen Anweg. So merkwürdig einem heutigen Betrachter das Bild der Gregorsmesse vielleicht scheinen mag, es fängt doch jenseits der Wundererzählung zentrale Gedanken der Eucharistiefeier ein. Zum einen wird deutlich, dass die Feier des Sakraments ein Ort ist, an dem sich der sonst verborgene Gott im Zeichen als gegenwärtig erweist. Zum zweiten wird die geschichtliche Verbindung der Eucharistiefeier zu Jesus Christus dargestellt. Zum dritten illustriert das Motiv, dass es sich bei der Eucharistie um ein Beziehungsgeschehen handelt, bei dem Mensch und Gott zusammenkommen.

Im ersten Teil dieses Artikels hatte ich versucht zu zeigen, dass die Idee der verborgenen Anwesenheit Gottes, die sich in Zeichen ausdrückt, fester Bestandteil der alttestamentlichen Tradition ist: Gott als Schöpfer und Erhalter, der sich in den Gaben der Schöpfung zeigt, der Tempel und das Volk als Gottes Wohnort und Gemeinschaft und schließlich das Opfer als Akt der symbolischen Kommunikation der Menschen mit Gott. Diese (und andere) Linien werden im Neuen Testament wieder aufgenommen und führen zur Eucharistie als dem zentralen Sakrament der Kirche hin.

Nahrung

Die Nahrung als Zeichen des göttlichen Segens hatte im Alten Testament eine besondere Rolle gespielt. Die Erzählung vom Manna in der Wüste macht diesen Zusammenhang besonders deutlich. Gott nährt und erhält sein Volk auf dem Weg durch die Wüste. In dem Bericht der „Speisung der 5000“ (Mt 14,13-21), einer der bekanntesten Szenen aus dem Neuen Testament, verschmilzt nun das Manna-Motiv mit dem Bild vom Festmahl am Ende der Zeiten (Jes 25): Jesus predigt vor einer großen Menschenmenge. Die Jünger kommen zu ihm und machen ihn auf den Hunger der Menschen aufmerksam. Sie sammeln auf die Anweisung Jesu hin einige Brote und Fische aus dem Vorrat der Leute ein und geben sie nach einem Segensgebet wieder aus. Alle werden satt und es bleiben noch zwölf Körbe übrig. Auf den Hunger des Volkes antwortet der um den Segen gebetene Gott mit der Nahrung, die für alle reicht. So, wie die Erfahrung des Mannas den Glauben Israels an Gott stärkt und die Gemeinschaft des Gottesvolkes festigt, wird hier im Matthäusevangelium diese Erfahrung gewissermaßen re-inszeniert. Gott erweist sich abermals als Gott seines Volkes und Jesus als Vermittler dieser Erneuerung. Israel wird durch die Neuerfahrung zentraler Motive seiner Gründungsgeschichte als Volk wieder lebendig. Aber anders als beim Manna, das immer nur in Tagesrationen gesammelt werden kann, bleibt am Ende noch eine große Menge an Brot übrig. Geistlich ausgedeutet verweist dies zum einen auf die Fülle, auf den Überfluss, der bei den Propheten Zeichen für den erneuerten Bund, das erneuerte und endzeitliche Israel ist. Die zwölf Körbe können zum einen für die zwölf Stämme Israels stehen, die auf Zukunft hin von diesem Brot ernährt werden sollen oder auch für die Vergrößerung und Ausweitung des Gottesvolkes. Schließlich geht es Gott immer um die ganze Menschheit. Auch sie soll die Erfahrung der Überfülle machen und so Gott als wahren Gott erkennen.

Im Johannesevangelium ist die Anspielung auf das Manna noch deutlicher. Dort sagt Jesus: „Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh 6,48-50). Jesus identifiziert sich hier selbst mit dem Brot, das vom Himmel kommt. Der Text enthält aus späterer Sicht deutliche Anspielungen auf die Eucharistie. So, wie das Manna das Leben ermöglichte, aber von vergänglicher Wirkung war, so will Gott euch das Leben schenken, aber ein Leben, das reicher ist und sogar über den Tod hinaus weiterbesteht. Wer also das „wahre Brot“ isst, hat das Leben. Dies ist ein Bild: Wer Jesus als Sohn Gottes annimmt und sich mit ihm verbindet, steht in der Lebensgemeinschaft mit Gott.

