„Effata“ – Mütze ab!

Es ist nicht ganz leicht, die Botschaft des Evangeliums in die heutige Zeit zu übersetzen. Mal klappt das gut, mal weniger. Besonders schwierig ist es, wenn man Kindern diese Botschaft nahebringen möchte, so, dass sie dabei auch etwas verstehen. In einer Vorlage zur Gestaltung eines Familiengottesdienstes zum heutigen Evangelium habe ich folgenden Ansatz gefunden:

Zu Beginn des Gottesdienstes wird ein Jugendlicher präsentiert. Er hat Kopfhörer auf den Ohren, eine Sonnenbrille auf der Nase und ein Kaugummi im Mund. Der Priester versucht, mit dem Jugendlichen in Kontakt zu treten. Doch der reagiert nicht. Er hört und sieht nicht, weil eben Ohren und Augen verdeckt sind. Nach der Verkündigung des Evangelientextes folgt dann die „Wunderheilung“. Der Priester geht auf den Jugendlichen zu und (wörtlich) „nimmt ihm seine Sonnenbrille weg“. Dazu sagt er: „Effata, öffne deine Augen.“ Dann entfernt er die Kopfhörer und sagt: „Effata, öffne deine Ohre“. Es folgt das Kaugummi und dazu der Satz „Öffne deinen Mund“.

Was halten Sie davon? Die Jugendlichen, die ich kenne, würden an dieser Stelle protestieren. Sie würden kaum sagen: Vielen Dank, dass ich jetzt besser sehen und hören und das Schöne auf der Welt wahrnehmen kann. Dankeschön.“ Sondern sie würden eher sagen: „Was soll das!“. Für sie ist das Wegnehmen ihrer Dinge eine Disziplinarmaßnahme, keine Befreiung. „Effata“ wäre dann das Kommando für einen Eingriff in ihre Freiheit. Es wäre für sie ein Kommando wie: „Schuhe aus“, „Mütze ab“ oder „das Handy bleibt aus“. Wollte man das Evangelium so interpretieren, würde Jesus hier zur Erziehungsperson, die, ähnlich wie Eltern oder Lehrer besser weiß, was für das Kind gut es und ihm seine Weltsicht aufdrückt. Das kann es nicht sein. Und das ist es auch nicht. Ein bisschen mehr Mühe müssen wir uns mit dem Text schon geben.

Die Heilungswunder Jesu haben eigentlich immer einen doppelten Sinn. Auf der Handlungsebene geht es um die Beseitigung eines körperlichen Leidens. Da werden Stummen der Mund, Tauben die Ohren, Blinden die Augen geöffnet. Dahinter liegt noch ein theologischer Sinn. Das Wiedererlangen der Sinne stellt zugleich das Eintreffen des verheißenen Gottesreiches dar und auch der Weg des Einzelnen zum Glauben. Neu sehen, hören und sprechen zu können ist eine Metapher für „zum Glauben an Jesus kommen“. Das bisherige Weltbild wird erweitert. Es kommt eine neue Erkenntnis hinzu. Die Heilung ist innerlich und äußerlich zu verstehen. Das „Effata“ ist gleichzeitig ein Aufruf, zu verstehen, zu erkennen und zu verkünden. Dieser Gedanke ist wichtig. Der Glaube ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern eine innere Einsicht, eine Erweiterung und Vertiefung meines Denkens und Verstehens. Er nimmt mir nichts weg. In einer wohlmeinenden Verkündigung hätte sich der Priester vielleicht erst einmal selber Kopfhörer und Sonnenbrille aufsetzen müssen, um zu verstehen, wie und was der Jugendliche sieht und denkt, wie seine Weltsicht ist. Dann hätte er ihm besser den Weg zu einem vertieften Sehen und Hören aufschließen können.

„Effata“. In St. Anna feiern wir an diesem Sonntag zugleich das Kirchweihfest. Ich habe bei diesem Öffnen tatsächlich zunächst an unsere Kirche gedacht, schon allein, weil ich in den letzten Wochen häufig morgens als erster in der Kirche war, um die Tür aufzuschließen. Das ist ein durchaus sinnlicher Vorgang. Wenn ich den großen Schlüssel zum Hauptportal in der Hand halte, ihn mit einem zweifachen lauten Klacken im Schloss drehe und dann die Klinke drücke, dringt das erste Mal am Morgen das Geräusch der Stadt in die Kirche, das Brummen der Lieferwagen, das Zwitschern der Vögel, die Geräusche von Schuhen auf dem Pflaster, das Hochziehen von Rollläden oder die Gespräche auf der Straße. Der Raum innen und außen verbinden sich. Viele Male am Tag wird die Tür nun aufgehen und Menschen kommen in die Kirche, schauen sich um, zünden eine Kerze an, setzen sich in der Bank, Hören dem Üben der Organisten zu, feiern den Gottesdienst oder machen eine Besichtigung. So muss es sein. Eine offene Kirche braucht diese Durchlässigkeit. Sie ist kein hermetisch abgeschlossener Raum in dem In- von Outsidern getrennt sind. Unsere Aufgabe ist es, in beide Richtungen zu wirken, in die Kirche hinein und auf die Straße hinaus. „Öffne deine Augen und deine Ohren“ um wahrzunehmen was dort ist, in der Stille deines Herzens, in deinen Gedanken und Gebeten aber auch in den Menschen, die dir begegnen, die wir manchmal gut verstehen und manchmal nicht. Ihnen allen gilt die Zusage des Heiles und des Lebens in Fülle.

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