Zeit der Barbaren – Über ein Zukunftsmodell christlichen Glaubens, Teil 1

Im Zuge des Synodalen Weges wird intensiv über den zukünftigen Weg der Kirche in Deutschland gesprochen. Wieder einmal stellt sich die Frage nach der richtigen Handlungsmaxime. Mit welcher Einstellung sollen wir auf die bestehenden Abbruchsphänomene, auf die gesellschaftliche Bedeutungsabnahme der Kirche reagieren? Im folgenden Text möchte ich eine Möglichkeit aufzeigen, die vielleicht etwas merkwürdig klingt. Sollte die Kirche vielleicht „barbarischer“ werden?

Die Landnahme

„Sei mutig und stark. Fürchte dich nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“ Dieses Bibelzitat ist ein beliebter Taufspruch. Scheinbar handelt es sich um die Zusage Gottes an einen Menschen auf seinem Lebensweg. Doch wie so häufig, gibt ein Bibelspruch (der zudem noch nicht einmal wörtlich zitiert ist) ohne seinen textlichen Zusammenhang Anlass zu Fehlinterpretationen. Das Zitat stammt aus dem ersten Kapitel des Buches Josua (Jos 1,9). Gott wendet sich in einer Reden an Josua, der nach dem Tod des Mose die Führung des Volkes Israel übernommen hatte. Das Volk befindet sich am Ende der Wüstenwanderung. Mose konnte vom Berg Nebo aus kurz vor seinem Sterben in das verheißene Land hinüberschauen (Dtn 34). Vierzig Jahre waren seit dem Auszug aus Ägypten vergangen. Israel war unter der Führung Mose und durch das Gesetz als „Volk Gottes“ konstituiert worden, als Volk der zwölf Stämme, die auf die zwölf Söhne Jakobs zurückgingen. Dieses Volk war als nomadische Gemeinschaft mit seinen Herden die langen Jahrzehnte durch die Wüste gezogen, hatte Krisen und Kriege bewältigt. Nun also stand der Einzug in das verheißene Land bevor, das Israel neue Heimat sein sollte. Gott würde die Versprechen an Abraham und die Väter wahrmachen und ihren Nachkommen, den ortlosen Wüstenwanderern, das Land geben. In diesem Sinne ermutigt Gott Josua nun, das Land in Besitz zu nehmen. Es gibt nämlich ein Problem. Das verheißene Land ist bewohnt. Der Überlieferung nach leben dort sieben Völker. Sie hatten Städte und Siedlungen gebaut, Ackerbau betrieben und das Land kultiviert. Der Einzug in das Land bedeutet Krieg. Josua wird ein Kriegsherr und Eroberer sein. Nachdem ihm Gott nun also Mut zugesprochen hat, gibt Josua den Befehl zum Aufbruch (Jos 1,10). Drei Tage später überschreiten die Israeliten von Osten kommend den Jordan und dringen auf das Gebiet der sieben Völker vor. Das Buch Josua inszeniert den Übertritt des Grenzflusses als Wiederkehr des Auszugs aus Ägypten (Jos 3). Der Jordan führt Hochwasser, weicht aber vor den eindringenden Israeliten zurück, die in ihrer Mitte die Bundeslade und damit ihr wandelndes Heiligtum mit sich tragen. Gott ist mit ihnen. „Als die Träger der Lade an den Jordan kamen und die Füße der Priester, die die Lade trugen, da blieben die Fluten des Jordan stehen“ (Jos 3,16). Wie damals am roten Meer gewährt die Präsenz Gottes dem Volk also sicheres Geleit. Und ein weiteres Zeichen begleitet den Einzug in das gelobte Land. Josua befiehlt Repräsentanten aus jedem der Stämme, Steine aus dem Jordan aufzuheben. Mitten im Fluss werden die zwölf Steine als Erinnerungsmal an den Durchzug der Bundelade aufgestellt. Damit bildet Josua die zwölf Steinmale nach, die beim Bundesschluss am Sinai symbolisch für das ganze Volk aufgestellt worden waren (Ex 24,4). Es wird also an den Bund Gottes mit seinem Volk erinnert. Zugleich geschieht auf symbolischer Ebene noch ein Weiteres. Inmitten des Flusses wird durch die Steine die Grenze des zukünftigen Besitzes Israels markiert. Aus dem wandernden Volk soll ein sesshaftes werden. Die Wüste ist verlassen, das unstetige Fließen des Wassers trifft auf eine feste Struktur. Aus der wandernden Volksmenge soll eine Zivilisation entstehen. Mit der Eroberung Jerichos beginnt der Krieg. Der Fall der Stadtmauern unter dem Posaunenschall gibt den Weg zur Unterwerfung der sieben Völker frei. Die alte Kultur fällt, eine neue hält Einzug.

