Eine umstrittene Heilung

„Du darfst von Fremden nichts annehmen!“ – Dieses Verbot gehörte zu den eindrücklichen Regeln meiner Kindheit. Wenn ich mich richtig erinnere, war dieses Verbot in meiner Grundschulzeit allgemein verbreitet. Nicht nur ich, sondern auch alle Klassenkameraden kannten es. Was hinter diesem Verbot stand, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht waren es Berichte aus der Zeitung gewesen, von Kindern, die bewusst vergiftet worden waren. Vielleicht stand dahinter auch die Angst, dass Entführer sich potentiellen Opfern mit diesem Trick nähern würden. Vielleicht war es auch schon das Wissen über Missbrauchstäter, die Kinder mit kleinen Geschenken anlockten. In jedem Fall war es etwas ganz Schlimmes. Bei mir hatte sich zumindest eingeprägt: Sei vorsichtig, wenn dir jemand Unbekanntes etwas anbietet, Süßigkeiten oder Spielzeug, es könnte sein, dass er etwas Böses im Schilde führt. Dieser Zusammenhang machte es uns schwer, zwischen guter und böser Absicht zu unterscheiden. Ich erinnere mich noch, wie mich auf dem Schulweg einmal eine alte Dame ansprach, ein paar Worte mit mir wechselte und mir dann einen ihrer Kekse anbot, den ich dann auch nahm (mehr um ihr eine Freude zu machen – es war ein Vollkornkeks, den ich überhaupt nicht mochte). Nachdem ich den Keks gegessen hatte, beschlich ein schlechtes Gewissen. Was hatte die Dame wohl im Schilde geführt? Könnte es nicht sein, dass auch diese liebe Oma in Wirklichkeit etwas Schlechtes beabsichtigte? Da allerdings nicht mehr passierte, als dass mir der Keks nicht schmeckte und mir die Dame in der Folgezeit auch nicht begegnete, festigte sich in meinem kindlichen Kopf doch die Erkenntnis, dass die Grundregel „Du darfst von Fremden nichts annehmen“ vielleicht doch nicht so absolut galt, wie ich bislang angenommen hatte.

Das Evangelium des vierten Fastensonntags (Joh 9,1-11) ist sehr lang. Es erzählt auf den ersten Blick Altbekanntes. Jesus sieht einen Blindgeborenen und heilt ihn. Der Blindgeborene kommt am Ende zu Jesus und erkennt ihn als „Menschensohn“ an, kommt also zum Glauben an ihn. Diese Erzählung begegnet dem Leser auch in den anderen Evangelien (Mt 9, Mt 12, Mt 20, Mk 8, Mk 10, Lk 18). Blindenheilungen gehören zu den häufigsten Heilungswundern Jesu. Johannes erzählt allerdings weit mehr als ein Heilungswunder. Auf sieben Verse, in denen er die Heilung schildert, folgen 27 Verse, in denen auf verschiedene Weise und von verschiedenen Gruppen über das Wunder diskutiert wird. Den Abschluss bilden dann sechs Verse, die von der Rückkehr des Blinden zu Jesus berichten. Wozu dieser ellenlange Mittelteil? In Kurzzform geschieht dort Folgendes: Der ehemals Blinde erzählt den Nachbarn von seiner Heilung. Die bringen ihn zu den Pharisäern. Dort erzählt er seine Geschichte noch einmal. Die Pharisäer nehmen ihn in das Verhör. Die Nachbarn und andere (Johannes schreibt „die Juden“) befragen die Eltern des Blindgeborenen. Dieser wird daraufhin noch einmal von den Pharisäern verhört. Es kommt zum Streit. Die Pharisäern lehnen die Heilung ab. Die Kernfrage, die im Mitteleteil des Evangeliums verhandelt wird heißt: Wie können wir die Heilung verstehen? Dabei gibt es drei Probleme.

Das erste Problem: Die Heilung. In der biblischen Zeit ist die Heilung eines Kranken nie bloß das Werk eines geschickten Arztes. Das Privileg zu heilen steht Gott zu. Im Buch Genesis sagt Gott zu Mose: „Wer hat dem Menschen den Mund gegeben und wer macht taub oder stumm, sehend oder blind? Doch wohl ich, der HERR!“ (Gen 4,11). Das Schicksal des Menschen liegt fest in Gottes Hand. Eine Krankheit oder eine Behinderung können so verstanden werden, dass sie Ergebnis von Gottes strafendem Handeln sind. Eine Heilung ist der Erweis für eine Begnadigung durch Gott. Die Rolle des Arztes und die des Propheten oder Priesters sind eng miteinander verbunden. Der Arzt der heilt, ist ein Instrument in den Händen Gottes.

