Die „Schöpfung“ angesichts der ökologischen Frage – Teil 1

Erinnern Sie sich noch an die Zeit vor der Corona-Krise? Bevor die Berichterstattung über den Ausbruch und den Verlauf des Virus alle Aufmerksamkeit der Medienberichterstattung für sich in Anspruch genommen hatte, beherrschte ein anderes Mega-Thema die Schlagzeilen: die Ökologie. Angestoßen durch die Jugendbewegung der „Fridays for future“, die ein sehr geteiltes Echo zur Folge hatte, wurde zumindest eine, vielleicht sogar die große Zukunftsfrage der Menschheit neu in das Gedächtnis der Öffentlichkeit gerufen, die Frage nach dem Umgang mit der Natur. Der alarmistische Ton der öffentlichen Demonstrationen hatte dabei einen durchaus egoistischen Unterton. Die junge Generation fragte nach ihrer Zukunft. „How dare you?“ – „Wie könnt ihr es wagen“ rief eine sichtlich verzweifelte Greta Thunberg im Vorfeld der UN-Hauptversammlung, zu der sie mit einem Segelboot angereist war, der Weltöffentlichkeit zu. „Ihr stehlt meine Zukunft!“. Was die Aktivistin meinte: Durch den weiter rücksichtlosen Raubbau an den natürlichen Ressourcen, durch den weiter steigenden Konsum der globalen Gesellschaft und durch die ungelöste Frage der voranschreitenden Ausbreitung der menschlichen Spezies auf dem Planeten entstehen irreparable Schäden im weltweiten Ökosystem. Der drohende Kollaps, der sich unter Stichworten wie „Erderwärmung“, „Versteppung“ oder „Artensterben“ manifestiert, muss durch ein Umsteuern der politischen und moralischen Kräfte der Nationen in letzter Minute abgewendet werden. Der jungen Generation, so die Befürchtung, steht eine düstere Zukunft bevor, in der weite Teile des Planeten unbewohnbar werden, Wohlstand und Entwicklung gefährdet sind. Man befürchtet, dass ein massenhaftes Sterben der Arten und schließlich auch ein Sterben innerhalb der Menschheit bevorsteht, weil etwa die Ernährung nicht mehr sichergestellt ist und die Flächen, auf denen menschliches Leben möglich ist, sich durch Verödung des Bodens, durch Überschwemmungen, Mangel an Trinkwasser oder durch Wüstenbildung dramatisch reduzieren. Diese apokalyptische Vision gilt es durch entschiedenes Handeln zu verhindern, so die Botschaft der Protestierer.

Es ist müßig, sich in einen Streit um die genauen Auswirkungen des menschlichen Handelns zu begeben. Es kann nicht abschließend geklärt werden, in welchem Ausmaß die derzeitigen Phänomene wie das Abschmelzen des Eises, zunehmendes extreme Wetterlagen oder das Sterben der Arten menschengemacht und welche Anteile auf Anomalien kosmischer Art, etwa die erhöhte Sonnenaktivität zurückzuführen sind. Unstrittig aber dürfte sein, dass die Menschen einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Selbst wenn man die Frage langfristiger Folgen des menschlichen Handelns ausklammert, dürfte jedem beim Anblick riesiger Rodungen im brasilianischen Regenwald, der Dauersmogglocken über chinesischen Großstädten, der Bodenverseuchung durch lecke Ölpipelines oder des extensiven Ausbaus von Viehzuchtbetrieben klar sein, dass dies so nicht gut sein kann. Die Perspektive, dass bei zunehmendem weltweiten Wohlstand und einer ständig wachsenden Bevölkerung das Bedürfnis nach Energie, Industrieprodukten, Trinkwasser, Nahrung und Wohnraum weiter steigen wird, ist durchaus bedrohlich. Es wird nicht anders gehen, als die ökologische Frage noch konsequenter als bisher zu überdenken und in ein politisches-ökonomisches, gesellschaftliches und individuelles Handeln zu überführen. Schließlich lässt sich dabei auch nach dem Beitrag der Theologie fragen, sofern man in ihr nicht bloß ein reines „Denken“ versteht, sondern ein Denken, dass bewusstseinsbildend und handlungsleitend sein soll. Angesichts der „neuen ökologischen Frage“ steht auch die Theologie in der Herausforderungen, neue Antworten auf einen Schöpfungsglauben unter den Vorzeichen der Bedrohung der Welt zu finden.

