Früchte

Die Familie Joad steht im Mittelpunkt eines Romans von John Steinbeck. Sie sind Farmer, also Bauern und betreiben im Osten der Vereinigten Staaten, in Oklahoma eine Landwirtschaft. In guten Jahren können sie vom Korn und von den Früchten, die sie ernten gut leben. Als aber eine Dürrezeit kommt, steht die Familie vor dem Aus. Ihr Pächter verlangt die Zahlung der Schulden. Mit der gesicherten Existenz ist es vorbei. Die Joads machen sich auf die Versprechungen eines Werbezettels hin auf die Reise in den Westen, nach Kalifornien. Dort, so wird ihnen versprochen, können sie als Erntehelfer viel Geld verdienen. Die Eltern, die Großeltern und ihre sechs Kinder machen sich auf den langen und beschwerlichen Weg. Die Großeltern sterben, zwei der Kinder verlassen den Treck. Doch die Situation wird immer schlimmer. In Kalifornien angekommen warten nicht Arbeit und guter Lohn auf sie, sondern Ausbeutung und Unterdrückung durch die dortigen Grundbesitzer. Gemeinsam mit Tausenden müssen sich die Mitglieder der Familie mit schlecht bezahlten Hilfsarbeiten herumschlagen, verlieren sich in einer Spirale von Armut, Hunger und Gewalt. Nur der älteste Sohn Tom schafft es, zu entkommen. Er verlässt die Familie und beginnt, sich für die Rechte der Landarbeiter zu engagieren. Aus seinem Schicksal ist ein Kampf für das Gute geworden.

„Früchte des Zorns“ hat John Steinbeck seinen Roman genannt. Der Titel ist tief symbolisch: Statt der guten Früchte, die die Familie ernähren und erhalten konnten, müssen sie schlechte Früchte ernten, die ihr gemeinsames Leben zerstören. Steinbeck, der übrigens sich selbst politisch für die Rechte der Armen und Ausgebeuteten seiner Zeit stark machte, wollte zeigen, wohin es führt, wenn Menschen in ein Lebensumfeld geraten, auf dem das Gute nicht mehr wachsen kann. Gute Früchte des Lebens brauchen Sicherheit, Zusammenhalt, Verlässlichkeit und Vertrauen. Wo einem Mensch dies genommen wird und er stattdessen mit Unsicherheit, Not, Druck, Misstrauen oder Gewalt konfrontiert ist, kann nichts Gutes mehr wachsen. Die Früchte des Zorns sind dann Verzweiflung, Entmutigung, Unbedachtsamkeit oder Gewalttätigkeit. Lediglich eine gute Frucht wird die Situation erbringen: Die Motivation, die Lage für alle wieder zu verbessern. Dies ist für Steinbeck vielleicht der einzige gute Weg aus der Misere.

Reiche Frucht und gute Frucht bringen – damit das gelingt, formuliert Jesus im Evangelium (Joh 15,1-8) eine Bedingung. Er sagt: „Ihr müsst in mir bleiben. Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ Er vergleicht sich mit einem Weinstock, der Rebzweige hervorbringt, an denen dann später die Früchte wachsen können. Ohne den Weinstock können die Reben nicht sein. Und ohne den Weinstock können die Früchte nicht wachsen. In Jesus, so sagt er es, sind die Bedingungen für ein gutes Leben bereits gegeben. Alles das, was ein gutes Leben, ein Leben in Fülle ermöglichen kann, kommt durch ihn zu den Jüngern. Das Vertrauen Gottes in uns Menschen, die Versöhnung und Zuwendung, der Schutz und Beistand, das Zutrauen, das uns durch ihn geschenkt wird, die Begleitung und Führung des Lebens. In dieser Umgebung, kann das Leben gedeihen und Frucht bringen.

Papst Franziskus hat diesen Gedanken beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro 2015 den Jugendlichen auf ihren Lebensweg mitgegeben. Er ermutigte sie zu einem Leben, das mit Christus verbunden ist. Er sagte damals in seiner Predigt:

„ ‚Füg Christus hinzu‘, nimm Christus in dein Leben hinein und du wirst einen Freund finden, auf den du dich immer verlassen kannst. ‚Füg Christus hinzu‘  und du wirst die Flügel der Hoffnung wachsen sehen, um den Weg der Zukunft voll Freude zu beschreiten. ‚Füg Christus hinzu‘  und dein Leben wird voll von seiner Liebe sein, es wird ein Leben sein, das Frucht bringt. Denn wir alle sehnen uns danach, ein Leben zu haben, das Frucht bringt, ein Leben, welches Leben für andere klingt!“

Das sind große Worte, angesichts derer sich zwei Einwände erheben. Der erste ist: Ist diese Zuspitzung auf Jesus nicht übertrieben, schließlich gehört zu einem guten Leben doch noch viel mehr als der Glaube? Und der zweite: Was ist dann mit den Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben?

