Was Jesus heute tun würde… Teil 2

Ist jede Deutung des Evangeliums nur relativ? Wissen wir eigentlich gar nicht verbindlich, was das Evangelium sagen möchte? Ganz so einfach ist es nicht. Der klassische katholische Weg wäre, sich der Tradition anzuvertrauen, also zu akzeptieren, dass die verbindliche Auslegung des Glaubens eben nur in der großen Gemeinschaft der Kirche über die Jahrhunderte hinweg erfolgt und vom päpstlichen Lehramt im Zweifelsfall verbindlich gemacht werden kann. Darauf lässt sich einwenden, dass auch die Tradition selbst immer wieder interpretiert werden muss. Sie ist häufig vielstimmiger, als es manchmal von außen erscheinen mag. Das II. Vatikanische Konzil zum Beispiel berücksichtigte Erkenntnisse der damals aktuellen Bibelforschung und öffnete bewusst den reichen Schatz der Kirchenväter (also der frühen Theologen), aus dem es unterschiedlichste Fundstücke hervorholte. Die Tradition wurde also befragt, aber auf eine neue Richtung hin geöffnet. Das lässt sich im Falle des Konzils an vielen Beispielen belegen. Der Gegenentwurf zum Traditions-Modell ist das charismatische Modell. Hier geht es um den Einzelnen, der aufgrund seines Glaubens durch den Heiligen Geist zum eigenständigen Ausleger der Bibel wird. Es gibt keine Tradition, sondern ein spontane, jeweils neue Bibelauslegung. Jeder kann also so nach bestem Wissen und Bemühen, vor allem aber durch gläubige Reflexion im Gebet die Botschaft des Evangeliums jeweils neu verkünden. Das ist der Weg, wie die Bibelauslegung in einigen freikirchlichen Gemeinschaften praktiziert wird. Einzelne Prediger oder Pastoren stellen ihre Auslegung der Gemeinde vor und versuchen, diese durch die Predigt davon zu überzeugen. Wenn man diese Personen für glaubhaft und inspiriert hält, erkennt man sie als religiöse Autoritäten an (sonst wechselt man halt die Gemeinde). Wenn man ein solches Verständnis der Bibelauslegung für richtig hält, nimmt man allerdings auch den dazugehörigen Personenkult in Kauf. Der amerikanische Fernsehprediger ist für seine Anhänger die entscheidende religiöse Autorität. Seine Rede ist wahr, weil sie als inspiriert anerkannt wird. Je nach eigenem religiösen und gesellschaftlichen Empfinden gibt es den jeweils richtigen Prediger für mich. Das charismatische Modell bringt eine Vielfalt unterschiedlichster Auslegungen, zwischen denen ich mich entscheiden kann, oder eben auch die Möglichkeit, selbst als Ausleger der Bibel aufzutreten. Deshalb ist es im charismatischen Modell auch denkbar, dass Lehren verkündet werden wie: „Das Ende der Welt steht kurz bevor“, „Donald Trump ist ein Prophet“, „Wir brauchen einen heiligen Krieg gegen den Islam“ oder „Corona ist ein Zeichen für dämonische Besessenheit“. Solche Botschaften werden dabei biblisch begründet. Auch wenn wir solche Auslegungen der Bibel für falsch oder schädlich halten: Es gibt keine religiöse Instanz, die einen Prediger davon zurückhalten kann, solche Dinge zu sagen. Die höchste Instanz in religiösen Fragen ist er selbst.

