Licht / Wohnung

1971 beschloss der achte Parteitag der SED ein umfangreiches Wohnungsprogramm. Um dem Grundsatz nachkommen zu können, nach dem jeder seine eigene Wohnung erhalten sollte, wurden in der Folge drei Millionen Wohnungen in der damals industriell fortschrittlichen Plattenbauweise errichtet. Die Wohnungen hatten Normgrößen und eine Norm-Möblierung. Sie folgten der Logik des sozialistischen Staates, die eine Gleichbehandlung aller Bürger vorsah. Das Wohnen als Statussymbol sollte damit überwunden werden. Die vielen Wohnungen von damals waren eine Maßnahme gegen den Wohnungsmangel und die fehlende Sanierung des Bestandes. Die Folgen des Großprogramms können noch heute in fast allen Städten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR besichtigt werden. In der Bundesrepublik war es kaum anders. Auch dort entstanden in den 60er und 70er Jahren neue Viertel mit modernen Wohnungen, quadratisch-praktische Betonwüsten, in denen heute kaum jemand mehr leben möchte. Längst sind die Neubauträume von Wohnsiedlungen mit Reihen- und Einzelhäusern am Rand der Städte abgelöst worden. Wohnen ist wieder zu einem Ausweis von Individualität, allerdings auch von Status und Vermögen geworden. Die neuen Wohnsilos, die jetzt im Zuge der neuen Bauwelle in den Städten entstehen, verstecken durch ihre Außengestaltung mit spiegelnden Glasflächen, Materialmix, hervorstehenden Kanten und verschobenen Fassaden ihre normierte Bauweise. Man kann beim Anblick etwa der Hamburger Hafencity von einem Bauhaus-Rokkoko sprechen.  

Wenn Jesus von den vielen Wohnungen spricht, die beim Vater für uns vorbereitet sind (Joh 14,2) kann ich gar nicht anders, als dieses Wort mit unseren heutigen Vorstellungen vom Wohnen zusammenzubringen. Wie sollen diese himmlischen Wohnungen aussehen? Die Frage ist gar nicht so banal, wie es scheint. Schließlich geht es beim Ausblick auf eine himmlische Heimstätte um eine Spannung, die sich bei der Idee des Wohnungsbaus ebenfalls findet. Gehen wir davon aus, dass die himmlische Gemeinschaft eben eine Gemeinschaft ist, die dem Grundsatz folgt, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Wie lässt sich in diese Gleichheit die Einzigartigkeit des Einzelnen denken – ebenfalls ein Grundsatz, den wir aus dem Glauben heraus voraussetzen dürfen? Die Individualität soll in der vertieften Gemeinschaft bei Gott nicht verlorengehen.

Jetzt denkt die Bibel beim Wort „Wohnung“ nicht an zwei Zimmer, Küche, Bad. Natürlich. Das griechische Wort im Evangelium bezeichnet allgemeiner eine Bleibestätte, einen Ort, an dem man zu Hause ist. Die Offenbarung beschreibt diese Wohnstätte als eine Stadt, das himmlische Jerusalem. Es steht für die erlöste Schöpfung am Ende der Zeiten, für die Überwindung des Todes, für einen Ort des ewigen Friedens. Es ist ein Ort, der von der Präsenz Gottes erfüllt ist.

