Ein aufmunternder Klaps und eine schallende Ohrfeige – Papst Franziskus schreibt an die deutschen Katholiken

Es hat die deutschen Bischöfe offenbar überrascht.[1] Papst Franziskus hat sich in einem längeren Schreiben an die deutschen Katholiken gewandt.[2] Anlass für das Schreiben ist der von der Bischofskonferenz beschlossene „synodale Weg“. Auf der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in Lingen reagierten die Oberhirten mit diesem Beschluss auf einen gemeinsamen Studientag, der sich mit systemischen Fragen rund um die Missbrauchsdebatte auseinandergesetzt hatte. Der „synodale Weg“, also ein gesamtkirchlich angelegter Gesprächsprozess sollte Fragen der priesterlichen Lebensform, der Sexualmoral und des Umgangs mit Macht in kirchlichen Strukturen thematisieren. Verschiedene Bischöfe haben sich in den letzten Monaten in Interviews geäußert und sich einschneidenden Reformschritten gegenüber offen gezeigt. Diese betrafen die Leitungsstrukturen innerhalb der Kirche, Zulassungsbedingungen zum kirchlichen Amt (u.a. auch für Frauen) und Reformansätze in der kirchlichen Morallehre. Die Erwartungen an den „synodalen Weg“, für den es zur Zeit noch keine konkreten Umsetzungspläne gibt, wurden somit gesteigert. Konservative Kreise mutmaßten, dass die Bischöfe einen deutschen Sonderweg gehen und sich in vielen Fragen von der Weltkirche absetzen wollten.[3] Progressive Kreise waren einem solchen deutschen Sonderweg gegenüber durchaus aufgeschlossen.[4]

Nun hat sich Papst Franziskus in die Debatte um den „synodalen Weg“ eingeschaltet. Ist sein Brief eine Ermutigung? Glaubt man dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx und dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, ist diese Frage mit „ja“ zu beantworten. Sie schreiben in einem gemeinsamen Pressestatement[5]:

Der Brief von Papst Franziskus an das ‚pilgernde Volk Gottes in Deutschland‘ ist ein Zeichen der Wertschätzung des kirchlichen Lebens in unserem Land und aller katholischen Gläubigen. Wir danken dem Heiligen Vater für seine orientierenden und ermutigenden Worte und sehen uns als Bischöfe und Laienvertreter eingeladen, den angestoßenen Prozess in diesem Sinn weiter zu gehen.

Papst Franziskus möchte die Kirche in Deutschland in ihrer Suche nach Antworten auf die uns alle bewegenden Fragen für eine zukunftsfähige Gestalt der Kirche unterstützen. Wir werden diesen Brief zur Orientierung unseres gemeinsamen Handelns aufgreifen und ihn auf dem Synodalen Weg intensiv bedenken.

Es ist das zentrale Anliegen von Papst Franziskus, die Kirche weiterhin als eine starke geistliche und pastorale Kraft zu verstehen, die das Evangelium in die Gesellschaft hinein vermittelt und glaubwürdig verkündet. Diese Glaubwürdigkeit ist in den zurückliegenden Jahren erschüttert worden. Wir sind als katholische Kirche in Deutschland gemeinsam aufgefordert, Vertrauen neu zu gewinnen. Die Voraussetzung für das Gelingen des Synodalen Weges ist auch eine geistliche Ausrichtung, die sich nicht in Strukturdebatten erschöpfen darf.

Für den vor uns liegenden Prozess mahnt uns Papst Franziskus zu einer neuen Art des Hörens aufeinander, damit wir uns als Teil der Weltkirche mit aller Kreativität, Spiritualität und Leidenschaft in den Dienst des Glaubens stellen.

Also: alles in Ordnung? Beim Lesen des Papstbriefes kommen mir Zweifel. Sicher enthält er bestärkende Worte zum „synodalen Prozess“. Zugleich mit diesem „aufmunternden Klaps“ verteilt der Papst allerdings auch etwas anderes: eine schallende Ohrfeige.

Als Motivation für sein Schreiben nennt Franziskus:

 [Ich möchte] Euch nahe sein und Eure Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland teilen. Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist.