„Was würde Jesus tun?“ -Lässt sich diese Frage also überhaupt beantworten? Wer jetzt den Eindruck gewonnen hat, die Auslegung des Evangeliums sei willkürlich oder eine rein persönliche Sache, den kann ich beruhigen: Ganz hilflos sind wir natürlich nicht. Was ich bislang deutlich machen wollte: Wir lesen die Bibel nie voraussetzungslos, sondern explizit oder implizit immer in einer gewissen Auslegungstradition. Schon die biblischen Texte selbst sind Zeugnisse von Auslegungstraditionen. Die Auslegung der Bibel ist zudem nie unabhängig vom aktuellen zeitlichen und persönlichen Kontext. Wir deuten sie immer vor dem Hintergrund unserer eigenen Fragen. Dies kann gemeinschaftlich im Bemühen um einen kirchlichen Konsens geschehen oder frei-charismatisch. Einzelne Sätze der Evangelien sind dabei als Einzelaussagen oft keine verlässliche Basis – einmal aus historischen Gründen, die mit der komplizierten Textgeschichte der Bibel zu tun haben, dann aber auch aus Gründen der Verlässlichkeit. Wer die Evangelien liest, hat den Eindruck, dass dort Widersprüchlichkeiten zu finden sind. Bibelzitate können durch andere Bibelzitate widerlegt werden. Einzelaussagen müssen daher im Kontext, also im Gesamt der biblischen Theologie gelesen werden. Die Bibel selbst gibt schon die besten Hinweise darauf, welche Lesart ihrer Schriften sinnvoll ist und welche nicht. Es lassen sich in der Schrift theologische Grundlinien finden, die einer willkürlichen Auslegung der Schrift zuvorkommen. So wird man zum Beispiel davon ausgehen können, dass die Aussage „Gott ist gut“ einen solchen Grundkonsens aller Schriften darstellt, auch wenn es einzelne Stellen gibt, in denen die Leserin oder der Leser an einer solchen Aussage durchaus Zweifel haben kann. Ein weiterer Grundzug ist „Gott möchte die Erlösung der Welt“ – will die Welt also zum Guten führen. „Gott schließt einen Bund mit seinem Volk“ – er geht in Treue seinen Weg mit Israel (später erweitert auch durch die außerisraelischen Gemeinden der Gläubigen).

Auch die Evangelien folgen bestimmten Ideen und Einsichten, die aus der Schrift heraus kaum widerlegt werden können. Die Darstellung der Verkündigung und des Wirkens Jesu sind von Grundlinien durchzogen. Die Frage „Was würde Jesus tun?“ ist im Rahmen solcher Grundlinien beantwortbar, vielleicht nicht für jeden Einzelfall, aber doch immer in einer bestimmten Richtung oder Tendenz. Im Folgenden möchte ich ein paar Einsichten weitergeben, die in der Bibelforschung der letzten Jahrzehnte weitgehend unbestritten sind.[1] Dies geschieht natürlich auch hier mit dem Hinweis darauf, dass zukünftige Bibelforscher vielleicht wieder andere Schwerpunkte setzen werden.

Nähert man sich der historischen Gestalt Jesus von Nazareth, ist vor allem ein Faktum von besonderer Bedeutung: Jesus war Jude. Seine Lehre und seine Geschichte stehen in der Tradition Israels. Die Evangelien, besonders die sogenannten synoptischen Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas betonen diesen Zusammenhang, auch wenn ihre Reichweite bereits über die jüdischen Gemeinden zu den sogenannten Heidenchristen hinausreicht. Das Lukasevangelium spricht in den Auferstehungsberichten (Lk 24) davon, dass der auferstandene Jesus den Jüngern den „Sinn der Schrift erschloss“. Sein Leben wird also auf das engste mit der jüdischen Glaubenstradition verknüpft. In der modernen Bibelwissenschaft ist es daher heute üblich, Jesus als Menschen seiner Zeit, als Jude in Israel in der Zeit um das Jahr 30 nach christlicher Zeitrechnung zu verstehen. In der Tat ist es kaum möglich, die Evangelien richtig zu deuten, ohne die latenten Bezüge auf die jüdische heilige Schrift, den sogenannten „Tenach“ (Thora = die fünf Bücher Mose, die Geschichtsbücher und Weisheitsschriften, sowie die Prophetenbücher) zu verstehen. Dabei geht es um mehr als um die Idee, dass sich in Jesus die alten Verheißungen erfüllt haben, also, dass z.B. der Kreuzestod auf das vierte Gottesknechtslied (Jes 52/53) verweist. Vielmehr kann auch Jesu Leben und Verkündigung als Ausdruck und Auslegung des jüdischen Glaubens verstanden werden. Für einige Ausleger tritt Jesus als jüdischer Gesetzeslehrer (Rabbi) auf, bzw. wird von den Evangelien so dargestellt. Dazu passt, dass er offenbar darauf besteht, dass vom Gesetz (also den in den fünf Büchern Mose dargelegten Rechtsvorschriften) nicht ein einziger Buchstabe verändert werden darf (Mt 5,18). Jesus stellt sich damit in die Tradition der jüdischen Lehre, wenn er ihr auch eine besondere Auslegung zuteil werden lässt.

