Zu Hause bleiben

Die Satiresendung „extra3“ präsentierte in der vergangenen Woche einen neuen Superhelden. Gegen die Vorbilder von Super-, Bat- oder Spiderman würde sich in diesen Tagen eine ganz neue Qualität von Superkräften zeigen. „Sofa-Man“, ein Held im üblichen Kostüm mit Brustschild und Cape, zeichnet sich dadurch aus, dass er in Puschen vor dem Fernseher liegt, Hausarbeit verrichtet und Fenster und Türen geschlossen hält.[1] Nie war es einfacher, einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und Leben zu retten als während der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Gerade die Satiresendungen sind ein guter Seismograph für den derzeitigen Zustand. Ich weiß nicht, in wie viele Wohnzimmer gängiger TV-Kommödianten ich in letzter Zeit geschaut habe. „Zu Hause bleiben ist das Gebot der Stunde“ – so ihre Message. Das ist für eine Zeit auch amüsant, zumindest so lange, bis alle Gags über Klopapierhorter, Kontaktsperrenbrecher und Kinderbetreuung beim Homeoffice gemacht sind. Aber auch über die Zeit nach Corona denken die Spaßmacher bereits nach. In der letzten Ausgabe der „heute show“ vom 27. März wurden bereits die Lerneffekte der Virus-Pause gepriesen: Viele merken, dass zum Arbeiten gar nicht unbedingt ein Büro in der Firma nötig ist, dass Video- und Telefonkonferenzen das gemeinsame Tagen an einem Konferenztisch ersetzen können, dass selbst die Schule nur bedingt auf ein Schulgebäude angewiesen ist, dass Sportkurse auch im livestream gehalten werden können und, dass Lieferdienste analoge Orte wie Warenhäuser und Restaurant ganz gut kompensieren. Zuletzt könnten auch Verwandtschaftsbesuche per skype oder Telefon ganz nett sein und die sozialen Medien ermöglichen eine Vernetzung mit ganz vielen Leuten jenseits örtlicher Grenzen. Vom eigenen Balkon aus kann man schließlich auch im Chor singen. Die Kirchen sind scheinbar notgedrungen auf diesen Zug aufgesprungen. „Nicht schlecht“, denkt sich zur Zeit so mancher Pfarrer, „es sind mehr Teilnehmer bei der live gestreamten Messe vor dem Bildschirm als sonst real in der Kirche“.

Solche Beobachtungen sind von einem gewissen Zweckoptimismus getrieben. Natürlich wird unsere Welt nach der Corona-Zeit nicht plötzlich ganz anders aussehen. Die Prognose allerdings, die Gesellschaft könne durchaus einen Privatisierungsschub erfahren, scheint mir nicht ganz unrealistisch. Der Rückzug in die Privatsphäre, den viele jetzt notgedrungen erleben, könnte dazu ermuntern, neu gewonnene Annehmlichkeiten, befreit von der Bedrückung durch eine drohende Infektion, behalten zu wollen. Dass Epidemien eine solche Tendenz fördern, hat neulich der Architekturkritiker Niklas Maak für ein ganz anderes Feld, den Städtebau, aufgezeigt.[2] Maak schildert in einem Artikel für die FAZ, wie eine Choleraepidemie in Hamburg Ende des 19. Jahrhunderts für eine Veränderung des Stadtbilds sorgte. Nach der Erfahrung der verheerenden Folgen einer solchen Krankheit beseitigte die Stadt ihre „schmutzigen Ecken“, riss mittelalterliche Viertel mit engen, verschlungenen Gassen ab und schuf neue Freiflächen und großzügige Straßen. Diese ermöglichten es den Bewohnern, sich aus dem Weg zu gehen und sorgten außerdem für eine bessere Durchlüftung des öffentlichen Raums. Maak erkennt in solchen hygienisch sinnvollen Maßnahmen allerdings die Tendenz zu einer zunehmenden Verringerung des öffentlichen Lebens auf den Straßen. Auch die Corona-Zeit, so die Befürchtung, könne einen neuen Schub in der Einschränkung des „public-life“ bedeuten. Die Städte würden ohnehin immer mehr zu „aseptischen Orten“, an denen die tägliche Interaktion und damit auch das soziale Leben stark eingeschränkt würden. Maak hatte schon an früherer Stelle das Bedürfnis nach immer mehr Privatheit beklagt.[3] Seelenlose Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand, oder Eigentumswohnungsghettos in den Zentren würden auf Zukunft nicht nur wegen des Flächen- und Ressourcenverbrauchs immer fraglicher, sondern trügen dazu bei, das öffentliche Leben, soziale Räume und damit auch kreative Prozesse in den Städten immer mehr einzuschränken. Maak plädierte für mehr halböffentliche Bereiche, vernetztes Wohnen und Ausbau von Begegnungszonen. Es liegt ihm daran, die mittlere Ebene der Nachbarschaft, des Viertels, des öffentlichen Begegnungsortes zwischen dem privaten und dem gesamtstädtischen Bereich nicht aus den Augen zu verlieren.

