Priesterweihe für Frauen? – Das kann doch nicht so schwer sein!

Es ist eigentlich kein neues Thema, das die katholische Kirche Deutschlands in den letzten Monaten polarisiert. Die Frage, warum Frauen eigentlich nicht Priesterinnen werden können, wird spätestens seit den 60er Jahren beständig gestellt. Diese Frage ist nun mit neuer Wucht zurückgekehrt. Nicht nur die Protestaktionen der Bewegung „Maria 2.0“, sondern auch katholische Verbände, etwa die „kfd“ (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) und der BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend), außerdem das ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) fordern offen die Öffnung des Weiheamtes für Frauen. Auch unter den deutschen Bischöfen hat sich die Einstellung zu diesem Thema verändert. In verschiedenen Interviews haben sich einzelne von ihnen positiv dazu geäußert, die Amtsfrage neu zu diskutieren. Beim „synodalen Weg“ der Bischöfe und der katholischen Laien soll das Thema „Frauen in der Kirche“ ein zentraler Diskussionspunkt sein.

Für diese Entwicklung gibt es Gründe. Viele der heutigen Diskussionen sind ein Reflex auf die Bekanntmachung der Missbrauchs-Studie der Bischofskonferenz. Diese hatte  auch „systemische“ Ursachen für das vielfache Versagen von Klerikern und Kirchenleitungen ausgemacht. Mit anderen Worten: Es gibt kirchenspezifische Gründe, die Missbrauch begünstigt haben. Dazu gehörte nach Ansicht der Studie z.B. ein überhöhtes sakrales Amtsverständnis und das Fehlen unabhängiger Kontrolle. Zum anderen haben gesellschaftlich emanzipatorische Bewegungen in den westlichen Ländern in den letzten Jahren zunehmend an Stärke gewonnen. Betrachtet man die katholische Kirche aus dieser Sicht ist klar, dass eine Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Sinne einer gerechten Verteilung von Macht und Einfluss in ihr nicht gegeben ist. Dadurch, dass Leitungspositionen meist (in der Vergangenheit fast ausschließlich) mit Klerikern besetzt sind, bleiben hier die Männer unter sich. Eine Gleichberechtigung ist analog zum weltlichen Bereich nur dann zu erreichen, wenn Frauen die gleichen Rechte und Pflichten haben, also nicht mehr von den Weiheämtern ausgeschlossen sind. Häufig wird das Bild einer „männerbündischen“ und „patriarchalen“ Kirche beschworen. Diese habe im Falle des Missbrauchs ihre Unfähigkeit eindeutig bewiesen.

Die deutschen Bischöfe haben in den letzten Jahren gegengesteuert, indem sie verstärkt Frauen für die Leitungspositionen der Generalvikariate gewonnen haben. Zudem werden an den katholischen Fakultäten zunehmend Professorinnen berufen. In einzelnen Bistümern gibt es bereits Frauen, die als Gemeindeleiterinnen tätig sind. Das alles wird durchaus als Schritt zur Gleichberechtigung gewürdigt. Allerdings bleibt mit der ausstehenden Frauenordination der letzte Schritt aus. Die kfd schreibt dazu in ihrem Positionspapier:

„Die kfd sieht sich als Ganzes einer Vision von Kirche verpflichtet, wie sie im Zweiten Vatikanischen Konzil beschrieben wird: Kirche als Volk Gottes unterwegs und als Communio, der Gemeinschaft der Menschen mit Gott und untereinander, in der alle an Sendung, Verkündigung und Zeugnis gleichberechtigt teilhaben. Jetzt ist es höchste Zeit, konsequent diese Vision zu verwirklichen. Daher fordert die kfd mit Nachdruck die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche und den Zugang von Frauen zu allen Diensten und Ämtern in der Kirche.“ [1]

Ähnlich äußert sich auch der BDKJ:

„Die Kirche kann jedoch nicht glaubwürdig die Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft fordern, wenn sie innerhalb der Kirche den Frauen die gleichen Rechte wie Männern verweigert. Die theologische Debatte zeigt, dass die vorgebrachten Argumente z. B. für den Ausschluss von Frauen vom Sakrament der Weihe weder stichhaltig noch zwingend sind. Darum darf diese theologische Debatte nicht für beendet erklärt werden und alle Theologinnen und Theologen und alle Getauften die diese Debatte führen, dürfen nicht länger diskriminiert und abgestraft werden. Wir erhalten deshalb unsere Forderung nach dem uneingeschränkten Zugang von Frauen zum Weiheamt und damit auch zu allen Leitungsämtern aufrecht und erwarten, dass diese Debatte in die Frauensynode Eingang findet.“[2]   

