Zeit der Barbaren, Teil 2

Im Zuge des Synodalen Weges wird intensiv über den zukünftigen Weg der Kirche in Deutschland gesprochen. Wieder einmal stellt sich die Frage nach der richtigen Handlungsmaxime. Mit welcher Einstellung sollen wir auf die bestehenden Abbruchsphänomene, auf die gesellschaftliche Bedeutungsabnahme der Kirche reagieren? Im folgenden Text möchte ich eine Möglichkeit aufzeigen, die vielleicht etwas merkwürdig klingt. Sollte die Kirche vielleicht „barbarischer“ werden. Die Grundzüge dessen, was mit „barbarisch“ in diesem Zusammenhang gemeint ist, habe ich im ersten Teil dieses Textes dargelegt.

Christliches Abendland?

Das christliche Abendland beschreibt als Begriff eine Zeitepoche, in der wir von einer entscheidenden Prägung der europäischen Gesellschaft durch das Christentum ausgehen. Das Christentum trat dabei, teils als „Staatsreligion“, in eine enge Verbindung mit der „weltlichen“ Zivilisation und prägte sie kulturell, ethisch und politisch. Diese Epoche beginnt frühestens mit Kaiser Konstantin, aber wohl eher mit der Spätantike und der Neuordnung Europas im vergehenden römischen (West-)Reich. Der sichtbarste Ausdruck dieser christlich geprägten Zivilisation sind die Kirchgebäude, die in jeder europäischen Stadt zu finden sind. Ebenso wird man an die Klöster als Lehrstätten, als Kultur- und Verwaltungszentren denken, an die Geschichte der christlichen Missionierung Europas, die sich fast bis zur Neuzeit hinzieht, an die Glaubenskriege, an die christliche Theologie als Ursprung der europäischen Universität und an Vieles mehr. Ob die Zeit des christlichen Abendlandes zu Ende geht, lässt sich noch nicht sicher sagen. Besonders in den letzten Jahrzehnten erleben wir eine Welle der Säkularisierung, also einer zahlenmäßigen Abnahme der Personen, die sich als christlich bezeichnen, aber auch der religiösen Praxis und nicht zuletzt der christlich begründeten Ethik. Der Begriff „Christliches Abendland“ verschleiert allerdings ein wenig, dass wir es in einem Zeitraum von rund 1500 Jahren natürlich nicht mit einer einheitlichen Grundverfasstheit zu tun haben. Die christliche Prägung Europas wurde mal mehr, mal weniger deutlich sichtbar. Es ist auch nicht klar zu beurteilen, ob die „Zivilisierung“ der christlichen Religion im Gegensatz zu ihren „barbarischen“ Ursprüngen einfachhin als ein „Unfall“ gewertet werden kann. In den 1970er/80er Jahren gab es in der Theologie ja so etwas wie eine „Urchristentumsbegeisterung“, die versuchte, ein Gegenbild zur „amtlich-zivilisatorischen“ Kirche der Strukturen, Gesetze und Vorschriften zu entwerfen. Eine solche Hinwendung zum „Urchristentum“ hat es auch in vergangenen Jahrhunderten immer wieder gegeben. Gerade die großen geistlichen Bewegungen, etwa das Mönchstum Benedikts, die Ketzerbewegungen des Mittelalters, die franziskanische Armutsbewegung oder die caritative Bewegung des 17./18. Jahrhunderts können als Erinnerungen an die „barbarischen“, also randständig-unzivilisierten Ausdrucksformen des Christlichen gelesen werden. Gerade dort, wo das Christentum dazu neigte, sich zu stark zu verweltlichen (man denke nur an das Renaissance-Papsttum) gab es Widerstand im Namen und Auftrag des Evangeliums. Diese nunmehr innerchristliche Spannung zwischen „Zivilisation“ und „Barbarentum“ zieht sich durch alle Jahrhunderte.

