Einige Gedanken zu Papst Benedikt XVI.

Was werden die Leute über Joseph Ratzinger sagen, den Mann, der als Nachfolger Johannes Pauls II. unter seinem Namen Benedikt XVI. von 2005 bis 2013 als Papst Oberhaupt der katholischen Kirche war? Es ist zu erwarten, dass in Rückblicken zu seinem Leben die in Deutschland besonders aufmerksam beobachteten Kontroversen seiner Amtszeit beleuchtet werden. Seine Rolle als Erzbischof in München-Freising wurde durch das Münchner Missbrauchsgutachten eingehend beleuchtet. Auch Ratzinger scheint Fehler gemacht zu haben. Als emeritierter Papst äußerte er sich mehrmals zu Fragen des Missbrauchs und erregte mit seinem Verweis auf die Mitschuld der 68er-Generation großen Unmut. In die Amtszeit als Papst fielen der Skandal um die „Pius-Brüder“, als Benedikt versuchte, die abgespaltene Gruppe der Traditionalisten wieder in die Gemeinschaft der Kirche zurückzuholen und dabei einen Bischof rehabilitierte, von dem in diesem Zuge antisemitische Äußerungen bekannt wurden. Auch die „Vatileaks-Affaire“ wird sicher wieder hervorgehoben werden, die möglicherweise mit für den späteren Rücktritt vom Papstamt verantwortlich war, außerdem die Streitigkeiten um die „Regensburger Rede“, um Liturgie und Bibelübersetzung, die Benedikts Amtszeit mit geprägt haben. Wird man hier das düstere Bild eines verlorenen Pontifikats zeichnen?

Die anhaltende Deutung über die Zeit der Kirche unter Benedikt XVI. wird sich erst im Lauf der nächsten Jahrzehnte ergeben, wenn die z.T. spezifisch deutsche Sicht auf sein Pontifikat immer mehr in den Gesamtzusammenhang der Geschichte eingebettet werden kann. Ich möchte einige Punkte nennen, die mir persönlich wichtig sind und beginne mit meinen Erlebnissen im Jahr 2005.

Damals studierte ich in meinem vorletzten Jahr in Rom. Wir hatten als Studenten die riesigen Trauerfeierlichkeiten zum Tod Johannes Pauls II. erlebt. Vor dem Einzug in das Konklave feierten die Kardinäle eine Heilige Messe im Petersdom. Ich stand am Seitengang und sah in der Prozession die Kardinäle und damit auch den potentiellen neuen Papst an mir vorüberziehen. Es gab allerhand Spekulationen. In Rom ging man davon aus, dass nach der langen Zeit unter Johannes Paul nun wieder ein Italiener gewählt werden würde. Der Name von Kardinal Scola fiel häufig. Auch der argentinische Kardinal Bergoglio, der spätere Papst Franziskus war bereits unter den Kandidaten. Er galt als ein weithin unbeschriebenes Blatt. Die Riege der langjährig im Amt befindlichen Kurienkardinäle galt als nicht sehr aussichtsreich. Der Kardinalstaatsekretär Sodano war alt und unbeliebt. Der Chef der Bischofskongregation, Kardinal Ré war wegen seiner Erfahrung ein möglicher Kandidat, der allerdings von vielen nicht sehr geschätzt wurde. Auch Ratzinger fiel eigentlich aus dem Kreis der Kandidaten heraus. Zum einen war auch bereits alt, zum anderen ein Deutscher. Die langjährige Tätigkeit als Leiter der Glaubenskongregation hatte die Katholiken im Urteil über ihn gespalten. Er galt als hervorragender Theologe, aber zugleich auch als „Panzerkardinal“, als unnachgiebiger Hüter der katholischen Lehre und Moral. Ratzinger war zur Zeit des Papsttods Kardinaldekan, also Vorsitzender des Kollegiums. In der Reihe der Prozession ging er als Leiter des Gottesdienstes zum Beginn des Konklaves am deren Ende. Ich sah einen alten, gebrechlichen Mann, schwarze Ringe unter den Augen, der eine scharfe Predigt hielt, in der er die falschen Tendenzen der Zeit geißelte, ein wenig das Gegenstück zur freundlichen Predigt bei der Beerdigung seines Vorgängers, die ihm viel Zuspruch eingebracht hatte. Mit diesen beiden Predigten, hatte sich Joseph Ratzinger der weltkirchlichen Öffentlichkeit noch einmal eindrücklich ins Gedächtnis gerufen. Hier trat ein Großer der Theologie zum letzten Mal auf, um sich mit dem neuen Pontifikat in den Ruhestand zu verabschieden – dies war zumindest mein Eindruck. Es kam anders.