Die Argumentation der beiden Verbände ist ähnlich: Beim Ausschluss von Frauen von der Priesterweihe handele es sich um eine strukturelle Diskriminierung, die theologisch (heute) nicht mehr sinnvoll begründet werden könne. Die Frage nach der Öffnung des Weihesakraments dürfe daher nicht für abgeschlossen betrachtet werden. Wenn dieser Befund stimmt, müssten wir bald mit einer Zulassung von Frauen zum Weiheamt rechnen können. Das offenbar einzige Hindernis: Der Papst (und vor allem die päpstlichen Berater) müssen umgestimmt werden. Es scheint, als handele es sich um eine Frage des guten Willens, oder (negativ) gewendet um eine Frage von Macht. So richtig es ist, dass Veränderungen aus einem gemeinsam getragenen Veränderungswillen erstehen, so unrealistisch ist es, eine baldige Einführung der Priesterweihe für Frauen zu erwarten. Tatsächlich gibt es objektive Hürden, die in der Frage der Priesterweihe übersprungen werden müssten. Anders als in der Politik, wo häufig schon die Organisation einer einfachen Mehrheit reicht, um Dinge zu verändern, geht es in der Kirche bei Fragen, die die Lehre und Tradition betreffen, immer um Wahrheitsfindung. Diese ist bedeutend komplizierter. Der Weg zur Frauenordination ist lang und kompliziert. Ich möchte einfach die entscheidenden Etappen nennen, die auf ihm zu nehmen wären.

1. Die theologische Argumentation

Das klassische theologische Argument dafür, dass die Weihe Männern vorbehalten ist, ist etwa vom Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke in jüngster Zeit noch einmal vorgetragen worden.[3] Es geht dabei um die Bedeutung der tatsächlichen geschichtlichen Offenbarung. Das klingt kompliziert. Vereinfacht könnte man es so sagen: Gott wählt in Jesus Christus einen geschichtlichen Weg, um sich mitzuteilen. Das ist ein konkretes Geschehen. Wenn Gott genau diesen und keinen anderen Weg wählt, sind die Einzelheiten dieses Weges kein Zufall, sondern haben eine Bedeutung. Dass Jesus z.B. am Kreuz stirbt, ist kein bloßer Zufall der Geschichte. Gott wollte die Welt genau auf diesem Weg erlösen. Das Kreuz ist kein „Unfall“, sondern hat eine tiefere Bedeutung. Gott hätte die Welt vielleicht auch ohne das Kreuz erlösen können, aber er tut es nicht, sondern wählt genau diesen Weg. Was hat das mit dem Priestertum zu tun? Man kann fragen: Ist es ein Zufall, dass Jesus ein Mann war (und keine Frau), oder nicht? Wenn es kein Zufall ist, was hat dann möglicherweise das Mann-Sein Jesu für eine Bedeutung? Die Bibel selbst nimmt diese Frage auf. Sie deutet das Gegenüber von Jesus und der Kirche als ein Verhältnis von Bräutigam und Braut. Damit verwendet das Neue Testament ein Bild, das schon im Alten Testament immer wieder zu finden ist: Das Volk Israel oder auch die Stadt Jerusalem ist die Braut, Gott ist der Bräutigam. Versöhnung und Erlösung liegen darin, dass (im Bild gesprochen) Bräutigam und Braut wieder zusammenfinden.[4]  Besonders der Epheserbrief verwendet das Geschlechterverhältnis, um damit das Verhältnis von Christus und Kirche zu verdeutlichen: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5, 31). Das Gegenüber von Mann und Frau bekommt hier eine tiefere Bedeutung zugesprochen. Wenn nun das amtliche Priestertum bedeutet, den fortwirkenden Dienst Christi in seiner Kirche zeichenhaft (sakramental) darzustellen, dann ist diese Darstellung eben nicht geschlechterneutral, sondern orientiert sich an der geschichtlichen Offenbarung.

