Das Leiden anschauen [zum Karfreitag]

In der Krypta von St. Anna hängt ein Bild von der Kreuzigung Jesu. Es ist ein Bild, auf das man am liebsten gar nicht schauen möchte. Das Bild zeigt einen leidenden Jesus kurz vor seinem Tod. Der Körper ist überstreckt, der Kopf mit der Dornenkrone zur Seite gelegt, die Augen geschlossen. Aus den Wunden strömt das Blut. Es fällt in dicken Tropfen aus den Wunden und läuft den Kreuzesbalken hinunter. Der Hintergrund ist leer. Es ist ein einsamer, unendlich leidender, geschundener Mensch, der hier dargestellt ist. Kein Zeichen von Erlösung, kein Zeichen von Triumph, kein Zeichen für neues Leben. Das Gemälde erspart dem Betrachter nichts. Es konfrontiert ihn direkt und brutal mit der Gewalt, den Schmerzen und dem Tod.

Das Bild folgt Vorbildern aus dem ausgehenden Mittelalter. Die Darstellung des Schmerzensmannes oder des leidenden Gekreuzigten ist damals ein vielgemaltes Motiv. Solche Gemälde waren häufig für den Privatgebrauch bestimmt. Wie kann es sein, dass jemand freiwillig das Leiden in dieser Weise betrachten möchte? Es ist die Zeit der „devotio moderna“, einer Frömmigkeitsform, die unter den Christen besonders in Deutschland und den Niederlanden große Verbreitung fand. Die „devotio“, von der sich auch Luther über seinen Lehrer Staupitz berührt sah, rückte die persönliche Beziehung des Gläubigen zu Jesus Christus in den Vordergrund. Nicht so sehr durch die kirchliche Verkündigung, als vielmehr durch die fromme Betrachtung, das Mitgehen und „Einfühlen“ in Christus sollte der oder die Einzelne seinen Glauben vertiefen. Dazu gehörte auch eine Betrachtung des Leidens. In einem typischen Text dieser Zeit (ca. 1460) aus dem Kloster Windesheim gehört die Meditation des Leidens zum festen Bestandteil der geistlichen Übungen für jede Woche. Dort heißt es:

„Blick auf das Antlitz deines Messias und betrachte, wie sein ganzer Leib zerschlagen und blutüberströmt ist und seine fünf Wunden offenstehen. Versenke dich mit deinem Herzen in sie und reinige dich in dem Blut, das aus ihnen hervorströmt, von deinen Sünden. Schmiede dein Herz an das seine und koste, vom Feuer seiner Liebe entflammt, in seinen Wunden, wie lieb der Herr, dein Bräutigam und Geliebter ist.“[1]

Was soll das sein? Wozu dient diese Form, das Leiden zu betrachten? Der geistliche Sinn mag klar sein: Anhand des Leidens Christi sein eigenes Leben zu bedenken im Wissen darum, dass Christus aus Liebe gelitten hat, um die Menschheit wieder zu versöhnen. Das ist Theologie, aber gerade angesichts des Leidens ein ferner Gedanke, vielleicht der Anstößigste, den das Christentum entwickelt hat.

In diesen Tagen rücken Leiden und Tod durch die Fernsehbilder immer näher. Wir haben gelernt, was es bedeutet, einen Menschen vor dem Ersticken zu retten, wie schmerzhaft und mühsam das Leiden auf der Intensivstation sein kann. Was hier durch das Corona-Virus in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit rückt, ist etwas Alltägliches. Jährlich sterben etwa 40 000 Menschen in Deutschland an Lungenerkrankungen. So manches Mal, wenn ich zu Sterbenden auf die Intensivstation kam, habe ich die Traurigkeit dieses Anblicks gespürt. Es sind viele, die so sterben, angeschlossen an Herz- oder Lungenmaschinen, umgeben von Schläuchen und Monitoren. Der Tod wird hinter der Sicherheitstür der Intensivstation verborgen. Wir sehen das Sterben nicht mehr. Es geschieht meist weit weg von unserem Alltag. Auf einmal wird er uns im Fernsehen gezeigt. Wozu die Betrachtung des Leidens und Sterbens? Es ist ein ganz weltliches Exerzitium, eine Übung. Sie soll uns helfen, das eigene Leben zu betrachten. Das Leiden und Sterben ist furchtbar. Wir sollten alles tun, um es für möglichst viele Menschen vermeidbar zu machen. Der Anblick des Leidens soll uns zum Umdenken bewegen. Vor allem aber zeigt die Betrachtung des Leidens: Es ist schon zu viel, dass ein Mensch so etwas ertragen muss.

Wenn ich mit diesen Augen das Sterben Jesu betrachte, bekommt es einen ganz menschlichen Sinn. Der Anblick des Leidens sagt mir, dass ich alles tun soll, um das Leiden zu vermindern. Es ist ein Gegenmittel zur Gewalt, die Menschen einander antun, ein Ansporn, das Leiden durch eine Krankheit zu vermindern, ein Aufruf, das Leben zu schützen. Die Betrachtung des Todes verdeutlicht den Wert des Lebens, aber auch das Bewusstsein um seine Endlichkeit. Erlösung ist kein fernes theologisches Konstrukt, sondern eine konkrete Hoffnung auf die Überwindung eines unhaltbaren Zustandes. Das Bild in der Krypta von St. Anna wird mir in diesen Tagen wertvoll. Ich mag es immer noch nicht gerne anschauen. Es spricht für mich vom bitteren Ernst, den das Leben auch haben kann. Es lässt mich nicht gleichgültig und holt mich heraus aus der Gefahr, das Leiden nicht wahrhaben zu wollen. Zugleich ist es eine Herausforderung an meinen Glauben. Wer das schaffen kann, durch das Leiden Erlösung zu schenken und trotz des Leidens Hoffnung zu haben, der verdient meine tiefste Anerkennung. Er macht mich demütig. Ein solcher Mensch stärkt meinen Glauben an das Gute. Vor allem aber ermutigt es mich, selbst tätig zu werden, wo ich Leiden mindern kann. Aus der Betrachtung soll die Tat entstehen.


[1] Johannes Vos van Heusden / Johannes Busch, Epistel vom Leben und Leiden unseres Herrn Jesus Christus, zitiert nach: Jankowski, Hans (Hg.), Geert Grote, Thomas von Kempen und die Devotio moderna, Olten 1978, 241-271, 254f.

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