Das städtebauliche Beispiel ist vielleicht auch für das religiöse Leben interessant. Die Erfurter Dogmatikprofessorin Julia Knop machte vor einigen Tagen eine Beobachtung. Sie schrieb auf dem Blog der Theologischen Fakultät:

„Ob ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise sind, kann zumindest gefragt werden. Nicht wenige Katholik*innen sind ernsthaft verstört angesichts des Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert.“[4]

Nun sind solche Formen, die derzeit in der katholischen Kirche tatsächlich vermehrt zu beobachten sind, sicher ein Ausdruck der aktuellen seelsorglichen Not. Knop ging es darum, vor einem quasi magischen Verständnis der Religion zu warnen. Allerdings ging sie nicht darauf ein, dass gerade öffentliche Zeichen kirchlicher Präsenz, wie das medial äußerst eindrucksvolle Segensgebet des Papstes auf dem Petersplatz, für viele Gläubige wichtig sind. Entsprechend groß war die Kritik, die die Professorin einstecken musste. Gegenüber dem Kölner „domradio“ verteidigte sie ihren Einspruch und wies dabei auf einen weiteren interessanten Punkt hin. Als sie damit konfrontiert wurde, dass schließlich auch die Fronleichnamsprozession als Sakramentsprozession von vielen weiterhin geschätzt werde, sagte sie:

„Es gibt die Fronleichnamsprozession, die allerdings auch nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Aber der wichtigste Unterschied ist: Sie wird von einer Gruppe von Gläubigen getragen, ist eingebettet in eine Eucharistiefeier am Hochfest und die Leute nehmen wirklich daran teil und schauen nicht nur zu.“

Hier ist ein wichtiger Unterschied benannt. Es geht um das gemeinschaftlich geteilte gottesdienstliche Leben. Die von Knop erwähnten „irritierenden“ Phänomene katholischen Viruszeitlebens haben die Tendenz, rein privater Natur zu sein. Die oder der Gläubige wird vom Teilnehmer zum Zuschauer. Das ist, glaube ich, nicht aus der Welt gegriffen. Ein Freund erzählte mir neulich, wie er versuchte, einem gestreamten Gottesdienst andächtig zu folgen. Er sagte, es sei ihm sehr schwer gefallen, geistlich bei der Sache zu bleiben. Zu groß wäre die Versuchung gewesen, das Gesehene zu kommentieren, etwas anderes nebenbei zu machen oder den Stream anzuhalten, um später bei langweiligen Passagen vorspulen zu können. „Sofa-Man“ schaut „Church-Man“. Ob dieser im wackligen Handybild-One-Shot allerdings die gewünschte Hilfe bringt, ist fraglich, zumal die Alternativprogramme zahlreich sind. Vielleicht ist der „Church-Man“ vom k-tv oder vom anderen Ende der Welt ja viel besser. Jeder nach seinem Geschmack. Die gepriesene Entgrenzung der Möglichkeiten, die mir die moderne Medienwelt für die Pflege meiner häuslichen Frömmigkeit bietet, befreit mich davor, mich mit konkreten kirchlichen Menschen in meiner Pfarrei oder in meinem Verband auseinandersetzen zu müssen. Der Kontakt allerdings bleibt oberflächlich. Die Tendenz zur Privatisierung der Religion, wie sie etwa der kanadische Religionsphilosoph Charles Taylor treffend nachgezeichnet hat[5], könnte sich durch die neuen medialen Sehgewohnheiten der Corona-Zeit verstärken. Die Freiheit, mir im weiten Netz die geistliche Gruppe oder die geistliche Bezugsperson auszusuchen, die mir gefällt, ist zugleich ein Segen, wie auch ein Fluch, nämlich dann, wenn sie mich davon abhalten, die konkrete soziale Gemeinschaft der Kirche vor Ort zu erfahren. Aus einer „Hope on deliverance“ (Hoffnung auf Erlösung), von der Paul McCartney sang, wird dann schnell eine „Hope on delivery“ (Hoffnung auf die Lieferung).