Ebenso kennzeichnend ist die Auseinandersetzung um die Vorherrschaft zwischen weltlicher und kirchlicher Ordnung. Man kann an die Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser im hohen Mittelalter denken, an die Reformation, deren ursprünglich „barbarischer“ Impuls schnell unter den Fittichen der Landesherren eine eigene weltliche Ordnung ausprägte oder an die Bildung der Nationalkirchen in England oder Skandinavien. Ein klassisches Beispiel des „Christlichen Abendlandes“, das bis heute in der kirchlichen Organisationsstruktur nachwirkt, ist der sogenannte Josefinismus des 18. Jahrhunderts in Österreich.[1] Mit Kaiser Josef II. haben wir es mit einem zugleich frommen, als auch der Aufklärung zugeneigten Herrscher zu tun. Der christliche Glaube, so die Vorstellung, sollte als zentrales Element für die geistig-moralische Erziehung der Bevölkerung dienen. Dazu schwebte dem Kaiser eine Art „Nationalkatholizismus“ vor, für den es nötig war, den Klerus, vor allem aber die Ordensgemeinschaften auf eine einheitliche Linie zu bringen. Damit das christliche Erziehungsprojekt gelingen konnte, war gewollt, dass möglichst alle Bürger des Landes sonntags zum Gottesdienst gingen und dort in der Predigt unterwiesen und zu zahlreichen frommen Übungen animiert wurden. Zu diesem Zweck setzte auch eine rege Bautätigkeit ein, damit jeder Bewohner innerhalb einer zumutbaren Entfernung die Heilige Messe besuchen konnte. Dank der intensiven staatlichen Förderung gelangte die Kirche organisatorisch und finanziell zu einer Blüte, die mit Sicherheit auch Auswirkungen auf das Glaubensleben zur Folge hatte.

Urteilen Sie selbst, ob Sie eine solche Form staatlich-kirchlicher Verbindung für sinnvoll und gut halten. Mein Eindruck ist, dass eine solche Form der extrem basisnahen (weil örtlich und personell günstig ausgestatteten Seelsorge) über lange Jahrzehnte ein unbewusst idealisiertes Modell blieb und teilweise bis heute noch ist. Hier hatte man es mit einer Kirche zu tun, die perfekt organisiert, gesellschaftlich anerkannt, ein wichtiger „Player“ im öffentlichen Diskurs war, einer Kirche die „Bedeutung“ hatte und „Attraktivität“, die sich auch geistlich damals durchaus auf der Höhe der Zeit bewegte. Und zugleich ist diese staatlich begünstigte „Überzivilisation“ der josefinischen Kirche unter dem starken Einfluss des Kaisers auch irgendwie „unheimlich“. Die enge Verbindung zwischen Thron und Kirche war durchaus kritisch. Wo war der „barbarische Impuls“ geblieben, der gegenweltliche Einspruch, die Widerstandsfähigkeit gegen Fehlentwicklungen, die kritische Stimme eines Christentums, das sich eben nicht vollständig in der Welt eingerichtet hatte?

Die heutige Situation

Es ist leicht, von diesen Überlegungen her einen Blick auf unsere (deutsche) Situation zu werfen. Schaue ich vom Schlossgarten aus auf die Schweriner Stadtsilhouette, erkenne ich leicht die christliche Prägung des Stadtbilds. Weit ragt der Domturm über die anderen Häuser hinaus, sehe ich auch die anderen Kirchtürme, erkenne ich auf dem Schweriner Schloss eine Figur des Erzengels Michael. Doch zugleich weiß ich, dass (erstens) die christliche Geschichte der Stadt verglichen mit anderen Regionen Deutschlands noch nicht sehr alt ist. Das Christentum fasste erst mit der Eroberung Schwerins durch Heinrich den Löwen (1130-1195) wirklich Fuß. Vorher war das Gebiet Mecklenburgs weitgehend „Heidenland“. Zum zweiten haben die Zeit der DDR und dann die Nachwende-Säkularisierung tiefe Spuren in der religiösen Prägung hinterlassen. Heute sind es keine 20% der Schweriner Stadtbevölkerung, die sich als Christen bezeichnen. Diese formale „Entchristlichung“ ist längst kein Ost-Phänomen mehr. In Hamburg werden noch rund 35% Christen (katholisch und evangelisch) gezählt, in München 36%, in Berlin sogar nur 21%. Im evangelischen Kernland Schleswig-Holstein ist die Zahl der gezählten Christen 2021 unter 50% gesunken, im eher katholischen Rheinland-Pfalz sind es noch 66%. Den höchsten Christenanteil der Bundesländer verzeichnet das Saarland mit noch über 70%.[2] Die durch die Stadtbilder abgebildete Christlichkeit ist flächendeckend meist nur noch eine Behauptung. Die prägenden gesellschaftlichen Kräfte haben sich vor allem im urbanen Raum längst zu Ungunsten des Christentums verschoben. Wir erleben eine zunehmend auch geistig-säkulare Prägung, die von verschiedenen philosophischen Strömungen getragen wird.

