Wer bin ich eigentlich? [Impuls zum Weihnachtsfest]

„Ich glaube an den Vater“- Mit dieser Zeile beginnt ein Lied von Markus Pytlik, das sich in den letzten Jahren zu einem vielgesungenen Kirchenschlager entwickelt hat (im „Hamburger“ Gotteslob Nr. 792). Der Autor hat sich hier um eine Vertonung des Glaubensbekenntnisses in vier Strophen bemüht. Dabei nötigen das Versmaß und das Bemühen um eine bessere Zugänglichkeit des Credos bei der Vertonung dem Text eine gewisse Kreativität ab. Die erste Strophe lautet:  

„Ich glaube an den Vater, den Schöpfer dieser Welt, der uns in seiner Liebe in seinen Händen hält. Er schuf aus Nichts das Leben, den Mensch als Frau und Mann, die Krone seiner Schöpfung. Ich glaube daran.“

Streng genommen ist lediglich das Bekenntnis zu Gott Vater, dem Schöpfer durch das Glaubensbekenntnis gefordert. Der Verweis auf die „Allmacht“ entfällt im Lied. Dogmatisch korrekt ist außerdem der Halbsatz „er schuf aus Nichts“, allerdings nicht bloß „das Leben“, sondern „Himmel und Erde“, bzw. „die sichtbare und die unsichtbare Welt“, also den gesamten „Kosmos“. Das Lied führt den Schöpferakt Gottes stattdessen direkt auf die Erschaffung des Menschen zu. Und hier beginnt die Zeile, die heute den wohl stärksten Einspruch hervorrufen wird. Dass der Mensch „Krone der Schöpfung“ ist, wird zwar traditionell so behauptet, aber sicher längst durch die Ökologiebewegung unserer Tage in Frage gestellt, da der Mensch doch zunehmend als „Zerstörer der Schöpfung“ wahrgenommen wird. Die Vorherrschaft des Menschen über den Rest der Schöpfung kann zumindest in Zweifel gezogen werden. Noch kritischer wird allerdings mittlerweile die biblische Anmerkung, der Mensch sei als Mann und Frau geschaffen bezweifelt. Im Zuge der gängigen Genderdiskurse hat mittlerweile selbst die Katholische Kirche in Deutschland ihr „Wording“ verändert. Die neue Einheitsübersetzung gibt das entsprechende Bibelzitat aus Gen 1,27 wieder mit: „Männlich und weiblich erschuf er sie.“ Zur Begründung erläutert der Theologe Eberhard Schockenhoff, dass die hier aus dem Hebräischen übersetzten Adjektive auf die sexuelle Dimension des Menschen (und aller Lebewesen) anspielen, also keine „sozialen Rollen“ präjudizieren möchten. In weitreichenderen Auslegungen von Gen 1,27 wird die Konnotation von männlich/weiblich als Umschreibung zweier Pole angesehen, zwischen denen die menschliche Sexualität sich bewegt, so dass auch der Schöpfungsbericht für die gängige Annahme diverser Sexualitäten offen wäre.[1]

Damit gerät die Bibelinterpretation mitten in die gängigen Diskurse um Geschlecht und Identität hinein. Das auf dem Synodalen Weg vorgelegte Papier zur Sexualmoral zeigte die Bereitschaft, diesen Diskursen zu folgen und machte sich ein zeitgenössisches Freiheitskonzept zu eigen, nach dem der Mensch auch jenseits seiner biologischen Beschaffenheit bestimmen kann, wer oder was er sein möchte.[2] Folglich wird politisch korrekt am besten von „Menschen“ oder „Personen“ im Allgemeinen gesprochen, um auf geschlechtliche Zuschreibungen zu verzichten.

Es soll hier nicht um ein Diskussion der Identitätsdiskurse gehen.[3] Es geht um die Frage, wie die Freiheit des Menschen zu verstehen ist. „Identität“ wird im zeitgenössischen Verständnis leicht zu einer frei wählbaren Größe. Ich selbst kann mich, so die Verheißung, von den Umständen, in denen ich geboren bin und lebe emanzipieren. Im letzten sind mein Geschlecht, meine kulturelle und soziale Zugehörigkeit veränderbar. Mein „Ich“ entsteht nicht durch äußere Einflüsse, sondern Kraft meiner eigenen inneren Überzeugungen. Es handelt sich um einen radikalen Akt der Emanzipation. Ich lege in gewisser Weise die „Rollenvorstellungen“ ab, die mir durch mein Umfeld auferlegt werden und finde zu mir selbst. Kritisch lässt sich dagegen fragen, ob das einfach so möglich ist, oder ob meine „Selbstsuche“ nicht schließlich in einem Rollenspiel endet, die mein „Ich“ eher verschattet als zum Vorschein bringt.