Das Buch Josua berichtet nach Erkenntnissen der Bibelforschung keine historischen Fakten.[1] Die bildreich mit allerlei Heldensagen ausgeschmückten Berichte von der Eroberung des gelobten Landes entstehen erst zu viel späterer Zeit als Erinnerung an die Landesverheißung Gottes. Immer wieder wird im biblischen Bericht daher das wunderbare Eingreifen Gottes betont, das den Israeliten auch in aussichtsreicher Lage immer wieder zum Sieg verhilft. Weil Gott es so bestimmt hat, dürfen sie das Land in Besitz nehmen. Die geschichtliche Wahrheit sah wohl deutlich anders aus. Die Forschung geht eher von einem langsamen Einsickern der israelischen Stämme im fruchtbaren Landstreifen zwischen Jordan und Mittelmeer aus, auch von einer Vermischung von ansässigen und nomadischen Gruppen aus denen später die Volksgemeinschaft Israels gebildet wird. Das Buch Josua entstand in seiner heutigen Form wahrscheinlich zusammen mit anderen alttestamentlichen Geschichtsbüchern (Buch der Richter, Samuel 1+2, Könige 1+2) in Folge der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 586 v.Chr., der den Verlust des Landes und das Exil breiter Schichten der Israeliten zur Folge hatte. Die Eroberung des gelobten Landes wird also vor dem Hintergrund der Vertreibung aus genau diesem Land berichtet. Der Bibelforscher Norbert Lohfink schreibt dazu: „Die Bücher wollen erklären, wie es zu diesem Zusammenbruch aller Verheißungen kam. Der Hauptpunkt in der Erklärung ist die Existenz Israels als Staat. Die Könige haben Israel dem Abgrund zugetrieben, weil es sie von seinem Gott und dem Vertrauen aus ihn allein abbrachten.“[2] Was als vermeintliche Heldengeschichte der Eroberung des Landes im 12. Jahrhundert v.Chr. begann, endet sechshundert Jahre später mit dem Niedergang des israelischen Staates, der unter König David um das Jahr 1000 v.Chr. seine symbolische Blütezeit erreicht hatte. Das Geschichtswerk des Alten Testaments erzählt die Historie einer untergegangenen Zivilisation.