Dieses Argument erzeugt unweigerlich einen Einwand: Ist es nicht heute überholt, zu glauben, Christus müsse durch einen Mann repräsentiert werden? Menke antwortet darauf wie folgt:

„Frauen können durchaus Christus repräsentieren und ‚In persona Christi‘ handeln – zum Beispiel wenn sie taufen oder einem Mann das Sakrament der Ehe spenden. Aber – so erkennt die Kirche in ihrer Treue zu ihrem Ursprung – sie sollen nicht das ‚Voraus‘ und  das ‚Gegenüber‘ des Logos gegenüber der Schöpfung, gegenüber Israel und gegenüber der Kirche repräsentieren – so wenig, wie ein Mann die empfangende Antwort Marias repräsentieren soll. Natürlich kann man darüber spekulieren, ob Gott, wenn er gewollt hätte, nicht auch als Frau hätte Mensch werden können. Aber angesichts der Bedeutung der Geschlechterdifferenz für die Beschreibung des Verhältnisses Gottes zum Menschen ist eine solche Hinterfragung des Faktischen ein Zeichen für den Verlust des sakramentalen zugunsten des funktionalen Denkens.“[5]

Menke weist damit noch auf eine andere theologische Frage hin: Wie verstehen wir eigentlich das Amt? Das II. Vatikanische Konzil versteht das Amt als sakramentale Christusrepräsentation, d.h. die Amtsträger stellen zeichenhaft Christus dar.[6] Dem gegenüber steht ein Amtsverständnis, das sich im Protestantismus durchgesetzt hat, wo eben die Priesterweihe kein Sakrament ist, sondern Pastoren in der Rolle des Gemeindeleiters eben nur eine bestimmte Aufgabe (Funktion) innerhalb der Kirche wahrnehmen.[7] Deshalb war es den evangelischen Kirchen auch leichter, Mitte des 20. Jahrhunderts das geistliche Amt auch für Frauen zu öffnen. In unserem heutigen kulturellen Umfeld wird zudem um die Bedeutung der Geschlechterdifferenz intensiv gerungen. Es ist daher kein Wunder, dass das klassische theologische Argument für die Priesterweihe von Männern vielfach angefragt wird. Für die Einführung des Frauenpriestertums müsste sich eine allgemein akzeptierte Argumentation finden, die auf der einen Seite die sakramentale Dimension des Priestertums wahrt, auf der anderen die erwähnten biblischen Texte in redlicher Weise in unsere Zeit hin ausdeutet.

2. Die Frage der Bibel und der Tradition

Die kirchliche Lehre speist sich immer aus zwei Quellen: der Bibel und der Tradition. Um eine geltende Lehrmeinung zu verändern, braucht es Anknüpfungspunkte, die es erlauben, einen theologischen Sachverhalt neu zu beurteilen. So hat etwa das II. Vatikanische Konzil an vielen Stellen Einflüsse aus der Theologie der frühen Theologen (sog. „Kirchenväter“) übernommen, die über lange Zeit unbeachtet geblieben waren. Welche Anhaltspunkte gibt es möglicherweise für das Priestertum der Frau? Viele Theologinnen und Theologen haben in den vergangenen Jahrzehnten besonders die Bibel auf solche Anhaltspunkte hin untersucht. Wenn man nachweisen könnte, dass es in der frühen Kirche Diakoninnen, Priesterinnen oder Bischöfinnen gegeben hat, wäre es hinsichtlich des Frauenpriestertums möglich, diese lange verborgenen Stränge der Tradition wiederzubeleben. Das ist gar nicht so leicht. Die Bibel entstand in einer ganz anders geprägten Zeit. Befürworter des Frauenpriestertums führen ins Feld, dass es kein Wunder sei, dass sich ein Frauenpriestertum unter den damaligen Bedingungen gar nicht ausprägen konnte, weil die Gesellschaft patriarchalisch strukturiert war. Pflanzt sich also durch die männlichen Amtsträger ein altes kulturelles Bild einfach bis in die Gegenwart fort?  Heute wahrscheinlich unbezweifelt ist, dass gerade das Juden- und Christentum in der antiken Welt  außergewöhnlich „emanzipatorisch“ waren. Das Alte Testament stellt die prinzipielle Gleichheit von Mann und Frau fest (im damaligen Umfeld keineswegs selbstverständlich). Ebenso wird ja gerade von Jesus berichtet, dass er ein vergleichsweise offenes Verhältnis gegenüber Frauen pflegte und dies in den Evangelien auch als „Nachfolgerinnen“ Jesu eine wichtige Rolle spielen.[8] Zudem ist unstrittig, dass sich die kirchlichen Ämter erst nach dem Tod Jesu langsam in den Gemeinden ausbilden und dies keineswegs einheitlich.

