Die Sterblichen

Die alten Griechen verwendeten für das Wort „Menschen“ auch den Ausdruck „die Sterblichen“. Das mag auf den ersten Blick überraschen. Schließlich ist die Sterblichkeit eine Eigenschaft, die Menschen mit Pflanzen und Tieren, in langen Zeiträumen gesehen sogar mit dem ganzen Kosmos gemeinsam haben. Wahrscheinlich wollte man mit dem Ausdruck „die Sterblichen“ die Menschen von den „Unsterblichen“, also den Göttern abgrenzen. In diesem Wort liegt aber ein ganzes philosophisches Programm verborgen. Gerade weil Menschen sterblich sind, ihnen also keine unbegrenzte Zeit zur Verfügung steht, bekommt das Leben einen besonderen Wert. Wer weiß, dass er sterblich ist, muss sich gut überlegen, wofür er seine Lebenszeit einsetzen möchte. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sprach daher vom menschlichen Dasein, vom Leben, als einem „Sein zum Tode“. In allem, was wir tun, ist die Endlichkeit eingeschrieben. So gewinnt das Leben seinen Ernst und zugleich seinen besonderen Wert, zuweilen auch seine besondere Schönheit.

Das „Sterben“ ist dabei nicht nur auf den physischen Tod am Ende des Lebens zu beziehen. Vielmehr bezeichnet es die allgemeine Tatsache der Vergänglichkeit, in der nichts, keine Epoche des eigenen Lebens, kein besonderer Moment, nicht einmal der momentane Stand meiner Persönlichkeit auf immer erhalten bleiben kann. Wir erleben es gerade angesichts des furchtbaren Krieges in der Ukraine. Mit einem Mal ist dort eine langjährige Entwicklung, ein Aufbau des Landes, eine in den letzten Jahren verbesserte wirtschaftliche Situation Vergangenheit. Was war, ist vorbei. Und auch wir erleben aus unserer Situation die Unsicherheit mit. Viele, mit denen ich in den vergangenen Tagen gesprochen habe, teilen ihre Sorge darüber, dass dieser Krieg auch für uns noch große Auswirkungen haben kann. Frieden und Wohlstand sind eben keine Selbstverständlichkeit, sondern können, obwohl sie sich über lange Jahrzehnte etabliert haben, vergehen.

Das Evangelium von der Verklärung Jesu kann als Meditation über das Sterben als Ausdruck der Vergänglichkeit verstanden werden. An diesem zweiten Fastensonntag wird die Version des Berichtes im Lukasevangelium gelesen:    

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte. Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst. Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon. (Lk 9,28-36)

Im Vergleich mit dem Markus- oder Matthäusevangelium gibt es bei Lukas einen interessanten Unterschied. Lukas verrät, worüber sich Jesus mit Mose und Elija unterhält. Im Moment der Verklärung, der ja als überzeitlicher Moment der Unsterblichkeit gekennzeichnet werden kann, in dem göttliche und menschliche Wirklichkeit zusammenfallen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen, ist das Sterben Jesu, also gerade die Vergänglichkeit Thema. Nichts lässt sich festhalten. Auch das Leben Jesu ist ein „Sein zum Tode“ in einem sehr ernsten, existentiellen  Sinn. Das Verhalten der Jünger spiegelt in der Szene ein Verhalten, das auch bei uns häufig anzutreffen ist. Anders als bei Matthäus oder Markus klärt Jesus die Jünger auf dem Rückweg vom Berg nicht über das Thema des Gespräches auf. Im Gegenteil: Das eigentlich Wichtige wird von den Jüngern verschlafen. Als sie aufwachen, sehen sie vor sich nur das Bild der Unsterblichkeit und möchten es festhalten, für sich und für die Nachwelt. Doch kurz darauf ist die Szene vorbei und der Abstieg in den Alltag und später in das Leiden und Sterben Jesu beginnt.

In der letzten Woche hatte ich die Gelegenheit zum Gespräch mit mehreren alten Gemeindemitgliedern, die ich bei Hausbesuchen traf. Sie erzählten von ihrem jetzigen Leben, in dem sie die Hinfälligkeit des Alters zu spüren bekommen. Angesichts dessen berichteten sie mit Wehmut von vergangenen Zeiten, die beim damaligen Erleben eigentlich nichts Ungewöhnliches hatten. So war das Leben halt und es war bei Weitem nicht immer einfach. Auf dem Hintergrund ihrer derzeitigen von Schwäche und Krankheit geprägten Situation wurden diese Erinnerungen zu leuchtenden Höhepunkten des Lebens. Dass sie es waren, zeigte sich erst im Nachhinein. Man kann die Zeit halt nicht festhalten. Ihr wahrer Wert lässt sich erst in zukünftiger Perspektive erfassen.

Wie also will ich mein eigenes Leben betrachten? Kann ich in ihm jetzt schon die Zeichen des Glanzes erkennen, die es für mich später einmal haben wird? Oder geht es mir eher wie den Jüngern, die die Bedeutung des Geschehenen nicht erfassen, die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit der Gegenwart? Die Jünger täuschen sich in der Annahme, das Gegenwärtige bewahren zu können. Trotz unserer ausgefuchsten Technik, die es uns erlaubt, Bilder und Töne aus der Vergangenheit herüberzuretten, bleibt die Zeit doch nie die Gleiche. Jetzt, in diesem Augenblick, kommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter dem Schein der göttlichen Gnade zusammen. Das wahrzunehmen, den Ernst der Endlichkeit zu bedenken, wäre eine gute Herausforderung für die Fastenzeit, die ja am Aschermittwoch mit genau dieser Aufforderung beginnt: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.“ Dies soll keine Drohung für die Zukunft sein, sondern die Erinnerung an den Wert des Lebens, das uns „Sterblichen“ gegeben ist.   

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