Zivilisation und Barbaren

Blickt man abseits der theologischen Deutungen aus der Perspektive von Historikern auf das im Buch Josua beschriebene Geschehen, ist die Eroberung einer ansässigen Zivilisation durch ein von außen kommendes Volk kein Einzelfall. In seinem bemerkenswerten Buch über die bronze- und eisenzeitlichen Staaten beschreibt der amerikanische Politikwissenschaftler James C. Scott die späte Bronzezeit (um 1200 v.Chr.) als Hochzeit der barbarischen Invasionen.[3] Hier ist zunächst eine Begriffsklärung angebracht. Das Wort „Barbaren“ wird meist als abschätziger, wertender Begriff gebraucht. Aus der Sicht eines funktionierenden Staatswesens wie etwa dem ägyptischen oder später dem römischen, waren Völker, die außerhalb dieses Systems lebten, eine permanente Bedrohung. Zu den vermutlichen Fehlern unserer Geschichtsschreibung zählt, wie Scott und andere Autoren verdeutlichen, dass wir die Geschichte meist als Geschichte der Staaten erzählen. Zivilisationen, die die Städte errichteten und über ein geordnetes hierarchisches Führungssystem, Verwaltungen und das dazugehörige Gesetzes- und Schriftwerk verfügten, erscheinen uns, die wir gewohnt sind, in solchen Staaten zu leben, als zivilisatorisch überlegen. Der Aufbau eines solchen Gemeinwesens nötigt uns Hochachtung ab, vielleicht auch, weil in ihm Vorstufen eines modernen Staats erkennen möchten. Für die alten Kulturen kann das nicht so einfach gelten. Wie Scott verdeutlicht, waren frühzeitliche Staaten nur eine und zumeist sehr brüchige Form des Zusammenlebens. Die frühen Staaten gingen nach kurzer Blütezeit auch wieder ein, verschwanden teilweise wieder im Dunkel der Geschichte. Dazwischen lebten Völker in staatlich ungeordneten Verhältnissen, z.B. als Stammesverbände, See-, Steppen- oder Nomadenvölker. Verabschiedet man sich von der Idee, in diesen „Barbaren“ schlicht unterentwickelte Menschen zu sehen, ändert sich der Blick auf die Geschichte fundamental. David Graeber und David Wengrow geben in ihrem Buch „Anfänge“[4] beeindruckende Beispiele von untergegangenen Kulturen, die uns heute fast unbekannt sind. Dabei ist bemerkenswert, dass sich nicht jede dieser Kulturen über klassische „Marker“ einer Hochkultur, etwa steinerne Bauwerke oder schriftlicher Zeugnisse verfügte. Diese Tatsache macht es heutigen Archäologen oder Kulturwissenschaftlern schwer, ihre Lebensformen, Mythen und innere Organisation zu rekonstruieren. Dies bedeutet nicht, dass sie über keine Kultur, kein Recht oder keine Ethik verfügten. Ein Beispiel kann das Verhältnis vom römischen Reich zu den Germanen, Kelten oder Galliern sein. Diese Volksgruppen, die durch die römischen Armeen teilweise besiegt und deren Gebiete erobert wurden, erscheinen in der römischen Geschichtsschreibung als unzivilisierte Barbaren. Die Rekonstruktion ihrer Lebensart und Kultur ist mangels schriftlicher Zeugnisse oder aus Stein errichteten Häusern und Städten deutlich schwieriger als dies bei der exzellent dokumentierten römischen Kultur der Fall ist. Bei genauerer Betrachtung ist, wie etwa die Erforschung der Nebra-Zivilisation in Mitteldeutschland gezeigt hat, allerdings auch bei ihnen das Vorhandensein von „Hochkulturen“ zu vermuten. Die Barbaren waren in jedem Fall bei weitem nicht so „primitiv“ wie es etwa die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die die Entstehung des modernen (National-)Staats als Zielpunkt geschichtlicher Entwicklung ausgemacht hatte. Wenn es gelingt, diese lang eingeübten Deutungsmuster zu verändern, entsteht ein neuer Blick auf die frühe Geschichte, in denen etwa die „indigenen“ Völker Nordamerikas in einem ganz anderen Licht erscheinen. Aus „Wilden“ werden so Kulturvölker, die einfach nicht dem gängigen Bild einer europäischen Zivilisation entsprachen. Wie Graeber und Wengrow verdeutlichen, haben wir es im Gegenteil mit Kulturen zu tun, die etwa in Fragen der Philosophie oder auch des Sozialwesens deutlich „fortschrittlicher“ erscheinen als die zeitgleich lebenden Europäer.

