Mein statistisches Corona-Ich

Die Zeit der Mediziner ist vorbei. Über Wochen hinweg haben die Ärzte das mediale Geschehen bestimmt. Sie erklärten die Wirkung des Corona-Virus, seine Übertragungswege, seine Symptome und seine möglichen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus. Mittlerweile haben die Statistiker übernommen. Die allgegenwärtigen Kurvendiagramme erfassen die möglichen Pandemie-Verläufe. Es geht um Zahlen, um Zahlen von Infizierten, Gefährdeten, von Krankheitsverläufen, Verstorbenen und Geheilten. Eine animierte Grafik in meiner facebook-Timeline bestand aus lauter grünen Punkten, die sich durch den Raum bewegten. Jeder grüne Punkt stand für einen Nicht-Infizierten. Rote Punkte als Stellvertreter für infizierte Personen mischten sich unter die grünen. Die Grafik illustrierte die Ausbreitung des Virus ohne Einschränkung der Sozialkontakte. Schnell verfärbten sich alle grünen Punkte rot. Bei ausreichender Distanz und eingeschränkter Bewegung vollzog sich diese Veränderung bedeutend langsamer, so langsam, dass sich einige der roten Punkte in der Zwischenzeit wieder auf grün stellten. Sie zeigten die wieder genesenen Personen an. Ein solches Bild ist eindrücklich. Es ist so eindrücklich, dass man kurzzeitig auch in Deutschland überlegte, es den Chinesen gleichzutun und die Bewegungsprofile der Menschen anhand ihrer Handydaten zu überwachen. So ließen sich Infektionsketten zurückverfolgen, aber natürlich auch (und dies wurde nicht gesagt) leichtsinnige Überträger, die sich nicht an die Auflagen halten, identifizieren. Der Mensch als soziales Wesen wird in der statistischen Betrachtung als roter und grüner Punkt auf eine Funktion reduziert: Er ist ein potentieller Überträger von Krankheiten und damit eine Gefahrenquelle. Die sozialen Einschränkungen, vor allem das Kontaktverbot, sind dieser Einsicht geschuldet. Die für die Infektionsbekämpfung notwendige Abstraktion des Menschen reduziert ihn auf seine biologische Form als Infektionsherd. Die Statistik hat damit die Funktion der Leitwissenschaft für die Regulierung des öffentlichen Lebens übernommen. Im Augenblick geht es wohl nicht anders, aber ein wenig kränkend ist es schon.

Das Phänomen ist nicht neu. Es ist gerade die Soziologie, die eine solche Abstraktion von konkreten Menschen vornimmt, um ihn als soziales Wesen einzuordnen und zu beschreiben. Aus Sicht der Soziologie folgen Menschen als soziale Wesen bestimmten allgemeingültigen Regeln (die der gewiefte Soziologe aufdeckt) und strukturieren so ihr Gemeinschaftsleben. Mittels der Analyse gesellschaftlicher Regeln suggeriert die Soziologie eine quasi naturwissenschaftliche Genauigkeit in der Vorhersage bestimmter Abläufe in „Systemen“ oder „Subsystemen“ menschlicher Vergemeinschaftung. Nicht der Einzelne ist interessant, sondern die Gruppe. Niklas Luhmann, der Erfinder der Systemtheorie, beschrieb etwa die Religion als ein menschliches System, das mit den Codes von „Immanent“ und „Transzendent“ operiert. Religion verdoppelt die Realität durch eine zusätzliche Berufung auf etwas, das jenseits der sichtbaren Realität liegt und z.B. durch den Ritus zum  Ausdruck gebracht werden kann.[1] Kirchen als „organisiertes Sozialsysteme“ grenzen sich durch die Verwendung des Codes „immanent/transzendent“ von anderen Sozialsystemen ab. Sie bilden sich durch ein Inklusions- und Exklusionskonzept, in dem zwischen dem richtigen und dem falschen Glauben unterschieden wird. Damit wird für Luhmann z.B. die Ausbildung einer Dogmatik und Hierarchie unausweichlich. Sie ist quasi eine systemtheoretische Notwendigkeit.[2] Dieses kleine hier sehr verkürzt dargestellte Beispiel zeigt die Rolle der Soziologie an. Sie abstrahiert von den konkreten Erscheinungen. Es mag „systemimmanent“, also aus der Logik etwa des Christentums richtig sein, die Bildung der Religion auf das Gründungsereignis von Tod und Auferstehung Jesu zurückzuführen. Damit ist das Christentum aber nur ein Fall einer allgemeinen Verfahrensweise (die Rückführung auf einen „Mythos“) die für andere Religionen gleichermaßen gilt. Religiöse Bedürfnisse, sinnstiftende Riten, persönlicher Glaube, praktisches religiös motiviertes Engagement und viele Dinge, die Menschen die Religion wichtig und wertvoll machen, werden durch wissenschaftliche Metatheorien eingehegt.