Diese Frage verhandelt ein etwas in Vergessenheit geratenes Stück Weltliteratur. Der norwegische Dichter Henrik Ibsen erschuf 1867 in seinem Text „Peer Gynt“, einer Mischung aus Gedicht und Drama, mit der titelgebenden Hauptfigur einen erstaunlich modernen Charakter. Gezeigt wird Peer Gynt, ein einfacher junger Mann aus einem kleinen Dorf im Ringen um seine Identität. Ibsen schildert anhand dieser literarischen Person die Möglichkeiten, Verlockungen und Gefahren des modernen Menschen.[4]

Peer Gynt ist ein Träumer. In seiner Phantasie legt er sich allerhand Abenteuer und Rollen zurecht, in die er schlüpfen möchte. Das Dorf verlacht ihn dafür, seine Mutter verzweifelt an ihm. Peer liebt ein Mädchen, das aber aus Vernunftgründen einen „soliden“ anderen Mann heiraten möchte. Er entführt sie ins Gebirge, lässt sich dort von einer Trollfrau verführen und zeugt einen Sohn, halb Mensch, halb Troll. Die Trolle nehmen ihn in ihr Reich mit und machen ihn zum König. Damit erfüllt sich einer von Peers Wünschen, einmal ein König zu sein, allerdings auf eine sehr unangenehme Weise. Er lernt ein anderes Mädchen kennen, Solveig, eine ruhige und beständige Person, die bereit ist, Peer zu heiraten. Nach dem Tod der Mutter allerdings flieht Peer aus dem Dorf. Der vierte Akt des Stückes zeigt ihn als Erwachsenen. Peer führt die Rollenspiele weiter fort. Er ist zu Beginn ein Geschäftsmann, der durch Sklavenhandel reich geworden ist, gerät in den Krieg hinein. Er wird in einer Beduinenkolonie als wiederkehrender Prophet Mohammed begrüßt, gibt sich die Rolle eines Forschers in Ägypten, kommt dann in ein Irrenhaus, in dem er zum Vordenker und Philosophen gemacht wird. Peer Gynt spielt also alle möglichen Rollen durch: Ehemann, Vater, König, Religiöser Führer, Wirtschaftsboss, Wissenschaftler, Philosoph. Alle diese Rollen haben etwas Schräges, Unerfülltes. Peer kann in ihnen nicht zu Hause sein. Am Ende des Stücks kehrt der alte Peer Gynt in seine Heimat zurück und merkt, dass er im Gegensatz zu den alten Dorfbewohner nun auch hier kein Zuhause mehr hat. „Etwas muss es doch geben“ – Mit dieser verzweifelten Hoffnung jagt der alte Peer immer noch der Hoffnung auf sein eigenes Ich hinterher. Mehrfach gelingt es ihm, dem Tod mit allerhand Ausflüchten noch einmal zu entkommen. Die Zeit wird knapp. Peer möchte beichten, sein Leben in Ordnung bringen, doch selbst das misslingt. Der Tod wird von Ibsen als „Knopfgießer“ vorgestellt, also als ein Handwerker, der alte Metallknöpfe einsammelt, einschmilzt und neue daraus formt. Peer kann sich mit der „Knopfhaftigkeit“ seines Lebens nicht anfreunden. Warum sollte er mehr sein als nur ein Mensch unter anderen Menschen.