Das Sakrament der Eucharistie versteht sich also zum einen als ein Beziehungsgeschehen, dann aber auch als ein Geschenk. Da ich mein Leben nicht allein aus mir selbst schaffen kann, sondern immer wieder als Geschenk empfange, wird das „Brot des Lebens“ zum Symbol dieser göttlich-menschlichen Beziehung.

Tempel und Volk

Die Geschichte des Jerusalemer Tempels als Ort der Gegenwart Gottes ist kompliziert. Der Tempel wurde im Jahr 70 endgültig zerstört. Man muss vorsichtig sein, eine heutige Kirche mit dem Tempel zu vergleichen. Natürlich würde es sich nahelegen, das damalige Allerheiligste, also die innerste Zelle des Tempels, die als Ort der größten Gottesnähe galt, mit dem heutigen „Allerheiligsten“, dem Tabernakel mit den Eucharistischen Gaben, zu vergleichen. Der heute gängige Aufbau einer Kirche hat sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Auch die besondere Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe ist Teil eines geschichtlichen Prozesses. Offenbar ist es allerdings auch den Christen wichtig, verbürgte Orte zu haben, an denen man sich Gott ganz nahe fühlen kann. Insofern ist die Vorstellung und Empfindung der Heiligkeit und Besonderheit des Kirchenraumes eine wertvolle Tradition. Die Evangelien selber sind kritischer. In ihnen tritt Jesus als Kritiker des Tempels auf. In der Tradition der Propheten stellt er den religiösen Betrieb rund um den Tempel in Frage (z.B. Mt 12,5-7). Ein rein äußerlicher Kult ist verwerflich. Der Kult macht nur als Ausdruck einer inneren Überzeugung und eines gelebten Glaubens Sinn. Nicht umsonst wird Jesus wegen seines Wortes über den Tempel im Verhör vor den Hohenpriestern angezeigt: „Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen“ (Mt 26,61). Die Andeutung auf die Auferstehung ist kaum zu überhören. Das Johannesevangelium sagt dies ganz ausdrücklich. In dem Bericht über die Austreibung der Händler aus dem Tempel (Joh 2) spricht Jesus nicht nur das eben zitierte Wort aus. Der Evangelist erklärt es noch einmal: „Er meinte den Tempel seines Leibes“ (Joh 2,21). Gottes Gegenwart ist also nicht im Tempel zu finden. Wer Gott nahe kommen möchte, muss Jesus begegnen. Die Evangelien schmücken dies weiter aus. Als Jesus am Kreuz stirbt, zerreißt der Vorhang im Allerheiligsten. Das Allerheiligste ist leer. Die Herrlichkeit Gottes ist hier nicht mehr zu finden, sondern (der Leser des Evangeliums weiß es bereits) am Kreuz. Der Hauptmann unter dem Kreuz bekennt in dieser Szene: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn“ (Mt 27,54).

Mit der Neudefinition des Tempels erhält auch das Volk Gottes einen neuen Mittelpunkt. Es knüpft gewissermaßen an die Wüstenzeit mit dem beweglichen Heiligtum und mit dem in der Wolke mitziehenden Gott an. Die Präsenz Gottes ist nicht an einen festen Ort gebunden, sondern ist da, wo die Gemeinschaft in Christus und im Heiligen Geist ist. Insofern wird die Feier der Eucharistie als Ausdruck der bleibenden Verbindung mit Christus und als Präsentsetzung seines Leidens und seiner Auferstehung zum zentralen Element der Kirche. Hier zeigt sich zeichenhaft die enge Verbindung des nahen Gottes mit den Menschen. So wie Israel als Zeichen unter den Völkern die Gegenwart Gottes bezeugt, tut es die Gemeinschaft der Gläubigen noch heute. Die Fronleichnamsprozession inszeniert diesen Gedanken: Gott inmitten des Volkes, das in der Welt für ihn Zeugnis gibt.

