Wanderer unterm Genderstern [über Identität und Romantik] – Teil 1

Die Identitätsfrage

Spätestens der Konflikt über die Segnung homosexueller Paare hat die Kirche eine zeitgenössische politische und ideologische Auseinandersetzung hineingezogen, die unter dem Stichwort „Identitätspolitik“ verhandelt wird. Konkret geht es um einen ganzen Komplex von gesellschaftlichen Fragestellungen, die einen gemeinsamen Kern haben: Marginalisierten Gruppen Aufmerksamkeit und volle gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Doch anders als in den „klassischen“ Emanzipationsbewegungen, in denen es um die Rechte der Frauen oder der Homosexuellen geht, hat sich die Heftigkeit und Konsequenz unter dem Einfluss philosophischer und soziologischer Theorien enorm verstärkt. Ging es bislang häufig darum, benachteiligten Bevölkerungsgruppen ihre Rechte und Anerkennung innerhalb der bestehenden Gesellschaft zu sichern, werden die mittlerweile verhandelten Theorien etwa der Genderforschung oder der „Post colonial studies“ (Nachkolonialistischen Wissenschaften) als Startrampen einer gänzlich neu konfigurierten Gesellschaft wahrgenommen. Nicht allein die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern das Weltbild, das diese geschaffen hat, soll verändert werden. Im Kern werden die gesellschaftlichen Normen und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Politik und das Zusammenleben radikal in Frage gestellt. Die „Identitätspolitik“ hat eine enorme Sprengkraft und zugleich auf die Jugend eine starke Faszination. Das Versprechen ist: Eine andere Welt ist möglich. Viele würden sagen: Eine andere Welt ist bitter nötig. In Teilaspekten wie dem Klimaschutz, der Geschlechterfrage oder des Rassismus drückt sich das Grundgefühl, vielleicht auch die Sehnsucht nach einer neuen versöhnten und zukunftsfähigen Weltgemeinschaft aus, die jenseits von Kapitalismus, bürgerlichen Normvorstellungen oder sozialer Ausgrenzung bestehen könnte. Innerhalb des linken politischen Spektrums entwickelt sich hierbei eine enorme Spannung. Als die prominente Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht den Vorwurf äußerte, die Identitätspolitik sei im Grunde ein Irrweg, weil es ihr nicht mehr um die Beseitigung konkreter sozialer Missstände ginge, sondern nur noch um „abgehobene“ Fragen wie die nach der richtigen sprachlichen „Political Correctness“, war ihr die Entrüstung gerade der jüngeren Linken gewiss.[1] Hier trafen zwei Denkmodelle aufeinander. Während das eine Modell linker Politik in der Durchsetzung konkreter sozialer Verbesserungen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen ihr politisches Ziel sieht, geht es der „Identitätspolitik“ um mehr. Sie sieht in sozialen Missständen ein erklärbares Symptom eines Systems, das auf einem defizitären und falschen Weltbild beruht. Wer also das Weltbild verändert (dies ist eine philosophische und eben auch sprachliche Frage), der verändert die Welt viel nachhaltiger.

