Abschiedsreden [zum Gründonnerstag]

Am Schluss steht kein Ende. An der Stelle der Eucharistiefeier, an der gewöhnlich der Segen und die Entlassung stehen, geschieht am Gründonnerstag etwas anderes. Die übriggebliebenen Gaben der Kommunion werden gesammelt und auf den Altar gestellt. Für einen kurzen Moment der Anbetung beugt die Gottesdienstgemeinde die Knie. Dann erfolgt eine schmucklose Prozession, bei der das Gefäß mit den Hostien an einen anderen Ort gebracht wird. In einer Seitenkapelle oder einer Krypta wird ein zweiter Tabernakel aufgestellt oder verwendet, in dem die eucharistischen Gaben bis zum Karfreitag bleiben. Nun beginnt eine stille Zeit des Gebetes, das in einigen Gemeinden die ganze Nacht hindurch dauert. Was hat das zu bedeuten? Zum einen zeigt der ungewöhnliche Schluss der Gründonnerstagsliturgie die Zusammengehörigkeit der Feiern bis zur Osternacht an, des sogenannten „Triduum paschale“. So wie der Gründonnerstag keinen Abschluss durch den Sendungsruf „Gehet hin in Frieden“ kennt, so hat die Karfreitagsliturgie keinen gewohnten Anfang. Statt mit dem Kreuzzeichen beginnt sie mit einem Gebet und endet mit einem solchen. Danach, so heißt es im Messbuch „verlassen alle schweigend die Kirche“. Der feierliche Segen und der Entlassungsruf sind erst am Ende der Osternacht zu hören. Die drei Feiern sind in Wirklichkeit eine. Die Anbetungszeit des Gründonnerstag begleitet Jesus in seinem Passionsgeschehen in den Karfreitag hinein. Der andere Ort, an den das Allerheiligste gebracht wird, kann als Übergang zum Ölberg ausgedeutet werden. In vielen Kirchen werden demnach am späten Abend „Ölbergstunden“ gestaltet, in denen die Gemeinde dem Aufruf Jesu an die Jünger „Wacht und betet“ folgt. Etwas Ähnliches geschieht in einigen Regionen auch einen Tag später, wo das Karfreitagskreuz am Karsamstag an einen anderen Ort, zur symbolischen „Grablegung“ gebracht wird.

Am Schluss steht kein Ende. In die Zeit nach der Fußwaschung und dem Abendmahl und vor den Gang in den Garten hat der Evangelist Johannes eine lange Rede Jesu gesetzt (Joh  13,31-16,33). Sie ist als „Abschiedsrede“ ein Vermächtnis Jesu an seine Jünger. Am Gründonnerstag ist dieser Text das „ungehörte Evangelium“. Es umfasst die bekannten Worte vom „neuen Gebot“, von den „vielen Wohnungen bei Gott“, vom „wahren Weinstock“ und vom Beistand, dem Geist, den Gott senden wird. Am späten Abend im Garten werden diese Worte in den Jüngern weitergeklungen haben. Für die persönliche Betrachtung am Gründonnerstag möchte ich drei Passagen aus den Abschiedsreden beleuchten.

1. Liebe

Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Joh 13,31-33)

Ein neues Gebot? Es gab doch schon das Gebot der Liebe Gott gegenüber und auch die Liebe zum Nächsten war bereits aus den Schriften bekannt. Gott selbst hatte diese Gebote in seinem Gesetz verankert. Was ist also das Neue? Papst Benedikt der XVI. schreibt in seiner Enzyklika „Deus caritas est“: „Das eigentlich Neue des Neuen Testaments sind nicht neue Ideen, sondern die Gestalt Christi selber, der den Gedanken Fleisch und Blut, einen unerhörten Realismus gibt“ (Nr. 12). Die Liebe ist insofern neu, als dass sie mit dem Beispiel Christi verbunden ist: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“. Es geht also darum, von der Liebe Jesu zu lernen. Das im griechischen Text von Joh 13 verwendete Wort „Agape“ meint dabei nicht in erster Linie die Liebe als ein Gefühl des Hingezogenseins zu einem anderen Menschen, das Verlangen nach Gemeinschaft mit ihm. Hierfür stand im Griechischen das Wort „Eros“. „Agape“ wurde gerne mit „Nächstenliebe“ übersetzt. In Wirklichkeit aber sind beide Formen eng miteinander verbunden:

„Wenn Eros zunächst vor allem verlangend, aufsteigend ist — Faszination durch die große Verheißung des Glücks — so wird er im Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken, für ihn da sein wollen. Das Moment der Agape tritt in ihn ein, andernfalls verfällt er und verliert auch sein eigenes Wesen. Umgekehrt ist es aber auch dem Menschen unmöglich, einzig in der schenkenden, absteigenden Liebe zu leben. Er kann nicht immer nur geben, er muss auch empfangen. Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt werden“ (Deus caritas est, Nr. 6).