In einer berühmten Szene versucht Peer dem Geheimnis seines „Ich“ auf die Spur zu kommen. Er nimmt eine Zwiebel und schält sie. Jeder Haut der Zwiebel gibt er eine Rolle seines Lebens, die er abgelegt hat. Das ganze Leben eine Zwiebel aus Selbstentwürfen. Peer fragt beim Schälen:

„Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht! / Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht? Bis zum innersten Innern, – da schau mir einer! – / Bloß Häute – nur immer kleiner und kleiner. / Die Natur ist witzig! Verdammtes Gegrübel! / Geht eins in Gedanken, gerät’s ihm doch übel. / Na, ich kann ja nichts an Haltung verlieren; / Denn ich lieg ja grundfest auf allen vieren. / Wunderlich kommt mir dieses Welttreiben vor! / Das Leben, wie’s heißt, hat nen Fuchs hinterm Ohr. / Doch greift einer zu, verzieht sich der Schuft, / und man fängt etwas andres – oder leere Luft.“

Das Leben als Lufthaschen bleibt für Peer ohne Bestimmung. Wer er selbst ist, kann er nicht sagen. Nachdem er die Zwiebel geschält hat, erreicht er Solveigs Hütte. Er erinnert sich an das treue Mädchen von damals, das hier sein Leben lang auf ihn gewartet hat. Als er Solveigs Gesang aus der Hütte hört wird Peer „totenbleich“, wie es in der Regieanweisung steht und sagt: „Eine, die Treue hielt, – und einer, der vergaß. / Einer, der ein Leben verspielt – und eine, die wartend saß. / O Ernst! Und nimmer kehrt sich das um! / O, Angst! – Hier war mein Kaisertum.“

Die Einsicht kommt spät. Es gibt kein „Happy End“ mehr. Im Sterben singt Solveig dem Peer:

„Schlaf denn, teuerster Junge mein! / Ich wiege dich und ich wache. / Auf meinem Schoß hat mein Junge gescherzt, / hat ihn seine Mutter sein Lebtag geherzt. / An Mutters Brust hat mein Junge geruht, / sein Lebtag Gott segne dich, mein einziges Gut! / An meinem Herzen zunächst war sein Platz, / sein Lebtag. Jetzt ist er so müd, mein Schatz. / Schlaf denn, teuerster Junge mein! / Ich wiege dich und ich wache.“

Am Ende steht also das Wiegenlied der Mutter. Peer ist an seinen Ursprung zurückgekehrt, in den Status vor seinen Abenteuern, vor seinen Rollenspielen. Im letzten kann er seiner Herkunft nicht entfliehen. Er hat sein Ich überschätzt. Statt Erfüllung hat er nur Wind gefangen.

Wie soll man dieses Ende deuten? Ibsen steht seiner Gegenwart sehr kritisch gegenüber. Er seziert die Heilsverheißungen des modernen Menschen, sieht in ihnen Zwiebeln ohne einen eigenständigen Kern. Wer sollte ich schon anderes sein, als der der ich bin? Ort, Zeit, Herkunft, menschliche Gemeinschaft, alles das ist nicht so einfach „zu besiegen“. Mir ist offensichtlich mehr mitgegeben, als mir lieb ist. Die Erfüllung liegt nicht in der unbegrenzten Ausübung meiner Freiheit. Dieser sind im Gegenteil Grenzen gesetzt, in denen ich lebe und in denen ich mich selbst finden muss. Ibsens Werken sind dabei Konventionen und gesellschaftliche Vorgaben suspekt. Sie bieten dem „Ich“ nur begrenzt Halt. Dieses „Ich“ kann sich in seinen Rollen verlieren, statt sich in ihnen auszuprägen. Ibsen ist pessimistisch und emanzipatorisch zugleich. Im letzten scheitern fast alle seine Figuren an den ihnen auferlegten Vorgaben. Ihre Tragik ist: Das verzweifelte Suchen nach einer Ausflucht führt nur in neue Schwierigkeiten. Die „Ich-Findung“ kann im letzten nicht im äußeren Tun gefunden werden.

Damit ist Ibsen in erstaunlicher Modernität sowohl für die heutigen Identitätsvorstellungen offen als auch ihr Gegner. Die Identitätsfindung darf zum einen die gegebenen Verhältnisse nicht einfach adaptieren, sich zum anderen aber auch nicht in Rollenspiele flüchten. Das „Ich“ liegt in einem Zwischenraum von Realität und Transzendenz (also der Fähigkeit, über das gegebene hinausgehen zu können).