Die großen Baumeister des hohen Mittelalters haben sich von dieser Idee inspirieren lassen. Die gotische Kathedrale soll ein Abbild der himmlischen Stadt sein, die aus dem Himmel herabkommt. Ihr Schiff ist häufig auf 12 Hauptsäulen gegründet, symbolisch für die Apostel und damit für die Wiederzusammenführung der 12 Stämme Israels, die in der Endzeit die Zusammenführung aller Völker der Welt bedeuten. Die Kathedrale ist Ort der göttlichen Präsenz, allerdings nicht nur im Wort und Sakrament, sondern auch durch ihr bautechnisch wichtigstes Element: das Licht.[1] Es ist eine ganze Philosophie, die sich dahinter verbirgt. Das Licht ist in seiner Reinheit das Element Gottes. Soll dieses Licht sichtbar werden, muss es in seine verschiedenen Farben gebrochen werden. Deshalb hatten die gotischen Kirchen bunte Fenster. Sie sind mehr als eine bloße Dekoration. So wie das Licht die Fenster zum Leuchten bringt, wenn es durch sie in den Innenraum eintritt, so ist es auch mit allem Geschaffenen. Die Präsenz Gottes, altertümlich seine Gnade, bricht sich in den Menschen, aber auch in der ganzen Schöpfung. Jeder Mensch, aber auch alle Dinge der Natur können zu einem Verweis auf Gott werden. Jeder ist wie das bunte Glas, durch das Gottes Wirken in unterschiedlicher Farbe und Brechung in dieser Welt sichtbar werden soll. Deshalb sind gotische Kathedralen von Heiligen bevölkert, in Reliquien und Darstellungen. Sie gelten als Menschen, in deren Leben die Durchsichtigkeit auf Gott in besonderer Weise verwirklicht wurde. Die Erlösung der Welt strebt in diesem Denken genau diese Durchsichtigkeit an. Jeder Mensch und alles Geschaffene soll die ursprüngliche Reinheit und Klarheit wiedererlangen. Das himmlische Jerusalem ist aus Edelsteinen erbaut, in denen sich das göttliche Licht spiegelt, in jedem anders, aber in allem vollkommen. In der Erlösung wird also die Individualität nicht eingeebnet, sondern erst zur vollen Klarheit gebracht.

Die gotische Kathedrale zeichnet also ein Zielbild für die menschliche Gemeinschaft. Realistisch betrachtet sind wir weit davon entfernt. Ich glaube aber, dass in diesen Wochen zumindest der Wert und die Bedeutung der menschlichen Gemeinschaft wieder deutlich werden. Damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass wir uns endlich wieder gemeinsam in der Kirche zum Gottesdienst versammeln können. Vielmehr hat diese Zeit doch gezeigt, wie sehr Menschen untereinander, aber auch Mensch und Natur aufeinander verwiesen sind. Die Vorstellung einer individualistischen oder nationalen Selbstständigkeit erweist sich als unrealistisch. Dies beginnt bei der einfachen Feststellung, dass es und offensichtlich nicht egal sein kann, was am anderen Ende der Welt, etwa in China geschieht. Dies hat im Kleinen gezeigt, wie wichtig ein funktionierendes Gemeinwesen ist, das Zusammenspiel von Verwaltung, Gesundheitswesen, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen bis zur Nachbarschaft. Und schließlich beobachte ich nicht ohne Staunen, was eine einfache Reduzierung des Verkehrs oder der Industrieproduktion an Folgen für die Natur mit sich bringt. Alles hängt mit allem zusammen. Bis zu einer Wiederherstellung oder besser noch bis zu einer Neujustierung der gesamten menschlichen Ordnung wird es noch dauern. Wenn diese gegenseitige Verwiesenheit für die menschliche Ordnung gilt, so sicher auch für die göttliche. Die Schöpfung und in ihr der Mensch ist ein Ganzes, getragen von der Zuwendung Gottes, aber in so vielen Fällen beschädigt, verschmutzt, gedemütigt und entstellt. Die vielen Wohnungen beim Vater verweisen auf unseren gemeinsamen Ursprung und auf unser gemeinsames Ziel. Alles soll zum Strahlen kommen, durchschienen werden von überirdischem Glanz, der unsere geistigen Wohnwelten wieder zusammenfügen soll. Dies ist allerdings nicht erst für die Ewigkeit reserviert, sondern zugleich eine Aufgabe in und für diese Welt.   


[1] S. hierzu: Georges Duby, Die Zeit der Kathedralen, Frankfurt 1992 (1976), 175-189.

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