Das „Liebt einander, so wie euch geliebt habe“ lässt diesen Zusammenhang anklingen. Was hier entstehen soll, ist eine Gemeinschaft des Gebens und Empfanges: „Gott in uns und wir in ihm“. Es ist ein gegenseitiges freies Schenken. Deshalb zeigt Jesus seine Liebe „bis zur Vollendung“ (Joh 13,1), als er den Jüngern die Füße wäscht. Das Gefälle von „Herrschen und Dienen“ oder „Lehren und Lernen“ wird an dieser Stelle aufgebrochen. Jesus zeigt: Ich bin für euch da, so wie auch ihr für mich und für andere da seid. Die „Agape“ zeigt sich in einem freien Schenken. Das neue Gebot ist eine Liebe aus Hingabe, aber auch Voraussetzung für eine Freude, die „vollkommen sein soll“ (Joh 15,11).

2. Freundschaft

„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15, 14-15)

Gemessen an der neuen Gemeinschaft aus Liebe ist es offenbar kein Wunder, dass Jesus von seinen Jüngern als „Freunden“ spricht. Wie sollte sich die Liebe auch in einer Gemeinschaft zeigen, in der ein Machtgefälle herrscht? Gerade die Freundschaft hebt die Unterschiede zwischen den Freunden auf. Bei einem echten Freund oder einer echten Freundin ist es mir gleichgültig, was sie darstellt, welche ihre Stellung sie hat und welche ihre besonderen Fähigkeiten sind. Eine Freundschaft besteht „trotzdem“. Freund Jesus ist „wer tut, was ich euch auftrage“. Das meint hier: Freund ist, wer sich dem Gebot der Liebe verpflichtet.

Mit dem Begriff „Freund“ ist aber noch mehr gemeint. „Freund“, griechisch „Philos“, ist im Verständnis der damaligen Zeit nicht nur der persönliche Freund eines Menschen. „Philos“ war zugleich ein Ehrentitel. An den Königshöfen der damaligen Zeit war es eine Ehre, als „Freund“ des Königs zu gelten. Diese Freunde waren die engsten Vertrauten des Königs. Mit ihnen beriet er sich über die wichtigen Entscheidungen. Sie waren in die Pläne des Königs eingeweiht und sie waren zugleich seine Vertreter. Wer einem „Philos“ begegnete, begegnete damit zugleich dem König selbst. Das Johannesevangelium zeichnet den Weg der Passion Jesu als seine langsame Anerkennung als König. Vom Einzug in Jerusalem angefangen bis zum Kreuz gibt das Evangelium immer wieder Hinweise. Pilatus etwa erhält von Jesus auf seine Frage, was denn sein Status sei die Antwort: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, damit ich von der Wahrheit Zeugnis gebe“ (Joh 18,37). Der wahre König zeigt sich in seiner Erhöhung am Kreuz. Dieser König, der noch verborgen ist, ernennt seine Jünger nun zu Freunden, „denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Ihr seid, so die Übersetzung, mit mir vertraut, seid in die Pläne Gottes eingeweiht worden und ihr werdet in Zukunft als „Freunde“, also als meine Stellvertreter in der Welt wirken.

3. Wiedersehen

„Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. Wenn die Frau gebären soll, hat sie Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude“ (Joh 16,22).

Ziemlich am Ende der Abschiedsreden steht dieses tröstliche Wort. Man kann vermuten, dass es von Jesus mit Blick auf die Auferstehung gesagt wird. Wahre Liebe und wahre Freundschaft hoffen immer wieder auf das Wiedersehen. Kaum haben sich Freunde voneinander getrennt, so warten sie schon auf das nächste Mal, bei dem sie sich sehen können. Bei Beerdigungen erfahre ich immer wieder, wie wenig die Aussicht, sich nie mehr zu sehen schmerzt. Es soll nicht so sein. Jesus vergleicht diesen Zustand der Trauer mit einer Geburt. Der Schmerz ist vergessen, sobald das Kind glücklich zur Welt kommen konnte. In seinen Worten steckt eine unerschütterliche Hoffnung, die aber den Schmerz nicht vernachlässigt. Die Passion bleibt ein schmerzhaftes Ereignis, ein für die Jünger zunächst Unbegreifliches. Auch Ostern wendet nicht mit einem Schlag alles zum Guten. Die Osterbotschaft ist zunächst ein sehr schwaches Pflänzchen. Es braucht lange, bis die Hoffnung siegt. Das Wiedersehen, das Jesus ankündigt bleibt vielleicht erstmal ein unglaubwürdiges Wort. Es soll erst langsam zur Verheißung heranreifen.

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