An dieser Stelle können wir nun auf die Weihnachtsbotschaft eingehen. Sie besteht theologisch im Wesentlichen aus dem Gedanken der „Inkarnation“. Gott wird Mensch, oder wie es das Johannesevangelium sagt „Das Wort wird Fleisch“. Diese Botschaft hat durch die Geschichte endlose Diskussionen um das wahre „Ich“ Jesu ausgelöst. Genau dieses „Zwischen“ seines Daseins ist schwer zu fassen. Auf der einen Seite gibt es das „Realitätsprinzip“ des Menschen Jesus, der in eine bestimmte Zeit, in ein bestimmtes Umfeld, in eine bestimmte Religion hineingeboren wird. Zum anderen gibt es das „Göttliche“ seines Daseins, welches diese Realität immer wieder übersteigt. Die alten Glaubensbekenntnisse formulieren daher: „geboren vom Heiligem Geist aus Maria der Jungfrau“[5] oder auch: „Jesus, der Sohn Gottes […] Gott aus Gott, […] der wegen uns Menschen und um unseres Heiles Willen herabgestiegen ist aus den Himmeln, Fleisch und Mensch geworden ist vollkommen aus der Heiligen Jungfrau Maria und durch den Heiligen Geist…“[6]. Oder es heißt: „[Der Sohn] wurde empfangen vom Heiligen Geist und aus Maria, der Jungfrau, hat Fleisch, Seele und Verstand, d.h. den vollkommenen Menschen angenommen; er verlor auch nicht das, was er war [das „Gottsein“], sondern begann zu sein, was er nicht war; so ist er, wenn er auch vollkommen im Seinigen ist, dennoch auch wahrhaftig im Unsrigen…“[7] Das große, bis heute gebetete Glaubensbekenntnis von 325 schließlich sagt: „[Der Sohn], der wegen uns Menschen und um unseres Heiles Willen herabgestiegen und Fleisch und Mensch geworden ist…“[8].

Die frühen Glaubensbekenntnisse mühen sich gleichermaßen darum, die Gottheit Jesu in Worte zu fassen, als auch die wahre Menschlichkeit zu betonen. Sie verwehrten der Frage nach der „wahren“ Identität damit eine eindeutige Antwort. Diese wird bis heute allerdings gegeben. In populären Sachbüchern über Jesus erscheint dieser gerne als reiner Mensch, der als Pharisäer, Sozialreformer oder Revolutionär zufällig in die Mühlen des griechischen Denkens geriet und später irrtümlich „vergöttlicht“ wurde. Auf der anderen Seite gab es seit den frühesten Tagen des Christentums Auffassungen, die das Menschsein Jesu nicht voll anerkannten. Die Doketisten billigten der (nach platonischer Lehre vom Irdischen „unbefleckt“ zu bleiben habenden) Gottheit Christ allenfalls einen Scheinleib zu und verneinten so etwa die Leidensfähigkeit Christi am Kreuz. Jesus löst sich bei ihnen vom Realitätsprinzip seiner eigenen Geschichtlichkeit und Leiblichkeit hin und wird reine Transzendenz. Im deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts wimmelt es von philosophischen Ansätzen, in denen Christus eher so etwas wie Idealfigur wird, einer Idee des Menschseins insgesamt. Jesus ist daher aus seiner realen historischen Verfasstheit zu lösen. Ein solches Denken begünstigte etwa die Vorstellung eines Jesus ohne Judentum, sogar eines „arischen“ Jesus, der sich aus dem Kontext seines irdischen Lebens völlig geschichtsfern abheben konnte. Die Identität Jesu wird somit „reine Transzendenz“. Man kann schwer sagen, welche der altkirchlichen Häresien und ihrer modernen Wiedergänger schädlicher waren: Die, die lediglich das Realitäts- oder die die, die lediglich das Transzendenzprinzip hervorhoben. Die letztere Variante scheint heute allerdings wieder die Vorherrschende zu sein.

Man kann die heutigen Identitätsdiskurse durchaus als Verneinung des Inkarnationsprinzips verstehen. Der aller seiner irdischen, biologischen, sozialen und kulturellen Vorgaben entkleidbare Mensch wird zu einem ätherischen „Ich“, das seine vermeintlich vorgegebenen Rollen abstreift und sich eigene sucht, in die es schlüpfen kann. Was aber, wenn erst das „Realitätsprinzip“ dem Menschen wirkliche Bodenhaftung und Selbstfindung ermöglichen würde, wie es „Peer Gynt“ behauptet?

