Biblische Botanik

Wie Rubiks Zauberwürfel, bunte Leonardo-Gläser oder  Räuchermännchen, so gehörte auch die Rose von Jerichow zu den Dingen, die in den 80er Jahren in keinem bürgerlichen Haushalt der BRD fehlten. Es handelte sich bei ihr um eine in sich zusammengezogene vertrocknete Pflanze, die, wie die Verkäufer auf Weihnachts- oder Handwerkermärkten wortreich erklärten, aus dem kahlen Wüstengrund Judäas oder der Sinai-Halbinsel stammten. Legte man das braun-krümelige Etwas in eine Schale mit heißem Wasser, so streckten sich die verdorrten Ästchen der Pflanze nach einiger Zeit aus und nahmen grüne Farbe an. Aus dem scheinbar Toten war etwas Lebendiges geworden. Die Rose von Jerichow hatte das Austrocknen und Absterben unter der heißen Wüstensonne auf kargem Boden zu ihrem Überlebensprinzip gemacht und war in der Lage, nach einem der seltenen Regenschauer ihre Vitalkräfte wieder zu aktivieren. Im trockenen Zustand allerdings war eine solche Verwandlungsfähigkeit nicht zu erahnen.

Die Rose von Jerichow passt daher ganz gut in die Reihe der kümmerlichen Pflanzen, die die Texte des dritten Fastensonntags vorstellen. Jesus erzählt das Gleichnis eines Feigenbaums, der über mehrere Jahre schon keine Früchte mehr trägt. Der Besitzer gibt den Baum auf und befiehlt, ihn zu fällen. Der zuständige Gärtner allerdings vertraut auf seine berufliche Erfahrung. Der Baum könnte noch Leben in sich tragen. Mit entsprechender Pflege wäre es möglich, dass er wieder fruchtbar würde. Man entscheidet sich dazu, dem Baum noch eine weitere Frist einzuräumen. Der Sinn des Gleichnisses erschließt sich im Kontext der Schriftstelle recht leicht. Der Feigenbaum ist ein Symbol für Israel (oder zumindest einen Teil Israels), das alttestamentarisch etwa im Buch Jeremia Verwendung findet (Jer 8,13). In dieser Passage der Prophetenbücher wird Israel wegen seiner Unfruchtbarkeit, also seiner Abkehr von Gott, die Vernichtung durch einfallende Völker angedroht. Zugleich nennt auch das Alte Testament die Bekehrung, das heißt die neue Zuwendung zu Gott, als Möglichkeit zur Rekonvaleszenz. Der Feigenbaum kann wieder gesund werden. Die Frage nach der Überlebensfähigkeit des Baumes ist im Gleichnis nicht abschließend beantwortet. Noch ist Zeit, ihn zu retten.

Einen noch schwererer botanischer Fall liegt im Buch Exodus vor. Mose weidet die Schafe seines Schwiegervaters, als er in der Wüste auf einen Dornbusch aufmerksam wird, der brennt, aber nicht verbrennt. Die Flamme, die den Busch eigentlich vernichten müsste, hält ihn am Leben. Wieder kann die Pflanze, hier ein alltägliches und für den Menschen nutzloses Gewächs, mit Israel verglichen werden. Mose erhält schließlich aus dem Dornbusch heraus den Auftrag, das Volk zu befreien. Israel ist wie dieser Busch durch das ägyptische Exil auf unfruchtbaren Boden gesetzt und eigentlich der Vernichtung anheimgegeben. Das Prinzip der Wiederbelebung wird hier im Feuer ausgedrückt. Solange die Flamme Gottes, vielleicht verstanden als seine Gnade, seine Treue und seine Zuwendung, in diesem Busch brennt, wird er nicht vergehen, sondern, im Gegenteil, sogar gerettet werden. Gott gibt sich hier schließlich als der Gott seines Volkes zu erkennen. Zugleich dient der brennende Dornbusch auch als Metapher für Mose selbst. In ihm erkennt Mose gewissermaßen seine eigene Lebenssituation wieder. Er ist als Mörder verfolgt und in die Wüste hinausgetrieben worden. Auf fremde, unfruchtbare Erde verpflanzt, ist sein biografischer Werdegang, der als Findelkind begonnen hatte, das auf abenteuerliche Weise mit der Würde eines königlichen Adoptivsohns erlangte, eigentlich abgeschlossen. Als Viehhirte würde er sein Leben beschließen, wenn nicht diese Flamme wäre, das Brennen einer göttlichen Berufung, die ihn zum Anführer seines Volkes bestimmt.