Die Idee, die von Befürworterinnen des Weiheamtes für Frauen vorgetragen wird ist: Jesus hätte, gerade aufgrund seines guten Verhältnisses zu Frauen gewollt, dass auch Frauen Priester werden. Möglich wäre das gewesen. Auch wenn das Judentum keine Priesterinnen kannte, waren diese in der antiken Welt in den Götterkulten weit verbreitet. Es wäre also in sogenannten „heidenchristlichen“ Gemeinden, die in einem griechisch-römisch geprägten Umfeld zu Hause waren, durchaus denkbar gewesen, dass sich ein Priesterinnenamt entwickelte.[9] Der biblische Befund allerdings unterstützt eine solche These nicht. Zum einen betonen die Evangelien die Bedeutung des Zwölfer-Kreises, der Apostel, von denen dann die apostolische Sendung und damit auch die Weitergabe der Ämter ihren Ursprung nehmen. Zum anderen weisen die Paulusbriefe die Vorstellung weiblicher Amtsträger an verschiedenen Stellen zurück (z.B. 1 Kor 11,2-16; 1Kor 14, 33-40; 1 Tim 2, 8-15). Zum dritten berichtet die Apostelgeschichte ausschließlich von der Einsetzung von Männern in kirchliche Ämter (z.B. Apg 6, 1-7; Apg 14, 23; Apg 20,28). Allerdings ist das noch nicht alles. Tatsächlich wird in der Apostelgeschichte, aber auch in den Briefen immer wieder von Frauen berichtet, die wichtige Aufgaben in den Gemeinden übernehmen. Sind damit auch amtliche Funktionen gemeint? Paulus z.B. spricht von einer gewissen Junia die offenbar den Titel „Apostelin“ trägt (Röm 16,7). Eine Frau namens „Phöbe“ wird von ihm als „Diakonin“ benannt (Röm 16,1). Es gibt also ein paar biblische Hinweise auf weibliche Gemeindeämter. Zudem gibt es in anderen frühchristlichen Quellen Belege für ein Diakoninnen-Amt. Die Diskussion über diese Belege dauern schon Jahrzehnte an: Welcher Art waren diese Gemeindeämter? Kann man sie mit dem Weiheamt vergleichen? Sind sie Ämter im Sinne unserer heutigen Ämter? Papst Franziskus hat zur Prüfung dieser Fragen eine Expert(inn)en-Kommision eingesetzt und darum gebeten, die Quellenlage noch einmal zu prüfen und zu bewerten. Die Ergebnisse sind bislang noch nicht bekannt gemacht worden. Für die Einführung des Weiheamtes für die Frauen oder die Schaffung eines neuen Dienstamtes wäre ein entsprechender Befund aus Schrift und Tradition enorm wichtig.

3. Die Frage des Lehramtes

In aller Kürze sind in den vorangehenden Absätzen die Argumentationen dargestellt worden, auf die die Päpste immer wieder zurückgegriffen haben, um die Frage des Amtes zu erklären. Papst Paul VI. veranlasste 1976 die Glaubenskongregation, zur Frage der Weihe von Frauen Stellung zu nehmen. Das dazugehörige Schreiben „Inter insigniores“ von 1976 argumentiert mit der Tradition und der Theologie (s.o.) und lehnte die Priesterweihe für Frauen ab. Da die Fragen nach der Möglichkeit der Frauenordination nicht abrissen, fühlte sich Papst Johannes Paul II. 1994 genötigt, die in „Inter insigniores“ dargelegte Lehrmeinung zu bestätigen.[10] Allerdings tat er noch mehr. Der Papst erklärte nämlich:

„Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für diskutierbar, oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu. Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.