Opfer

Mit dem Ende des Tempels kam auch der jüdische Opferkult zum Erliegen. Die Schriften des Neuen Testaments sind voller Anspielungen auf die Opfer. Sie transferieren den Sinn der Opfer auf Christus selbst. Schon die Gaben von Brot und Wein deuten darauf hin. Auch wenn in den Schriften des Alten Testaments meist von Tieropfern die Rede ist, darf nicht vergessen werden, dass Brot und Wein ebenfalls Opfergaben waren. Sie spielten innerhalb der Tempelliturgie bei den Opfern eine wichtige Rolle.[2] Beim Abendmahl identifiziert Jesus sich selbst mit den Opfergaben („mein Leib, mein Blut“). Sie sind symbolischer Ausdruck für Christus selbst. Über den Opfergedanken, insbesondere das „Kreuzesopfer“ müsste man an anderer Stelle noch einmal ausführlicher schreiben, auch über die Theologie des Hebräerbriefes, der eine ganz eigene Sicht auf den Übergang der Tempelopfer auf das Werk Christi bietet.

Hier reicht vielleicht der Hinweis auf die biblische Verknüpfung mit den drei großen Opfern des Alten Testaments. Die Abendmahlsszene bringt sie nämlich selbst ins Spiel. Zum einen geht es um das Pascha oder Pessach-Opfer. Am Pessachfest wurde ja an das Auszugsgeschehen aus Ägypten erinnert. Das im gemeinsamen Mahl gegessene Opferlamm hatte damals durch das an die Pfosten gestrichene Blut die Israeliten vor der Tötung ihres Erstgeborenen bewahrt. Das Abendmahl findet etwa im Lukasevangelium als Pessachmahl statt (Lk 22). Im Johannesevangelium wird es auf den Vorabend des Rüsttages, also des Vorbereitungstages zum Fest verlegt. Jesus stirbt am Rüsttag in der Stunde, in der die Pessachlämmer im Tempel geschlachtet werden. Damit wird die Identifikation Jesu mit dem Pascha-Lamm sinnfällig. Das Gottesvolk kehrt hier wiederum an seine Ursprünge zurück. So wie damals das Pessach der Israeliten für den Tag des Sieges über den drohenden Tod und die Befreiung aus der Sklaverei bedeutet, so wird das neue Pessach ebenfalls zum Zeichen für den Sieg über den Tod und die Befreiung (aus der Sünde, wie es im Neuen Testament ausgedeutet wird).

Das zweite Opfer ist das Bundesopfer. Mose hatte zur Besiegelung des Bundesschlusses ein großes Opfer dargebracht und dazu das Blut über die Stämme Israels ausgesprengt. Diesen Bezug nimmt die Abendmahlsszene bei Lukas explizit auf: „Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20). Der Bund, also die innige Verbindung Gottes mit seinem Volk wird an dieser Stelle erneuert. Die 12 Jünger, für die das Blut vergossen wird, stehen für den Neuanfang des Gottesvolkes. Im Johannesevangelium kommt hinzu, dass Jesus im Abendmahlssaal in den Abschiedsreden sein „neues Gebot“ verkündigt. Damit sind die Elemente des Bundesschlusses, das Opfer und die Verlesung des Gesetzes parallel zu Ex 24 beide vorhanden.

Das dritte Opfer, das Sühneopfer, ist ebenfalls im Abendmahlssaal präsent. Das Matthäusevangelium bringt im Kelchwort das Bundes- und Sühneopfer zusammen: „Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,27f.). Neben der Bundesstiftung bewirkt das Opfer zudem die Vergebung der Sünden. Das Gottesvolk fängt also auch hier wieder neu an. Gott beseitigt die Trennung durch die Sünde und ermöglicht von Neuem den unverstellten Zugang, die Beziehung zwischen ihm und seinem Volk.

Von der Eucharistie als Opfer wird kaum noch gesprochen. Das hat damit zu tun, dass der Begriff leicht missverständlich ist. Im Sinne einer biblischen Theologie kann man auf ihn nicht verzichten. Er bringt gewissermaßen den Aussagegehalt der Eucharistiefeier auf den Punkt. Die Gaben von Brot und Wein symbolisieren das Opfer Christi. Das Opfer Christi bewirkt die Versöhnung, die Lebensgemeinschaft, die Bildung des Gottesvolkes und die Erneuerung des Bundesschlusses. Weitere Opfer braucht es nicht. Im Kern geht es also um die fortbestehende Lebensgemeinschaft mit Gott in Jesus Christus. So wird die Eucharistiefeier zur Erinnerung, zur Vergegenwärtigung und zur Stärkung des Wirkens Gottes an den Menschen.


[1] https://sensusfidei.blog/2020/06/10/gottheit-tief-verborgen-teil-1/

[2] S. zu diesem Punkt: Lang, Bernhard, Heiliges Spiel, Münschen 1998, 233-312.

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