Wo die Weisheit ihr Zelt aufschlägt

Helmut Schmidt hatte seine beste Zeit vielleicht nach seiner aktiven Politikerlaufbahn. Von 1974 bis 1982 war er Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er galt als ein „harter Hund“, der sehr prinzipientreu und entscheidungsfreudig war, allerdings auch nicht gerade zimperlich gegen sich selbst, seine Partei oder den politischen Gegner. Schmidt wurde geachtet, aber eher nicht geliebt. Er hatte nicht die Leichtigkeit und das Charisma seines Vorgängers Willy Brandt. Ab Mitte der 90er Jahre tauchte Schmidt aus der zwischenzeitlichen Versenkung wieder auf. Er brachte als Zeitungsverleger, Redner und Talkgast seine Sicht auf die Welt in die Öffentlichkeit. Schmidt sprach kurz und präzise, war überlegt voller politischer Erfahrung und im Urteil eindeutig. So wurde er mit den Jahren zum vielgelesenen und gerne gesehenen Zeitdeuter, eine unabhängige Stimme, die abseits des politischen Tagesgeschäfts die Welt anschaulich erklären konnte. In repräsentativen Umfragen wurde Helmut Schmidt in den 2000er Jahren regelmäßig zum besten und beliebtesten Kanzler gekürt, eine Ehre, die er sich zu Amtszeiten wohl kaum hätte vorstellen können.

Was haben die Menschen in ihm gesehen? Schmidt war mehr als ein Experte. Er erlaubte sich, auf Fragen auch mal mit „weiß ich nicht“ zu antworten, wo ein aktiver Politiker stattdessen ein ganzes Parteiprogramm entfaltet hätte. Schmidt äußerte sich zudem nur zu den Dingen, die ihn interessierten und hielt sich in anderen Fragen deutlich zurück. Ich glaube, viele haben in ihm zumindest in politischen Fragen einen weisen Mann gesehen. Die Weisheit ist in diesem Fall eine Mischung von Lebenserfahrung, Wissen, Gelassenheit und einem weiten Horizont. Von Schmidt erhoffte man sich, einen weisen Rat zu bekommen, also einen, der für das „Große Ganze“ oder auf „lange Sicht“ gilt.

Von ihren Ursprüngen her ist die Weisheit so etwas wie eine Lebenskunst. Sie ist deshalb besonders mit den alten Menschen verbunden, die in ihrem Leben viele Erfahrungen sammeln konnten und daraus Lehren für die Jüngeren ableiteten. Er weise lebt, hat auf lange Sicht mehr vom Leben: mehr Einsicht, mehr Erfahrung, mehr Wissen, aber auch mehr Muße, weil die Weisheit zum Beispiel dabei half, Streit zu vermeiden, gute Entscheidungen zu treffen und die richtigen Freude und Gefährten für das Leben zu wählen. Im alten Griechenland erhielt die Tugend der Weisheit immer mehr auch einen religiösen Sinn. Die Weisen hatten Einsicht in die Pläne und Ideen der Götter, konnten also den Lauf er Welt weiter oder tiefer sehen und verstehen. In dieser Weise begegnet uns auch die Weisheit in der Bibel. Sie ist an einigen Stellen, wie etwa im Buch Jesus Sirach eine Gefährtin Gottes:

„Die Weisheit lobt sich selbst, sie rühmt sich bei ihrem Volk.
Sie öffnet ihren Mund in der Versammlung Gottes und rühmt sich vor seinen Scharen: Da gab der Schöpfer des Alls mir Befehl; er, der mich schuf, wusste für mein Zelt eine Ruhestätte. Er sprach: In Jakob sollst du wohnen, in Israel sollst du deinen Erbbesitz haben. Vor der Zeit, am Anfang, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht.
Ich tat vor ihm Dienst im heiligen Zelt und wurde dann auf dem Zion eingesetzt. In der Stadt, die er ebenso liebt wie mich, fand ich Ruhe, Jerusalem wurde mein Machtbereich. Ich fasste Wurzel bei einem ruhmreichen Volk, im Eigentum des Herrn, in seinem Erbbesitz.“ (Sir 24, 1-2; 8-12)