Eigentlich wollte Johannes Paul II. mit dieser Erklärung die anhaltende Diskussion durch eine lehramtliche (und damit für die Kirche verbindliche) Feststellung beenden. De facto begann aber eine neue Diskussion, nämlich die, um die Verbindlichkeit der Erklärung. Auch wenn die Glaubenskongregation 1995 noch einmal bestätigte, dass es sich hier um eine definitive und damit unveränderliche Lehraussage handele, reißen die Diskussionen bis heute nicht ab. Der Bochumer Dogmatiker Georg Essen sagte dazu in einem Interview:

„Aber sind auch „definitive“ Lehren, die „nur“ vom ordentlichen Lehramt vorgelegt werden, grundsätzlich nicht revidierbar? So wie eine Lehre, die vom „außerordentlichen“ Lehramt in der Gestalt eines Konzils oder durch eine ex-cathedra-Entscheidung des Papstes mit dem Verbindlichkeitsgrad der Unfehlbarkeit und Nichtrevidierbarkeit verkündet wird? Als Theologe würde ich sagen: „Ordinatio Sacerdotalis“ ist keine ex-cathedra-Entscheidung des Papstes, kein Dogma. Die Voraussetzung dafür ist in meinen Augen nicht gegeben.“ [11]

Laut Essen habe die Entscheidung des Papstes lediglich eine sehr hohe Verbindlichkeit, sei aber nicht dogmatisch definiert. Damit lässt er ein Hintertürchen offen: Die Erklärung des Lehramtes könnte durch eine formale „ex cathedra“-Entscheidung, also durch eine feierliche Verkündung eines Glaubenssatzes durch den Papst oder durch die Entscheidung eines Konzils noch einmal „überboten“ werden. Andere halten dagegen und sagen, die Entscheidung gegen die Frauenpriesterweihe sei definitiv schon gefallen. Eine anderslautende Entscheidung sei daher überhaupt nicht mehr möglich. In der Tat dürfte es äußerst schwierig sein, eine anderslautende lehramtliche Entscheidung zu treffen. Papst Franziskus könnte zumindest nicht durch eine einfache Erklärung oder Enzyklika die Priesterweihe für Frauen erlauben. Es handelt sich dabei eben nicht um eine „Verwaltungsfrage“, sondern um eine Frage, die die Sakramente und damit einen Kernbereich der kirchlichen Lehre betreffen. Solche Fragen müssen im Einklang mit der Schrift und der Tradition, sowie der gelebten Glaubensüberzeugung getroffen werden.

 4. Die Frage der Ökumene und der weltweiten Kirche

Zwei weitere Faktoren müssen bei der Frage nach dem Priestertum für Frauen noch berücksichtigt werden.[12] Der erste betrifft das ökumenische Verhältnis. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass gerade das ökumenische Verhältnis zeigen würde, das eine Priesterweihe für Frauen möglich ist, da protestantische Kirchen diese doch längst eingeführt hätten. Allerdings wird dabei nicht berücksichtigt, dass katholisches und protestantisches Amtsverständnis weit auseinanderliegen (s.o.). Die katholische Kirche teilt allerdings das Amtsverständnis mit den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Sie alle kennen die sakramentale Priesterweihe für Männer und die Ableitung des Amtes aus dem Apostelamt, sowie die kirchliche Tradition der ununterbrochenen Weitergabe des Amtes (apostolische Sukzession). Die Einführung der Priesterweihe für Frauen würde die katholische Kirche sicher den Protestanten näherbringen, sie aber zugleich von ihren östlichen Geschwistern entfernen, mit denen die volle Kirchengemeinschaft theologisch wesentlich einfacher zu erreichen ist, als mit den protestantischen Kirchen.

Das zweite Argument betrifft die weltweite Kirche. Die Zulassung von Frauen zur Weihe würde eine tiefgreifende Veränderung in der katholischen Tradition und Lehre bedeuten. Diese wäre nur dann denkbar, wenn sie von allen Teilen der Weltkirche mitgetragen würde. Augenblicklich ist dies nicht der Fall. Die Forderung nach einer Priesterweihe für Frauen erhebt sich vor allem im amerikanischen und westeuropäischen Kulturraum. In anderen Teilen der Welt wird dies anders gesehen. Die anglikanische Kirche wäre über der Frage der Frauenordination fast zerbrochen und lehnte 2012 die Zulassung von Frauen zum Bischofsamt ab.[13] Sollte die Frage der Frauenordination auf einem zukünftigen Konzil neu besprochen werden, wäre eine möglichst große Einigkeit der Bischöfe notwendig, um ein Zerbrechen der Kirche zu verhindern. Diese Einigkeit ist bislang nicht in Sicht.

Priesterweihe für Frauen?