Die biblische Botanik wird also in beiden Stellen zur Illustration des gleichen Sachverhalts gebraucht: Das scheinbar Tote ist nicht tot. Gott vermag, es wiederzubeleben. Er hat dazu die Weisheit und auch die Geduld, indem er durch Berufung und Bekehrung auch dem Verlorensten die Fruchtbarkeit zurückgibt, die sich (gut neutestamentlich) zu einem „Leben in Fülle“ entwickeln kann. Diese große gärtnerische Fähigkeit ist in der Geschichte Israels immer wieder gefragt, die ja als Geschichte der ständigen Verfehlungen, Sünden und Idolatrie erzählt wird. Wir können sie auch auf die Geschichte der Kirche anwenden.

Ethisch ist daher ein Lernen von Gott gefordert, eine Einübung in das Dulden, Hegen und Bewahren. Nicht umsonst sagt Jesus an einer Stelle im Evangelium: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,28f.). An der Geduld, der Demut und der Güte Jesu soll das Kranke, Verwachsene und Abgestorbene genesen.

Der chilenische, später heiliggesprochene Jesuit Alberto Hurtado (1901-1952) bringt diesen Zusammenhang in einer Bemerkung zu den Exerzitien auf den Punkt.[1] Er spricht über die Gebote und sagt: Wenn die Gebote nur aus Pflicht erfüllt werden, wir also meinen, den Glauben nach der bestimmten Bedienungsanleitung ausführen zu können, wäre das der „Tod der Kirche“. Es geht selbstverständlich darum, die Gebote zu erfüllen, das „Joch“ also auf sich zu nehmen. Dies ist doch nur in dem Maß möglich, wie wir hinter den Geboten den wahren Sinn christlichen Lebens, die Wesensäußerung Gottes verinnerlicht haben. Dann wird aus den Geboten etwas „das man gerne tut, ein Werk der Liebe.“ Dann wird das Joch leicht und tragbar, weil seine Träger sich an der Güte, Demut, Treue und Liebe Gottes geschult haben. Im Bild des Feigenbaums: Die Früchte sind kein Ergebnis eigener Anstrengung sondern verdanken sich der innerlichen wirkenden Kraft, die den Baum wieder neu erfasst und dem Geschick des Gärtners, auf das er sich verlassen muss.

Aus dem Toten kann also wieder etwas Lebendiges werden. Dieser Grundsatz betrifft biblisch das Gesetz, den einzelnen Menschen und das ganze Volk Gottes. Die biblische Botanik, vielleicht besser, die Schöpfung Gottes findet verschlungene Wege, auf denen sich das Leben neu seinen Weg bahnt. Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Wilhelm Lehmann (1882-1962), der diesen Zusammenhang in ganz weltlicher Sprache beschreibt. Eigentlich neigt sich alles zum Tode, aber dann…? Was das Gedicht über die Natur sagt, dass dürfen wir auch über den Herrn des Lebens annehmen:

Novemberohnmacht[2]

Novemberfrost verdarb

Die kühne Galdiole

Die Winteraster starb

Im nassen Dunst glimmt weiß

Das Wassergrabenband.

Mein Fuß zerknirscht den Rand,

Als splittre er Phiole.

Greif ich mein Fleisch, ich greife Eis.

Der Tag versinkt Auf Wiedersehen?

Nichts tönt mehr, nur ein Tropfenfall.

Gekrümmte Blätter wischen

Um mein Gesicht und mischen

Als Düfte sich zurück ins All,

Sie schwinden, sie entstehn.

Ohnmacht befällt das Kalte,

Mächtig wird sie im Schwachen:

Damit die Welt nicht alte.

Begegnen sich im Dämmergrau

Frostspannermann, Frostspannerfrau

Die zeugesüchtig wachen,

Damit die Welt nicht alte,

damit sie Welt sich halte.


[1] Ich beziehe mich auf: Alberto Hurtado, Gelingendes Leben, Freiburg 2015, 36ff.

[2] Aus: Wilhelm Lehmann, Ein Lesebuch, Göttingen 2011, 96.

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