Die Weisheit nimmt hier eine wichtige Position ein. Sie vermittelt zwischen Gott und den Menschen. Wo Gott ist, da ist auch die Weisheit. Sie schlägt ihr Zelt dort auf, wo Gott es ihr zuweist. Im Text präsentiert sie sich als Anwesende im Allerheiligsten, zunächst im Offenbarungszelt während der Wüstenwanderung, dann im Jerusalemer Tempel. Dort wo Gott ist, ist auch die Weisheit und wo ein Mensch weise ist, dort ist er Gott ganz nahe. Deshalb kann man Gott nicht nur über sein Gesetz nahekommen, sondern auch über eine gute Lebensführung, die aus der Weisheit stammt. Die Frage ist also, wie ich die Weisheit finden kann. Einige Schriften des Alten Testaments geben Hinweise zu einer guten Lebensführung, etwa das Buch der Sprichwörter, oder Jesus Sirach. Aber diese Texte bleiben scheinbar vordergründig bei guten Ratschlägen und Tipps stehen. Das Geheimnis der göttlichen Weisheit allerdings geht noch tiefer. In einem Bibel-Kommentar von Gregor dem Großen (540-604) macht der Autor zum Thema der „Weisheit“ eine wichtige Unterscheidung:

„Die Weisheit der Welt ist gleichsam ein Wein: Er berauscht nämlich den Verstand, denn er nimmt dem Verstand die Demut. Durch einen solchen Wein werden die Philosophen gewissermaßen berauscht, da sie durch die weltliche Weisheit sich über die Sitte der Masse erheben. Diese Weisheit soll die Kirche verachten, sie soll ganz nach der demütigen Verkündigung der Fleischwerdung des Herrn streben. Mehr soll ihr schmecken, was durch die Schwäche des Fleisches genährt wird, als das, was auf dieser Welt durch die Erhebung einer falschen Klugheit geehrt wird.“ [1]   

Die wahre Weisheit Gottes ist also nicht Klugheit oder Wissen. Sie zeigt sich in der Demut, in der Entäußerung, in der Machtlosigkeit. Es fiel den frühen christlichen Autoren nicht schwer, die göttliche Weisheit und das Erscheinen Jesu zusammenzudenken. Wer Gott nahe sein möchte, muss dem Kind in der Krippe nahe sein. Hier hat das Wort Gottes Fleisch angenommen und hat unter uns gewohnt („gezeltet“). Hier fallen das Gesetz und die Weisheit Gottes zusammen. Deshalb besteht die Weisheit darin, dem Kind ähnlich zu werden. Es vermag aus sich heraus nichts. Es empfängt, was es braucht. Es öffnet sich der Welt gegenüber ohne Vorurteil. Es ist hilfs- und schutzbedürftig. Alte Ikonen zeigen daher das Kind als göttliche Weisheit im Schoß seiner Mutter. Maria wird hier zur „sedes sapientiae“, zum „Sitz der Weisheit“, weil sie ganz bei ihrem Kind ist, es „liest“ und versteht.

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal einem weisen Menschen begegnet sind. Wenn ja, werden sie die Züge der Weisen wie sie die Bibel beschreibt, vielleicht wiedererkennen. In der Regel sind die Weisen nicht diejenigen, die uns alles erklären können, sondern die, die sich Zeit für uns nehmen. Es sind die, die selbst keine Macht und keine Ambitionen haben. Sie haben sich von diesen Dingen frei gemacht. Sie können mit einem kurzen Wort oder Hinweis unser Leben in die richtige Richtung lenken und vor allem geben sie uns Raum, bergen unser Leben und unser Denken, auch unser Suchen in ihrem Schoß. Die Weisen lassen unser Leben zur Entfaltung kommen. Die Weisen sind die Demütigen. Wir kennen sie in Gestalt der Großmutter, des Beichtvaters, der älteren Freundin, des ehemaligen Professors, manchmal auch in Gestalt des Kindes, das manchmal aus sich heraus viel mehr sieht und erkennt, als man für möglich gehalten hat. Die Begegnung mit einem weisen Menschen baut auf, tröstet und macht das Leben schöner. Warum solle dies nicht zugleich auch eine Begegnung mit Gott sein? Die Weisheit schlägt ihr Zelt auf, wo Gott es ihr sagt. Sie begegnet der Welt im Kind in der Krippe und mir überall dort, wo sie mein Leben reicher macht.           


[1] Gregor der Große, Kommentar zum Hohenlied, Einsiedeln 1987, 106.

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