Es war eine wirkliche Überraschung für uns, die wir uns nach dem weißen Rauchzeichen über der Sistina schnellstmöglich zum Petersplatz begeben hatten, dass der neue Pontifex tatsächlich Joseph Ratzinger hieß. Im Rückblick gesehen scheint die Wahl aber durchaus logisch. Wer sonst hätte das Erbe Johannes Pauls II., das im Moment der Papstwahl so übermächtig zu sein schien, tragen können? Das durch die lange Amtszeit des Vorgängers geprägte Kardinalskollegium entschied sich für eine „solide Wahl“, einen bekannten Kandidaten, der sicher nicht für durchgreifende Reformen der Kirche stand, wohl aber für eine eigenständige Theologie, eine grundsolide Lehre und ausreichend Erfahrung. Ratzinger hatte als Seelsorger, als Theologieprofessor und Mitarbeiter des Konzils, später als Bischof und oberster Glaubenswächter alle kirchenpolitischen Gefechte der letzten 40 Jahre mitgeschlagen und kannte die katholische Kirche in ihren geistlichen, theologischen und organisatorischen Grundlagen wie kein Zweiter. Zudem wurde ihm wohl zugetraut, angemessen auf so manche Schwierigkeit des späten Vorgängerpontifikats reagieren zu können.

Es darf daran erinnert werden, dass Ratzinger bis heute als einer der besten Köpfe der katholischen Theologie im 20. Jahrhundert gilt. Seine „Einführung in das Christentum“ von 1968 ist ein immer noch unübertroffener Grundkurs des christlichen Glaubens. Das theologische Gesamtwerk Ratzingers wird, sobald die Edition fertig ist, 16 dicke Bände umfassen. Ich erinnere mich an das (übrigens einmalige) Vergnügen, mit dem ich die die erste Enzyklika „Deus Caritas est“ las. Nach den doch zuletzt sehr repetitiven Exhortationen von Johannes Paul II. kam hier ein neuer Sprach- und Theologiestil zum Vorschein, der vorher so von einem Papst noch nicht zu hören war. Der Papst war im wahrsten Sinn ein Gelehrter und erhielt vor allem unter den Gelehrten größte Aufmerksamkeit. Seine Predigten waren durchdacht und voller Bildung, seine Ansprachen voller Anspielungen und Hintersinn. Bei seinem Frankreichbesuch äußerte er sich vor der geistigen Elite des laikalen Staats zum Thema des Laizismus und fand großen Beifall. Beim Deutschlandbesuch hielt er eine bis heute lesenswerte Rede zu den Grundlagen des Rechtsstaates. In England und vor den vereinten Nationen wurde Benedikts feinsinnige diplomatische Ader sehr geschätzt. Hier focht ein Papst mit feiner Klinge. Gerade dieses Werkzeug wurde ihm zuweilen auch zum Verhängnis. In der umstrittenen Regensburger Rede erregte Ratzinger wegen einer scheinbar islamfeindlichen Passage großen Widerspruch. Benedikt hatte hier offensichtlich vergessen, dass die mediale Aufmerksamkeitsmaschine an ausführlichen und differenzierten Ausführungen wenig Interesse hat. Man müsste einmal fragen, welche der anwesenden Journalisten die Rede im Ganzen gelesen und auch verstanden haben.