Jetzt ist es leicht, über die meist universitär, im Feuilleton oder in linken Milieugruppen verhandelten Fragen des Identitätsdiskurses, auch über ihre verquaste Sprache den Kopf zu schütteln. Es zeigt sich aber, dass die Auswirkungen dieses Diskurses, wenn auch nicht die „reine Lehre“ bereits in breiteren Teilen der Gesellschaft und besonders bei den nachwachsenden Generationen angekommen sind. Dieser Einfluss wird sich weiter steigern. Die ideologische Auseinandersetzung wird schärfer, was man allein schon daran ablesen kann, dass sich neben dem linken auch ein rechter Identitätsdiskurs etabliert hat, der ebenfalls eine parteipolitische Beheimatung gefunden hat. Von der Auseinandersetzung wird auch die bürgerliche Mitte nicht unbeeinflusst bleiben. Neben anderen gesellschaftlichen Gruppen wird gerade auch die katholische Kirche von heftigen Zerreißbewegungen betroffen sein, die sich derzeit etwa in der Bewegung Maria 2.0 oder in der Initiative zur „mutwilligen“ Segnung homosexueller Paare andeuten. Wahrscheinlich sind dies nur Anfänge einer stärkeren inneren Auseinandersetzung, bei der es zunächst weniger um Fragen des Glaubens als vielmehr um die Frage der Stellung der Kirche innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses geht. Meines Erachtens ist dieser Grundkonflikt zur Zeit noch gar nicht richtig bemerkt worden. Offizielle Stellungnahmen der Bischöfe etwa bewegen sich häufig noch auf dem Diskussionsniveau vergangener Jahrzehnte. Die heute gestellte Frage etwa nach der Rolle der Frauen in der Kirche kann nicht allein durch langsame Anpassungen in kirchlichen Ämter- und Dienststrukturen beantwortet werden. Dieser Diskurs ist noch „voll 80er oder 90er“. Die im Sinne der Identitätsdiskussion gestellte tiefergehende Frage ist eigentlich, ob die Kirche weiterhin an der Unterscheidung von Männern und Frauen festhalten möchte. Es ist also höchste Zeit für eine breite, tiefergehende kritische Auseinandersetzung mit Identitätsdiskursen, auch für das Ringen um ein einordnendes Verstehen, um sich selbst überhaupt auf Diskurshöhe zu bringen. Die Gefahr ist sonst, entweder unbewusst und unkritisch philosophische Denkmuster zu übernehmen, die weitreichende Konsequenzen (auch schädliche) haben können, oder sich ebenso unbewusst oder ungewollt in einer reaktionären Ecke oder im kompletten gesellschaftlichen Abseits wiederzufinden. Es geht also um die Diskussion, um die Prüfung von Argumenten, auch um den Versuch eines eigenen Weges, einer eigenen Antwort auf die entstandenen Fragestellungen.

Ich möchte im Folgenden erst einmal nicht mehr tun, als mich um eine Einordnung des Phänomens der „Identitätspolitik“ zu bemühen. Wenn ich es richtig sehe, lassen sich zwischen der jetzigen Diskussion historische Parallelen finden, aus denen man möglicherweise lernen kann.

Frankenstein

Vor drei Jahren besuchte ich eine bemerkenswerte Theatervorstellung im Hamburger Kulturzentrum „Kampnagel“. Gezeigt wurde die Oper „Frankenstein“ des zeitgenössischen Komponisten Jan Dvorak. Ich muss zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt den Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley noch nicht gelesen hatte. Mein Wissen über den Stoff beschränkte sich darauf, dass es um die Erschaffung eines künstlichen Menschen geht. Das Projekt des Wissenschaftlers Victor Frankenstein misslingt. Statt eines Menschen erschafft er ein Monster, dass sich bald aus dem Staub macht und dann die Welt in Angst und Schrecken versetzt. Vor meinen Augen sah ich Schwarz-Weiß-Bilder aus einer alten Hollywoodproduktion mit Boris Karloff, der als Monster einen enormen Dickschädel mit Schrauben im Kopf präsentierte und mit dieser Darstellung in das klassische Horrorkabinett schauriger Gruselfratzen eingegangen war. Was ich in Hamburg dann sah, war etwas ganz anderes. Der Autor des Stücks hatte sich schlicht an die literarischen Vorlage gehalten und sie in eindrucksvollen Bildern in Szene gesetzt. Die Spielfläche war ein großer quadratischer Käfig. Die Szenerie setzte mit dem Erwachen des Monsters nach seiner Flucht ein. Im Roman ist dies das 11. Kapitel, in dem die Kreatur, nachdem sie ihren Schöpfer wiedergefunden hat, ihren Bericht über ihr bisheriges Leben beginnt. Das Monster, im Theaterstück eine etwa drei Meter große Puppe von halb menschlicher, halb tierischer Gestalt reckt sich der Sonne entgegen und staunt über die Schönheit der Natur. Es sieht sich in eine wunderbare Welt hineingeworfen, der es singend entgegengeht. Nach einer ersten Wanderung gelangt es an ein einsames Haus und versteckt sich in einem Schuppen. Mit der Zeit lernt es von seinem Beobachtungsposten aus die Bewohner des Hauses, eine Familie, kennen. Es beobachtet das Leben dieser Familie durch das Fenster, durchstöbert ihren Lebensraum, wenn sie nicht im Haus ist. Über mehrere Wochen hinweg lernt das Wesen aus der Entfernung die Welt der Menschen kennen und eignet sich die ersten Laute, die menschliche Sprache an. Es träumt und denkt sich in die Familie hinein, adoptiert sich gewissermaßen selbst in die Menschenwelt und wird mit der Zeit immer unvorsichtiger. Es kommt, wie es kommen muss. Eines Tages nimmt sich das Monster ein Herz, tritt in das Haus und beginnt ein Gespräch mit dem blinden Vater. Doch die anderen Familienmitglieder kommen unerwartet zurück. Im Roman heißt es:

„Wer vermag die Angst und Bestürzung zu beschreiben, die sie überfiel als sie mich erblickten? Agatha sank in Ohnmacht und Safie […] stürzte aus dem Haus. Felix sprang auf mich zu und zerrte mich mit übermenschlicher Kraft von seinem Vater weg, an dessen Knie ich mich klammerte. Wie von Sinnen stieß er mich auf die Erde und schlug blindlings mit einem Stock auf mich ein.“[2]

Diese Ablehnung durch die Menschen, denen sich das Monster eigentlich zugehörig fühlt, ist die erste in einer Kette von schlechten Erfahrungen. Immer wieder wird das Monster vertrieben, geschlagen und verfolgt, muss ziel- und ortlos durch die Welt streifen. Der ganze Bericht des Monsters ist im Roman eine einzige Anklage an seinen Schöpfer. Warum bin ich auf der Welt, wenn ich doch zum ewigen Alleinsein verdammt bin? Als Frankenstein selbst zu einem späteren Zeitpunkt auch noch das zweite Monster, das er erschaffen wollte, ein weibliches Wesen, zerstört und damit die endgültige Einsamkeit des ersten besiegelt, gerät dieses endgültig außer Kontrolle und beginnt, sich in seiner Wut auf die Welt grausam an ihr zu rächen. Es gibt keinen Platz für Monster, nur noch das Mittel der Rebellion.

Ich war erstaunt. In der Darstellung, die ziemlich genau der Romanvorlage entsprach, sah ich ein verblüffend aktuelles Stück. Mir war, als verhandele der englische Klassiker der schwarzen Romantik eine zeitgenössische Frage. Die szenische Darstellung, die mich Sympathie und Mitleid mit dem Monster empfinden ließ, verstärkte diesen Eindruck noch. Der Käfig, durch den wir Zuschauer das Schauspiel betrachteten, war ein Gefängnis, aus dem kein Ausbruch möglich schien. Er stand symbolhaft sicher auch für eine Einzäunung der Welt und damit auch für ein System von Regeln und Gewohnheiten, aus denen das Monster nicht ausbrechen kann. Im Grunde wird das Monster erst durch diesen Käfig zum Monster. Die Kreatur selbst empfindet sich zunächst zur Welt dazugehörig und wird erst durch seine Verstoßung durch die anderen zum gejagten Außenseiter. Das Stück verhandelt so im weiteren Sinn die Frage von Freiheit und Individualität. Damit sind wir bei der Frage nach der „Identität“ angekommen. Reduziert man moderne Identitätsdiskurse auf ihren existenziellen Kern hat man das Gefühl, der Reinszenierung von „Frankenstein“ beizuwohnen. Die Kernfrage „In welche Welt bin ich dahingeraten?“ ist Teil einer Reflexion auf das eigene Dasein. Am Anfang steht die Erfahrung der Zurückweisung, welche die eigene Andersartigkeit zum Bewusstsein bringt. Es ist die Erfahrung, die Menschen mit dunkler Hautfarbe, Homosexuelle oder Menschen aus prekären Milieus machen können. Man kann diese Erfahrung vielleicht idealtypisch so wiedergeben: „Irgendwann merkte ich, dass ich anders war. Bislang hatte ich die Welt so angenommen, wie sie sich mir darstellte. Ich habe mich nach den Regeln gerichtet, die ich gelernt habe. Dann kam irgendwann der Moment, an dem ich merkte, dass ich in dieses Regelwerk nicht hineinpasse, dass ich nicht dem entsprach, was alle anderen als ‚normal‘ ansahen. Als ich die ersten Erfahrungen von Ablehnung oder Zurückweisung machte, wurde mir das immer schmerzlicher bewusst. Ich froh, Menschen zu treffen, die genauso waren wie ich, die mich verstanden. Aber ist das schon alles? Reicht es mir, mich in meiner ‚Szene‘ aufzuhalten? Ist es nicht an der Zeit, dass die Welt mich so annimmt, wie ich bin? Muss nicht die Gesellschaft ihre Regeln ändern, andere zu beurteilen oder zu verurteilen? Schlägt mir im Grunde nicht ständig auch unter vermeintlicher Toleranz die alte Ablehnung entgegen? Braucht es nicht eine Welt der freien Entfaltung des Individuums ohne Rücksicht auf seine Herkunft, seine Gefühle, seine Veranlagungen? Muss der beständige Versuch der Normierung und ethischen Beurteilung meiner Individualität nicht aufhören?“