Der Papst möchte also selbst einen Beitrag zur Beantwortung der schwierigen Fragen leisten, denen sich die katholische Kirche in Deutschland ausgesetzt sieht. Zu diesen Fragen zählt er vor allem die enorme Erosion des Glaubens und die schwindende Anzahl an Gläubigen (Nr.2)[6]. Diesem Wandel wollten die deutschen Bischöfe, so die Lesart des Papstes, im „synodalen Prozess“ begegnen (Nr. 3). Von der Missbrauchsdebatte, die eigentlicher Auslöser für den eingeschlagenen Weg der Bischöfe war, ist an dieser Stelle keine Rede. Der Papst verschiebt den Schwerpunkt und identifiziert mit dem Glaubensschwund ein eigenes Hauptthema. Der „synodale Weg“ soll von allen Teilen des Gottesvolkes getragen sein, langsam und behutsam geführt werden. Franziskus hält es für falsch, einen solchen Prozess angesichts aktueller Berichterstattung ins Leben zu rufen und sich von einer medialen Aufgeregtheit steuern zu lassen (Nr. 3). Ein hektisches Vorgehen verhindert gute Ergebnisse. Es sei eine Versuchung, der man widerstehen müsse, sonst „enden wir leicht in einer komplizierten Reihe von Argumentationen, Analysen und Lösungen mit keiner anderen Wirkung, als uns von der wirklichen und täglichen Begegnung mit dem treuen Volk und dem Herrn fernzuhalten.“  So benennt er einen ersten Kritikpunkt zum Entstehen des Prozesses auf der Vollversammlung der Bischofskonferenz.

Damit ist die Kritik des Papstes am derzeitigen Vorgehen der Bistümer allerdings erst eröffnet. Seiner Ansicht nach handelt es sich um einen Irrglauben, die gegenwärtigen Herausforderungen mit Reformen von Struktur und Verwaltung zu begegnen (Nr. 5). Auf diese Weise können man Probleme nicht lösen. Franziskus zitiert sein Schreiben „Evangelii gaudium“, Nr. 32:

Es handelt sich um eine Art neuen Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen. (Nr. 5)  

„Pelagianismus“ steht für eine altkirchlich verurteilte Irrlehre, nach der (vereinfacht gesagt) die Menschen sich ihr Heil selbst erarbeiten können. Der Vorwurf ist heftig. Übersetzt heißt dies: Ihr seid auf dem falschen Weg, wenn ihr meint, die derzeitigen Probleme durch strukturelle Maßnahmen lösen zu können. Strukturreformen sind keine angemessene Antwort, um der Krise des Glaubens zu begegnen. Sie bieten nur eine Scheinlösung (Nr. 5). Ein lediglich modernisierter Organismus der Kirche ist seelenlos, wenn er sich nicht der Herausforderung des Evangeliums stellt (Nr. 5). Wenn die Kirche schon heute nicht in der Lage ist, neue Anziehungskraft aus dem Glauben zu gewinnen, wird sie es auch nicht durch eine Reorganisation schaffen (Nr. 6). Eine wirkliche Reform der Kirche muss für Franziskus an einer anderen Stelle ansetzen:

Das gegenwärtige Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu verlieren, dass unsere Sendung sich nicht an Prognosen, Berechnungen oder ermutigenden oder entmutigenden Umfragen festmacht, und zwar weder auf kirchlicher, noch auf politischer, ökonomischer oder sozialer Ebene und ebenso wenig an erfolgreichen Ergebnissen unserer Pastoralplanungen. Alles das ist von Bedeutung, auch diese Dinge zu werten, hinzuhören, auszuwerten und zu beachten; in sich jedoch erschöpft sich darin nicht unser Gläubig-Sein. Unsere Sendung und unser Daseinsgrund wurzelt darin, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben» (Joh 3,16). «Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben» (Nr. 6).

Ein wirklicher Erneuerungsprozess bedarf nach Franziskus der „pastoralen Bekehrung“, in einer Revitalisierung des Evangeliums (Nr. 6). Es geht dem Papst also um ein „back to basics“. Etwas vereinfacht könnte man sagen: „Nicht so viel an Strukturen rumdoktern, sondern neu das Evangelium ins Leben bringen und dabei mehr über Bord werfen, als behalten wollen.“ Eine Evangelisierung ist „keine Retusche“ die die Kirche „dem Zeitgeist anpasst“ (Nr. 7). Die Wiederentdeckung der Freude am Glauben verhindert eine bloße Kritiksucht und Traurigkeit (Nr. 7). Wenig überraschend ist für Franziskus dieser Weg ein Weg der Entäußerung und Hinwendung zu den Armen:

Deshalb muss unser Hauptaugenmerk sein, wie wir diese Freude mitteilen: indem wir uns öffnen und hinausgehen, um unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. […] Das bedeutet hinauszugehen, um mit dem Geist Christi alle Wirklichkeiten dieser Erde zu salben, an ihren vielfältigen Scheidewegen, ganz besonders dort, «wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, um mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen». Das bedeutet mitzuhelfen, dass das Leiden Christi wirklich und konkret jenes vielfältige Leiden und jene Situationen berühren kann, in denen sein Angesicht weiterhin unter Sünde und Ungleichheit leidet. (Nr. 8)  