Durch die mediale Vermittlung heiliger Handlungen wird die Distanz zwischen den Gläubigen, wie auch der Gläubigen mit ihren Seelsorgern vergrößert. Die von Julia Knop befürchtete „Retrokatholisierung“ könnte auch in einem mittelalterlichen Kirchenverständnis münden. Damals „leistete“ sich eine Gesellschaft u.a. durch Spenden und Stipendien Klostergemeinschaften und Priester, die als „geistliches“ Gewerk mit der Aufgabe des Gebetes und des Gottesdienstes in Stellvertretung für die arbeitende Bevölkerung beauftragt wurden. Die Priester, Mönche und Ordensfrauen sorgten mit ihrem Dienst (auch mit dem caritativen Dienst) für das Wohl der Stadt und entpflichteten damit, zumindest gefühlt, die anderen von ihrem eigenen geistlichen Auftrag. Eine solche Arbeitsteilung hatte das Zweite Vatikanische Konzil aufzuheben versucht. In einer arbeitsteiligen Welt könnte dieses Denken wiederkommen.

Eine weitere Tendenz der Privatisierung der Glaubenswelt möchte ich noch nennen. Sie hat mit dem Drang zur Individualisierung zu tun. Damit möchte ich nicht auf die Auflösung fester Glaubensgemeinschaften mit einenden Glaubenssätzen und -praktiken hinweisen. Das ist ein eigenes Thema. In einem lesenswerten, weil zugespitztem Essay hat der Journalist Tobias Haberl auf die Absurditäten moderner Lebensentwürfe hingewiesen. Dabei verhandelt er auch den Drang zur Individualität.[6] Seine Beobachtung: Der Drang zur Individualität führt im Zeitalter des Massenmedien zu einer ungewollten Konformität. Echte Individualität wird nach den Gesetzen des Marktes kaum geduldet. Vielmehr verkauft die Werbung einen gewissen Lebensstil als individuell. Die heutigen „Performer“ sind im Grunde alle gleich, tragen die gleichen Frisuren, teilen die gleichen Auffassungen, vermarkten sich auf den gleichen Plattformen und machen alle das gleiche Fitnessprogramm. Der Individualist wird, auch weil er sich vom „Mainstream“ abheben möchte, immer mehr von seinem natürlichen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld entfremdet. Der eigene Sozialraum verhilft nicht mehr zur Individualität, sondern existiert allenfalls noch als hartnäckiger sprachlicher Dialekteinschlag. Individuell aber wäre eigentlich jemand, der noch kochen kann wie Mutti und nicht jemand, der selber Sushi macht. Individuell wäre heute ein „Urbajuware“ und nicht jemand, der in Trachtenjacke in eine Berliner Diskothek geht. Individuell wäre heute der Spezialist für die Geschichte seines Heimatdorfes und nicht der „Bachelor of advanced sciences“. Die Privatisierung hat die Tendenz, in einer Vermassung als globaler Weltbürger zu enden.