Darf man so vom Menschen sprechen? Der Theologe Johann Baptist Metz, einer der wichtigen Vertreter der katholischen Theologie im 20. Jahrhundert, erhebt dagegen heftigen Einspruch. Die soziologische Betrachtungsweise sei dem Menschen nicht angemessen. Die streng wissenschaftliche Betrachtung würde den Menschen als personales Wesen immer mehr verdrängen. Es gebe bei Niklas Luhmann „keine Subjekte, nur selbstreferentielle Systeme“.[3] Der Mensch als geistbegabtes Wesen sei für die Soziologie „gestorben“. Der Mensch erscheine als ein technisches, wissenschaftlich erfassbares Geschöpf. Metz zitiert in diesem Zusammenhang Michel Foucault, den vielleicht bedeutendsten französischen Philosophen des vergangenen Jahrhunderts. Auf die Frage, ob die streng wissenschaftlich-soziologische Sicht auf den Menschen nicht zu abstrakt sei, sagte Foucault:

„Abstrakt? Ich möchte Folgendes antworten: es ist der Humanismus, der abstrakt ist! All diese Herzensschreie, all diese Ansprüche der menschlichen Person, der Existenz sind abstrakt: d.h. abgeschnitten [lateinisch ‚abstrahere‘: trennen, entfernen] von der wissenschaftlichen und technischen Welt, die nämlich unsere wirkliche Welt ist […] Der Versuch […] besteht darin […] deutlich zu zeigen dass unser Denken, unser Leben, unsere Seinsweise bis hin zu unserem alltäglichsten Verhalten Teil des gleichen Organisationsschemas sind und also von den gleichen Kategorien abhängen wie die wissenschaftliche und technische Welt.“[4]

Was Foucault damit sagt: Die wissenschaftliche Betrachtung des Menschen ist eigentliche und einzig gültige Betrachtung. Die Vorstellungen von besonderen geistigen, kulturellen und individuellen Fähigkeiten der Menschen dürfen nicht existenziell oder humanistisch beschrieben werden. Vokabeln wie „Geist“, „Seele“, „Fühlen“ oder „Freiheit“ erfassen den Menschen in Wahrheit nicht korrekt. Fällt eine solche Betrachtungsweise in die Hände eines Evolutionsbiologen wie Edward. O. Wilson, bleibt von der menschlichen Wesensart nicht mehr viel übrig. Der Mensch ist bei Wilson seine „Natur“ und die wird durch epigenetische Prozesse gesteuert. Mit „epigenetisch“ meint Wilson, dass der Mensch nicht durch eine statische DNA genetisch gesteuert ist, sondern durch eine genetische Vorprägung, die sich im Laufe der Jahrtausende evolutiv anpasst und verändert. Menschliches Verhalten ist also wissenschaftlich als Folge genetischer Vorprägungen zu erfassen.[5]  Johann Baptist Metz wendet sich im Namen des Christentums gegen eine solche Betrachtung des Menschen. Das Christentum nimmt seinen Ausgang beim leidenden Christus am Kreuz. Es geht für Metz nicht darum, den Menschen zum beschreibbaren Objekt der Wissenschaften zu machen, sondern eine andere Ausgangsfrage zu stellen. Um den Menschen zu beschreiben, müsse man an der Frage des Leidens ansetzen:

„Das christliche Gottesgedächtnis ist ja in seinem Zentrum ein Leidensgedächtnis []: das durch nichts zu beruhigende Eingedenken ungesühnter Leiden. Inmitten der Aufklärungs- und Säkularisierungsprozesse sucht das Christentum die im Glauben an die Auferweckung der Toten und des Gerichts enthaltene Frage nach Gerechtigkeit für die ungerecht Leidenden, für die ungesühnten Opfer und Besiegten der Geschichte als eine gefährliche Erinnerung zu formulieren.“[6]

Das Leiden stellt den Menschen in seiner Menschlichkeit auf die Probe. Es durchbricht so die kalte Logik der wissenschaftlichen Abstraktion.

