Christliches Menschenbild, Teil 1

Dass es ein christliches Menschenbild gibt, scheint unbestritten zu sein, zumindest, wenn man Aussagen von Politikern in Talkshows glaubt. Sie berufen sich darauf und sehen es als Grundlage für  ihr Handeln, etwa in der Flüchtlingsfrage, an. Gemeint sind dabei meist die gesetzlich beschriebenen Grundsätze der Menschenrechte. Aber gerade hier gibt es ein Problem. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte war gerade kein genuin christliches Werk.[1] Kann es also sein, dass es viel eher ein überkulturelles und überreligiöses Menschenbild gibt, das sich eben auch (aber nicht nur) in der jüdisch-christlichen Tradition widerspiegelt? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Ohne Zweifel hat genau diese Tradition maßgeblich zum Entstehen einer heute selbstverständlichen Sicht auf den Menschen beigetragen. Es gibt ein christliches Menschenbild. Aber es ist nicht einfach mit einem universellen Menschenbild gleichzusetzen. In einer kleinen Serie von Artikeln möchte ich auf einige Spezifika der christlichen Anthropologie (Lehre vom Menschen) hinweisen. Der erste Teil befasst sich mit dem Geschöpf-Sein des Menschen.

Der Mensch ist Geschöpf Gottes

Im Gegensatz zu einigen anderen Religionen, ist der Mensch aus jüdisch-christlicher Sicht kein Produkt des Zufalls. Die Bibel schildert, wie er von Gott als „Ebenbild“, als sein Stellvertreter in der Schöpfung mit Leib und Seele ins Leben gerufen wird. Die Menschen haben die Aufgabe, die Welt verantwortlich zu gestalten und zu prägen. Mann und Frau sind vor Gott gleich. Im Schöpfungsbericht der Bibel heißt es:

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen. Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen! Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag. (Gen 1,26-31)

Anders als etwa in der griechischen Prometheus-Sage erschafft Gott den Menschen nicht nach seiner freien Phantasie, wie etwa ein Künstler sein Kunstwerk. Er schafft ihn als sein „Ebenbild“. Der Bibelwissenschaftler Norbert Lohfink hat auf die Besonderheit dieses Ausdrucks hingewiesen.[2] In der antiken Welt galt das Ebenbild nicht als bloße Abbildung, sondern als Repräsentation eines Abwesenden. Die römischen Kaiser ließen Statuen von sich im ganzen Reich aufstellen. Diese Ebenbilder symbolisierten die Gegenwart des Kaisers auch  dort, wo er nicht selber sein konnte. Die Statuen wurde ebenso verehrt wie der Kaiser selbst. In ähnlicher Weise galt das auch für die Götterstatuen der alten Kulturen. Da der Gott Israels bildlos war, gab es keine Statuen von ihm – zumindest keine aus Holz oder Metall. Dem Bild Gottes begegnet man nach Aussage des Alten Testaments nirgendwo anders als im lebendigen Menschen (als Mann und als Frau). Deshalb betont der Schöpfungsbericht auch die Verantwortung des Menschen. So wie Gott Herrscher der Welt ist, soll auch sein Ebenbild stellvertretend für ihn die Verantwortung für die Welt übernehmen.

Diese Idee ist folgenreich. Wenn es so ist, dass ich im Menschen Gottes Ebenbild begegne, dann hat der Mensch als solches eine unaussprechbar hohe Würde. Die Menschenwürde ist von der Würde Gottes abgeleitet.

Jesus nimmt im Neuen Testament diese Grundeinsicht wieder auf. Zum einen ist er selbst in vollkommenster Weise das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15), weil die Sünde seine Ebenbildlichkeit nicht entstellt hat. So sagt er im Johannesevangelium: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Zum anderen möchte sich Jesus als Sohn Gottes in der Begegnung mit dem Menschen wiedererkennen lassen. Die bekannteste Stelle dafür ist Mt 25,35-40:

„[…] Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ 

Der Arme und Bedürftige wird in diesem Gleichnis zum Ebenbild Christi. Ihm ist genauso viel an Ehre und Respekt entgegenzubringen, wie Christus selbst. Dies ist ein spezifischer christlicher Zug. Die Geschöpflichkeit des Menschen und seine Ebenbildlichkeit weitet sich zur Christusbegegnung und damit zu einer Ethik, die den würdelosen Umgang mit dem Menschen, sogar dem Feind (Mt 5,44) nicht duldet. Die Begründung ist immer die, dass wir im Nächsten Jesus Christus und damit Gott selbst begegnen.

Das Zweite Vatikanische Konzil legt auf die Gottesebenbildlichkeit als Ursprung der menschlichen Würde großen Wert (vgl. Gaudium et spes 12 und 22). Es begründet mit ihr beispielsweise die Gleichheit aller Menschen:

„Da alle Menschen eine geistige Seele haben und nach Gottes Bild geschaffen sind, da sie dieselbe Natur und denselben Ursprung haben, da sie, als von Christus Erlöste, sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muss die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden.“ (Gaudium et spes 29)

Die grundlegende Gleichheit aller Menschen gilt aufgrund der Gottesebenbildlichkeit absolut, d.h. ohne Bedingung. Das ist der Grund, warum es nach katholischer Lehre keine Ausnahmen gibt, nach denen ein Mensch nicht „lebenswert“ wäre. Damit ist vor allem utilitaristischen (d.h. aus Nützlichkeitserwägungen entstehenden) Denkweise ein Riegel vorgeschoben, nach denen ein Mensch aufgrund von Alter, Krankheit oder Behinderung, aber auch als noch ungeborener, keine oder nur eingeschränkte Rechte besitzen würde.

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen geistlichen Aspekt der Gottesebenbildlichkeit hinweisen. Wenn wir die Ebenbildlichkeit Gottes in uns tragen, kann es nicht verkehrt sein, diesen Aspekt unseres Daseins für uns selbst zu betrachten. Jeder einzelne von uns besitzt eine tief verwurzelte Würde, zugleich aber auch die Verantwortung, dieser Würde auch gerecht zu werden. Der antike Theologe Origenes bringt dies an einer Stelle besonders schön zum Ausdruck. In einer Bibelauslegung empfiehlt er, die Wirklichkeit der Sünde im eigenen Leben zu betrachten. Er schreibt:

„Als nämlich Gott am Anfang den Menschen machte, da schuf er ihn nach seinem Bild und Gleichnis, und dieses Bild prägte er nicht außen, sondern innen ein. Es konnte in dir nicht geschaut werden, solange dein Haus schmutzig war und mit Unrat und Abraum gefüllt. […] Du aber, vom Wort Gottes gereinigt, lass das Bild des Himmlischen in dir erstrahlen… Der Sohn Gottes ist der Maler dieses Bildes. Und weil er ein so tüchtiger, ein so großer Maler ist, darum kann sein Bild wohl durch Vernachlässigung sich verdunkeln, aber es kann durch Bosheit nicht ausgelöscht werden. Denn immer bleibt das Bild Gottes, auch wenn du dir selbst das Bild des Irdischen darübermalst.“[3]    

[1] S. hierzu z.B. Joas, Hans, Die Sakralität der Person, Frankfurt 2015 (2011), 251-280.

[2] Lohfink, Norbert, Die Gottesstatue, in: Ders., Im Schatten deiner Flügel, Freiburg 1999, 29-47.

[3] Zitiert nach: Origenes, Geist und Feuer, Schriften hg. von Balthasar, H.U., Freiburg 1991, 44.

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