Mit diesem Grundgedanken können wir zum Volk Israel zurückkehren. Die im Buch Josua geschilderten Vorkommnisse schildern aus kulturwissenschaftlicher Perspektive die Eroberung einer sesshaften Zivilisation durch ein „barbarisches“ Volk. Zur gleichen Zeit wie in der angenommenen Eroberung des „gelobten Landes“ wird etwa auch das mächtige Ägypten von Barbarenvölkern angegriffen und in Teilen erobert.[5] Wir haben es im Mittelmeerraum mit einem typischen Ereignis zu tun. Die Staaten wehrten sich beispielsweise mit der Errichtung von Festungs- und Wachanlagen, um ihr Territorium zu schützen. Auch wenn wir es im Fall des „gelobten Landes“ nicht mit einem einheitlichen Staatsgebilde zu tun haben, sondern mit sesshaften Völkern, hat die Schleifung der Mauern von Jericho den Charakter der Überwindung einer befestigten Wehranlage am Eingang zu Palästina. Die Israeliten waren im Sinne der oben beschriebenen Darstellung Barbaren. Interessant ist nun, dass die Geschichtsbücher des Alten Testaments nun eine Wandlung von der „barbarischen“ Lebensform des umherziehenden Nomadenvolks zu einer sesshaften Zivilisation, schließlich zu einem Staat unter der Führung eines Königs zeichnet. Israel wechselt im Laufe von Jahrhunderten seine Sozialform und wird schließlich durch die Babylonier wieder aus der Staatsform in seine „barbarische“ Lebensform als Volk ohne Staat zurückgeworfen. Die ganze Geschichte Israels ist von nun an (im Grunde bis heute) von diesem Konflikt zwischen den Zivilisationsformen gekennzeichnet. Die jüdische Geschichtsschreibung kennt zwei Blütezeiten des Volkes, auf die es sich immer wieder rückbezieht, die Befreiung aus Ägypten und die nomadische Lebensform der Wüste unter der Führung des Mose und die staatliche Hochkultur unter König David, die eng mit dem Bau des Tempels und der Hauptstadt Jerusalem verbunden ist. Aus dem mitgeführten Heiligtum des Offenbarungszeltes mit der Bundeslade wird das feste Zentralheiligtum des Jerusalemer Tempels. Im Exil wird das „Heiligtum“ der offenbarten Schrift, vor allem des Gesetzes wichtig, das als religiöse, ethische und soziale Grundlage des Volkes dient. Dies ist hier nur sehr grob dargestellt, ist aber eine gute Grundlage, um die ausgetragenen innerjüdischen und später auch innerchristlichen Konflikte zu verstehen, die in den biblischen Schriften einschließlich des Neuen Testaments ausgetragen werden. Sie können unter anderem als Ringen um die richtige Form des Lebens Israels und der Kirche verstanden werden, als staatlich-zivilisatorisch organisiertes oder als „barbarisches“ Volk.

Frühe Christen

Ist es vor diesem Hintergrund falsch, die ersten Christen im genannten Sinn als „barbarisch“ zu bezeichnen? Blickt man auf die Zeugnisse des neuen Testaments ist die Ortlosigkeit der Christen, die sich als zweifach von der Zivilisation ausgeschlossene begreifen müssen, geradezu mit den Händen zu greifen. Zum einen nämlich ist schon recht bald der Ausschluss der Christusgläubigen aus der Synagoge aufgrund ihrer theologischen Sondermeinungen zu verzeichnen. Dieses jedoch bedeutete keineswegs, dass sie sich in die große Zivilisation des römischen Reiches einfachhin integrieren konnten. Ähnlich wie das Volk Israel auf der Wüstenwanderung seine Ortlosigkeit zwischen Ägypten und dem gelobten Land erfährt, bleiben die Christen, wie es das Johannesevangelium ausdrückt, zwar „in der Welt aber nicht von der Welt“ (Joh 17,16). Spätestens in der Heidenmission ausgezogen aus der im festen Gesetzwerk verorteten jüdischen Zivilisation machen sich die Christen auf den Weg in ein neues, noch ausstehendes Land, das zunächst in einem Vorausgriff auf die himmlische Vollendung besteht (Phil 3,20). Erst auf die Hoffnung hin kann die Rettung erfolgen (Röm 8,24). Der Raum des Glaubens nimmt die ausstehende Vollendung vorweg (Röm 5,1ff., Hebr 11,1ff.). Darin vergleicht Paulus die Christen mit Abraham, dem Stammvater Israels und dem Urbild der „barbarischen Lebensform“, der auf ein noch nicht sichtbares Ziel hin auszieht und als Nomade die alte Welt hinter sich lässt (Röm 4,12). Die Christen befinden sich im übertragenen Sinn auf dem Weg „durch die Wüste“ in das verheißene endzeitliche Land. Sie werden in den sie umgebenden Kulturen nicht sesshaft. Paulus entfaltet dies im Römerbrief auf dramatische Weise. Zum einen verurteilt er in schärfsten Worten die heidnische Lebensart, erklärt aber dann ebenso deutlich , warum der neue Glaube auch die jüdische Lebensart hinter sich gelassen hat (Röm 1+2). Ebenso wenig, wie die Christusgläubigen dem Gesetz untertan sind, sollen sie sich nicht der Welt angleichen (Röm 12,2). Stattdessen empfiehlt Paulus mit dem neuen Glauben auch einen neuen Lebensstil, der die Wirklichkeit der Erlösung durch Christus schon in der Welt sichtbar macht und sich dem Grundgebot der Liebe verschreibt (Röm 12,9-21; 13,8ff., Joh 15). Die in dieser Weise „barbarisch“ lebenden Gemeinden werden somit zum Zeichen der Rettung für ganz Israel und schließlich die gesamte Menschheit (Röm 11,25-32).