Zugleich sind die immer noch großen kulturellen, strukturellen und finanziellen Möglichkeiten der Kirche ebenfalls problematisch. Die Kirchen erscheinen immer mehr als große Apparate, die weiterhin, etwa im Bildungswesen oder der Caritas, großen Einfluss auf wichtige ideelle Infrastrukturen haben. Deren Prägekraft allerdings hat, auch unter marktwirtschaftlichem Druck deutlich abgenommen. Die Suche nach fachlich gutem und zugleich christlich motiviertem Personal stellt die kirchlichen Bildungs- und Sozialeinrichtungen bis hin zur Besetzung von Lehrstühlen an theologischen Fakultäten vor fast unlösbare Herausforderungen. Welche Prägekraft können diese Einrichtungen auf Dauer haben? Zugleich übersteigt in den ersten Bistümern die Zahl der Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der Generalvikariate die Zahl der aktiven Priester und wird bei gleicher Tendenz in wenigen Jahren auch die Gesamtzahl des seelsorglichen Personals übertreffen. Die lange Zeit so prägenden Ordensgemeinschaften (gerade im caritativen Bereich) ziehen sich mangels Nachwuchs immer mehr zurück. Die Priesterseminare sind leer. Über dies und das Zurückgehen der Glaubenspraxis und der Gläubigenzahlen ist schon hinreichend gesprochen worden. Die Kirchen, evangelisch wie katholisch werden auch strukturell immer mehr zu Scheinriesen, die zwar alle organisatorischen Zivilisationsmerkmale behalten, aber innerlich schwächer und schwächer werden.   

Wie soll man dieser Wirklichkeit begegnen? In den Diskussionen über diese Frage begegnet einem (gerade auch unter Priestern und in der kirchlichen Mitarbeiterschaft) häufig die Forderung, man müsse die Kirche „attraktiver“ machen, also zugänglicher für den heutigen Menschen. Welches Zielbild steckt dahinter? Es ist keine Frage, dass gerade die katholische Kirche teils trotzig an Positionen und Strukturen festgehalten hat, die nach modernem Maßstab längst veraltet sind. Geht es nun also um eine „Modernisierung“ im Sinne einer Angleichung von Lehre und Struktur an zeitgenössische westlich-europäische Gewohnheiten? Liegt allerdings bei aller Reformbedürftigkeit darin nicht auch Hang zu einer „Zivilisierung“, die die letzte, ohnehin schwache „barbarische“ Widerständigkeit“ des Christentums auflöst? Oder müsste der Ausweg anders aussehen?

Papst Benedikt XVI. brachte diesen Grundkonflikt während seines Deutschlandbesuchs 2011 deutlich zur Sprache. Zunächst fragte er bei einer Predigt in Erfurt kritisch nach der kirchlichen Entwicklung nach der Wende und attestierte indirekt, dass die katholische Kirche im Osten Deutschlands in ihrer Struktur zwar gewachsen, in ihrem Glaubenseifer aber geschrumpft sei. Noch berühmter wurde Benedikts Einlassungen bei einer Rede in Freiburg. Wörtlich sagte der Papst damals:

„In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin. Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden.“[3]

Das Wort „Verweltlichung“ führte im Nachgang der Reise zu heftigen Kontroversen. Offenbar hatte der Papst einen wunden Punkt getroffen. Ohnehin war Joseph Ratzinger auch in früheren Schriften als ein Verfechter des Prinzips der „kleinen Herde“ aufgefallen. Das Wort „Verweltlichung“ ist wahrscheinlich ungünstig gewählt. Das Wort erweckt den Eindruck einer rein geistlichen Abkoppelung der Kirche von der Welt, ein Leben in einer kirchlichen Sonder-Bubble. Vielmehr meinte Papst Benedikt eher eine Rückkehr in die von Glaube und Hoffnung gespeiste weltliche „Ortlosigkeit“ einer frühen Christenheit, die eine kritische Distanz zur „weltlichen Zivilisation“ und ihren Merkmalen hält, zugleich aber in diese hineinwirkt, ohne in ihr aufgehen zu wollen.

