Immer dasselbe [Predigt zum Weihnachtsfest]

Irgendwann, an einem Heiligen Abend in der Familie riss einem der Feiernden der Geduldsfaden. „Muss das alles so sein?“ fragte er. Wir schauten ihn fragend an. „Muss das alles so sein? Jedes Jahr an Weihnachten das Gleiche. Wir gehen in die Kirche, essen Ente mit Rotkohl, singen Weihnachtslieder und packen dann die Geschenke aus, sitzen ein paar Stunden zusammen und gehen dann ins Bett. Können wir daran nicht mal etwas ändern?“ Diese Anfrage weckte die anderen aus der Weihnachtsroutine. „Was willst du denn anders machen?“ „Das weiß ich auch nicht, aber wir könnten doch mal überlegen. Vielleicht fahren wir Weihnachten mal weg, oder wir schenken uns nichts oder wir essen wenigstens einmal etwas anderes?“ Es war ein kurzes Aufbegehren. Im nächsten Jahr war alles wieder wie immer.

Kennen Sie das auch? Bei den meisten hat Weihnachten ja einen festen Rhythmus, feste Traditionen und Abläufe. In gewisser Weise ist das auch beruhigend. Wenn sich schon alles verändert – wenigstens Weihnachten vermittelt uns das Gefühl von Beständigkeit. Die einen sagen, das sei auch gut so, weil Rituale unserem Leben Verlässlichkeit geben. Die anderen sagen, es sei schlecht, weil sich so nichts Neues entwickeln lasse. Das ist nicht nur eine Frage des heutigen Festes. Mein ganzes Leben verläuft in der Regel in festen Abläufen und Routinen, angefangen vom täglichen Zähneputzen, vom Arbeitsalltag, von wiederkehrenden wöchentlichen Terminen in der Gemeinde oder im Verein zu jährlichen Besuchen bei Freunden, Feiern und Festen und schließlich auch Weihnachten. Die einen finden das gut, weil es ihrem Leben Sicherheit und Beständigkeit gibt, die anderen langweilen sich und versuchen, die Routinen bewusst zu unterbrechen – öfter mal was Neues machen, sich verändern, rauskommen, sich neu erfinden. Aber auch dabei gibt es erstaunlich wenig Originelles. Unsere Zeit hat es verstanden, selbst das Abenteuer zu ritualisieren und abzusichern. In Zeiten, in denen die Abenteurer bei der Weltreise, beim Work-and-travel in Neuseeland, beim Bungee-Jump, beim Marathonlauf oder in kreativen Malkursen sich mit zig Gleichgesinnten auseinandersetzen müssen, ist auch das Abenteuer von einst längst Produkt einer formalisierten und ritualisierten Freizeit-Industrie geworden. Das einmal Besondere ist nicht mehr selten. Auch hier sind die Routinen längst eingezogen. Immer dasselbe. Sollten wir nicht einmal etwas anders machen?

1881 wanderte der damals noch recht unbekannte Philosoph Friedrich Nietzsche durch die Schweizer Alpen. Wegen seiner chronischen Kopfschmerzen war er Zeit seines Lebens auf der Suche nach Orten, an denen ihm das Klima nicht zu schaffen machte. Im Schweizer Engadin hatte er einen solchen Ort gefunden. Es dürfte sein seltenes körperliches Wohlbefinden genauso wie das schöne Bergwelt gewesen sein, die ihn zum Nachdenken und Schreiben anregten. Im Ort Sils Maria ereilte ihn ein Geistesblitz, eine Inspiration, die er später als seinen „schwersten Gedanken“ bezeichnen würde. Ihm war eine Einsicht gekommen, aus der er das Wesen aller Dinge meinte erkannt zu haben. Dieser Gedanke war „die ewige Wiederkehr der Dinge“. Nietzsche sah Mensch und Natur in einem Kreislauf gefangen. Die Geschichte entwickelte sich gar nicht nach vorne, es gab im Grunde keine Veränderungen, sondern alles kehrte irgendwann wieder. Und Nietzsche erdachte einen Ausweg aus diesem Dilemma. Wenn der Mensch nicht in diesem ewigen Kreislauf gefangen sein möchte, dann muss er diesen Kreislauf enttarnen. Er muss zu einem wissenden Menschen werden, der souverän über den Dingen steht. Nur ein solcher Übermensch, der diese tiefe Erkenntnis hat, kann sich über das Treiben der Welt erheben. Nur wer selbst in gewisser Weise weltlos werden kann und über den Dingen schwebt, ist wirklich frei und weise. Nur so kann er seiner scheinbar sinnlosen Existenz noch einen Sinn geben. Die Antwort auf „Immer dasselbe“ ist also nicht „Öfter mal was Neues“ sondern für Nietzsche eine Weltflucht, ein gedanklicher Höhenflug verbunden mit einer Verachtung für die Welt und ihr Treiben.