Doch bevor wir uns mit der Auslegung des Gesetzes beschäftigen, gehen wir noch einen Schritt zurück. Alle Evangelien lassen das öffentliche Wirken Jesu mit Johannes dem Täufer beginnen. Dieser wird in die Tradition der jüdischen Propheten gestellt. Er gleicht äußerlich dem Propheten Elija, tritt in der Wüste am Jordan auf, an dem Ort, an dem Elija in den Himmel erhoben wurde (2Kön 2) und ruft das Kommen der Endzeit aus. Nach jüdischer Tradition war das Wiederkommen Elijas Vorbote für das Erscheinen des endzeitlichen Messias, also des von Gott gesandten Königs für Israel, der Gottes endgültigen Sieg über die Feinde herbeiführen würde und alle Völker im Bekenntnis des einen Gottes Israel einigen würde. In der Tat weist Johannes auf das Kommen des Messias hin. Er kritisiert zugleich den damals herrschenden Vasallenkönig Herodes, der wegen seiner Herkunft als illegitimer König galt. Johannes verkündet also das Gericht und die Endzeit. Jetzt, so seine Botschaft, ist noch einmal Gelegenheit sich zu bekehren um dem Gericht Gottes zu entkommen – ebenfalls ein klassisches Prophetenmotiv, z.B. im Buch Jona. Die Taufe, also die Waschung, ist ein symbolischer Akt der Reinigung, die zugleich eine innere Reinigung von den Sünden ausdrücken soll. Als Johannes von Herodes ins Gefängnis geworfen wird, beginnt Jesus seine Mission. In gewisser Weise setzt er die Sammlungsbewegung des Johannes fort. Zumindest ist vor der Welt noch nicht klar geworden, dass Jesus dieser Messias ist (wie bei der Taufe im Jordan bereits angedeutet wird). Am Beginn der Verkündigung Jesu steht der Ruf: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mt 4,17). Mit dem „Himmelreich“ ist die Vollendung und Erlösung der Welt gemeint. Der Theologe Walter Kasper deutet eigentlich das ganze Wirken Jesu auf diesen Auftrag hin. Die Zeichen des Himmelreiches (oder des „Reiches Gottes“) sind Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit, Heilung und der Sieg über das Böse. Daher können die Taten Jesu, etwa die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen als Hinweise auf das Kommen des Reiches gesehen werden. In Jesus ist das Reich Gottes „schon mitten unter euch“ (Lk 17,21). Es ist noch unscheinbar, wie Senfkorn, das aber wachsen und gedeihen soll (Mk 4,30ff.). Die entscheidende Frage ist nun, ob die Menschen Jesu Botschaft annehmen, also zum Glauben finden, oder ihn ablehnen. Hier eröffnet sich also die einmalige Chance, am Reich Gottes teilzuhaben. Das Johannesevangelium spitzt diese Entscheidungssituation noch zu. In ihm geht es weniger um das Reich Gottes als um den Glauben an Jesus als Gottes Sohn. Wer zu diesem Glauben kommt, wird gerettet, die anderen bleiben im Dunkel. Die Taten Jesu sind im vierten Evangelium Zeichen für diese Gottessohnschaft. Wer Jesus begegnet, der begegnet Gott selbst. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30).