Das Papstamt schien Joseph Ratzinger zunächst verjüngt zu haben. Seine öffentlichen Auftritte der ersten Jahre versprühen Frische, aber auch Zurückhaltung. Er hatte die Amtsführung seines Vorgängers offenbar gut beobachtet und seine Lehren gezogen. Der päpstliche Kalender wurde entzerrt und vor allem die Anzahl der Privataudienzen reduziert. Zudem lag es Benedikt am Herzen, den Personenkult, der unter Johannes Paul übertriebene Züge angenommen hatte, nach Möglichkeit zu vermeiden. Ratzinger sah sich wohl selbst als das, was er von sich bei seiner Ansprache nach der Papstwahl behauptet hatte, als „umile servitore“ („demütiger Diener“) im Weinberg des Herrn. Der noch unter seinem Vorgänger obligatorische Ringkuss wurde nicht mehr praktiziert. Die Funktion des Papstes, sein Amt, sollte über der konkreten Person des Amtsträgers stehen. Schon mit dem Papstnamen, der eine lange römische Tradition heraufbeschwor, hatte Benedikt diesen Gedanken deutlich gemacht. Die obligatorischen Begrüßungsfahrten bei den Generalaudienzen, bei denen der Papst im offenen Wagen durch die Menge fuhr, fielen deutlich kürzer aus. Auf dem Petersplatz wurde versucht, das permanente Filmen und Fotografieren einzudämmen. Das gemeinsame Gebet, die Liturgie und die Predigt sollten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, nicht das Haschen nach einem Schnappschuss vom Papst. Beim noch nach vorher gängiger Manier organisierten Weltjugendtag in Köln von 2005 wirkte der neue Papst im Vergleich mit seinem Vorgänger gehemmt und unpersönlich. Benedikt war nie ein Papst der Massen, sondern einer, der in kleineren Kreisen für sich die beste Wirkmöglichkeit sah.

Wollte Benedikt die Kirche reformieren? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Als Jugendlicher hatte Joseph Ratzinger noch die letzte Zeit der katholischen Jugendbewegung mitbekommen. Die Ansätze dieser Bewegung, die auf eine stärkere Verinnerlichung und Mündigkeit der einzelnen Christen zielte, auf einen Neuansatz des geistlich und sozial aktiv gelebten Glaubens, haben Ratzinger geprägt. Es ging ihm immer um eine Kirche, die in ihrer eigenen Tradition die Kräfte zur inneren Erneuerung findet. In diesem Sinn gehörte er zu den entschiedenen Förderern und Befürwortern des II. Vatikanischen Konzils, aber eben nicht so, wie ein Teil der deutschen Öffentlichkeit es verstand. In einer Rede über die richtige Form der Auslegung des Konzils hat Benedikt XVI. dies deutlich gemacht. Reform ist immer eine Reform von der Mitte her, eine Form der geistlichen Erneuerung und Bewusstwerdung, nicht ein bloßes Herumschrauben an Strukturen.

In dieser Weise widmete sich Joseph Ratzinger noch als Kardinal besonders dem Anliegen der Liturgie. Der Gottesdienst der Kirche sollte für ihn auf das „Geheimnis“, also auf die Präsenz Christi verweisen. So hatte es Ratzinger in seinem 2000 herausgegebenen Buch „Vom Geist der Liturgie“, einem Weltbestseller, deutlich gemacht. Der Gottesdienst sollte aus sich heraus sprechen und musste daher seine Ursprünge und Geschichte behalten. In ihm spiegelt sich die Gebetstradition der christlichen Generationen von der frühen Kirche an. Kritisch sah Benedikt daher alles, was in der Liturgie neu erfunden oder zumindest traditionslos war. Zwei konkrete Maßnahmen hat er daher als Papst umgesetzt, indem er zum einen neue Richtlinien für die Übersetzung von Bibel- und Messtexten erließ, die diese wieder stärker ihren Ursprüngen annähern sollte und zum zweiten die Verwendung des Tridentinischen Ritus, also der vorvatikanischen Liturgie unter bestimmten gelockerten Auflagen erlaubte. Dies war eine der Bedingungen für die Überwindung des Schismas zu traditionalistischen Gruppen gewesen. Dieses Vorhaben sorgte allerdings für deutliches Unbehagen und gipfelte in der Krise um die (dann nicht erfolgte) Anerkennung der Bischöfe der Pius-Bruderschaft. Die Liturgie der Papstgottesdienste wandelte sich ebenfalls. Sie wurde strenger und traditioneller. In der Endphase des Pontifikats führte der Hang zum Traditionellen bisweilen allerdings in eine museumshafte Inszenierung, die Papst und Gläubige eher voneinander entfernte.