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984), einer der Gründerväter des heutigen Identitätsdiskurses, hat dieser Frage der Andersartigkeit wesentliche Teile seines Werkes gewidmet. Sein Interesse speiste sich auch aus der existenziellen Erfahrung als Homosexueller, zudem mit Anzeichen dessen, was man zu seiner Jugendzeit als „Wahnsinn“ bezeichnet hätte. Seine erste große Untersuchung widmete er daher dem Umgang mit psychisch kranken Menschen („Wahnsinn und Gesellschaft“). Er untersuchte, wie eine Gesellschaft mit dem „Unnormalen“ umgeht und kritisierte die Tendenz, das „Unnormale“ zu sanktionieren und wieder der Norm angleichen zu wollen. Was als „normal“ gilt, ist für Foucault keine Frage der Naturgesetze, sondern Folge eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Im letzten bestimmen die herrschenden Machtverhältnisse über das Schicksal der „Abweichler“, die dann durch Erziehung, Disziplinierung und Bestrafung wieder auf den „rechten Pfad“ gebracht werden sollen. Sie werden mit Macht gezwungen, die ihnen von außen auferlegten Rollen anzunehmen. „Macht“ ist dabei nicht einfach eine Frage von Strukturen, sondern des bestimmenden Diskurses, also der Art und Weise, wie gesellschaftliche Fragen im breiten Strom der Gesellschaft diskutiert und bewertet werden. Eine Änderung der Machtverhältnisse ist daher über eine Veränderung des Diskurses möglich. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen und welcher Sprache sich der „Mainstream“ artikuliert. Eine andere Welt ist in einem anderen Diskurs möglich. Als Beispiel verweist Foucault auf alternative Modelle in bestimmten Randgebieten der Gesellschaft, in denen der Machtdiskurs anderen Regeln folgt. Er nennt dies „Anders-Orte“. Von den „Anders-Orten“ könnte es im Laufe der Zeit durchaus zu einer „Anders-Welt“ kommen. Die Geschichte von Frankensteins Monster hätte also in einer anders funktionierenden und denkenden Welt zu einem guten Ende kommen können. Das Monster wäre nicht mehr Monster sondern hätte in seinem Anders-Sein ungeteilte Annahme finden können.


[1] https://www.deutschlandfunk.de/wagenknecht-linke-zur-debatte-um-identitaetspolitik.694.de.html?dram:article_id=495664

[2] Mary Shelley, Frankenstein, Insel-Verlag 2017, 181.

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