Die Vorstellung vom „Reich Gottes“, verstanden als vollendetes Volk Israel, zu dem auch die Heiden irgendwann hinzutreten (Jes 60) und die Idee des Messias als „Gottessohn“, dem endzeitlichen König, gehören fest in das jüdische Glaubensgut. Die Behauptung der Evangelien ist, dass sich diese Prophezeiungen in Jesus erfüllen. Die Evangelien können also auf diese Verheißungen hin gelesen werden. Der Neutestamentler Gerhard Lohfink sieht die Sendung Jesu daher als eine Sammlungsbewegung zur Wiederherstellung des Volkes Israels. Es wird von Neuem geeint und soll schließlich vollendet werden. Die zwölf Apostel erinnern daher an die zwölf Stämme Israels. Die Hinwendung Jesu zu den Sündern lässt sich in diesem Denken ebenfalls in diese theologische Linie einordnen. Es geht Jesus darum, nach dem Beispiel des Hirten die verlorenen Schafe zu suchen und zur Herde zurückzubringen (Lk 15). Jesus handelt hier nicht nur aus reiner Menschenliebe (das sicher auch). Bei vielen Heilungen spielt die Frage des Glaubens eine große Rolle. Der blinde Bartimäus ruft Jesus als „Sohn Davids“, also als Messias an und wird geheilt. Jesus sagt ihm: „Dein Glaube hat dich gerettet“ (Mk 10). Man kann diesen Zusammenhang immer wieder finden. Jesus gibt also den Menschen am Rand der Gesellschaft, deren Schicksal im damaligen Denken häufig mit der Vorstellung von Sünde zusammenhing, die Gelegenheit, sich wieder neu in das Volk Israel einzugliedern. Man könnte vielleicht von einer „inklusiven Grundhaltung“ sprechen. Diese Inklusion zielt immer wieder auf den Glauben. Die Evangelien deuten aber eine langsame Entwicklung an. Eine Schlüsselstelle ist die Heilung der Tochter einer heidnischen Frau (Mt 15). Auf ihre Bitte antwortet ihr Jesus: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt worden.“ Es geht also zunächst nur um die Sammlung Israels. Als die Frau ihn weiter bittet, sagt er: „Frau, dein Glaube ist groß. Es soll geschehen, was du willst.“ Hier geschieht etwas vielleicht Unerwartetes. Offenbar ist auch für die Nichtjuden die Teilhabe am Wirken Gottes möglich. Entscheidend ist hier nicht mehr die Zugehörigkeit zu Israel, sondern allein der Glaube an Jesus. Die Mission Jesu bekommt so universale und damit endzeitliche Dimensionen. Die Sammlung Israels und die Bekehrung der Völker haben begonnen.

In dieser Grundlinie lassen sich auch die ethischen Weisungen Jesu verstehen. Zum endzeitlichen Erwartungskosmos Israels gehört die Sendung des Geistes. Er bewirkt die erneuerte Zugehörigkeit zum Volk Israel und zu Gott (Jes 44,3ff.) und eine Erneuerung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk (Jer 31). Die Gemeinschaft mit Gott ist zugleich an das Verständnis des Gesetzes geknüpft. Bei Ezechiel heißt es: „Ich gebe meinen Geist in euer Inneres und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Rechtsentscheide achtet und sie erfüllt“ (Ez 36,27). Es geht dabei nicht um ein äußeres, sondern ein verinnerlichtes Verständnis des Gesetzes. Hier liegt der Grundkonflikt, den Jesus mit den Pharisäern ausficht. Er bezichtigt diese Gesetzeslehrer, die auf eine möglichst wortgetreue Umsetzung der Gesetzestexte drängen, an verschiedenen Stellen der Heuchelei. In der großen „Wutrede“ Jesu über das Verhalten der Pharisäer (Mt 23) wirft er ihnen explizit vor, den Menschen den Zutritt zum Gottesreich zu verschließen. Durch ihre Gesetzesauslegung machen sie den Sündern die Rückkehr in die Gemeinschaft Israels unmöglich. Während die Pharisäer, so der Vorwurf, auf die äußerliche Einhaltung des Gesetzes achten, vernachlässigen sie, dem inneren Sinn des Gesetzes zu folgen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10) bringt Jesus diesen Vorwurf provokativ auf den Punkt. Am Anfang steht die Frage eines Gesetzeslehrers nach dem wichtigsten Gebot. Nachdem ein Konsens darüber hergestellt ist, das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe als wichtigstes Gebot des Gesetzes zu betrachten, erzählt Jesus sein Gleichnis: Ein Mann wird überfallen und liegt halbtot am Straßenrand. Ein Priester und ein Levit kommen vorbei. Sie dürfen sich, da sie auf dem Weg zum Tempeldienst sind, nicht unrein machen. Dies wäre bei der Berührung eines Toten der Fall. Sie gehen also weiter. Die beiden erfüllen das Gesetz dem Buchstaben nach. Die Reinheitsvorschriften für den Gottesdienst stehen bei ihnen an vorderster Stelle. Der Samariter (also Nicht-Israelit) erfüllt das Gesetz nach der Lesart Jesu intuitiv richtig, indem er der Sorge um den Nächsten den Vorrang gibt. Er hat, so die Pointe, obwohl er noch nicht einmal zu Israel gehört, mehr vom Gesetz verstanden als die, die vorbeigegangen sind. In diesen und ähnlichen Fragen geraten Jesus und die Pharisäer immer wieder aneinander. Ist es wichtiger, die Sabbatruhe einzuhalten oder trotz der Sabbatruhe einen Menschen zu heilen (Mt 12)? Es gibt für Jesus offenbar so etwas wie eine sinngemäße, intuitive Erfüllung des Gesetzes, welche der Dringlichkeit der Heilung, Erlösung, Vergebung und Rettung eines Menschen den Vorrang vor anderen Vorschriften einräumt. Für Jesus gibt es angesichts der nahenden Gottesherrschaft klare Prioritäten. Die intuitive Erfüllung des Gesetzes drückt sich in den sogenannten Werken der Barmherzigkeit (Mt 25) aus, aber auch in den vermeintlichen Gesetzesverschärfungen der Bergpredigt (Mt 5ff). Der Ehebruch, so ein Beispiel aus diesem Kontext, ist für Jesus nicht erst als ausgeführte Tat ein Verstoß gegen das Gesetz, sondern bereits im Gedanken an den Ehebruch. Wer das göttliche Gesetz wirklich verinnerlicht hat, so die Idee, wird bereits im Ansatz erkennen können, was gut und was falsch ist.