Auf den ersten Einwand kann man vielleicht folgendermaßen antworten: Das Evangelium reflektiert die Erfahrung der Jünger und vieler andere Menschen, die sehr intensiv aus dem Glauben und der Begegnung mit Jesus gelebt haben. Es ist richtig, dass für ein gutes Leben viele Dinge wichtig sind: Die Familie, die Erziehung, Frieden Sicherheit und Freundschaft, ein ausreichendes Einkommen, Gesundheit, ein Umgebung, in der ich mich wohlfühle und vieles mehr. Aber, und das scheint die Erfahrung der Gläubigen zu sein: Es gibt noch etwas, was darüber hinausgeht, eine noch vollkommenere Form von Sicherheit, Beziehung, Zuwendung und Geborgenheit, auf die ich auch dann verlassen kann, wenn alles andere nicht so gut läuft. So ist die Freundschaft mit Gott, die Freundschaft mit Jesus. Und noch etwas kommt hinzu: Bei dieser Freundschaft geht es nicht nur darum, dass es mir gut geht, sondern sie fordert mich dazu heraus, mich dafür einzusetzen, dass es auch anderen gut geht. Die Liebe Gottes und meine Antwort wird dann zur Nächstenliebe, die zu einer Gemeinschaft aller wachsen soll. Das eben meint, gute Früchte zu bringen.

Der zweite Einwand war: Wie ist es dann mit denen, die nicht an Jesus glauben? Diese Frage beantwortet sich jetzt quasi von selbst: Auch sie können ein gutes Leben erfüllen, durch all das, was ein solches Leben eben ermöglicht, auch wenn sie den letzten Bezug zu Gott nicht kennen oder kennen wollen und vielleicht auch nicht ahnen, was ihnen fehlt. Aber auch sie bringen gute Früchte hervor. Sind sie dann aber auf eine andere Weise nicht doch irgendwie mit der Quelle des Guten, mit dem wahren Weinstock verbunden.

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, heißt es an einer anderen Stelle in der Bibel (Mt 7,16). Der Satz stimmt. Wenn wir als Christen in unserer Zeit die Botschaft glaubhaft verkünden möchten, dann müssen die Früchte unserer Arbeit und unseres Glaubens dies auch zeigen. Es sind Früchte für das Wohl der ganzen Welt. Papst Franziskus macht das immer wieder deutlich: Kümmert euch in allen Teilen der Kirche nicht so sehr um euch selbst, sondern um das, was wirklich nötig ist: Geht raus in eure Familien und in eure Welt und zeigt die Liebe Gottes den Menschen. Schafft in euren Gemeinschaften und Gemeinden, in euren Einrichtungen und Institutionen gastfreundliche Orte, die von eurem Glauben erzählen und die Menschen, die zu euch kommen mit dem wahren Weinstock vertraut machen. Seid nicht zögerlich, euren Dienst der Welt anzubieten, auch, wenn ihr euch dabei schmutzig macht.

Es ist schwerfällig und häufig so unvollkommen, wie der Glaube gelebt wird, zu häufig in kleinen Zirkeln, in Gremien und Kreisen, von denen nichts nach außen dringt. Wir streiten uns manchmal um Fragen, für die sich außerhalb der Kirche niemand interessiert. Ist das alles, was wir der Welt an Früchten anzubieten haben? Wie sähe unsere Gemeinde aus, wenn sie sich der Fragen und Probleme unserer Umwelt annähme und Glaube, Hoffnung und Liebe dorthin tragen würde?

Der Ausblick ist hoffnungsvoll, im Roman von John Steinbeck – es gibt auch unter den schwersten Bedingungen gute Früchte zu ernten, unser Ausblick darf noch viel hoffnungsfroher sein: Es gibt schon so viele, die aus ihrem Glauben heraus leben und gute Früchte bringen. Es dürfen immer noch mehr sein. Jesus sagt es im Evangelium: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.“ Das ist eine gewaltige Herausforderung, aber zugleich eine große Verheißung, ein riesiges Vertrauen Gottes in uns, auf der unser Leben gedeihen kann.

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