Macht

In jener Zeit traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.

Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. (Mk 10,35-45)

Wie stehen Sie zum Thema „Macht“? Irgendwie haben wir uns angewöhnt, die „Macht“ als etwas Negatives zu sehen. Das hat mit dem kritischen Diskurs vergangener Jahrzehnte zu tun, der hinter allem, was gesellschaftlich, politisch oder kirchlich passierte, immer gleich ein Machtstreben und einen Unterdrückungsmechanismus vermutete. Man forderte alternative Formen von Verantwortung, Transparenz und mehr Kontrolle. Zum anderen ruft das Thema „Macht“ bei Vielen schlechte Erinnerungen an persönliche Erlebnisse hervor. Es fühlt sich schlecht an, „Macht“ zu erleben, wenn ich selbst in der schwächeren Position bin, wenn andere über mich entscheiden können. Da geht es um die Macht der Eltern, die Macht der Lehrer, die Macht von Behörden oder der Polizei, manchmal auch um die Macht der Gewohnheit oder der Tradition. Zum dritten erlebe ich, wie in der aktuellen Diskussion das Thema „Macht“ und die „Rolle der Mächtigen“ immer wieder zur Sprache kommt. Was „Politikverdrossenheit“ genannt wird, ist im Kern ein kritisches Verhältnis zu den Mächtigen: „Sie reden nur, tun aber nichts“; „Ich stehe mit meinen Problemen alleine da, die Politik hilft mir nicht“; „Die Mächtigen haben ein Meinungskartell aufgebaut, mit dem sie die freie Meinung unterdrücken“. Im Hintergrund steht immer die Annahme, dass man „Macht“ anders organisieren kann oder dass es Personen und Parteien gibt, die es besser machen können. Die Lösungsansätze dazu sind unterschiedlich. Unbestritten ist, dass Machtmissbrauch schädlich ist. Das haben wir in diesen Wochen angesichts der Missbrauchsstudie neu bestätigt bekommen. Dort wo Macht unkritisch hingenommen wird, erliegt sie der Versuchung, übergriffig und gewalttätig zu werden, die eigenen Fehler zu verdecken, sich unangreifbar zu machen.

Dieses Phänomen ist offensichtlich nicht neu. Im Evangelium bestärkt Jesus genau diese Kritik. Zu den Jüngern sagt er: „Ihr wisst, dass die die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht an den Menschen missbrauchen.“ Damit übt er eine mehr als deutliche Kritik an den Mächtigen seiner Zeit, an den politischen und religiösen Eliten. Was wäre also zu tun? Sollten wir auf die „Macht“ besser ganz verzichten?

Letztes Jahr war ich mit Abiturienten auf Besinnungstagen. Es ging, grob gesprochen, um die Frage: „Was soll ich mit meinem Leben anfangen, nachdem die Schule zu Ende ist?“. Dazu schauten die Schülerinnen und Schüler auf ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, auf ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. In einer Einheit stellte ich Ihnen die Frage, welches Bild sie von einem glücklichen Leben haben. Was also waren ihre Ziele für die nähere oder fernere Zukunft? Neben den Antworten, die sich um die Familie, um Heimat oder Lebensphilosophie gingen hatte ich, ehrlich gesagt erwartet, dass doch zumindest ein Teil der Gruppe sagen würde, dass sie in ihrem Leben Karriere machen wollten, oder zumindest viel Geld verdienen. Aber das war nicht der Fall. Alle aus der Gruppe sagten bezüglich ihrer beruflichen Zukunft, sie wollten eigentlich gar nicht so viel Geld verdienen. Sie strebten alle Stellungen an, die es ihnen ermöglichen würden, möglichst frei zu sein, viel persönliche Zeit zu haben, in Teams zu arbeiten und dabei zumindest ausreichend materiell abgesichert zu sein. Vom Evangelium her gedacht hätten mich diese Antworten begeistern müssen. „Es ist gut, dass ihr so viel Wert auf Gemeinschaft legt, dass ihr eure eigenen Ziele verfolgt, euch nicht vom Ehrgeiz auffressen lasst, nicht nach der Macht und nach Einfluss strebt, euch davon nicht ‚kontaminieren‘ lassen wollt.“ Aber in Wirklichkeit brachten mich diese Antworten „auf die Palme“. Ich fand das Ergebnis der Rückmeldungen desaströs und ich habe es ihnen auch gesagt. „Wie kann es sein, dass niemand von Euch eine Karriere anstrebt? Vor mir sitzen Leute, die intelligent und gebildet sind, die über große soziale Fähigkeiten verfügen, gesund und leistungsstark sind. Unter Euch sind viele potentielle Führungskräfte, Menschen, die unsere Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik und die Kirche gestalten könnten – und da wollt ihr Euer Potential nicht nutzen und euch lieber in die private Behaglichkeit zurückziehen? Ihr verschleudert eure Fähigkeiten“. Was ich nicht gesagt, aber gedacht habe war: „Wenn Ihr das Heft nicht in die Hand nehmt, dann machen es andere und ihr werdet die sein, die sich dann über unfähige Chefs, schlechte Verwaltung, einseitige Gesetzgebung und schwache Politikerpersönlichkeiten aufregen werdet.“