Zumindest für den katholischen Bereich lässt sich gerade in diesen Zeiten ähnliches vermuten. Es ist kein Wunder, dass die von Julia Knop genannten urkatholischen Rituale Aufmerksamkeit bekommen. Sie stärken die gemeinschaftlich geteilte Erfahrung des Katholischen und sind daher für den katholischen „Weltbürger“ als „brand“ (Marke) unheimlich wichtig. Zu diesen „brands“ zählen z.B. der Papst, die Monstranz, der Rosenkranz, die Heiligenverehrung. Nur zur Sicherheit: Ich selbst bin mit diesen Elementen des katholischen Glaubens sehr einverstanden. Allerdings braucht es neben ihnen die regionale Erdung. Auch die katholische Kirche konkretisiert sich unter unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen auch unterschiedlich. Ihre Gestalt sieht, trotz einheitlicher Zeichen und Schriften nicht überall gleich aus. Gemeinden, Diözesen oder auch größere Sozialräume haben über viele Jahrzehnte ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Gepräge ausgebildet. Ich bin überzeugt, dass gerade die katholische Frömmigkeit nie ohne eine solche konkrete Gemeinschaft (als reale, nicht als virtuelle) sein darf. Sie verliert an Bodenhaftung. Ein schönes Beispiel für die lokale Entfremdung konnte ich neulich im Internet beobachten. Auf meiner facebook-timeline erschien durch Zufall ein Aufruf eines süddeutschen Spargelbauern, der per facebook-Aufruf Erntehelfer suchte. Der „post“ war mit 2000 Kommentaren gespickt. Bei einem Blick in die Kommentarspalte fand ich lauter Ermutigungen an den Bauern, Klagen über die Politik, kritische Bemerkungen zur Landwirtschaft und vor allem gute Vorschläge, wen man alles als Erntehelfer heranziehen könne. Eine Frau schrieb daraufhin entnervt: „Hier gibt es ein Problem und 2000 Kommentare, aber keiner hilft wirklich. Lasst das Kommentieren und geht auf die Felder!“ Das ist charakteristisch für den Umgang mit medialen Inhalten. Sie werden einfach nicht wirklich ernst genommen. Ein Re-Posten gilt schon als Unterstützung. Der private „Sofa-Man“ lässt sich zwar ansprechen, ob er sich allerdings aktivieren lässt, ist eine ganz andere Frage. Auch in geistlichen Dingen braucht es die Aktivität. Das Konsumieren frommen Inhalts ist noch kein geistliches Leben und es ist noch lange kein kirchliches Engagement. Das Zusammenkommen, das gemeinsame Beten und Gottesdienstfeiern, oder die gemeinschaftliche Hilfe im Sinne der Nächstenliebe sind im letzten nicht zu ersetzen.

Es ist die „mittlere“ Ebene des Glaubens, die in der Zeit der Corona-Epidemie verschwindet – zumindest, wenn man sie als Gemeinde oder Gruppe denkt. Es scheint mir daher angebracht, nicht nur die individuelle Frömmigkeit und die „globale“ zu fördern, sondern auch die gemeinschaftliche. Viel besser als ein „angeschauter“ Gottesdienst scheint mir ein Gottesdienst zu sein, den ich (sofern möglich) in der Familien- oder Hausgemeinschaft feiere. Das kann sehr einfach und provisorisch sein. Ein Stück aus der Bibel lesen, darüber sprechen, ein paar Fürbitten formulieren und Stille zum persönlichen Gebet lassen, ein Lied singen. Andere Formen sind das gemeinsame Beten mit den Freunden zu einer bestimmten Zeit, auch über die Distanz hinweg. Oder wie ist es, Kindern etwas vom Glauben zu erzählen, aus der Kinderbibel zu lesen oder in der Kirche mit ihnen eine Kerze anzuzünden. Ebenso bietet es sich für viele an, konkret zu helfen und für andere etwas zu tun, dabei an sie zu denken und für sie zu beten. Es sind einfache Formen, die nie das komplette kirchliche „Programm“ abbilden. Sie werden zum Glück an vielen Stellen in die Tat umgesetzt. Es sind Dinge und Handlungen, die den Glauben konkretisieren. Er gewinnt Gestalt, wenn er mich und andere ganz konkrete Menschen betrifft. „Sofa-Man“ ist in Wirklichkeit nicht so privat, wie es scheint.


[1] Das Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=koKx95HvYHY

[2] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ist-die-stadt-des-ausnahmezustands-ein-vorgeschmack-16699664.html

[3] Maak, Niklas, Wohnkomplex, München 2014.

[4] https://theologie-aktuell.uni-erfurt.de/warnung-vor-retrokatholizismus-knop/

[5] Taylor, Charles, Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, Frankfurt 2002, 71-96.

[6] Haberl, Tobias, Die große Entzauberung, München 2019 (2016), 233-254.

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