Get back to Galilee!

1969 waren die Beatles ein wenig aus ihrer experimentellen Phase heraus gekommen. Paul McCartney schrieb einen Song mit dem Titel „Get back“. Dieser Titel war durchaus symbolisch gemeint. Die Beatles wollten mit ihm zu ihrem Ursprung zurückkehren: Ein einfacher Rhythmus, ein einfacher Text, ein einprägsamer Refrain. Sie sangen: „get back to where you once belonged“ –  „geh dahin zurück, wo du einmal hingehört hast“. Es schwingt ein wenig Nostalgie in diesem Song mit. Kann man das wirklich – zurückkehren, dorthin von wo man einmal aufgebrochen ist? Vermutlich ist das eine alte Sehnsucht. Ich höre es manchmal, etwa von Paaren, dass sie gerne an den Ort zurückkehren, an dem sie sich kennengelernt haben. Sie gehen dorthin zurück, wo sie ursprünglich einmal hingehörten.  

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat in seiner Silvesterpredigt in diesem Jahr der Kirche eine solche Rückkehr vorgeschlagen.[1] Er setzte Im Leben Jesu zwei Phasen gegeneinander. Die erste Phase ist die galiläische Phase Jesu. In ihr ist noch der Zauber des Anfangs zu spüren. Jesus zieht als Wanderprediger durch das Land, verkündet das Evangelium, heilt die Kranken und vergibt den Sündern ihre Schuld. Noch ist alles offen und unbestimmt. Das Reich Gottes, dass Jesus verkündet, liegt in seinen Anfängen. Es entsteht aus der spontanen Begegnung Jesu mit den Menschen. Die zweite Phase, so der Bischof in der Silvesterpredigt, liegt bei Jesus in Jerusalem. Es ist nicht nur die Zeit des Abschieds, des Sterbens und der Auferstehung, sondern zugleich auch die Zeit, in der sich die Dinge verfestigen. Eine jerusalemische Kirche, so Bode, verharre in Strukturen, in fest gewordenen Traditionen und Gewohnheiten. Eine solche Kirche müsste sich an ihre Ursprünge zurückerinnern. Bode schlug deshalb der Kirche vor, wieder an die Anfänge, nach Galiläa zurückzukehren.

Für diese Bewegung gibt es durchaus einen biblischen Anhaltspunkt. Nach der Auferstehung erhalten die Jünger zweimal den Auftrag, nach Galiläa zurückzukehren, um Jesus dort zu sehen (Mt 28, 7 und 10). Am Beginn der Kirche steht also eine Rückkehr nach Galiläa. Eine solche Vision ist durchaus anziehend. Wie wäre es, wenn die Kirche all das was ihr das Leben manchmal schwer macht und belastet einfach hinter sich lassen könnte? Wie wäre eine Kirche jenseits der Strukturen, jenseits der Traditionen, jenseits der eingeschliffenen Machtverhältnisse? Es könnte eine Kirche sein, die einfach den Geist des Evangeliums lebt. Viele Gläubige können sich wahrscheinlich gut mit einer solchen offenen Kirche identifizieren (auch wenn es in der Realität wahrscheinlich anders würde, sobald Pfarreien und andere Strukturen zugunsten einer offenen Seelsorge aufgegeben würden). Aber, ist eine solche Rückkehr überhaupt möglich?

Zunächst einmal ist der Ansatz Bischof Bodes durchaus originell. Kirchenutopien speisten sich bisher meist aus den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte. Dort wird die erste Kirche als eine Einheit beschrieben, in der die ersten Christen unter der Führung des Heiligen Geistes in geschwisterlicher Eintracht zusammenleben. Eine solche Kirche, in der jeder Anteil an den Gaben und am Leben der anderen hat, ist über viele Jahrzehnte eine verlockende Vision gewesen. Allerdings stellt eine solche Konzeption Fragen, die sich wieder eher mit der Struktur der Kirche von heute befassen. Wie wäre es aber, die Kirche jenseits bekannter Strukturen neu zu denken? In der aktuellen pastoraltheologischen Literatur ist diese Denkfigur häufig anzutreffen. Die Kirche wird weniger als eine Organisation verstanden, sondern als eine Nachfolgegemeinschaft (oder -individualität), die sich an den individuellen Bedürfnissen und Glaubensvorstellungen der Einzelnen ausrichtet. Spezifische kirchliche Alleinstellungsmerkmale, wie etwa die Sakramente, der Gottesdienst oder das Amt, treten in einer solchen Betrachtung in den Hintergrund. Es geht nicht um eine spezifisch kirchliche, sondern um eine spezifisch evangelische (d.h. dem Evangelium gemäße) Form der Nachfolge. Die Struktur der Kirche weicht somit auf. Es gibt keine festen Gemeinden mehr und auch die Bistümer treten in ihrer Bedeutung zurück. Nicht das Amt steht im Vordergrund, sondern die persönliche Seelsorge. Ich vermute, Bischof Bode hat ein ganz ähnliches Konzept der Kirche vor Augen, wenn er von der „galiläischen“ Kirche spricht. Kirche ereignet sich dann in der persönlichen seelsorglichen und glaubensstärkenden Begegnung.