„Was würde Jesus heute tun“ – Die Antwort auf die Frage lässt sich leichter im Rückblick auf die eben angedeuteten Grundlinien des Auftrags und der Sendung Jesu beantworten. Sie sind von Papst Franziskus in den letzten Jahren immer wieder in ähnlicher Form herausgearbeitet worden, wenn er etwa von der Grundannahme der Barmherzigkeit Gottes spricht, davon, an die Ränder („zu den verlorenen Schafen“) zu gehen und von der Rangfolge der Wahrheiten. Papst Franziskus geht immer davon aus, dass das konkrete Leben konkrete ethische und moralische Antworten erfordert, die nicht immer im Einklang mit den geltenden Vorschriften stehen. Dabei gilt ähnlich wie für den Jesus des Evangeliums: Es geht zuerst um die Rettung und Erlösung der Menschen. Es geht immer um Entscheidungen zugunsten des Glaubens. Deshalb ermahnt der Papst die Seelsorger, in Zweifelsfällen klug zu unterscheiden. Wo es im Sinne der Evangelisierung oder auch in der Heilung bestimmter Seelennöte erforderlich ist, können mit Blick auf das Erlösungswerk Gottes, dem die Kirche als Instrument dient, Entscheidungen getroffen werden, die über beschriebene rechtliche Normen hinausgehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Normen außer Kraft gesetzt werde. Es ist nicht alles gleich richtig und gleich gut. Die Realität der Sünde und auch des Teufels (so der Papst an verschiedenen Stellen) ist da. Die Versuchungen sind vielfältig. Es geht darum, den Weg des Heiles zu suchen und die erforderlichen Spielräume zur Umkehr und zum Glauben offen zu halten. Es ist ein Weg zwischen Rigorismus und Beliebigkeit. Auch Jesus verändert nicht die Normen, sondern den Umgang mit den Normen. Und ein zweites Element ist wichtig: Es ist immer auch mit Zeichen des Heiles außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen zu rechnen. Es gibt eine intuitive Befolgung des göttlichen Willens auch außerhalb Israels, der Kirche oder der Religionen insgesamt. Mit diesem Grundansatz lässt sich, so meine ich, die konkrete Beurteilung ethischer Fragen sinnvoll bewältigen. Die Frage, „was Jesus heute tun würde“ ist nicht beliebig zu beantworten sondern maßgeblich aus der Haltung Jesu in den Evangelien.


[1] Ich beziehe mich hier u.a. auf Gerhard Lohfink, John P. Meier oder Walter Kasper.

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