Schon der große, der Weltflucht unverdächtige Theologe Karl Rahner hatte Ratzingers Grundgedanken in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht. In einem Beitrag von 1969 (!) schreibt er:

Wir in Europa […] stehen in einer Übergangsperiode zwischen [dem] konstantinischen Zeitalter, einer Symbiose von Gesellschaft als Ganzer und Kirche in einer profanen Gesellschaft auf der einen und der Zeit, in der Christentum und Kirche in einer profanen Gesellschaft allein aus eigener Kraft werden leben müssen, auf der anderen Seite. Die Kirche hat wohl nicht einfach und überall in jeder Hinsicht die Pflicht, den Vorgang, der gemeint ist, von sich aus zu beschleunigen, aber sie hat gewiss die Pflicht, dann und dort gesellschaftliche Machtpositionen aufzugeben, wenn deren Verteidigung auf längere Sicht der Sache des Evangeliums nur schaden und eine solche Verteidigung im Grunde doch nur ein uneingestandenes Misstrauen gegen die Kraft des Evangeliums allein bedeuten würde.“[4]

Was Rahner hier in seinen berühmt länglichen Sätzen zum Ausdruck bringt, meint keinen Rückzug aus der Welt. Vielmehr geht es ihm darum, eine Autonomie oder zumindest Unabhängigkeit der Kirche gegenüber der weltlichen Zivilisation zu bewahren. Eine dezidiert christliche Kultur kann und darf sich von den Glaubensüberzeugungen, Gesetzmäßigkeiten und Strukturen der profanen „Welt“ mit Bezug auf das Evangelium abheben. Sie gewinnt ihren „Zwischenraum“ zurück, in dem sie von ihrer eigenen Grundlage aus in die Gesellschaft wirken kann, ohne in dieser aufzugehen. Die „Zivilisation“ würde also hier auf ein im beschriebenen Sinn „barbarisches“ Gegenüber treffen. 

Ein Beispiel

Ist aber ein solches „barbarisches“ Dasein der christlichen Gemeinschaft in aber nicht von der „Welt“ realistisch? Ich möchte dazu ein Beispiel geben und beginne mit einem Zitat aus einer aktuellen Ansprache von Papst Franziskus an Menschen, die genau diese Erfahrung der eben zitierten „Kirche als kleine Herde“ machen:

„Sicher, angesichts der vielen Herausforderungen des Glaubens – vor allem was die Teilnahme der jüngeren Generationen angeht – sowie angesichts der Probleme und Mühen des Lebens und beim Schauen auf die eigene Anzahl könnte man sich in der Weite eines Landes wie diesem „klein“ und unzureichend fühlen. Und doch machen wir eine überraschende Entdeckung, wenn wir den hoffnungsvollen Blick Jesu einnehmen: Das Evangelium sagt, dass es eine Seligkeit ist, klein und arm im Geiste zu sein, die erste Seligkeit (vgl. Mt 5,3), denn die Kleinheit überantwortet uns demütig der Macht Gottes und bringt uns dazu, unser kirchliches Handeln nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten zu gründen. Und das ist eine Gnade! Ich wiederhole: Es liegt eine verborgene Gnade darin, eine kleine Kirche, eine kleine Herde zu sein; statt unsere Stärke, unsere Anzahl, unsere Strukturen und jede andere Form von menschlicher Relevanz zur Schau zu stellen, lassen wir uns vom Herrn führen und stellen uns demütig an die Seite der Menschen. Reich an nichts und arm an allem, gehen wir in Einfachheit, den Schwestern und Brüdern unseres Volkes nahe, und tragen die Freude des Evangeliums in die Lebenssituationen hinein. Wie die Hefe im Teig und wie das kleinste in die Erde geworfene Samenkorn (vgl. Mt 13,31-33) bewohnen wir die glücklichen und traurigen Ereignisse der Gesellschaft, in der wir leben, um ihr von innen heraus zu dienen.“[5]