Ansätze zur Bewältigung der ökologischen Krise

Bevor ich mich der theologischen Frage zuwende, möchte ich einen Blick auf die im Raum stehenden Strategien zum Umgang mit der ökologischen Krise werfen.

Klassischerweise habe ich die ökologische Frage noch unter dem Begriff „Umwelt- und Naturschutz“ kennengelernt. Ab den 70er Jahren suchten Teile der Gesellschaft verstärkt nach Antworten auf die zunehmend wahrgenommene „Zerstörung“ der Natur. Konkret ging es dabei meist um lokale Themen. So beobachtete man die Vergiftung von Flüssen durch die Einleitung von Industrieabwässern, die Gefährdung bestimmter Tier- und Pflanzenarten, den „Flächenraub“ durch zunehmende Versiegelung des Bodens, die Luftverschmutzung in den Städten, die potentiellen Gefahren durch die Nutzung der Atomkraft oder die Reduzierung naturbelassener Flächen, etwa von Wäldern und Mooren. Im klassischen Naturschutz versucht der Mensch durch praktisches Tun, Schäden in der Natur zu reparieren. Klassische Maßnahmen sind die Reduzierung von Schadstoffen, etwa durch Vorgaben für Abgasfilter oder das Verbot der Verwendung bestimmter Schadstoffe, der Aufbau von Rückzugsgebieten (Naturschutzgebieten) für Pflanzen und Tiere, den Bau von Krötentunneln oder Wildbrücken oder die strenge Regulierung der Abfallwirtschaft (Mülltrennung, Schadstoffentsorgung, Recycling, Müllverbrennung statt Haldenlagerung). Auf diesem Weg ist in den letzten Jahrzehnten viel erreicht worden. Luft- und Wasserqualität etwa haben sich in Deutschland verbessert. Mittlerweile sieht sich der klassische Naturschutz allerdings Herausforderungen gegenüber, bei denen die bekannten Steuerungsmechanismen nicht mehr helfen. Zunehmende Trockenheit oder das Einwandern invasiver Arten lassen bewährte Instrumente wirkungslos werden. Die lokale Ebene sieht sich zunehmend mit globalen Problemen konfrontiert, die sie aus eigener Kraft nicht lösen kann.

Die zweite Strategie setzt auf die technische Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Der dahinterstehende Wunsch ist es, den globalen Herausforderungen durch Innovation zu begegnen. Die Idee, aus der Energiegewinnung aus fossilen Rohstoffen auszusteigen, ist nur unter der Voraussetzung denkbar, dass es gelingt, effektive Produktionsanlagen für erneuerbare Energien zu erfinden und zu bauen. In diesem Bereich sind in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gelungen. Andere Beispiele sind die Erhöhung der Effizienz bei Verbrennungsmotoren oder die Entwicklung neuartiger Dämmstoffe und -techniken, um den Energieverbrauch bei Gebäuden zu senken, alternative Werkstoffe, die Wiederverwendung von Abfallprodukten, neuartige Verkehrskonzepte, schließlich auch der Einsatz von Gentechnik, um Pflanzen gegen Schädlinge oder Klimaeinflüsse unschädlicher zu machen und Erträge zu erhöhen. Die tatsächlichen Erfolge einer „green economy“ sind in den Industrieländern beachtlich. Der Wunsch, den bisherigen Lebensstandard dank besserer Technik zu erhalten und gleichzeitig den Klimaschutz zu fördern, ist allerdings mit deutlichen Fragezeichen zu versehen. Zum einen zeigt sich, dass neue Techniken sehr forschungs- und ressourcenintensiv sind und damit weltweit kaum schnell allen Menschen zur Verfügung gestellt werden können. Zum anderen offenbaren auch die neuen Techniken Schwierigkeiten für die Umwelt. Prominentestes Beispiel ist vielleicht das E-Auto. Die zunehmende Produktion von Batterien für den Fahrzeugbau setzt die extensive Förderung seltener Mineralien voraus – wieder mit schlimmen Auswirkungen für die Natur und das Trinkwasser in den Förderländern. Die bessere Stadtluft in den Metropolen vor allem des reichen Nordens wird hier mit erheblichen ökologischen Schäden im armen Süden erkauft. Der Kreislauf von Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung wird nicht unterbrochen, sondern verlagert sich nur auf andere Gebiete der Erde.

