Von wem ich mich empfange [Geistlicher Impuls zum 4. Adventssonntag]

Dass Weihnachten ein Familienfest ist, ist sicher kein Zufall. Zu sehr sind die Kindheitserzählungen Jesu mit dem Thema der Familie verbunden. Lukas erzählt parallel zur Geschichte Jesu die Begebenheiten aus der verwandten Familie des Johannes. Matthäus beginnt sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu und verankert ihn so in der Heilsgeschichte Israels in einer großen Linie, die von Adam über Abraham und David bis hin zu Maria und Josef. Diese Geschichte berichtete das wundersame Zusammenwirken von göttlicher Fügung und menschlichem Beitrag. Jesus ist damit in der Sicht der Evangelisten nicht eine zufällig auftretende Person sondern von Anfang an Teil Israels und damit Teil der Geschichte zur Rettung und Erlösung der Menschen. Nun sind die Evangelien ja erst in der zweiten Generation nach Jesus verfasst worden. Der heilsgeschichtliche Zusammenhang, die Besonderheit der Herkunft Christi gehört allerdings bereits von Beginn an zu den Überzeugungen der ersten Christen. So schreibt Paulus zu Beginn des Römerbriefes:

„Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkündigen, das er durch seine Propheten im voraus verheißen hat in den heiligen Schriften: das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen; zu ihnen gehört auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid. An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ (Röm 1,1-7)

Paulus erinnert an die Verheißungen der Propheten, die seiner Überzeugung nach in Christus erfüllt worden. Er erzählt auch, dass Jesus ein Nachkomme Davids ist (und damit genealogisch in der Königslinie, aus der der Messias kommen soll). Gleichzeitig verweist er auf den göttlichen Beitrag: Der im Fleisch, also nach Menschenart geborene Jesus ist der durch den Geist, also nach göttlicher Art eingesetzte Sohn und Retter der Menschen.

Die Frage der Herkunft ist also keineswegs unwichtig. Sie gehört wahrscheinlich zu den zentralen Fragen jedes Menschen. Von wem habe ich mich empfangen? Wer ist für mein Dasein verantwortlich? Wer hat meine Persönlichkeit geprägt? Wem verdanke ich meinen Lebensweg? Der Rückblick führt unvermeidlich in die Familie, sei es die leibliche oder die Familie, die sich auf meinem Lebensweg ergeben hat. Das Familienfest „Weihnachten“ ist immer auch eine Rückversicherung. An welche Menschen habe ich mich gebunden, an welche Gemeinschaft bin ich zurückgebunden? Weihnachten ist so für viele Menschen ein Fest des Erinnerns und Vertiefens, vielleicht auch der Rückversicherung meiner eigenen Wurzeln. Dies gilt für die freudigen, wie auch die traurigen Dinge meiner Geschichte. Nicht umsonst vertieft sich bei Trauerenden das Gefühl des Verlustes oft gerade zu diesem Fest, nicht umsonst werden gerade hier die Erinnerungen an vergangene Zeiten wieder aufgefrischt. Damit gewinnt Weihnachten für viele auch etwas Bedrohliches, die fürchten, dass alte Verletzungen neu aufbrechen können.    

Von wem habe ich mich empfangen? Wie bei Jesus auch ist diese Frage wahrscheinlich nie ganz aus der menschlichen Perspektive zu beantworten sein. Jedes Leben kennt ungeahnte Sprünge und Entwicklungen, zum Guten, wie zu Schlechten. Einer, der am Ende seines Lebens mit großer Dankbarkeit auf seinen nicht gerade einfachen Lebensweg zurückschaute, war der Heilige Augustinus. In seinen „Bekenntnissen“, einer Art Biografie, beginnt er mit einem Dankgebet an Gott. Hierin sagt er:

„Ich wäre also nicht, mein Gott, wäre in keiner Weise, wenn Du nicht in mir wärst. Oder besser: Ich wäre nicht, wenn ich nicht in Dir wäre ‚aus dem alles, durch den alles, in dem alles besteht‘“[1]

Augustinus, der daraufhin sein ganzes Leben vom Säugling bis zum Greis bedenkt, sieht dieses Leben als ein Resultat des Zusammenwirkens von Gott und Mensch. Gottes Geist, seine Gnade unterfängt ihn in den tiefsten Stunden und weiß im Letzten alles wieder zum Guten zu wenden. Selbst in den tiefsten Verirrungen erkennt Augustinus im Rückblick, wie die Gnade verborgen gewirkt hat. Dank dieser Zuwendung war es ihm möglich, sein Leben zu entwickeln und zu entdecken. Der göttliche Beitrag nimmt ihm nicht die Freiheit, sondern öffnet ihm geduldig immer wieder die Möglichkeit zur Erneuerung und zur Umkehr.

Jetzt am Ende des Advents kann ich meine persönliche Vorbereitung auf das Weihnachtsfest vielleicht mit diesem Gedanken/Gedenken beginnen. Von wem habe ich mich empfangen? Bevor das Fest seinen Lauf nimmt wäre eine Gelegenheit, die eigenen Antworten auf diese Frage in das Gebet zu bringen. Dies kann ein Dank ein Gott sein. Oder es entsteht eine Danksagung und Fürbitte für die Menschen, deren Liebe mich getragen hat, zugleich auch das Gebet für die Verstorbenen und vielleicht die Bitte um Vergebung und Verzeihung für mich selbst und andere, deren Spuren in meinem Lebensweg mich negativ geprägt haben. Die Frage nach der Vergangenheit gibt mir Antwort auf die Gegenwart. Die Freude und die Last der Vergangenheit dürfen mich nicht darin hindern, die Gelegenheit zum Guten, geistlich, das Angebot der Gnade zu ergreifen. Gott gibt immer die Möglichkeit zum Guten.

Die Heilgeschichte ist voller solcher Sprünge, die aus Gottes Initiative und menschlicher Einwilligung entstehen. Einen ganz großen Sprung, die Menschwerdung Gottes feiern wir an Weihnachten. Es ist ein Freudensprung.


[1] Augustinus, Bekenntnisse, übersetzt von H.U. von Balthasar, Einsiedeln 1994, 32.

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