Dieses vermutlich ursprüngliche Lebensgefühl der frühen Christen des „ortlosen“ und provisorischen „Zwischen“, das in den Gleichnisworten des Evangeliums zum Ausdruck kommt, dient Papst Franziskus geradezu als hoffnungsvoller Ausblick in die Zukunft. Es mag sein, dass er hier ein ursprüngliches christliches Charisma wieder neu zur Entdeckung vorschlägt. Gerade in der äußerlich-strukturellen Armut sieht er die Chance, das Evangelium in neuer Frische der profanen Welt zugänglich zu machen. Nicht in der äußerlichen „Attraktivität“ durch Kompatibilität mit der Gesellschaft sieht Franziskus die Stärke der Kirche, sondern geradezu in ihrem Gegenteil.

Die zitierte Papstrede wurde von Franziskus während seiner Reise nach Kasachstan im September 2022 gehalten. Hier, in einer der ehemaligen Sowjetrepubliken, traf der Papst auf eine Kirche, die durch harte Jahrzehnte von äußerster Entbehrung gegangen war. In puncto „Zivilisation“, also Strukturen, Gebäuden, Druckschriften, Mitarbeitern usw. darf die kleine katholische Kirche in der vormaligen Sowjetunion sicher als Beispiel für eine nicht bloß arme, sondern geradezu entäußerte christliche Gemeinschaft gelten.[6] Den katholischen und protestantischen Christen haftete nach der Oktoberrevolution 1917 ein doppelter Makel an. Zum einen wurden die Christen insgesamt nach der gewaltsamen Einführung der sozialistischen, später auch stalinistischen Staatdoktrin wegen ihres Glaubens verachtet und verfolgt. Die Kirchen galten als „konterrevolutionäre Organisationen“ und damit Staatsfeinde. Bei Katholiken und Protestanten kam hinzu, dass sie zumeist den ethnischen Minderheiten angehörten, also meist deutsch-, polnischstämmig oder litauisch waren. Viele von ihnen wurden in unwirtliche Gegenden deportiert. Priester und Ordensleute wurden in Lagern inhaftiert oder flohen, die Kirchgebäude wurden enteignet. Die Kirche lebte im Untergrund. Der spätere Bischof Joseph Werth Joseph Werth aus dem kasachischen Karaganda beschreibt die damalige Lage so:

„Die Strukturen der Kirche fehlten ja ganz, die äußerliche Kirche war vernichtet. Im Untergrund wurde nur gebetet, gemeinsam gebetet. Daran hielt ein kleiner Kern der Gläubigen leidenschaftlich fest, nicht nur in Karaganda, sondern vielerorts, wohin immer die Katholiken verschlagen wurden. Dann 1956-58 hatten die Gläubigen eine kleine Atempause. Unsere kleinen Gemeinden in Kasachstan, Mittelasien und Sibirien wurden von Priestern gleichsam überflutet. Sie kamen aus den Gefängnissen. [] Ich kann mich noch an die vielen Heiligen Messen erinnern. Damals erhielt wohl auch meine Mutter durch die vielen Predigten ihre religiöse Bildung. Von ihr und auch vom Vater […] bekamen wir Kinder später unser religiöses Wissen.“[7]

Es waren vor allem Frauen, die in einer weitgehend priester- und kirchenlosen Zeit den Glauben an künftige Generationen weitergaben, den Gottesdienst organisierten, zu Andachten und Gebeten einluden und selbst die Nottaufe spendeten, wenn auf den weiten Gebieten oft über Monate kein Priester die Gemeinden besuchen konnte. Beispielhaft ist das eindrucksvolle Leben der deutschstämmigen Gertrude Detzel.[8] 1941 wurde sie mit ihrer Familie nach Kasachstan deportiert. Weil sie sich offen zu ihrem katholischen Glauben bekannte, wurde sie 1949 in einem Arbeitslager interniert und von dort 1953 in eine „Sondersiedlung“ verbracht, die sie nicht verlassen durfte. Trotzdem zog sie mit ihrer Schwester in die Nachbardörfer, verteilten Gebetstexte, tauften und nahmen Trauungen vor. Als die Restriktionen etwas nachließen, war Detzel für ihre Gemeinde Katechetin, Gottesdienstvorsteherin und leitete Beerdigungen. Die kirchliche Grundsituation der Laien geleiteten Gemeinden bestand weitgehend bis 1990/91. Leitung besagte dabei vor allem die Leitung der Gebets- und Gottesdienstversammlung, den Religionsunterricht und die Durchführung der christlichen Riten bis hin zur Taufspendung.