An Paulus selbst lässt sich die nunmehr „barbarische“ Lebensweise an den Rändern der religiösen Zivilisationen am besten ablesen. Als er, als pharisäischer Eiferer während der Verfolgungszeiten von Christen in Jerusalem auf dem Weg nach Damaskus vom Pferd fällt, wird er nach der Erscheinung des Auferstandenen blind (Apg 9). Während ihm drei Tage das Augenlicht genommen ist, findet er Aufnahme beim christgläubigen Hananias. Dieser erhält von Christus den Auftrag, sich um den Blinden zu kümmern, denn: „Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen“ (Apg 9,15). Wie die Israeliten unter Josua die Bundeslade und damit den Sitz der göttlichen Herrlichkeit um Jericho herumgetragen hatten, bevor die Stadtmauern zum Einsturz kamen, zieht nun Paulus, den Namen Jesu (und damit die nach jüdischem Denken in ihm enthaltene Herrlichkeit) posaunengleich verkündend in die Städte von Jerusalem bis Rom. Im Zwischenreich des Heimatlosen wird er mit seiner Botschaft sowohl aus den Synagogen verstoßen, als auch auf dem Athener Areopag ausgelacht (Apg 17), wird von den jüdischen und den heidnischen Autoritäten angefeindet (z.B. Apg 18).

Auch die Schilderungen der Apostelgeschichte wird man nicht als reine Historie auffassen dürfen. In ihnen spiegelt sich bereits die Erfahrungen der frühen christlichen Gemeinden. Die für Paulus so charakteristischen Auseinandersetzungen mit den Juden auf der einen, der hellenistisch-römischen Umwelt auf der anderen Seite dürften die ersten Jahrzehnte des sich entwickelnden Christentums allerdings entscheidend geprägt haben. Die kleine Minderheit der Christusgläubigen erfährt sich im Zwischenraum von heidnischer und jüdischer, sowie erwarteter göttlich-endzeitlicher Zivilisation. Die in der Offenbarung verheißene „himmlische Stadt Jerusalem“, als endgültigem Wohnort aller Völker (Offb 21) ist noch in weiter Ferne. Die besonders schmerzliche Abgrenzung vom Judentum und durch das Judentum wird nach Meinung der Forscher kein radikaler Schnitt, sondern eine langsame Entwicklung gewesen sein. Diese ist leider Ursache für eine verhängnisvolle Abgrenzung der beiden bald eigenständigen Religionen, samt ihrer antijüdischen Gewaltgeschichte der späteren Jahrhunderte. Schon die frühen christlichen Schriftsteller nehmen aus ihrer Minderheitenposition ein abwehrende und manchmal abwertende Haltung gegenüber ihren jüdischen Gesprächspartnern ein. Stärker allerdings als dem Judentum stehen die frühen apologetischen Schriften eines Justin oder Aristides oder der Diognetbrief allerdings ihrer heidnisch-hellenistischen Umwelt gegenüber. Sie wettern gegen den Götterglauben und die aus ihrer Sicht unmoralische Lebensweise ihrer griechisch-römischen Zeitgenossen. Der christliche Glaube und die christliche Lebensweise gelten ihnen als Kontrastbild und Gegenüber. Man könnte vielleicht sagen, dass hier bereits in den ersten zwei Jahrhunderten die Ansätze für eine spätere christliche Zivilisation gelegt werden. Noch sind diese Ansätze allerdings unscheinbar. Zu den Charakteristika der frühen Christen gehört ja, dass sie keine eigenen Gotteshäuser bauten.[6] An ihrer Stelle steht die Kirche (ecclesia = Versammlung) als Gemeinschaft, dessen Gebäudestruktur unsichtbar ist, ein „geistiges Haus“ (1Petr 2,5). Orte der Verkündigung waren die öffentlich zugänglichen Gebäude, etwa Synagogen oder (heidnische) Schulgebäude („scholé“). Die sonntäglichen Versammlungen einschließlich der Eucharistiefeier fanden in Privathäusern statt. Die ersten christlichen Kirchen (ecclesiae) hatten die profanen Versammlungshäuser zum Vorbild. Einen eigenen „Sakralstil“, über den in Europa bis das „christliche Territorium“, die „christliche Zivilisation“ durch die Kirchtürme markiert wird (ungeachtet ihrer zurückgehenden Bedeutung) gab es in den ersten Jahrhunderten noch nicht. Gerade diese sichtbare „Ortlosigkeit“, also die „barbarische“ Dimension, erweckte wohl nicht selten den Argwohn der heidnischen Bevölkerung.[7] Die christliche Glaubens- und Lebenspraxis war den römischen Behörden über lange Zeit verdächtig und gab Anlass zu so mancher Verschwörungstheorie.  