Befürwortet man die Frauenordination, ist der Befund ernüchternd. Die Voraussetzungen für eine Veränderung sind sehr schwer zu schaffen. Es geht um mehr als um eine bloße Meinungsbildung. Politische Aktionen wie Maria 2.0 erzeugen zwar Aufmerksamkeit – die Frage ist aber, ob sie tatsächlich einen substantiellen Beitrag für die Einführung der Frauenordination leisten können. Es wäre aus meiner Sicht ebenfalls zu optimistisch, vom sog. „synodalen Weg“ in Deutschland zu viel zu erwarten. Hier könnte es um die Erarbeitung einer neuen theologischen Leitlinie gehen, die beispielhaft für die Weltkirche das sakramentale Priesteramt in neuer Form zu begründen sucht. Dies bedeutet nicht, dass es keinen Reformbedarf gibt. Tatsächlich ist unter den veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen wichtig, die Bedeutung der Frauen auch in Leitungspostionen der Kirche zu stärken. Schon jetzt verändert sich die Kirche stark. Die Zeit der männerbündischen „Cognac- und Zigarren“-Runden auf Dekanatskonferenzen oder in bischöflichen Verwaltungen sind schon längst vorbei. Zudem wird die Position der Pfarrer deutlich angefragt. Auch wenn es den Pfarrer als weltliche Autoritätsperson, als Patriarchen seine Gemeinde in Wirklichkeit ja kaum noch gibt, wird es doch wichtig werden, Verantwortung und Leitungsaufgaben für die immer größer werdenden Pfarreien gut aufzuteilen. Ich denke, es wäre wichtig, sakramentale Vollmacht (zu der ja  auch der Leitungsdienst gehört) und weltliche Macht in der Kirche gut voneinander zu unterscheiden. Die gefühlte Ungerechtigkeit vieler, die sich für die Frauenordination einsetzen wird damit nicht verschwinden – und damit auch nicht die Diskussion um die Weihe von Frauen. Derzeit sieht es nicht so aus, als ob sich daran etwas ändern könnte.        


[1] https://www.kfd-bundesverband.de/fileadmin/Media/Themen/Kirche/Dienste_und_AEmter/kfd_Positionspapier_gleich_und_berechtigt_DRUCK.pdf

[2] https://www.bdkj.de/fileadmin/bdkj/Dokumente/Beschluesse/4/4-38_Gerechter_Kirche_sein.pdf

[3] https://www.domradio.de/themen/rainer-maria-kardinal-woelki/2019-09-11/kirche-kann-nie-demokratie-werden-theologe-menke-sieht-keinen-spielraum-beim-frauenpriestertum. S. auch: Menke, K.-H., Sakramentalität, Regensburg 2012, 75-86. Das Argument ist im 20. Jahrhundert grundlegend von Hans Urs von Balthasar erarbeitet worden. S. u.a. Balthasar, H.U., Frauenpriestertum? In: Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979, 109-115.

[4] Z.B. Hos, 2,21f., Jes 62,5, Jer 2,2 – vor allem aber ist das Hohelied in geistlicher Deutung als eine allegorische Umschreibung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk bzw. Christi zur Kirche gedeutet worden.

[5] Zitat aus dem Interview bei Domradio, Verweis s. oben.

[6] Lumen gentium 28.

[7] Ich habe versucht, die sakramentale Rolle des Priesters an anderer Stelle darzustellen: https://sensusfidei.blog/2019/02/02/drohnen-oder-wozu-brauchen-wir-eigentlich-priester/

[8] Z.B. Mk 3,35; Mk 16, 1-8; Lk 8, 1-3; Lk 10, 39.42; Joh, 20,11-18.

[9] S. dazu: Bouyer, L., Frauenpriestertum? , zitiert in: Müller, G.L., Der Empfänger des Weihesakraments, Würzburg 1999, 405-413.

[10] Johannes Paul II., Ordinatio sacerdotalis, 22. Mai 1994: http://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/apost_letters/1994/documents/hf_jp-ii_apl_19940522_ordinatio-sacerdotalis.html

[11] https://www.domradio.de/themen/reformen/2019-09-13/wie-definitiv-ist-eigentlich-definitiv-dogmatiker-essen-zum-nein-von-johannes-paul-ii-zur

[12] S. hierzu: Greshake, G. Priester sein in dieser Zeit, Freiburg 2000, 158ff.

[13] https://www.welt.de/politik/ausland/article111353000/Frauen-muessen-bei-den-Anglikanern-draussen-bleiben.html

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