Die Berichte aus dem tiefen Osten erzeugen Bewunderung für einen großen Einsatz und Glaubensmut. Die Kirche in Kasachstan, Sibirien und an anderen Orten hat in der äußerlichen Unsichtbarkeit gerade auch unter dem Druck eines feindlichen staatlich-gesellschaftlichen Systems ihre vielleicht stärkste Seite gezeigt. Das unscheinbare Senfkorn ist aufgegangen, weil es auch unter dem Fehlen sämtlicher Struktur starke Glaubenspersönlichkeiten gegeben hat. Allerdings, so Papst Franziskus anlässlich seiner Reise, dürfe dieses heroische Erbe auch nicht einfach nur verklärt werden. Deutlich erinnerte der Papst die Christen an ihre Aufgabe, nicht bloß das Vergangene bewahren zu wollen, oder sich schlicht den neu gewonnen Freiheiten einer aufblühenden Kirche zu erfreuen, sondern sich den Herausforderungen der heutigen Zeit zu stellen und gerade in die Gesellschaft im Einsatz für die Armen, die Versöhnung und den Frieden zu wirken. Darin mag bereits eine Mahnung an die Versuchbarkeit zur „Zivilisationsbildung“ liegen. Die neue Zeit muss auch wieder neue Geschichten schreiben. Der Ursprung des Glaubens allerdings muss erhalten bleiben.

Der Beitrag der „Barbaren“

Der Beitrag der „barbischen Kulturen“ ist nicht zu unterschätzen. Bloß, weil eine Kultur oder eine Volksgruppe nur wenige klassische zivilisatorische Merkmale aufweist, etwa Gebäude, Kunst, Gesetze oder sonstiges Schriftgut, heißt dies nicht, dass ihre innere häufig mündliche, ethische oder rituell zum Ausdruck kommende Kultur deswegen „minderwertig“ ist. Diesen Irrtum möchten Graeber und Wengrow in ihrem Buch „Anfänge“ ausräumen. Sie liefern dafür ein erstaunliches Beispiel.[9] Dazu schauen sie auf den Beginn der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Wie kam es dazu, dass mit einem Mal die festen gesellschaftlichen Grundsätze der voraufklärerischen europäischen Gesellschaften, etwa in Frankreich, ins Wanken gerieten und neue Ideen alternativer Gesellschaftsmodelle und veränderte ethische Maßstäbe wichtig wurden. Graeber und Wengrow verfolgen eine bislang wahrscheinlich noch unbeobachtete Spur. Sie verweisen auf die „Missionsliteratur“, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts weit verbreitet war. In ihr zeichneten etwa europäische Ordenspriester ihre Erfahrungen aus den Kontakten mit der indigenen Bevölkerung Amerikas auf. Die dokumentierten Diskussionen mit intellektuellen Führern der Stämme und Volksgruppen stehen im Zeichen des Einspruchs gegen europäische Denktraditionen. Die Indigenen hinterfragen die ethischen und gesellschaftlichen Grundlagen, die ihnen im Vergleich mit den eigenen als rückständig erscheinen. Könnten, so die kühne Vermutung, auf diesem Weg Anstöße für eine Neuorientierung der europäischen Wertevorstellungen geliefert worden sein? Hat also gerade der „barbarische“ Einfluss an dieser Stelle viel stärker in die Weltgeschichte eingegriffen, als wir es uns bislang vorstellen konnten? Und wäre ein solcher Einfluss nicht auch ein Bild für die zukünftige Bedeutung der Kirchen innerhalb der Gesellschaft? Könnte es nicht sein, dass gerade eine Kirche, die sich teils notwendigerweise, teils vielleicht auch wünschenswerterweise „entbürokratisiert“ und ihren Glauben an die verändernde Macht der äußeren Strukturen aufgibt gerade in ihrer gewissen „Gegenweltlichkeit“ oder „Ortlosigkeit“ einen wertvollen Beitrag für die kulturelle Entwicklung der Zukunft leisten könnte?