Es lohnt sich, in diesen Tagen auf einen großen Roman zurückzugreifen. Albert Camus’ „Die Pest“ gilt bei Buchhändlern als ein neuerdings wieder vielgekauftes Buch. Camus erzählt in seinem Roman vom Ausbruch der Pest in der algerischen Stadt Oran. Er beschreibt den langen Zeitraum, den die schnell isolierte Stadt und seine Bewohner durchleben müssen, nachdem erste Fälle der Pest aufgetreten sind und sich die totbringende Krankheit als Seuche immer mehr ausbreitet. Camus beobachtet das Verhalten der Menschen, die sich zuerst leichtsinnig verhalten, sich dann versuchen durch allerhand Dinge von der Bedrohung abzulenken. Er beschreibt, wie sie versuchen, die Pest zu erklären, schließlich in Schrecken und Verzweiflung verfallen und in zunehmendem Maße emotional abstumpfen. Diese scheinbar soziologischen Betrachtungen werden allerdings nicht sachlich „geschildert“. Vielmehr begleitet der Autor konkrete Personen in ihrem Umgang mit der Situation, den aufopferungsvollen Arzt Rieux, den Journalisten Rambert oder den Jesuitenpater Paneloux. Die entscheidende Frage ist: Wie geht es den Menschen unter den Bedingungen der Pest? Die totbringende Seuche breitet sich mit wissenschaftlicher Genauigkeit aus. Die Behörden reagieren, wie wir es auch gerade erleben. Sie schränken das soziale Leben immer mehr ein. An einer Stelle schreibt Camus treffend: „Sie [die Pest] war in erster Linie eine umsichtige, fehlerlose und gut funktionierende Verwaltung.“[7] Der Lebende als potentieller Gefahrenherd, der Kranke als Fallzahl, der Tote als humaner Schaden. In der Mischung aus Isolation, Angst und Krankheit zeigen sich für Camus die wahren Charaktere der Menschen, insbesondere ihre Fähigkeit, mit den anderen zu leiden. Es ist das qualvolle Sterben eines Kindes, dass beim Arzt Rieux den tiefen Widerstand gegen die Krankheit neu entfacht und seinen Kampfesmut, das scheinbar sinnlose Anrennen gegen den Tod stärkt. Am Mit-Leiden zeigt sich die menschliche Größe.

Es ist beruhigend, dass sich in die Botschaften politischer Verantwortlicher der letzten Tage immer auch die Aufforderung zur Fürsorge mischt. Es geht im Kern eben nicht um Zahlen, sondern um das gesundheitliche Wohl, besonders der Alten und Schwachen. Das ist ein zutiefst menschlicher Zug. Es gilt, ihn auch trotz aller Eindämmung zu bewahren. Die psychischen und psychosomatischen Folgen einer langen Isolation dürften ebenfalls verheerend sein. Auch hier gilt es, Leid zu vermeiden. Die menschliche Nähe, wenn auch in eingeschränkter Form, wird nicht zu ersetzen sein. Nach der Zeit der Mediziner und der Statistiker kommt die Zeit der Psychologen, der Seelsorger, aber auch einfach der Nachbarn, der Freunde und der Angehörigen. Sie werden in den nächsten Wochen entscheidend zum Überstehen der Krise beitragen.   


[1] Luhmann, Niklas, Die Religion der Gesellschaft, Frankfurt 2002, 58-64.

[2] Luhmann, Die Reiligion der Gesellschaft, 226-249.

[3] Metz, Johann Baptist, Memoria passionis, Freiburg 2006, 83. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Seiten 81-84.

[4] Metz zitiert hier Foucault in: Ästhetik und Kommunikation, 17 (1986), 63.

[5] Wilson, Edward O., Die soziale Eroberung der Erde, München 2013, 232-236.

[6] Metz, Memoria passionis, 89.

[7] Camus, Albert, Die Pest, Hamburg 1998 (1947), 204.

Ein Kommentar zu „Mein statistisches Corona-Ich

  1. Herzlichen Dank für Ihre
    (be)sinnlichen Gedanken in diesen wirren, unsicheren Zeiten…
    Wir sind ängstlich, schotten uns ab, sind aber ständig auf der Suche…
    Zahlen und Vertrauen auf Statistik, sollen uns diese Halt und (vermeintliche) Sicherheit bringen..(?) Entspringen Sie wohl eher unserem Mangel daran. Menschlich..
    Wie unser unstillbares Verlangen nach dem Absoluten. Dieses Begehren, das wir dadurch leider in vorgefertigtem, kaltem Zahlenmaterial und einer (imaginären) Ordnung verfolgen.
    Nicht in unserem tiefsten Seeleninneren. Oder im Abgestoßenen, im Fremden und Anderen.
    In Hoffnung, im Glauben…

    Darum:
    Nochmals vielen Dank!

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