Langmut [Geistlicher Impuls zum 3. Adventssonntag]

Die Adventszeit kennt mit dem Adventskalender und dem Adventskranz zwei außergewöhnliche Zählinstrumente, um die verrinnende Zeit bis zum Weihnachtsfest symbolisch darzustellen. Gerade bei Kindern steigert sich die Vorfreude häufig gepaart mit einer gewissen Unruhe. Wann ist es soweit? In meiner eigenen Erinnerung dehnte sich die Zeit gerade vor dem Fest ins scheinbar Unendliche. Dies steigerte sich am Heiligabend dazu, dass ich versuchte, die einzelnen Stunden zu zählen und abzuwarten – eine quälende Angelegenheit. Der Heilige Abend wollte und wollte einfach nicht kommen. Dies mag der Grund sein, warum die zweite Lesung des dritten Adventssonntags die Ermahnung zur Geduld ausspricht:

„Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. Klagt nicht übereinander, Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet. Seht, der Richter steht schon vor der Tür. Brüder, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben.“ (Jak 5, 7-10)

In diesem Text aus dem Jakobusbrief ist deutlich zu spüren, wie sich der Verfasser genötigt fühlt, auf die Ungeduld der Christen zu reagieren. Wann ist es soweit? Wann können wir mit dem Erscheinen Christi rechnen? Wann ist das Reich Gottes da? Der Autor nimmt ein Bild aus der Landwirtschaft: Gesät wurde bereits. Jetzt heißt es, auf das Wachsen zu warten. Es wird eine lange Zeit brauchen. Und es wird eine Menge Geduld brauchen.

Wir leben in der Regel nicht in sehr geduldigen Zeiten. Es ist ein Zeichen des Fortschritts, wenn ich möglichst viele Dinge jetzt gleich haben kann. Von der Ungeduld profitieren Unternehmen, die einen schnellen und unkomplizierten Service versprechen, eine 24-Stunden-Hotline, eine Express-Lieferung, ein on-demand-Angebot, oder eine schnelle Information, die mich davon befreit, mit der Beantwortung einer Frage so lange warten zu müssen, bis ein Experte oder ein Lexikon in der Stadtbücherei meine Neugier befrieden können. Die Geduld wird immer weniger gefragt, dabei ist sie doch so notwendig.

Ein altes Wort für „Geduld“ ist „Langmut“. Es gehört zu den vergessenen Wörtern, drückt aber meiner Meinung nach noch besser aus, worum es geht. Während „Geduld“ eher als „Aushalten eines Wartezustands“ verstanden wird, sagt die Langmut etwas über die Haltung des Menschen. Es geht den Langmütigen darum, im Anstreben eines Zieles nicht die Hoffnung zu verlieren. Sie haben sich ihren „Mut“ über eine lange Zeit bewahrt. Sie sind nicht unverzagt. Ich habe erfahren, dass die Langmut gerade in Konflikten wichtig ist. Viele Dinge brauchen Zeit, um sich zu entspannen. Wer im Konflikt ungeduldig wird und Dinge durch ein Machtwort aus der Welt schaffen möchte, zieht dabei häufig den Kürzeren. Beziehungen werden auf diese Weise nachhaltig gestört, der beiderseitige Schaden vergrößert. Die Folge der Ungeduld ist häufig die Lösung eines Konfliktes durch das Schlagen einer klaffenden Wunde. Stärker ist es, den Mut nicht zu verlieren und langfristig eine gute Lösung zu verfolgen, auch wenn ich selbst dabei viel Toleranz aufbringen muss, Zeit verliere und Abstriche in meinen Vorstellungen vornehme.

Die Bibel berichtet immer einmal wieder von der Langmut Gottes. Er sieht durch die Heilsgeschichte seinen Plan zur Versöhnung und Bekehrung aller Menschen immer wieder scheitern. In der Geschichte des Jona beweist er einen langen Atem und nimmt sein eigenes Strafurteil wieder zurück. Der Heilige Cyprian von Karthago (er lebte im dritten Jahrhundert) hat daher einen eigenen Traktat über die Geduld als christliche Tugend geschrieben.[1] Cyprian sagt, dass die Geduld (oder Langmut) eine Tugend ist, die Gott und Mensch gemeinsam haben: „Etwas, das Gott teuer ist, muss auch der Mensch hochschätzen; ein Gut, das die göttliche Herrlichkeit liebt, ist damit auch von ihr empfohlen“ [Nr. 3]. Daher gehört die Geduld mit Blick auf das Gute und auf die Liebe zu den wichtigsten Dingen, in denen sich die Menschen üben sollen. Cyprian schreibt:

„Das Band der Brüderlichkeit, die Grundlage des Friedens, der feste Anker der Einheit ist die Liebe […]. Nimm ihr jedoch die Geduld und vereinsamt hat sie keinen Bestand; nimm ihr die Fähigkeit zu ertragen und zu dulden: und es fehlen ihr die Wurzeln und die Kraft, um weiterzuleben.“ [Nr. 15]

Die Ungeduld ist eine zerstörerische Kraft, die Langmut die Voraussetzung für die Liebe. Dies bedeutet wahrscheinlich nicht, dass ich niemals eingreifen darf, wenn mir Dinge zuwiderlaufen. Vielmehr bedeutet es, dass ich in der Form eingreife, wie es mit Blick auf ein höheres Ziel sinnvoll ist. Die Selbstbetrachtung zur kritischen Frage meiner Geduld und Ungeduld könnte eine gute adventliche Übung sein. In dieser Zeit geht es schließlich um das Warten und meinen Umgang damit. Ich könnte mir einfach ein paar Dinge aufschreiben, die mich zur Zeit ungeduldig machen, etwa Spannungen, die sich nicht abbauen, Konflikte, die gelöst werden müssen, Vorgänge des Alltagslebens, die mir nicht schnell genug gehen. Wichtig ist die zweite Frage: Was ist mein Ziel, das ich mit der Lösung der Fragen verbinde? Geht es um „technische“ Fragen, etwa, dass der schon dreimal angekündigte Handwerker endlich auch einmal kommen soll, darf ich sicher auch ungeduldig sein, wenn mein höheres Ziel nicht mehr ist, als dass ein Schaden behoben wird und nicht etwa, dass ich mit der angefragten Firma auch in Zukunft gut zusammenarbeiten möchte. Bei Fragen menschlicher Konflikte wird es schwieriger. Hier zahlt sich eine gewisse Langmut in der Regel aus, wenn es darum geht, Beziehungen zu retten, oder zumindest nicht in Feindschaft auseinanderzugehen. In jedem Fall ist es sinnvoll, nicht im Affekt, also sofort zu reagieren. Schon ein wenig Langmut des „einmal-drüber-Schlafens“ hat oft schon Wunder bewirkt.    


[1] Cyprian, Von dem Segen der Geduld, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. Cyprian I, München 1918, 285-310.

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