Eine gute Prognose

Oberhalb der Stadt Delphi, am Hang des Parnass-Hügels lag nach griechischer Sage der Mittelpunkt der Welt. Zeus, der Göttervater hatte einst zwei Adler von den entgegengesetzten Enden der Erde aufeinander zufliegen lassen. Dort, wo sie sich trafen, ließ sich die Erdenmutter Gaia nieder und hinterließ die geflügelte Schlange Python, die hellseherische Fähigkeiten hatte. Als der Gott Apoll die Schlange tötete, blieb die Gabe des Hellsehens an diesem Ort bestehen. Es entstand eines der wichtigsten Heiligtümer der alten Zeit. Rund um den Geburtstag des Apoll versammelten sich Hunderte von Pilgern an diesem Ort. Sie befragten die Pythia, eine Priesterin, die im Tempel auf einem Dreibein über einer Erdspalte saß. Das Orakel von Delphi galt als das zuverlässigste der Welt. Wer wissen wollte, wie seine Zukunft aussah, kam dorthin. Die Orakelsprüche des Ortes sind bis heute legendär. Allerdings waren sie auch legendär ungenau. Die Fragenden erhielten meist keine klare Antwort, sondern mussten sich mit einem etwas nebulösen Ausspruch der Pythia begnügen. Dieser musste nur richtig interpretiert werden. Er erwies sich dann in der Rückschau durch die Interpretation als mehr oder weniger zutreffend.

„Wie geht es mit mir weiter?“ „Was liegt in meiner Zukunft?“ Die Fragen von damals sind auch für den heutigen Menschen offenbar immer noch interessant. Orakel gibt es im weiten Feld der Esoterik auch heute. In der Öffentlichkeit hat die Wissenschaft diese Rolle übernommen. Die „Futurologie“, also „Lehre von der Zukunft“ ist längst eine anerkannte Wissenschaft. Sie stellt Prognosen über die Zukunft auf. Sie arbeitet mit Mitteln der Soziologie und Philosophie und versucht, die drängenden Fragen von morgen zu beantworten. Aber auch im normalen Alltag sind wir ständig von Prognosen umgeben. Das beginnt mit dem Wetterbericht und geht über die Wahlprognosen bis hin zu den derzeit vieldiskutierten Modellen zur weiteren Ausbreitung des Corona-Virus. Es entsteht der Eindruck, man könne die Zukunft heute sicher berechnen. Doch bei allem Fortschritt: Das Problem der ungenauen Vorhersage hat auch die heutige Wissenschaft von Delphi geerbt. Zukunftsforschung ist immer ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Die Realität entwickelt sich meist anders. Denken Sie einfach an eine Reise, die Sie einmal unternommen haben. Sie kannten im Vorherein Ihre Unterkünfte, Ihr Reiseprogramm, die Gruppe, mit der sie unterwegs waren, sie hatten sich über das Reisewetter oder über örtliche Sitten schlau gemacht und durch Dokumentationsfilme, die sie vorher gesehen haben, ein ziemlich genaues Bild von ihrem Reiseziel bekommen. Und doch ist die wirkliche Reise dann etwas anderes als die vorgestellte. Die Zukunft bleibt so lange ungewiss, eine Vorstellung, bis sie durchlebt wird. Alles, was vor uns liegt erfassen wir nur in Wahrscheinlichkeiten. So wie in den Zeiten von Delphi stellt uns die Zukunft nicht mehr als einen mehrdeutigen Orakelspruch aus. Das Leben selbst wird anders sein.

Die Bibel erzählt im Grunde eine Geschichte der gescheiterten menschlichen Prognosen. Sie kennt das Leben des Abraham, des alten Mannes, der sich darauf einstellen musste, sein Leben ohne Nachkommen als einfacher Nomade zu beschließen. Seine Prognose war falsch. Er bekam Söhne und wurde von Gott aufgefordert, seinen Erben wieder aufzugeben. Doch gegen alle Erwartung wird Isaak gerettet und Abraham wird zum Stammvater des Gottesvolkes.