Dennoch hatte die christliche Zivilisationsbildung schon vor Kaiser Konstantin und seiner offiziellen Anerkennung und Förderung der neuen Religion längst begonnen. Am Anfang steht die theologische und ethische Grundlegung der Glaubensgemeinschaft, von der bereits die Paulusbriefe zeugen. Während des ersten Jahrhunderts entstehen die bis heute maßgeblichen neutestamentlichen Schriften und theologischen Traktate. Kurz darauf entwickeln sich erste liturgische und rechtliche Ordnungen, vor allem aber geben sich die Gemeinden eine innere Ordnungsstruktur. Das kirchliche Amt entsteht wohl entgegen landläufiger Vorstellungen nicht erst nach sondern bereits während der Zeit der Apostel.[8] Als in der Spätantike die Mauern Roms und des Westreichs unter den zunehmenden feindlichen Einfällen aus dem Norden nicht mehr standhielten, kam die mit der Zeit entstandene christliche Zivilisation zur vollen Entfaltung und übernahm auch in weltlicher Hinsicht Verantwortung für den „profanen“ Bereich. Christliche und heidnische Zivilisation verschmolzen im Laufe der Jahrhunderte immer stärker.[9] Spätestens die Zeit der Barbaren in der Völkerwanderung beendete die „barbarische“, d.h. randständige Lebensweise der Christen.


[1] S. auch für das Folgende: Norbert Lohfink, Eroberung oder Heimkehr? In: Ders. Im Schatten deiner Flügel, Freiburg 1999, 82-103.; Herbert Niehr, Das Buch Josua, in Zenger (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Berlin 1995, 190-196.

[2] Lohfink, 91.

[3] James C. Scott, Die Mühlen der Zivilisation, Berlin 2020, 230.

[4] David Graebner / David Wengrow, Anfänge, Stuttgart 2022.

[5] Scott, 230.

[6] S. hierzu: Hartmut Leppin, Die frühen Christen, München 2018, 122ff.

[7] Leppin, 126.

[8] Leppin verweist auf die Ungleichzeitigkeit in den Gemeinden. In vielen wird es eher so etwas wie eine charismatische Führerschaft gegeben haben. S. Leppin, 135-144. Der Exeget Klaus Berger sieht im kirchlichen Amt dagegen einen notwendigen Schritt, der aus dem Offenbarungsgeschehen folgt und sich schnell durchsetzt. S. Klaus Berger, Die Urchristen, München 2008, 188ff.

[9] S. hierzu, Rene Pfeilschifter, Die Spätantike, München 2014, 62-74.

Ein Kommentar zu „Zeit der Barbaren – Über ein Zukunftsmodell christlichen Glaubens, Teil 1

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