Biblisch gesehen muss man hinter eine solche Konzeption jedoch deutliche Fragezeichen setzen. Die Sendung Jesu ist ja in ihren Anfängen erst zu verstehen, wenn man ihr Ende kennt. Erst Leiden, Kreuz und Auferstehung lassen im Nachhinein das vorgängige Geschehen des Lebens Jesu im Licht der göttlichen Offenbarung verständlich werden. Erst vom Ende her wird die Heilsbedeutung Jesu deutlich. Was in Galiläa geschieht, ist immer nur ein Vorausbild auf das Kommende. Das Kommende ist in diesem Fall die Offenbarung Jesu als Retter der Welt, das Reich Gottes und die Vollendung der Zeiten. Ganz deutlich ist dies im Johannesevangelium. Jesus vollbringt verschiedene Zeichen, etwa die Heilung eines Blindgeborenen und offenbart so die Herrlichkeit Gottes. Er erweist sich in diesen Zeichen als der Sohn Gottes, Gottes ewiges Wort. Dieser Zusammenhang, der den Jüngern in der Zeit der Wanderschaft bereits einleuchtet, zeigt sich erst im Licht der Auferstehung für die ganze Welt. Insofern ist die Rückkehr der Jünger nach Galiläa etwas anderes als der Beginn der Mission Jesu in Galiläa. Die Zeiten lassen sich nicht einfach wiederholen. Das Zurückgehen hat nicht mehr die gleiche Unbefangenheit und Deutungsoffenheit wie das erste Auftreten Jesu dort. Die Jünger sind mit einer spezifischen Botschaft unterwegs. Gott hat sich in Jesus Christus neu gezeigt. Er hat den endgültigen Bund bestätigt, Sünde und Tod besiegt und das Leben neu ermöglicht. Diese Botschaft tragen die Jünger von nun an in die ganze Welt. Sie tun dies von Anfang an als Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist von vornherein strukturiert, in allererster Linie durch den Auftrag Jesu beim letzten Abendmahl. Das bleibende Gedächtnis an ihn, an seinen Tod und seine Auferstehung, ist die Voraussetzung für das spätere kirchliche Leben. Insofern lässt sich geschichtlich schwer trennen zwischen einer „galiläischen“ und einer wie auch immer gedachten „jerusalemischen“ Kirche. Beide Bewegungen entspringen gleichzeitig im Auferstehungsgeschehen und am Pfingstfest. Deswegen hat die Kirche von Beginn an alle Merkmale, die sie bis heute in sich trägt: die Seelsorge genauso wie die Feier der Eucharistie und anderer Sakramente; die persönliche Begabung des Einzelnen, die in der Kirche eine eben solche Rolle spielt, wie der amtliche Auftrag, der über die Apostel in die Gemeinden getragen wird. Die Kirche hat von Beginn an eine Struktur und eine Ordnung. Sie entwickelt eine Theologie, die sich aus der Verkündigung ergibt. Insofern lässt sie sich nie auf reine Begegnung oder Seelsorge hin einschränken.

Trotzdem macht es meiner Meinung nach Sinn, die Rückkehr der Jünger nach Galiläa als biblischen Anstoß für die Kirche  ernstzunehmen. Papst Franziskus hat dies in einer Predigt in der Osternacht vom Jahr 2014 eindrucksvoll ausgeführt. Für Franziskus bedeutet die Rückkehr nach Galiläa eine Rückkehr zu den Ursprüngen der eigenen Berufung:

„Auch für jeden von uns steht ein „Galiläa“ am Anfang unseres Weges mit Jesus. „Nach Galiläa gehen“ bedeutet etwas Schönes; es bedeutet für uns, unsere Taufe wiederzuentdecken als eine lebendige Quelle, neue Energie aus dem Ursprung unseres Glaubens und unserer christlichen Erfahrung zu schöpfen. Nach Galiläa zurückkehren bedeutet vor allem, dorthin, zu jenem glühenden Augenblick zurückzukehren, in dem die Gnade Gottes mich am Anfang meines Weges berührt hat. […] Im Leben des Christen gibt es nach der Taufe auch noch ein anderes „Galiläa“, ein noch existenzielleres „Galiläa“: die Erfahrung der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus, der mich gerufen hat, ihm zu folgen und an seiner Sendung teilzuhaben. In diesem Sinn bedeutet nach Galiläa zurückkehren, die lebendige Erinnerung an diese Berufung im Herzen zu bewahren, als Jesus meinen Weg gekreuzt hat, mich barmherzig angeschaut und mich aufgefordert hat, ihm zu folgen; nach Galiläa zurückkehren bedeutet, die Erinnerung an jenen Moment zurückzuholen, in dem sein Blick dem meinen begegnet ist, den Moment, in dem er mich hat spüren lassen, dass er mich liebte.“[2]

Galiläa wird bei Papst Franziskus zum Synonym für ein persönliches Glaubenserlebnis (auch Bischof Bode stellt in seiner Predigt diesen Punkt heraus). Am Anfang dieses Glaubens steht die persönliche Begegnung mit Jesus Christus. Dies wird in den zahlreichen Begegnungen Jesu mit den Menschen seiner Zeit in den Evangelien berichtet. Eine galiläische Kirche wäre in diesem Sinne wirklich etwas wunderschönes. Sie würde voraussetzen, dass Menschen persönlich von Gott angesprochen und angerührt sind. Sie würde voraussetzen,  dass Menschen ihre eigene Berufung, ihren eigenen Lebensweg mit Gott entdeckt hätten. Sie würde voraussetzen, dass Menschen sich von Gott geliebt wissen. Die galiläische Kirche müsste in erster Linie diesen persönlichen Glaubenszugang fördern. Die Seelsorge im Sinne einer christlichen Nächstenliebe ist dabei ein erster wichtiger Schritt, aber noch nicht das Ende. Seelsorge und Glaubensverkündigung gehören notwendigerweise zusammen, ebenso wie das Gebet und die Feier des Glaubens, in der die Gottesbeziehung vertieft werden sollen, unverzichtbar sind. Ein solches Projekt, wie es Papst Franziskus an vielen Stellen angeregt hat, wäre tatsächlich eine Chance für die Kirche.

Ein einfaches „get back to Galilee“ wird allerdings nicht möglich sein. Zeiten und Entwicklungen lassen sich nicht einfach überspringen. Eine Rückkehr nach Galiläa erfolgt immer aus den Erfahrungen unserer eigenen Zeit heraus. Es ist so etwas wie eine permanente Rückkehrbewegung, die im Grunde ein Aufbruch sein möchte. Paare, die den Ort ihres Kennenlernens besuchen, wissen das. Sie finden an diesem Ort niemals das vor, was damals war. Der Ort ist lediglich eine Erinnerungshilfe. Er spiegelt etwas von der Atmosphäre der damaligen Zeit. Das Geschehen von damals allerdings lässt sich nicht einfach wiederholen. Ich komme an diesen Ort immer wieder als eine andere Person zurück. Die Zeit und die persönlichen Entwicklungen haben ihre Spuren hinterlassen, gute und schlechte. Es kann aus der Rückkehr immer nur ein Impuls für die Zukunft entstehen. Galiläa, aber genauso auch Jerusalem, stehen für solche Punkte der Selbstvergewisserung und Rückkehr der Kirche. Sie kann allerdings ihr gewachsenes Leben nicht einfach abstreifen wie ein altes Kleid. Der Neuanfang entsteht immer aus dem Bewusstsein der eigenen Geschichte und zugleich aus der kritischen Reflexion dessen, was geworden ist.

Als Paul McCartney „Get back“ schrieb, war der Song durchaus ironisch gemeint. In seinen Strophen berichtet er von Existenzen, die vielleicht gerne wieder zurückkehren wollten, bei denen aber klar ist, dass eine solche Rückkehr nicht mehr gelingen kann. Das Leben ist dafür schon zu weit fortgeschritten. Der Aufruf „get back“ ist in Wirklichkeit eine Ermutigung zum „step forward“ – „schreite voran“. Träume sind immer aus Materialien der Vergangenheit zusammengesetzt. Gleichzeitig sind sie allerdings Objekte der Zukunft.


[1] https://bistum-osnabrueck.de/wp-content/uploads/2020/01/Silvesterpredigt-2019_BischofBode.pdf

[2] Papst Franziskus, Predigt zur Osternacht 2014: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2014/documents/papa-francesco_20140419_omelia-veglia-pasquale.html

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