Die Bibel erzählt vom Leben des Mose, das eigentlich zu Ende war, bevor es begonnen hatte. Das auf dem Nil ausgesetzte Kind wird auf wundersame Weise gerettet, wächst am ägyptischen Königshof auf, muss von dort fliehen und hat nach menschlichem Ermessen eine Zukunft als Schafhirte vor sich. Doch Gott bestimmt Mose zum Anführer seines Volkes, das er aus Ägypten in die Wüste führt.

Die Geschichte des Elija ist ähnlich. Er stellt sich selbst die Prognose, dass er in seinem Auftrag gescheitert ist, zieht sich in die Wüste zurück, um dort zu sterben. Doch Gott bestimmt es anders, holt Elija aus seiner Verzweiflung heraus und setzt ihn von Neuem als Prophet des Volkes ein. Statt eines natürlichen Todes zu sterben, wird er in den Himmel aufgenommen.

Die Geschichte der Menschen wird zu einer Geschichte der göttlichen Vorsehung. Nicht der Mensch kann über seinen Lebensweg bestimmen, er kann ihn nicht vorhersehen. Es ist Gott, der ihn immer wieder auf ungeahnte, häufig auch rätselhafte Pfade führt. Vielleicht haben Mose und Elija mit Jesus auf dem Berg der Verklärung über diese göttliche Vorsehung gesprochen. Möglich wäre es. Denn gerade bei Jesus werden alle menschlichen Projektionen und Prognosen versagen. Seine Zukunft ist ganz vom Willen Gottes bestimmt. Er überlässt sich der göttlichen Vorsehung. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille soll geschehen.“

In den letzten Tagen telefonierte ich mit einem älteren Mitbruder. Er hatte gerade eine Krankheit überstanden und erzählte mir mit Freude und Stolz, dass es ihm immer besser gehe. Im nächsten Satz allerdings wechselte er den Ton und sagte mir, dass er die letzten Tage dazu genutzt habe, alles für den Fall seines Todes zu regeln. Er sagte mir, wo er beerdigt werden wolle, wie die Trauerfeier auszusehen habe, wer als Erbverwalter eingesetzt sei und wer über seine Patientenverfügung Bescheid wisse. Ob er mit seinem baldigen Tod rechnete? Keinesfalls, sagte er. Es ginge ihm gut und er habe Hoffnung, noch viele Jahre zu leben. Er verfüge auch über genügend Motivation und Energie, im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter als Priester mitzuarbeiten und zu helfen, wo es nötig sei. Er habe es allerdings aufgegeben, über die Zukunft zu spekulieren und wolle einfach auf alles gut vorbereitet sein. Das Thema des Todes schien ihn nicht zu bedrücken. Er machte auf mich eher den Eindruck eines sehr gelassenen Menschen. Die Zukunft bedrückte ihn nicht. Er wollte nicht mehr wissen, was mit ihm demnächst geschehen würde. Er konnte sich, um es theologisch-geistlich zu sagen, der göttlichen Vorsehung anvertrauen.

Eine solche Gelassenheit der Zukunft gegenüber mag für einen alten Menschen einfacher sein. Die Idee dahinter ist aber, glaube ich, wirklich eine Hilfe. Die biblische Geschichte der Vorsehung trägt nämlich einen Grundzug. Für das Volk Israel und seine große Glaubensgestalten wendet sich diese Geschichte auf lange Sicht immer wieder zum Guten. Die Verheißung ist immer positiv: Licht, Befreiung, Hoffnung, Erlösung, Friede, Heilung, Auferstehung. Als Jesus den Jüngern beim Abstieg vom Berg von dieser Perspektive erzählt, von der Endgültigkeit der Auferstehung, fragen sich die Jünger, was das sein soll, „Auferstehung“. Für sie ist dieses Wort noch ungefüllt, eine Prognose, die nicht greifbar wird. Für diesen irdischen Augenblick müssen wir mit ihnen an dieser Stelle stehen bleiben und aus der Geschichte lernen. Was die „Auferstehung“ ist, können wir nicht wissen, aber wir dürfen erwarten, dass sie etwas Wunderbares ist. Auf lange Sicht führt Gott alles zum Guten.

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