Die Hoffnung scheint mir zumindest nicht unbegründet. Die etwa durch Karl Rahner geforderte „Widerständigkeit“ um des Evangeliums willen ist ein wertvoller Gedanke. In dieser Linie hat auch Papst Franziskus bereits in seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ die Infragestellung aller kirchlichen Strukturen gefordert, wo sie die evangelisierende Kraft der Kirche hemmen würden und in eine Selbstbezüglichkeit hineinführen, die nur noch um den Erhalt bestimmter äußerer „Zivilisationsmerkmale“ kämpft, um Finanzen, Posten, Gremien, Kompetenzen, um Immobilien und gesellschaftlichen Einfluss. Eine solche selbstbezogene Kirche entfaltet wenig Kraft. Nicht zuletzt Papst Franziskus hat immer wieder, zuletzt anlässlich der Amazonassynode den intensiven Dialog der Kulturen angeregt, aus dem die Kirche lernen kann. Die gilt insbesondere für die Begegnung mit den indigenen Kulturen, in denen sich nach Überzeugung des Papstes gerade in der Frömmigkeit und Lebenspraxis vieles bewahrt hat, was die „westliche“ Zivilisation in Frage stellen und korrigieren kann.[10] Ein guter „barbarischer“ Impuls, der uns von der Sicherheit struktureller Blüte in eine „Ortlosigkeit“ früher Christen hineinführen würde, in der vor allem Glaube, Liebe und Hoffnung das kulturelle Kapital in einer in heftigen Kämpfen verstrickten Welt wären, gewinnt an Anziehungskraft.     


[1] S. hierzu: Eduard Winter, Der Josefinismus und seine Geschichte, Brünn 1943, 127-269.

[2] Eine grafische Darstellung aus dem Jahr 2018 (die Zahlen haben sich nach unten verändert) gibt hier einen guten Überblick: https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61562/kirche-nach-bundeslaendern/.

[3] Apostolische Reise nach Deutschland: Begegnung mit engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft (Konzerthaus Freiburg im Breisgau, 25. September 2011) | BENEDIKT XVI. (vatican.va)

[4] Zitiert in: Lehmann / Raffelt, Karl Rahner Lesebuch, Freiburg 2004, 336.

[5] Begegnung mit Bischöfen, Priestern, Ordensleuten, Diakonen, Seminaristen und Pastoralarbeitern in der Kathedrale „Muttergottes von der immerwährenden Hilfe“ (Nur-Sultan, 15. September 2022) | Franziskus (vatican.va)

[6] Für einen kurzen geschichtlichen Überblick und einen Einblick bis zur Wendezeit: Kirche in Not (Hg.), Die römisch-katholische Kirche in der Sowjetunion, München 1989.

[7] Joseph Werth, Ansprache (1991), in: Bischöfliches Ordinariat Berlin (Hg.), Der Glaube blieb lebendig – Katholische Kirche in der ehemaligen Sowjetunion, Berlin, 1992, 7-13, 10f.

[8] Dienerin Gottes für Kasachstan: Gertrude Detzel, Laienmissionarin – Vatican News

[9] Graeber / Wengrow, 41-94.

