Regeln lernen

als Schüler mochte ich den Deutschunterricht. Eigentlich. Allerdings mochte ich es nie, Diktate zu schreiben. Das schien mir eine recht uninspirierte und stupide Sache zu sein. Beim Diktat geht es ja darum, einen vorgelesenen Text aufzuschreiben. Der Text ist so verfasst, dass er möglichst intensiv die behandelten Lerninhalte in Grammatik und Rechtschreibung übt. Es geht um Kommasetzung, Groß- und Kleinschreibung, Fremdwörter oder Silbentrennung. Der Inhalt des Textes ist eigentlich egal. Das störte mich. Für mich waren Texte dann interessant, wenn sie einen guten Inhalt hatten. Das Diktat dient nur zur Übung erlernter Schreibregeln. Viel lieber mochte ich Aufsätze. Hier konnte ich einen eigenen Inhalt schreiben. Die Rechtschreibung und die Grammatik waren nur Dinge, die man nebenbei beachten musste. Sie flossen zwar in die Note ein, waren aber nicht das Entscheidende. Jetzt war es so, dass ich mit Schreibregeln keine großen Schwierigkeiten hatte. Das Diktat fiel mir nicht schwer. Es war für mich kein großes Problem, Regeln zu lernen und anzuwenden. Zumindest im Deutschen nicht. Bei Mathe oder bei den Fremdsprachen war das schon etwas anderes. Ich verzeihe dem Schulsystem die Diktate. Vielleicht sind sie wirklich notwendig, um das richtige Schreiben zu üben und die damit verbundenen Regeln.

Regeln sind wichtig. Sie sind Vereinbarungen, die ein gelingendes Zusammenleben ermöglichen und einfacher machen. Regeln ohne Inhalt oder ohne Sinn sind allerdings störend. Wenn mir nicht klar ist, warum eine Regel besteht, habe ich vier Möglichkeiten: Ich kann die Regeln missachten, ich kann die Regeln stumpf befolgen, ohne sie in Frage zu stellen, ich kann versuchen, die Regeln besser zu verstehen oder sie zu ändern.

Im Evangelium geht es um solche Regeln, um religiöse Regeln. Die Bibel enthält viele Regeln. Die Pharisäer versuchten, sich so genau wie möglich am Regelwerk der Tora (also der ersten fünf Bücher der Bibel) zu orientieren. Wenn Gott ein Gesetz gegeben hatte, in dem Regeln aufgestellt sind, dann, so die Vorstellung, brauche ich sie nicht zu hinterfragen, sondern muss sie einfach befolgen. Das macht das Leben nicht immer einfach. Allein die Speiseregeln des rabbinischen Judentums sind eine Wissenschaft für sich. Jetzt stellt Jesus in erster Linie gar nicht die Regeln als solche in Frage. Er stellt aber in Frage, ob man solche Regeln befolgen soll, wenn man sie gar nicht versteht oder wenn sie in bestimmten Situationen gar keinen Sinn ergeben. Ein gedankenloser Gehorsam ist nicht richtig.

Das ist ein wichtiger Punkt. Ist der Glaube ein Diktat, in dem es um das Erlernen bestimmter Sätze und Verhaltensregeln geht, oder ist er ein Aufsatz, in dem der Inhalt im Vordergrund und die Regeln in dienender Funktion im Hintergrund stehen? Sie meinen, das ist eine rhetorische Frage? Ich glaube nicht. Ich erinnere mich gut an Gespräche mit Eltern von Firmbewerbern, die sich über den laufenden Firmkurs beschwerten. Wie könne es sein, dass die Jugendlichen in den Gruppenstunden so wenig lernten? Mussten sie nicht zumindest das Glaubensbekenntnis und die zehn Gebote auswendig kennen, darüber hinaus den Ablauf der Heiligen Messe, bestimmte Bibelstellen und einiges mehr? Ich habe nichts dagegen. Ich bin sehr dafür, dass auch Jugendliche das Glaubensbekenntnis oder die zehn Gebote kennen. Allerdings stelle ich mir die Frage: Müssten sie nicht zuerst so etwas wie einen persönlichen Glauben entwickeln? Müssten sie nicht zuerst eine Ahnung davon haben, wer Gott ist und welche Bedeutung er für ihr Leben haben kann? Müssen sie nicht zuerst persönlich beten können, bevor sie Gebetstexte auswendig lernen? Was nützt die Form ohne Inhalt? Das Glaubenswissen kann den persönlichen Glauben begründen, ordnen und hinterfragen. Ohne den persönlichen Glauben allerdings bleibt es ein toter Inhalt. Dann ist das Wissen über die Auferstehung Jesu ein Wissen wie das über die Quadratkilometerzahl Australiens oder die Funktionsweise einer antiken römischen Fußbodenheizung. Nicht zuletzt deswegen sagt Jesus: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Es geht um Herzensbildung. Entscheidend ist, was aus dem Inneren kommt. Die äußeren Regeln machen nur Sinn, wenn sie zu dieser Herzensbildung einen Beitrag leisten, also ein inneres Verständnis und vor allem ein religiöses Empfinden üben und verstärken.

Ich glaube, wir können zur Zeit einen solchen Text wie den des Evangeliums nicht lesen, ohne an Afghanistan zu denken. Wenn wir vom Vormarsch der Taliban oder des IS hören, wird zugleich immer über das strenge Regelwerk berichtet, das die Islamisten einführen. Die Scharia ist ein Regelwerk, das sich aus religiösen Quellen ableitet. Solche Regelwerke gibt es in allen Religionen. Hier wird nun die Trennung von Religion und Staat aufgehoben. Religiöse Regeln sind zivile Regeln und umgekehrt. Zivile Regeln ordnen das gesellschaftliche Zusammenleben nach vernunftmäßigen und pragmatischen Gesichtspunkten. In Demokratien orientieren sie sich an leitenden Überzeugungen und Grundsätzen der Gesellschaft. Religiöse Regeln stammen aus anderen Quellen. Sie werden dann zum Problem, wenn Menschen diese Quellen nicht akzeptieren oder andere Auslegungen haben. Wer versucht, die Menschen über die Einhaltung von Regeln zur Religion zu zwingen, erzeugt eine tote Religion. Wenn die Regeln nicht durch den Geist der inneren Überzeugung getragen werden, durch einen persönlichen Glauben, dann werden die Regeln zu Werken von Menschenhand, die nicht über eine äußere Befolgung hinausreichen. Die Religion verliert ihren Geist.

Auch das Juden- und das Christentum waren in ihrer Geschichte dieser Gefahr immer wieder ausgesetzt. Es ist daher immer wieder gut, an den Umgang Jesu mit den Geboten zu erinnern. Das Wesen des Glaubens ist innere Überzeugung, ist Gottesbeziehung und Leben. Von innen kommen die guten Gedanken, die Hoffnungen, die Nächstenliebe und das ethische Verhalten. Das ist der Inhalt. Es ist wie beim Aufsatz: Den Inhalt muss ich selber schreiben. Die Regeln und Lehrsätze bleiben dabei wichtig. Sie helfen mir beim Schreiben. Allerdings werden sie nicht zur Hauptsache, wie im Diktat, sondern zur begleitenden Notwendigkeit. In der Bewertung spielen sie nur in zweiter Linie eine Rolle.

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