Was ich sagen will: Ich glaube, dass der Wille zur Macht, oder sanfter, der Wille nach Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten als solcher nichts Schlechtes ist. Und dieser Einfluss ist nur begrenzt als Blogger, Journalist, Mitglied einer NGO, als Netzaktivist oder Demonstrant zu erreichen. Bei all dem geht es natürlich auch um Macht und wir verbuchen diese Leute gerne irgendwie auf der „guten Seite der Macht“. Aber ihr Einfluss ist begrenzt. Es braucht doch (auch aus einer christlichen Sicht) die Menschen, die Verantwortung in der Gesetzgebung, in der Verwaltung, in der Wirtschaft und der Politik wahrnehmen. Wenn ich das Evangelium richtig lese, ist da auch kein Widerspruch. Jesus formuliert zum Thema „Macht“ offensichtlich eine wesentliche Bedingung: „Wer bei euch groß sein möchte, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ Das ist ein hoher Anspruch. Er formuliert eine klare Agenda für Führungskräfte: Macht gibt es nur zusammen mit Verantwortung. Leiten ist ein Dienst in der Gemeinschaft und an der Gemeinschaft. Wer es kann, soll führen und leiten, allerdings nicht zuerst zu seinem eigenen Vorteil, sondern zum Vorteil derer, für die er zuständig ist. Der Unmut an der Macht formuliert sich doch genau dort, wo ich den Eindruck habe, dass jemand seine Macht hauptsächlich für sein eigenes Wohl einsetzt. Je höher das Amt und je größer die Zuständigkeit ist, desto schwieriger wird es, einen Ausgleich der Interessen hinzubekommen. Es ist unvermeidlich, dass nicht immer alle zufrieden sind. Wer dauerhaft unzufrieden ist, soll sich selbst einbringen und seine Interessen vertreten. Das ist doch ein Grundzug der Demokratie. Es ist leicht, die Mächtigen zu kritisieren, aber es ist schwer, es selbst besser zu machen.

Ich vermute, dass Sie in ihrem Leben nicht nur schlechte, sondern auch gute Erfahrungen mit „den Mächtigen“ gemacht haben. Denken Sie an ihre Eltern, an ihre Lehrer, an gute Vorgesetzte, an hilfreiche Mitarbeiter der Verwaltung, an vorbildliche Politiker. Sie werden es geschafft haben, sich in ihrer Erinnerung zu bewahren, weil sie den Dienstcharakter ihrer Macht ernst genommen haben, weil sie ihre Macht gebraucht haben, um sie im Leben weiterzubringen, ihnen Möglichkeiten zur Entfaltung zu verschaffen, sich um ihre Anliegen gekümmert haben, sie inspiriert und gefördert haben, weil sie nicht autoritativ sondern verständnisvoll in ihren Entscheidungen gewesen sind. Genau diese Menschen brauchen wir doch auch für unsere Zeit.

Der Weg Jesu geht vom Dienen bis hin zur Selbstentäußerung und zum Tod für die Seinen. Dieser Weg ist für die meisten von uns zu schwer. „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? – Die Frage nach der totalen Hingabe wird von ihm nicht ohne Grund gestellt. Wie weit der Weg des Dienens für Sie oder für mich geht, muss sich mit der Zeit erweisen, aber zu versuchen, auf diesem Weg unterwegs zu sein, wird von ihm zurecht gefordert.

Der Text ist die leicht überarbeite Fassung einer Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis 2018

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