Daher das zweite Problem: Der Heiler. Für die Pharisäer geht es im Kern darum, herauszufinden, ob die Heilung „echt“ ist, in dem Sinn, dass sie von Gott kommt. Es könnte ja auch sein, dass sie vom Bösen gewirkt wurde. In der Erzählung des Blindgeborenen gibt es hier ein Problem: Der Heiler, also Jesus, hat die Heilung am Sabbat getan. Damit verstößt er gegen das göttliche Gesetz. Jesus tut also nach dem Schriftverständnis der Pharisäer nicht Gottes Willen. Kann ein solcher Mensch im Namen Gottes heilen? Deswegen sagen sie über Jesus ausdrücklich: „Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist“ (Joh 9,24). Ein Sünder allerdings wird von Gott nicht erhört (Joh 9,31). Deshalb kann die Heilung nicht von Gott kommen. Um ein wahrer Heiler zu sein, müsste dieser das göttliche Gebot halten. Steckt also hinter der guten Gabe der Heilung eine böse Absicht? Hätte der Blindgeborene sagen sollen: Von Menschen, die am Sabbat heilen, darf ich nichts annehmen? Die Heilung könnte ein Werk der Sünde sein. Diese ist genauso ansteckend wie eine Krankheit. Wer sich auf einen Sünder einlässt, wird selbst von diesem für die Sünde empfänglich. Die Sünde wird weitergegeben. Der Blindgeborene ist für die Pharisäer bereits „in Sünde geboren“ (Joh 9, 34), das heißt, seine Krankheit ist bereits Ausdruck dafür, dass er von der Sünde kontaminiert ist und deshalb von Gott gestraft wurde. Wenn die Heilung von Gott gekommen wäre, hätte er mit ihr nicht nur seine Blindheit sondern auch seinen Sünderstatus verloren. Das erkennen die Pharisäer nicht an.

Das dritte Problem: Der Messias. Es gibt eine Möglichkeit, die die Pharisäer nicht zu denken wagen, oder zumindest ausschließen. Der Heiler, der zwar heilt, aber dabei gleichzeitig das göttliche Gebot verletzt, könnte entweder ein Scharlatan, ein Bote des Bösen sein oder er ist der Messias. Der Messias ist der Gesandte Gottes und mit göttlicher Vollmacht ausgestattet. Da er „Sprachrohr“ Gottes ist, könnte er in seinem Namen auch das göttliche Gesetz souverän anwenden und ausdeuten. Diese Vollmacht beansprucht Jesus für sich. Mit seiner Tat der Heilung am Sabbat hätte er das ganze bisherige Denk- und Lehrsystem der Pharisäer ausgehebelt. Das allerdings wollen diese nicht akzeptieren. Sie haben sich bereits schon vorher festgelegt, jeden auszuschließen, der ihn als Messias anerkennt (Joh 9,22). Diesen Weg wird der Blindgeborene gehen. Er akzeptiert Jesus als den Messias und tritt somit aus dem Deutungskreis der Pharisäer aus. Wer ihm soviel Gutes getan hat, der muss von Gott sein, egal, ob er sich in allem an das göttliche Gesetz hält, oder nicht (Joh 9,33).

Am Ende des Evangeliums zeigt sich die „Moral“ der Erzählung. Einige Pharisäer fragen sich: „Sind auch wir blind?“ (Joh 9,40). Das ist weniger ein Selbstzweifel, als eine Spitze gegen Jesus. Übersetzt heißt es: Es kann doch nicht sein, dass wir, die wir uns an Gottes Gesetz halten in Wahrheit Blinde sind, also in Sünde leben. Wir sehen doch (Joh 9,41)! Jesus nimmt die Spitze auf: In Wahrheit sind die Sehenden die Sünder. Sie behaupten zwar, ohne Sünde zu sein, erkennen aber den Messias nicht an. Darin liegt die eigentliche Sünde.

Man sieht also: eine ziemlich verzwickte Sache. Johannes verwendet die Erzählung, um immer mehr die Bedeutung Jesu als Messias und Sohn Gottes, als „Wort Gottes, das in die Welt kam“ herauszuarbeiten. Jesus ist das „Licht in der Finsternis, das von den Seinen nicht angenommen wird“ (Joh 1). Im Grunde stellt er damit die Wertmaßstäbe der jüdischen Autoritäten in Frage.

Meine kleine Erzählung vom Anfang hatte versucht, das Grunddilemma des Evangeliums zu illustrieren. „Ich darf von Fremden nichts annehmen!“ war ein Beispiel für eine gültige Regel, die für mich langsam fragwürdig wurde. Ich lernte, dass es falsch war, jedem zu misstrauen, der mir in dieser Weise etwas Gutes tun wollte. Damit setzte ich mich einer großen Gefahr aus: Der Gefahr der freien Entscheidung. Die Entscheidung ist riskant. Der Umgang mit ihr muss sorgfältig gelernt werden. Aus Übervorsicht wird schnell Leichtsinn, bis alles ins richtige Maß kommt. Der Blindgeborene trifft diese Entscheidung, indem er aus dem gewohnten Deutungsmuster austritt und die neue Wirklichkeit, die Jesus Christus verkörpert, akzeptiert. Er tut dies aus Vertrauen, aber auch aus der überwältigenden Erfahrung der guten Tat, die ihm zu Teil wird: Wer so an mir handelt, dem kann ich nicht misstrauen. Von diesem „Fremden“ darf ich alles annehmen.

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