Aus traurigem Anlass: Antijudaismus

Das furchtbare Attentat auf die jüdische Synagoge in Halle bewegt mich sehr. Die Berichterstattung und die Reaktionen weisen dabei in eine bestimmte Richtung. Man verurteilt die grausame Tat eines „fehlgeleiteten“ oder „irren“ Einzeltäters. So sehr eine tiefe Betroffenheit oder auch ein Entsetzen über die Grausamkeit eines einzelnen Menschen nach Worten sucht, sollten wir doch vorsichtig sein. Die Fokussierung auf einzelne, „verblendete“ Gefährder darf nicht von der gemeinschaftlichen Verantwortung einer Gesellschaft ablenken. Immer wieder ist in den vergangenen Monaten von antijüdischen Vorfällen berichtet worden, vom Angriff auf einen jüdischen Schüler oder auf einen Rabbiner in Hamburg, von antijüdischen Demonstrationen zum Al-Quods-Tag in Berlin. Jüdische Einrichtungen stehen auch heute noch unter verstärkter Bewachung. Bei der Einweihung des neuen jüdischen Gemeindezentrums in Schwerin wurde ich darauf hingewiesen, dass der Bau auch wegen der hohen Anforderungen an die Sicherheit schwierig gewesen sei. Anscheinend hat auch das geschichtlich bedingte deutsche Tabu der Diskriminierung jüdischer Menschen nicht dafür gesorgt, dass ein wirklich angstfreies Leben für sie in Deutschland und anderen Ländern Europas möglich ist. Man sollte in diesem Zusammenhang übrigens nicht von Antisemitismus sprechen. Der Begriff, der ursprünglich die Völker mit semitischen Sprachen bezeichnet (also auch Araber) wurde im Nationalsozialismus als rassischer Begriff gebraucht, um die „Semiten“ (=Juden) von der „Ariern“ abzugrenzen und bekämpfen zu können. Juden verstehen sich in religiöser Hinsicht als „Volk Gottes“ und betonen so ihre Zusammengehörigkeit im Glauben, stammen aber aus allen Erdteilen. Es ist besser, von „Antijudaismus“ zu sprechen, um Angriffe auf eine Glaubens- und Kulturgemeinschaft zu bezeichnen. Ein solcher Antijudaismus ist nicht nur das Problem rechtsradikaler oder islamistischer Gruppen. Wer eine solche Haltung auf Splittergruppen und ihre monströsen Phantasien und Taten abschieben möchte, nimmt sich selbst aus der Pflicht, sein eigenes Verhältnis zum Judentum zu befragen. In der Tat scheint es so, als habe eine jahrhundertelang konservierte Ablehnung des Judentums Nachwirkungen im kollektiven kulturellen Gedächtnis Europas hinterlassen. Diese konnten auch durch eine politische und geistliche Wende nach der Shoa offensichtlich nicht aus der Welt geschafft werden. Lang verbreitete Vorurteile und Verschwörungstheorien wirken nach. So erzählte mir ein junger Mann, dass bei ihm auf der Arbeit ein besonders reicher und knauseriger Auftraggeber im Betrieb immer wieder als „der Jude“ bezeichnet werde. Das ist wahrscheinlich nur ein Beispiel von vielen dafür, wie der Antijudaismus in häufig unreflektierter Form fortwirkt.

Der Antijudaismus hat im Wesentlichen seine Wurzel in einem zentralen Vorwurf: Das Judentum sei für die „Entfremdung“ von den eigenen Wurzeln verantwortlich. Dieser Vorwurf bricht sich in drei Argumentationslinien. Die erste ist die religiöse: Das Christentum, so die jahrhundertelang weitergebene Erzählung, habe sich als Gegenbewegung zum Judentum durchsetzen müssen. Im Grunde sei die Geschichte Gottes mit seinem Volk allenfalls ein „Vorspiel“ zur wahren Erlösungsgeschichte gewesen, die mit Jesus Christus begonnen habe. Ohne Zweifel hat Jesus in seiner Verkündigung die prophetische Kritik an den Repräsentanten des Judentums weitergeführt. Er hat mit den Pharisäern intensiv um die richtige Auslegung des Gesetzes gestritten. Dass Jesus dies als Jude und in jüdischer Tradition getan hat, wurde dabei nicht beachtet. Man betonte die „Neuheit“ seiner Lehre, die „Überwindung“ des alten Gottesglaubens durch einen neuen. Die Ablösung des „Alten Bundes“ durch den neuen. Als Zeichen des Bruchs wurde genommen, dass der hohe Rat (ein religiöses „Aufsichtsgremium“) maßgeblichen Anteil an der Verurteilung und Kreuzigung Jesu gehabt hat. Die Geschichte des Volkes Israels kann in dieser Hinsicht als Geschichte der fortwährenden Entfremdung von Gott gedeutet werden, die im Christentum überwunden wird. Demgemäß wuchsen ab der Spätantike Ressentiments gegen die „verstoßenen“ Altgläubigen. Man sprach ihnen die Legitimation ab, den Gottesvolk-Titel weiter für sich zu beanspruchen. Diese Linie der religiösen Geschichtsschreibung ist offiziell längst geächtet worden. Die Rede Johannes Pauls II. von den Juden als „unseren älteren Brüdern“[1] zeigt eine neue Verhältnisbestimmung an, das Bewusstsein, als Juden und Christen gleichen Ursprungs zu sein, wenn auch auf getrennten Wegen gemeinsam den Weg des Heiles zu gehen.[2] Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass sich eine solche Sichtweise vor allem in fundamentalen christlichen Kreisen vollends durchgesetzt hat.