[10] Kulturkampf im Regenwald – zur Amazonassynode – Sensus fidei

Ein Kommentar zu „Zeit der Barbaren, Teil 2

  1. Eigentlich habe ich diesem ausgezeichneten Artikel nichts hinzu zu fügen. Dennoch schreibe ich einen kleinen Kommentar. Das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, denn wenn nichts hinzu zu fügen ist und es werden dann doch noch Anmerkungen gemacht, passt das irgendwie nicht. Oder doch? Ich denke schon, denn der Beitrag, der ja an mindestens zwei Stellen ausdrücklich Bezug nimmt auf relativ frühe Aussagen Karl Rahners zu Fragen, die (erst) heute mit voller Wucht die Kirche treffen, gibt mir Gelegenheit, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der in der Kirchengeschichte durchaus öfter anzutreffen ist. Es gibt zwei Büchlein, die quasi schon Kirchengeschichte gemacht haben. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Karl Rahners „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ wurde zuerst ignoriert, auf dem Gebiet der DDR durfte es nicht einmal weiterverbreitet werden. Dieser bischöflichen ‚Anweisung‘ verdanken wir übrigens Rahners „Das große Kirchenjahr“ im St. Benno – Verlag aus dem Jahr 1990 (!) Es durfte nur noch ‚Geistliches‘ aus der Feder Rahners im St. Benno Verlag erscheinen. So die klare Vorgabe aus der damaligen Berliner Ordinarienkonferenz. Und heute? Die geistliche Grundlegung der pastoralen Räume im Erzbistum Hamburg, das so genannte „Schönfeld – Papier“ zitiert Rahners „Strukturwandel“ mit am häufigsten. Und mittlerweile hat es – wenn man die SW Rahners mit berücksichtigt – bereits die 4. Auflage hinter sich.

    1972 erschien dieses wichtige Buch. Exakt 20 Jahre früher, im Jahr 1952, also vor 70 (!) erschien die Schrift „Schleifung der Bastionen“ von Hans Urs von Balthasar. In der Hamburger „Neuen Kirchenzeitung“, Nr. 19 vom 14. Mai 2006 nannte Karl Kardinal Lehmann dieses kleine Bändchen ein „Jahrhundertbuch“. Vielleicht bekam zwischenzeitlich Balthasar auch Angst vor der eigenen Courage, wenn er meinte, er sei in diesem Buch nicht ganz richtig verstanden worden. Sei‘ s wie es sei: Zwei Jahre vor seinem Tod äußerte Balthasar in einem Interview sich zu diesem Bändchen eindeutig mit den Worten: „zu dessen Inhalt ich heute noch voll stehe.“

    Mir scheint es darum angebracht, diesem wegweisenden Artikel ergänzend drei kleine Zitate hinzu zu fügen aus diesen beiden genannten Büchlein. Sie können eindrucksvoll belegen, dass Propheten es zu keiner Zeit und an keinem Ort einfach hatten – auch nicht in unserer Kirche!

    Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg, 1972, S. 78

    „Die Kirche sollte die Fließendheit und Unbestimmbarkeit ihrer Grenzen in einer positiven Weise betrachten…Von daher gesehen, sind z.B. Tagungen auf katholischen Akademien viel wichtiger und auch kirchlicher, als es von einem zu starren Begriff der Kirchenzugehörigkeit her erscheinen mag.“

    Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg, 1972, S.. 66f)

    „Wenn die Kirche nämlich das Sakrament des Heiles für eine Welt ist, die faktisch zum größten Teil durch die Gnade Gottes außerhalb der Institutionalitäten der Kirche (so gottgewollt und legitim diese auch sind) gerettet werden, wenn die Kirche trotz ihrer Sendung zu allen nicht meinen darf, außer ihrer sichtbaren Gestalt gäbe es kein Heil und kein langsames Heilwerden der Welt, dann ist eben das Gewinnen von neuen kirchlichen Christen nicht so sehr und in erster Linie die Rettung der sonst Verlorenen, sondern die Gewinnung von Zeugen, die als Zeichen für alle die überall in der Welt wirksame Gnade Gottes deutlich machen. Der Wille zur Kirchlichkeit der Menschen muss somit in der Kirche ein Wille sein, dass diese kirchlichen Christen allen dienen.“

    Hans Urs von Balthasar „Schleifung der Bastionen“, Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, 1952, S.79

    „Die Veräußerlichung des Kirchenverhältnisses für eine überwiegende Zahl von Kirchenmitgliedern, wie es für lange Jahrhunderte feststellbar ist, kann daher nur als eine Verdunkelung des Eigentlichen und Ursprünglichen angesehen werden, ihre Überwindung als das Hinausschaffen eines Fremdkörpers.“

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