Die dritte Strategie setzt daher auf eine entschiedene Regulierung. Dieser Weg ist in den letzten Jahren besonders intensiv beschritten worden. Die Besteuerung des CO2-Ausstoßes ist ein solches Regulierungselement, ebenso die Förderung des biologischen Landbaus oder, wie zuletzt, das Verbot bestimmter Einweg-Produkte. Die größte Regulierung wird allerdings als Selbstregulierung der Bürger vorgeschlagen. Die moralische Verpflichtung zu einem ökologisch bewussteren Lebensstil insbesondere in den Industrieländern findet zunehmend politische Fürsprecher. Dazu gehört die Einschränkung des persönlichen Konsumverhaltens, die Bevorzugung von regionalen, biologischen und fair gehandelten Produkten, der Boykott bestimmter extrem ressourcenunfreundlicher Produkte, der Verzicht auf Fleisch, die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, der Bezug kleinerer Wohnungen, die Anpassung des Reiseverhaltens (weniger Flugreisen oder Schiffsfahrten) und vieles mehr. Dieser Weg, der ökologischen Krise zu begegnen, gilt als erfolgsversprechend. Aber auch er trifft auf Schwierigkeiten. Zum einen werden die vorgeschlagenen Maßnahmen aus Verzicht und Anreizen gesellschaftlich gerne als „Oberschichtsprobleme“ und damit als elitär wahrgenommen. Die Unzufriedenheit darüber, „was uns hier alles verboten werden soll“ (von der Grillwurst bis zur freien Fahrt auf Autobahnen) wird schnell als Bevormundung verstanden und birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Auch hier stellt sich die Frage nach der globalen Verantwortung. Was wird aus Gesellschaften, die bislang vom Export von Rohstoffen leben, die immer weniger nachgefragt werden? Was passiert mit Ökonomien, die auf die Produktion von elektronischen Geräten oder von Kleidung angewiesen sind, oder sich durch den Tourismus ein gewisses Zubrot verschaffen? Kann die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden, wenn die Agrarproduktion in den großen Flächenländern reduziert und verteuert wird? Es ist kein Wunder, dass die genannte dritte Strategie häufig mit einer massiven Kritik am Kapitalismus und an der Globalisierung einher geht. Wäre nicht eine Wirtschaft am besten, in der jedes Land für sich selber sorgen kann und globale Handelsketten vermieden würden? Wäre es nicht besser, wenn die auf Wachstum angelegte Wirtschaft die weltweiten Konsumbedürfnisse nicht ständig steigern würde, sondern ein bescheideneres Leben als erstrebenswert gilt? Solche großen Visionen scheitern zur Zeit an der Realität. Eine schnelle Verwirklichung eines gedämpften Kapitalismus vereint mit einer „moralischen Wende“ dürfte nicht zu verwirklichen sein und auf viele Volkswirtschaften existenzbedrohend wirken.   

Nimmt man die drei beschriebenen Strategien zusammen, zeigt sich, dass sie alle sinnvolle Ansätze zur Überwindung der Krise bieten. Der (vielleicht zur Zeit noch nicht entschieden genug) beschrittene Weg der ökologischen Herausforderung zu begegnen, wird auch auf Zukunft alle drei Ansätze verfolgen. Die vierte Strategie, die ebenfalls genannt werden sollte, nämlich den Protagonisten der ökologischen Bewegung beständig ihre angenommenen Denk- und Rechenfehler nachzuweisen mit der Folge, die Dinge sich im freien Spiel der Kräfte entfalten zu lassen, ist keine Option. Dennoch enthält auch die Kritik der Öko-Gegner ein bedenkenswertes Argument, das für die weiteren Überlegungen eine Rolle spielt: Alle genannten Strategien folgen dem gleichen Grundgedanken. Sie setzen voraus, dass es die Aufgabe des Menschen ist, regelnd in die Vorgänge des Ökosystems einzugreifen und damit den durch menschlichen Verursachung eingetretenen Schaden zu beheben, indem man repariert (erste Strategie), sich technisch-innovativ weiterentwickelt (zweite Strategie) oder umorganisiert (dritte Strategie). Der Mensch als Verursacher soll auch derjenige sein, der „Heiler“ eines kaputten Zustands ist. Alle diese Vorschläge sind anthropozentrisch gedacht, d.h. sie stellen den Menschen als Problem und Lösung in den Mittelpunkt.