Alle Bemühungen des Hörens, des Beratens und der Unterscheidung zielen darauf ab, dass die Kirche im Verkünden der Freude des Evangeliums, der Grundlage, auf der alle Fragen Licht und Antwort finden können, täglich treuer, verfügbarer, gewandter und transparenter wird (Nr. 8)

Unüberhörbar steckt in diesen Ausführungen Kritik des Papstes an einer um sich selbst kreisenden Kirche, die er bereits an verschiedenen Stellen geäußert hat. Franziskus scheint die Diskussionen der letzten Monate in Deutschland als ein „Kreisen um sich selbst“ wahrgenommen zu haben. Eindringlich warnt Franziskus vor Alleingängen einzelner Teilkirchen (Bistümer). In Nr. 9 des Schreibens verweist er auf den „sensus ecclesiae“, der zum einen die Gemeinschaft aller Teilkirchen in der einen Kirche betont, zum anderen die Notwendigkeit, Entscheidungen nicht ohne das Hören auf die kirchliche Tradition zu treffen (Nr. 9). Der „sensus ecclesiae“ bewahre vor „Eigenbrötelei“ und „ideologischen Tendenzen“ (Nr. 9). Den möglichen Wünschen nach deutschen „Sonderlösungen“ in bestimmten Fragen wird damit eine eindeutige Absage erteilt.  Ebenso deutlich wird der Papst im Hinblick auf die Frage, wer an einem synodalen Prozess teilnehmen soll:

Deshalb achtet aufmerksam auf jede Versuchung, die dazu führt, das Volk Gottes auf eine erleuchtete Gruppe reduzieren zu wollen, die nicht erlaubt, die unscheinbare, zerstreute Heiligkeit zu sehen, sich an ihr zu freuen und dafür zu danken. Diese Heiligkeit, die da lebt «im geduldigen Volk Gottes: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. (Nr. 10)

Es ist nicht schwer, in solchen Worten eine Kritik am ZdK und anderen kirchenpolitischen Gruppen zu erkennen. Die Frage ist, ob wirklich alle Gläubigen, also auch solche, die sich nicht in Gremien organisiert haben, in einen synodalen Prozess einbezogen werden, oder ob dieser über ihre Köpfe hinweg geführt wird. Die „Heiligkeit von Nebenan“ (Nr. 10) trägt für Franziskus mehr zum Leben der Kirche bei, als große Theorien und politische Programme. Eine Spaltung des Gottesvolkes, die durch solche Programme hervorgerufen würde, wäre für den Papst nicht weniger als ein Werk des Teufels (10). In Anspielung auf das umstrittene Zitat von Bischof Heiner Willmer, der den Missbrauch als Teil der DNA der Kirche bezeichnet hatte, spricht Franziskus abschließend von der Evangelisierung und dem „sensus ecclesiae“ als „bestimmenden Elemente unserer kirchlichen DNA“ (Nr. 11). Die Synodalität erfordert die Bereitschaft zur Bekehrung und zur Verständigung  im Sinne des Evangeliums (Nr. 11 und 12). Gebet, Buße und Anbetung sind daher für Franziskus prägende Elemente eines synodalen Weges (Nr. 12).

Dieser kurze Überblick zeigt die Sprengkraft auf, die das Statement des Papstes in die Diskussion um einen synodalen Weg bringen wird. Es ist ein Korrektiv und eine starke Intervention, insofern es den Bestrebungen nach Sonderlösungen und einfachen Strukturreformen geradezu brutal widerspricht. Die Anstrengungen für einen gemeinsamen Weg werden viel grundlegender ansetzen müssen als gedacht.


[1] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/wegen-synodalem-weg-papst-schreibt-deutschen-bischofen-brief

[2] Der Brief im Wortlaut unter: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2019/2019-108a-Brief-Papst-Franziskus-an-das-pilgernde-Volk-Gottes-in-Deutschland-29.06.2019.pdf

[3] S. z.B. https://www.vatican-magazin.de/epaper/der-deutsche-sonderweg-3-2019.html

[4] S. z.B. https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-03/katholische-kirche-missbrauchsskandal-deutsche-bischofskonferenz-wende

[5] https://www.zdk.de/veroeffentlichungen/pressemeldungen/detail/Papst-Franziskus-schreibt-Brief-an-das-pilgernde-Volk-Gottes-in-Deutschland–1259D/

[6] Die Zahlen beziehen sich auf die entsprechend nummerierten Abschnitte des Papstbriefes.

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