Der Weltenbaum [zum Pfingstfest]

Die Turk-Völker Zentralasiens erzählen sich die folgende Sage: In der Mitte der Welt stand ein gewaltiger Baum, Bajterek. Seine Wurzeln reichten in die Unterwelt, sein Stamm durchmaß die Welt der Menschen und seine Krone spannte sich in den Himmel und berührte die Wohnstatt der Götter. In der Krone des Baums lebte ein gewaltiger Vogel, der Samruk, der dort sein Nest gebaut hatte. Jeden Tag legte er ein goldenes Ei. In ihm spiegelte sich die Sonne und brachte ihr Licht und mit ihm den Frieden und den Wohlstand über die Erde. Doch der Vogel Samruk hatte einen Feind. In jeder Nacht kletterte ein Drache in den Baum und verschlang das Ei. Auf die Zeit der Sonne folgte so immer eine Zeit der Finsternis, auf die Zeit des Friedens eine Zeit des Krieges, auf die Zeit des Wohlstands eine Zeit der Armut. Doch eines Tages kämpfte sich ein tapferer Held aus der Unterwelt empor und gelangte in den Bereich der Menschen. Er kletterte auf den Weltenbaum und lauerte dort dem Drachen auf. Er tötete ihn. Seitdem scheint das Licht für immer über die Welt. Die Zeit des Heiles für die ganze Erde ist da.

Ende der 90er Jahre entstand in Kasachstan eine neue Hauptstadt, die den Namen „Astana“ bekam. Die Städtebauer knüpften an die alte Sage der Turk-Völker an und bauten einen hundert Meter hohen Turm, der Bajterek, den Weltenbaum symbolisieren soll. Auf seiner Spitze steht ein riesiges goldenes Ei, dessen Inneres eine Aussichtsplattform enthält. Die alte Geschichte wird neu erfunden. Hier also liegt das Zentrum der Welt, oder zumindest das Zentrum des Staates von dem aus das Licht und mit ihm Frieden und Wohlstand über das ganze Land ausstrahlen sollen. Auch die Heldensage wurde dabei neu belebt. In der Mitte des Eis findet sich ein goldener Handabdruck. Die Besucher legen ihre Hand in diesen Abdruck. Das soll ihnen Glück bringen. Das Ei ist eine Art mythisches Kraftzentrum. Der Handabdruck ist der des ehemaligen kasachischen Präsidenten Nursultan Nasabajev. Als dieser 2019 aus dem Präsidentenamt ausschied, hatte er das Land fast 30 Jahre als Quasi-Alleinherrscher geführt. Die Stadt Astana wurde nach ihm neu benannt. Sie heißt jetzt Nur-Sultan.

Was ist dort geschehen? Der Bajterek-Turm ist ein Symbol nationaler Größe. Durch die mytholgischen Anspielungen überhöht er den Führungsanspruch eines Menschen, aus dessen Schaffenskraft eine neue Welt entsteht, in der Frieden und Wohlstand herrschen sollen. Es scheint, als würde sich die Geschichte Babylons wiederholen. Als dieses zur mächtigsten Stadt der antiken Welt aufgestiegen war, baute man im Zentrum einen gewaltigen Turm, der die Vorherrschaft des Volkes behauptete. Das Gebäude ragte in den göttlichen Bereich – ein Ort der Macht und ein Aussichtspunkt über die unterworfene Welt der Völker. Die Bibel berichtet, dass dieser Turm ein Angriff auf Gottes Herrschaft gewesen sei, in dem die menschliche Schaffenskraft seine Allmacht in Frage stellte. Der hohe Turm als Herrschaftssymbol ist durch die Geschichte geblieben. Die hohen Türme unserer Zeit von New York, über Abu Dhabi bis Shanghai symbolisieren die Macht und Stärke einer Stadt, eines Landes, eines Konzerns oder einer Person. Wie der Turm, so wurde damals auch das Reich der Babylonier zerstört. Es zerfiel in die vielen Volksgruppen und Sprachen. Die Menschen wurden auf ihren Bereich zurückgeworfen. Ihr Ort ist Erde, nicht der Himmel. Dieser bleibt Gott vorbehalten.

Pfingsten ist daher ein Straßenfest. Die Apostel verlassen nach dem Kommen des Geistes das Haus und gehen auf die belebten Plätze Jerusalems hinaus. Dort treffen sie auf die Menge der vielen Völker und Sprachen. Anders als der Turm, der die Dominanz und Herrschaft einiger Menschen über die anderen bedeutete, wird die Einheit der Menschen nicht über die weltliche Macht hergestellt, nicht über Assimilation (also „Gleichmachung“), sondern auf ganz andere Weise: Die Einheit entsteht durch die geistgewirkte Verständigung. Als Petrus zu den Menschen spricht, hören ihn alle in ihrer eigenen Sprache. Sie verstehen ihn. Der goldene Abdruck, von dem aus Glück und Frieden in die Welt kommen, ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Der Abdruck wurde hinterlassen durch Gott, der sich in seinem Geist in das Werk der Schöpfung eingeschrieben hat. In jedem Menschen ist er zu finden, als verborgene Quelle des Guten und des Friedens, als ein gewaltiges Potential der Verständigung und der Einheit.

Wie sehr würden wir uns diese geistgewirkte Einheit wünschen! Wir haben in den letzten Wochen die Zerrissenheit der Völker wieder erleben müssen, als in Israel wieder einmal die Volksgruppen gegeneinander standen und Gewalt mit Gegengewalt beantwortet wurde, als wir auch hier in Deutschland die Auswirkungen dieses tiefen Konfliktes erleben mussten, der die finstersten Ressentiments alter Feindschaft und Vorurteile heraufbeschwor. Wie sehr würden wir uns die geistgewirkte Einheit wünschen in den anderen großen Konflikten unserer Welt, aber auch in unserem Land, wo sich Menschen in den unterschiedlichen Meinungsblasen die gegenseitige Anerkennung verweigern, sondern mit vorgestanzten Pauschalbeschimpfungen aufeinander losgehen. Die Logik der Türme ist weiter da. Diese Logik ist, sich unter menschliche Führungsansprüche zu stellen, sich nur als Anhänger, als Partei, als Gruppe, als Volk zu begreifen. Die geistgewirkte Verständigung ist die Verständigung von Mensch zu Mensch, die im anderen seinen Wert als Geschöpf Gottes anerkennt. Der Weltenbaum des Christentums ist das Kreuz, das die Tiefen der Unterwelt, die menschliche Welt und den Himmel miteinander verbindet. Es ist ein Zeichen des Leidens und der Versöhnung. Als Jesus stirbt, haucht er den Geist aus. Es ist ein Geist, der Vergebung, der neues Leben ermöglich soll. Um diesen Geist bitten wir am heutigen Festtag.

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