Das christologische Dogma von der Inkarnation will beide Dimensionen, das Mensch- wie auch das Gottsein Jesu bewahren. Jesus ist wahrer Mensch, wird also geprägt durch seine Zeit, durch seine Familie, durch die jüdische Religion, durch die politischen Umstände. Er ist ein Mann, ein Jude, ein Leidender am Kreuz. Diese „Daten“ seines Lebens sind kein bloßer Zufall sondern reale, prägende Bedingungen seines Lebens und können daher beim Verstehen Jesu nicht außer Acht gelassen werden. Jesus ist etwa fest im jüdischen Glauben verwurzelt. Sein Gottesglaube ist der der jüdischen Tradition. Er ist ein Deuter des Gesetzes. Er spricht nicht allgemeine, ewige Sätze sondern er spricht zu den konkreten Menschen seiner Zeit. Dass in seinen Worten dann etwas Bleibendes, Gültiges liegt, löst das Konkrete, Zeitbedingte nicht einfach auf, sondern fordert zu einem vertieften Verstehen heraus. Einen Jesus jenseits seiner zeitbedingten irdischen Verfasstheit gibt es nicht. Selbst der Auferstandene trägt mit den Wundmalen die Zeichen seines irdischen Lebens immer noch am Leib. Die Evangelisten wollen damit zeigen, dass es mit der Inkarnation Gottes wirklich ernst gemeint ist, dass Jesu Leben auf der Erde kein Theaterstück eines unberührbaren, jenseitigen Gottes war. Als kleines Kind wird er in die Armut des Stalls hineingeboren, ist so menschlich, wie nur ein Mensch sein kann. Gleichzeitig weist sein Leben immer wieder über sich hinaus, wird durchsichtig für die göttliche Dimension, in der Vollmacht des Heilens und der Sündenvergebung, des Austreibens der Dämonen, der Verklärung, den Wundern und schließlich in der Auferstehung. Gerade in der Spannung zwischen Realität und Transzendenz liegt dann auch die normensprengende Kraft Jesu, der die alten Konventionen kraft göttlicher Vollmacht neu deutet und verändert, der das Reich Gottes bereits in sich trägt, als weltenverändernde Kraft und Ziel. Nur wer alle diese Dimensionen wahrnimmt, wird ein vollständiges Bild von Jesus erhalten.

Ich vermute, dass auch uns Menschen (wenn auch natürlich anders als bei Jesus) die Aufgabe der „Inkarnation“, der glückenden Verbindung von Realität und Transzendenz aufgegeben ist. Das „Ich“ geht nicht in bestehenden Konventionen auf. Zugleich kann es sich nicht entwickeln, wenn es die realen Bedingungen des Daseins verneint und sich wie der „Zwiebelmensch“ in ein schieres Rollenspiel begibt. Ich bin mehr als mein Körper und mehr als meine soziale Prägung, aber ich werde mit diesen Grundkonstanten arbeiten und leben müssen, als Lebewesen, dass niemals bloß „reiner Geist“ ist. In dieser Weise verdeutlicht uns Weihnachten die Realität des Lebens, in der es seinen Ausdruck finden muss und hoffentlich zur Fülle gelangen kann.


[1] Eberhard Schockenhoff, Die Kunst zu lieben, Freiburg 2021, 323-327.

[2] Ausführlich dazu: Woher die Ablehnung? – Zum Grundlagenpapier des Synodalen Wegs zur Sexualmoral – Sensus fidei

[3] Die Identitätsdiskurse habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher betrachtet: Wanderer unterm Genderstern [über Identität und Romantik] – Teil 1 – Sensus fidei

[4] Henrik Ibsen, Peer Gynt, Übersetzung von Christian Morgenstern u.a., in Ders., Dramen, München 1991. Eine Aufzeichnung des gesamten Theaterstücks gibt es hier: Peer Gynt – Henrik Ibsen – Schaubühne – YouTube. Die später beschriebene „Zwiebelszene“ ungefähr bei 4:46:00.

[5] Traditio Apostolica (3. Jh.). DH 10.

[6] Armenisches Taufbekenntnis, 4. Jh. DH 48.

[7] „Fides Damasi“, 5. Jh., DH 72.

[8] DH 125.

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