Die zweite Argumentationslinie ist eine kulturell-wirtschaftliche: Friedrich Nietzsche schrieb in seinem „Antichrist“: „Die Geschichte Israels ist unschätzbar als typische Geschichte aller Entnatürlichung der Natur-Werte“.[3] Die dahinterstehende Vorstellung ist, dass die Menschen vor dem Auftreten des Judentums in einer Art natürlichen Lebensgemeinschaft gelebt hätten. Das Judentum, insbesondere das jüdische Priestertum habe die Geschichtschreibung, vor allem aber die Moral auf seine eigenen Bedürfnisse hin verfälscht. Die Vorstellung der Unterwerfung unter einen göttlichen Willen, die Reglementierung des Kultes und der Lebensgewohnheiten sei eine „Entfremdung“ gewesen, die es zu Wiederherstellung der natürlichen Verhältnisses zu überwinden gelte. Das Christentum habe hier das „Jüdische“ einfach fortgesetzt. Vornehme Antisemiten wie Richard Wagner haben diese Gedanken weitergetragen. Seiner Ansicht nach war das Judentum für eine kulturelle und wirtschaftliche Entfremdung verantwortlich. Eine Rückkehr zum Ursprung, zum gesunden Leben einer Volksgemeinschaft würde dann so erfolgen, dass man diese verblendenden Fremdeinflüsse (u.a. den Kapitalismus) abstreifen müsste. Die Linie zur späteren antijüdischen Generalkritik in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind von hier aus gelegt. Die Nationalsozialisten bauten diese zu einer rassischen Lehre weiter aus.

Die dritte Linie des Antijudaismus hat mit einer Generalkritik an den monotheistischen Religionen zu tun.[4] Durch den im Judentum auftretenden Alleinanspruch in religiösen Fragen sei eine Welle der Gewalt im Namen der Religion ausgelöst worden, die es in anderen, polytheistischen Religionen nicht gegeben habe. Die Vorstellung eines friedlichen Zusammenlebens von Völkern und Religionen sei durch das Judentum und seine beiden Schwestern, das Christentum und den Islam zerstört worden. Eine Wiederherstellung dieses Zustands kann dann nur durch eine Zähmung der Religion, oder (radikaler) durch deren Bekämpfung erreicht werden. Diese These, die sich aktuelle im Rahmen der Diskussion um den Islam findet, wirkt auf den ersten Blick so, als habe sie mit Antijudaismus nichts zu tun. Im Kern erklärt sie aber auch das Judentum zur Wurzel einer unheilvollen Geschichte der Gewalt, die unsere liberalen Gesellschaftsvorstellungen zuwider läuft. Sie äußert sich heute eher in Verbindung mit einer Kritik am politischen Handeln Israels, sofern in ihm immer eine religiöse Begründung vermutet wird. Aggressives Verhalten Israels gegenüber seinen Nachbarn wird schnell als „religiöser Kampf“ gedeutet und somit die Juden und nicht der Staat Israel zum Feind erklärt.

Der Anschlag von Halle sollte Anlass geben, sich über unterschwellige Formen des Antijudaismus klar zu werden. Dabei geht es nicht darum, Kritik an politischen, kulturellen oder religiösen Überzeugungen zu unterdrücken. Es geht aber darum, die Projektion einzelner kritischer Punkte auf ein Kollektiv („die Juden“) nicht zuzulassen. Die Menschen in der Synagoge von Halle, die sich zum Gottesdienst eingefunden haben, sind nicht wegen ihrer individuellen Überzeugungen gewaltsam angegriffen worden, sondern, weil sie Juden sind, die sich zu ihrer Religion bekennen. Es handelte sich, soweit wir es wissen, um einen Mordanschlag aus ideologischen Gründen. Nicht nur die Tat verdient tiefste Verachtung, sondern auch die ihr zugrunde liegende Ideologie. Ihr ist mit aller Macht entgegenzutreten.


[1] Johannes Paul II., Ansprache an die jüdische Gemeinschaft in der römischen Synagoge, 13. April 1986.

[2] S. für eine gute Zusammenfassung eines revidierten Blicks auf das Verhältnis von Juden und Christen: Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in Predigt und Katechese der katholischen Kirche, 1985;  Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel, 2001.

[3] Nietzsche, Der Antichrist, Nr. 25.

[4] S. hierzu: Assmann, Monotheismus und die Sprache der Gewalt, Wien 2004.

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