Der Mensch im Mittelpunkt

Von hier ist es ein kurzer Weg zu den biblischen Schöpfungsberichten. Gen 1 und 2 berichten von Gott, der im ersten Schöpfungsbericht die Welt in symbolischen sieben Tagen als „Schöpfungshaus“ errichtet, also planvoll aus dem anfänglichen Chaos ordnend das Fundament, den Kosmos und schließlich die Lebewesen schafft. Den Menschen, das letzte der „Werke“ nennt er „sein Ebenbild“ und gibt ihm den Auftrag, sich das Geschaffene „untertan“ zu machen und zu „beherrschen“ (Gen 1, 27ff.). Der zweite Schöpfungsbericht erzählt vom Garten, den Gott anlegt. In ihn hinein wird der Mensch gesetzt mit dem Auftrag, den Garten „zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Unzweifelhaft erhält der Mensch so eine Sonderstellung im Schöpfungswerk. In einer klassischen, den biblischen Intentionen durchaus gerecht werdenden Lesart wird der Mensch als „Ebenbild Gottes“ so etwas wie Gottes Sachwalter auf der Erde. Er hat die Vollmacht, aber auch die Verantwortung für die Schöpfung.

Von den Bedingungen einer alten Kultur ausgehend, in der der biblische Text entsteht, macht diese Lesart durchaus Sinn. Ein Mensch in der damaligen Zeit ist auf eine andere Weise mit der umgebenden Welt verbunden als ein Zeitgenosse. Die Natur ist bei weitem nicht so gebändigt und kontrolliert. Der Boden muss in mühsamer Weise bewirtschaftet werden, um Erträge aus ihm zu ziehen (übrigens eine Folge des Sündenfalls, denn im Paradies war die Ernährung durch den Garten von alleine sichergestellt). Die Abhängigkeit einer nomadischen oder später auch dörflichen Kultur vom Wetter und die Bedrohung durch Unwetter oder wilde Tiere fordern die Menschen heraus, als beständige Kämpfer gegen das „Chaos“ innerhalb des Schöpfungswerkes zu bestehen. Der Mensch nimmt seine Gottesebenbildlichkeit, wie der Dogmatiker Johann Auer in seiner „Schöpfungstheologie“ zeigt, als „Teilhabe an der Macht des Schöpfergottes“ wahr.[1] Das Beherrschen oder auch „Unterwerfen“ der Schöpfung besteht in einem mühsamen, teilweise auch gefahrvollen Sich-Behaupten inmitten einer Zivilisation, die durch vergleichsweise kleine Vorkommnisse wie eine Dürre, eine Heuschreckenplage oder ein Rudel Wölfe in verheerender Weise Schaden erleiden kann. Dass die Rede von der „Unterwerfung“ später als Rechtfertigung für einen ressourcenfressenden technischen Fortschritt und Lebensstil herhalten musste, ist vom biblischen Text sicher noch nicht intendiert. Die „Unterwerfung“ hat Grenzen. Daher hilft der Hinweis des zweiten Schöpfungsberichtes weiter, der Mensch habe außerdem den Auftrag erhalten, den Garten Eden „zu bewahren“. Auch dieser Satz lässt sich auf die Gottesebenbildlichkeit hin auslegen, insofern Gott nicht nur Schöpfer, sondern auch Erhalter seines Werkes ist. Die göttliche Tätigkeit erschöpft sich nicht im Beherrschen, sondern zugleich in der Verantwortung zur Erhaltung des Schöpfungswerkes.