Die sichtbare langsame Erstarrung in der päpstlichen Liturgie erfolgte analog auch in der Führung des Vatikan. Benedikt bewies bei einigen seiner Personalentscheidungen kein glückliches Händchen. Er beförderte vor allem langjährige Vertraute aus seiner Zeit in der Glaubenskongregation, etwa Kardinal Tarcisio Bertone, der als Staatssekretär und damit zweiter Mann im Vatikan keine gute Figur machte. Privatsekretär wurde der vorherige Mitarbeiter Ratzingers, der Freiburger Priester Georg Gänswein, Nachfolger als Präfekt der Glaubenskongregation der farblose Kardinal Levada, der später durch Gerhard Ludwig Müller, den Herausgeber der Ratzinger-Gesamtedition ersetzt wurde. In der Ritenkongregation sorgte der konservative Kardinal Sarah für eine Menge Diskussionsstoff und Ärger bei den Bischofskonferenzen. Die „Vatileaks“- Enthüllungen, in denen der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi pikante Vorgänge im Inneren des Vatikanstaats beschrieb, gaben einen so einseitigen wie düsteren Einblick in das Leben des Kirchenstaats und vermittelten das Bild eines Papstes, der seinen „Laden“ nicht mehr unter Kontrolle hat. Allerdings bescheinigte selbst Nuzzi dem Papst persönlich keine unlauteren Absichten. In der Tat hatte Benedikt mit einigen Schwierigkeiten aufräumen wollen. So verschrieb er den von Johannes Paul II. stark geförderten „Legionären Christi“, einer konservativen Priestergemeinschaft nach der Enthüllung von schweren Vergehen ihres Gründers eine regelrechte „Rosskur“. Auch war Benedikt XVI. der erste Papst, der das totgeschwiegene Problem des Missbrauchs offen anging. Er traf sich mit Missbrauchsopfern, etablierte ein eigenes Institut zur Prävention und Aufarbeitung, ließ die kirchenrechtlichen Regelungen deutlich verschärfen und machte die Meldung von Missbrauchsfällen wohl aus Misstrauen gegenüber dem Aufklärungswillen vieler Ortsbischöfe zu einer vatikanischen „Chefsache“. Das im Rückblick auch hier einiges noch als wenig ausreichend und halbherzig erscheint, ist nicht zu leugnen. Zumindest aber wurde das Problem nun nicht mehr verschwiegen.

Was bleibt vom Pontifikat Benedikts? Meine persönliche Einschätzung ist, dass vor allem die theologischen Inhalte, Predigten, Reden, Enzykliken und Veröffentlichungen wie Ratzingers Trilogie „Jesus von Nazareth“ von bleibender Bedeutung sind. Sie werden auch in zukünftigen Jahrzehnten noch gelesen werden. Der Papst hat sich immer um ein gutes Verhältnis zum Judentum und zu den orthodoxen Kirchen bemüht. Die protestantischen Kirchen standen ihm weniger nahe. Einige seiner Entscheidungen zur Liturgie sind mittlerweile von Papst Franziskus wieder zurückgenommen worden. Benedikt blieb immer ein europäischer Denker. Die Aufwertung der weltkirchlichen Gemeinschaft, die seinem Nachfolger so am Herzen liegt, war für ihn weniger wichtig. Benedikt ist als Persönlichkeit vor allem eher konservativ geprägten Christen und den katholischen Intellektuellen wichtig geblieben. Seine Staatsbesuche, etwa in Großbritannien, Frankreich und der Türkei haben ihn als feinsinnigen Diplomanten und Vermittler erkennen lassen. Er war kein Papst, der als erstes die Herzen für sich gewann, sondern der zum Nachdenken und Verinnerlichen anregen wollte, ein Mann der Forschung, der Tradition und der Theologie. Über seine historische Rolle werden künftige Generationen urteilen. Im Augenblick scheint es, dass sein Pontifikat zwischen den charismatischen Johannes Paul II. und Franziskus nur einen Übergang markiert. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass in Zukunft diesem Pontifikat eine viel höhere Bedeutung zugemessen wird, gerade weil es nicht so sehr der Aktualität oder der guten Presse hinterherjagte, sondern für eine Beständigkeit und Festigkeit der Institution des „Papstamts“ sorgte.

In einem zumindest hat Benedikt XVI. jetzt schon Geschichte geschrieben. Im Jahr 2009 besuchte er die italienische Stadt L’Aquila. Dort betete er am Grab von Coelestin V., dem Papst, der im 14. Jahrhundert sein Papstamt niedergelegt hatte und aus dem Dienst ausgeschieden war. Dort am Grab hinterlegte Benedikt sein Pallium, das erzbischöflich-päpstliche Würdezeichen. 2013 folgte er tatsächlich Coelestin nach und gab sein Amt auf. Sein Beispiel wird voraussichtlich Schule machen.           

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s