Gibt es dazu eine Alternative? Mir fiel ein Film ein, der eine ähnliche Geschichte erzählt. In „Passengers“ geht es um eine Reise. Ein Raumschiff ist von der Erde aufgebrochen, um Passagiere zu einem fernen Planeten zu bringen. Die Reise dauert 90 Jahre. Deshalb wurden die Reisenden in einen Hyperschlaf versetzt, der ihr Altern in dieser Zeit aufhält. Ein Gruppe von Weltflüchtigen auf dem Weg zu neuen Horizonten. Aber dann geschieht ein Missgeschick. Das Raumschiff rammt kurz nach dem Abflug einen Asteroiden und verursacht einen Fehler im Computersystem. Ein Passagier, Jim Preston, wird aus dem Hyperschlaf geweckt. Ein Weg zurück in den Schlaf ist nicht möglich. Jim wird die nächsten 90 Jahre, also sein ganzes verbleibendes Leben als einzig Wacher auf dem vollautomatischen Raumschiff verbringen müssen. Das Schiff bietet alle Annehmlichkeiten, Verpflegung, Sportmöglichkeiten, Lounges. Jims einziger Gesprächspartner allerdings ist ein Roboter, der als Barkeeper fungiert und Jim jeden Tag mit den gleichen Sprüchen unterhält. Die Wiederkehr des Gleichen ins Extrem gesteigert – gibt es einen Ausweg? Nach mehreren Monaten allein, in denen sich Jim schon fast das Leben nehmen wollte, begeht er eine unglaubliche Tat. Er findet unter den Schlafenden eine attraktive Frau, Aurora, und erweckt sie aus dem Hyperschlaf. Das kommt auf den ersten Blick einem Mord gleich. Auch Aurora wird das Raumschiff nun nicht mehr lebend verlassen können. Der Film zeigt die Auseinandersetzungen und Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Aber dann geschieht etwas Weiteres. Jim und Aurora verlieben sich ineinander. Am Schluss zeigt der Film die Pointe. Als das Raumschiff kurz vor der Landung ist, werden die anderen Passagiere geweckt. Sie finden eine Nachricht von Aurora und Jim und ein Raumschiff, das sich auf wundersame Weise verändert hat. Die beiden Reisenden haben ihre Lebenszeit dazu investiert, aus dem Raumschiff einen blühenden Garten zu machen. Aus der kalten Technik-Welt ist ein Paradies geworden – gebaut aus Liebe, ein Zeugnis derer, die vor den anderen da waren.

Es gibt Menschen, die stellen sich Gott so vor, als würde er ungerührt über der Geschichte thronen, so wie der Übermensch. Wer ihn so denkt, liegt falsch. Die Welt und ihre Geschichte bleiben von ihm nicht unberührt. Weihnachten ist der Augenblick, in dem Gott sein Dasein unauslöschbar in sie einprägt. Die Geburt Jesu ist ein Wendepunkt der Geschichte. Sie ist nicht in einem ewigen Kreislauf gefangen sondern birgt das Potential zu Erneuerung und zum Wandel. Es ist eine Erneuerung die aus der Liebe geschieht. Wer hat schon einmal einen anderen Menschen in tiefster Freude umarmt? Wer hat schon einmal ein kleines Kind in den Schlaf gewiegt? Wer hat mit einem guten Freund Tiefen und Höhen durchschritten? Wer hat schon einmal voll Schmerz einen geliebten Menschen in den Tod heimgehen sehen? Wer ist schon einmal von Gottes Gnade angerührt und umfangen worden? Wer das erlebt hat, für den bleibt die Welt doch nicht dieselbe wie vorher! Wer die Liebe als Kraft, die alles verändert, kennengelernt hat, der hat Mut und Hoffnung für sein Leben und für die Welt. Es bleibt nicht alles gleich, sondern es gewinnt an Tiefe, an Wirklichkeit, an Substanz. Wer aus der Liebe lebt, wird einen Fußabdruck des Guten und der Hoffnung in diese Welt setzen.

Wie ist es also mit dem Weihnachtsfest? Immer dasselbe? Im Äußeren vielleicht schon. Im Inneren aber bleibt das Fest eine Erinnerung und Verlebendigung dieser Möglichkeit der Liebe, der Hoffnung, des Guten. Diese Möglichkeit will in unserer Zeit und in meinem Leben in die Tat umgesetzt werden. Wo das geschieht, ereignet sich Weihnachten, als Neugeburt des Lebens und der Hoffnung. Betlehem ist hier unter uns. Mit Blick auf das Kind soll das Gute Wirklichkeit werden aus menschlicher Kraft und göttlicher Gnade. Die Geschichte bleibt sich nicht gleich, sondern möchte immer wieder den Zeitpunkt gegenwärtig setzen, den die Engel besingen: „Ehre Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.“

Ein Kommentar zu „Immer dasselbe [Predigt zum Weihnachtsfest]

  1. Eine sehr gelungene Weihachtspredigt, an der mir der Bezug zu Nietzsche am besten gefiel. „Und dem Glauben hatte im Grunde das ganze Leben des Verneiners gedient…indem es erwies, dass ein Leben ohne den Glauben nicht möglich ist, machte es wieder Raum für den Glauben.“ So schrieb Reinhold Schneider schon 1935. Vielleicht sind die tief existentiell Schürfenden und Fragenden jene, die deshalb den Raum des Glaubens ‚freikämpfen‘, weil sie alle (scheinbaren) Plausibilitäten nachhaltig irritieren und dadurch den Abgrund freilegen, den nur der auszufüllen vermag, „den alle Gott nennen“ (Augustin). Es sollte im Kirchenjahr einen Gedenktag für alle Religionskritiker geben. Danke für diesen guten weihnachtlichen Impuls am Heiligen Abend sagt Rudi Hubert

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