Medard Kehl spricht in seinen Ausführungen zur Schöpfungstheologie daher von einer ökologischen Ethik, in der der Mensch die Schöpfung als „Geschenk“ dankbar annimmt und als „Leih-Gabe“ versteht. Nur befristet ist ihm die Erde zur Verfügung gestellt, so dass seine Verantwortung auch in der Hege des Empfangenen bestehen muss. Er stellt sich damit auch im begrenzten Umfang der göttlichen Letztverantwortung zur Verfügung, welche die Schöpfung auch für zukünftige Generationen erhalten möchte. Gleichzeitig warnt Kehl allerdings davor, in der „Erhaltung der Schöpfung“ einzig das Werk des Menschen zu sehen. Die „creatio continua“, die beständige Erhaltung und Schöpfung der Welt ist zunächst Gottes Aufgabe.[2]

Auer fügt noch eine weitere Differenzierung hinzu. Er verweist darauf, dass die Vorstellung von der „Gottesebenbildlichkeit“ im Verlauf der biblischen Entstehungsgeschichte im Neuen Testament eine veränderte Bedeutung erhält. In den Paulusbriefen erscheint Christus als „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15). Ein Bezug auf die Ebenbildlichkeit des Menschen wird nun christologisch gedeutet. Der Mensch ist nicht Abbild des Schöpfergottes, sondern des Schöpfergottes, der sich in Jesus Christus offenbart. Der Mangel des Menschen nach dem Sündenfall, seine Sterblichkeit und seine Verstrickung in die Sünde wird im Römerbrief in dieser Weise ausgedeutet. Christus geht durch seine Menschheit und sein Erlösungswerk den ersten Schritt zur Wiederherstellung des ursprünglichen Menschseins. Die Schöpfung, die auf die Vollendung in ihm bezogen ist, setzt darauf, dass Christus sich im Menschen „ausformt“ (Gal 4,19). Daher ist die Ebenbildlichkeit weniger ein „Status“ des Menschen als vielmehr eine Dynamik, die den Menschen auf sein ursprüngliches Gutsein zurückführen möchte.[3] Ethisch gesehen wäre es somit falsch, den Menschen als reinen „Beherrscher“ der Natur zu sehen. Vielmehr ist sein Wirken immer mit Fehlern und falschen Entscheidungen durchsetzt. In allem Tun wird damit eine Selbstreflexion eingefordert: Welches Tun entspricht dem „Guten“, zu dem hin das menschliche Dasein tendieren soll, was aber ist vom „Bösen“, also Folge der Verletzung der ursprünglichen Güte und Gnade, die den Menschen ausgezeichnet hat? Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen kann sich daher nie einfach als „gottgewollt“ rechtfertigen, sondern darf im Einzelfall durchaus als „sündig“ und „verfehlt“ gelten. Das Streben danach, es (auch in ökologischen Fragen) „besser“ zu machen gehört zu einem moralischen Reifungsprozess. Papst Franziskus deutet den Sündenfall daher als ein Zerbrechen der ursprünglich intakten Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu Gott und zur Natur.[4]

Damit ist auch klar, dass die Differenzierung von Schöpfer und Geschöpf nicht bedeutet, die Verantwortung für die Welt allein Gott zu überlassen. Die abbildhafte Mitwirkung an Gottes Werk hat in sich einen Wert, auch wenn der Mensch dabei eine gesunde Selbstdistanz nicht vergessen sollte. Alles menschliche Handeln, auch aus bester Absicht, birgt die Gefahr zu Fehlern und schuldhaftem Versagen. Gefordert ist im Umgang mit der Schöpfung eine gewisse Demut und Selbstbeschränkung – ein Grundsatz der beim Entstehen ökologischer Katastrophen häufig eklatant verletzt wurde.

Die biblischen Berichte sind entgegen dem ersten Anschein nicht anthropozentrisch, sondern theo- bzw. christozentrisch. Das gesamte Werk der Schöpfung soll auf Gott hin gedacht werden. Damit relativiert sich die Stellung des Menschen. Anders als Gott gehört er zur Schöpfung und ist ein Teil von ihr. Die Schöpfung ist nicht für den Menschen, sondern für den Schöpfer dar. Sie singt, wie es in den Psalmen heißt, ein beständiges Loblied auf Gott (Ps 19).


[1] Auer, Johann, Kleine Katholische Dogmatik, Bd. 3, Regensburg 1983 (1975), 220f. S. zur Frage der Schöpfungberichte auch:https://sensusfidei.blog/2018/10/25/christliches-menschenbild-teil-1/;https://sensusfidei.blog/2018/11/01/christliches-menschenbild-teil-2/

[2] Kehl, Medard, Und Gott sah, dass es gut war, Freiburg 2006, 334-338.

[3] Auer, 221-227.

[4] Papst Franziskus, Laudato si’, 66.

Ein Kommentar zu „Die „Schöpfung“ angesichts der ökologischen Frage – Teil 1

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