Nacht der Bedrängnis [zum Gründonnerstag]

Wer in den Gründonnerstag eintaucht, setzt sich den Tiefen der Zeit aus. Er gelangt in eine Zeichenwelt voller Archaik und Unverständlichkeit. Es wäre falsch, in diesem Geschehen, das hier in der Liturgie wieder auflebt, nicht mehr zu sehen, als ein Abschiedsessen unter Freunden. Der Abendmahlssaal ist umgeben von bleierner Nacht, die das Grauen ausbrütet, das am Tage hervorbricht. In dieser Nacht der bangen Vorahnung treffen wir auf eine düstere Erwartung. Diese beginnt in grauer Vorzeit. Das Pessach-Mahl inszeniert die Nacht vor dem Auszug aus Ägypten. Es ist die Nacht der Vernichtung. Die Familien tun sich zusammen und flüchten in die Häuser. Das Blut eines Opfertiers haben sie an die Türstürze gestrichen. Dieser Schutzritus soll den sicheren Tod des Erstgeborenen abwenden, während der Todesengel durch Ägypten zieht und in jedem Haus den Stammhalter hinwegraffen wird. So sitzen die Menschen gegürtet und beschuht auf gepackten Koffern. Sie essen schweigsam und hastig in Erwartung des Aufbruchssignals, das sie durch die Nacht der Bedrängnis, durch die Fluten des Meeres in die Weite der Wüste führen wird und dann, irgendwann in das gelobte Land. Ach, dass doch der Kelch des Zornes, der Gewalt und des Todes an ihnen vorbeigehen würde.

In die Bilder des alten Israel mischen sich die Eindrücke der heutigen Tage. Über Nächte saßen Vita und Oksana in dunklen Kellern.[1] Während über Kiew die Bomben ausgeschüttet werden und der Tod durch die Stadt zieht, sitzen sie unter der Erde in einem kleinen Schutzraum. Sie pressen ihre Füße gegen die Wände des Kellers, weil dies die einzige Möglichkeit ist, die Beine auszustrecken. Sie wachen und beten. Dass doch der Tod an ihnen vorbeigeht und das die finstere Nacht endet! Nach einigen Tagen stehen die Frauen mit Abertausenden anderen auf dem Bahnhof. Es bricht Panik aus. Die Leute drängen sich in den Zug. Das Gepäck zerbricht im Tumult und wird zurückgelassen. Eine lange Fahrt beginnt. Irgendwie hinaus in die Freiheit.

Als Jesus an diesem Abend hinausgeht aus dem Schutzraum des Abendmahlssaales, nimmt ihn die Nacht auf. In dem Garten unter den Ölbäumen lässt er seine Jünger zurück und betet. Die Bedrängnis kriecht in die Einsamkeit des Augenblicks. Die Angst lässt ihn Blut vergießen. Und wieder der Becher des Zornes, der ihm gereicht wird. Ein altes Symbol der Propheten (s. Jes 51). Gott gibt dem Volk den Becher. Dieses hofft, davon verschont zu bleiben, indem der Becher im letzten Augenblick an die fremden Mächte weitergereicht wird. Könnte doch der Becher an Israel vorbeigehen! Könnte er an Jesus vorbeigehen! Doch die Eigenen haben ihn verraten. Aus der gebrochenen Freundschaft, dem Verrat, der Verleumdung heraus haben sie sich mit den feindlichen Mächten zusammengetan und sind auf den Weg zu ihm. Die Rotte naht sich mit Fackeln, den Lichtern, di die Nacht verdunkeln, statt sie zu erhellen. Der Kelch geht nicht vorbei. Der Gerechte wird für die anderen leiden.

Dabei hatte Jesus das Mittel gegen diese feindlichen Mächte bereits bekanntgegeben. Bleibt zusammen, bleibt bei mir, seid in meiner Gemeinschaft verbindet euch mit mir, kümmert euch umeinander, dient einander, wie ich euch dienen möchte. Er sagt es denen, die kurz darauf nicht einmal eine Stunde mit ihm betend verbringen können, die nicht wachsam bleiben, sondern einschlafen und überrascht werden von dem, was kommt.

Der Weg in die Freiheit ist mühsam. Die beiden Frauen auf dem Weg aus der Stadt Kiew treffen im Zug auf ihre Leidensgenossen, auf diejenigen, die hoffnungsvoll sind und auf die Verzweifelten. Die Grenze ist nicht mehr weit. Der Zug fährt in der Slowakei ein. Und dort warten Menschen auf sie. Oksana und Vita treffen zwei Männer aus Bayern, die sie in ihrem Wagen nach Deutschland mitnehmen. Inmitten der Nacht bahnt sich der Weg in die Freiheit, der Weg in die Sicherheit. Es ist nicht das gelobte Land, das sie erreichen, vielmehr die Wüste mit all ihren Herausforderungen. Doch in ihrer Weite gibt es Schutz. Der Weg ist zu bestehen, wenn sie ihn nicht alleine gehen müssen.

Jesus hatte seinen Jüngern angekündigt: Es werden beängstigende Zeichen auftreten. Krieg, Katastrophen, Streit und Verleumdung werden euch bedrohen. Man wird euch irreführen wollen, man wird euch auseinanderbringen wollen. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen (Lk 21,19). Unseren Gründonnerstag können wir, für die die Nacht nicht bedrohlich ist, die heute nichts zu fürchten haben, als eine solche Erinnerung nehmen. Bleiben in Freundschaft, Zusammenstehen, aneinander teilhaben. Aneinander und an Jesus selbst, der sich unter den Gaben von Brot und Wein verschenkt, zu seinem Gedächtnis und zur Gemeinschaft mit ihm.    


[1] Die geschilderten Eindrücke der Flucht stammen aus einer Reportage:  https://www.merkur.de/lokales/muenchen/zentrum/muenschen-ukrainische-fluechtlinge-erlebnisse-flucht-geschichten-gesichter-zr-91415127.html

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