Europa als Provinz der Weltkirche

Zu den deutlichen Veränderungen, die Papst Franziskus für die katholische Kirche angestoßen hat, gehört eine zunehmend weltkirchliche, d.h. auch weltweite Ausrichtung. Die Kardinalsernennungen der letzten Jahre sprechen hier eine deutliche Sprache. Das Kardinalskollegium ist deutlich europäisch dominiert. Knapp die Hälfte der Kardinäle stammen vom „alten Kontinent“, vorzugsweise aus Italien, Frankreich, Spanien oder Deutschland. Franziskus hat begonnen, diese Ordnung zu verändern. Von 73 Kardinälen, die unter seinem Pontifikat kreiert wurden, stammen nur 23, also weniger als ein Drittel, aus Europa. Während angestammte europäische Bischofssitze, die normalerweise auch mit der Kardinalswürde verbunden waren, leer ausgingen, berief der Papst zunehmend Kandidaten aus den „Randgebieten“ der katholischen Welt, aus Papua-Neuguinea, Madagaskar, Albanien, Haiti oder der Zentralafrikanischen Republik.  Diese Veränderung ist bedeutsam. Das Kardinalskollegium ist als Beratergremium des Papstes oberste Repräsentanz der weltweiten Kirche. Offensichtlich geht es Franziskus darum, die weltweite Dimension innerhalb des Beratergremiums abzubilden und damit den realen Größenverhältnissen der weltweiten Verteilung der Katholiken näher zu kommen. Heute leben fast die Hälfte aller Katholiken auf dem amerikanischen Kontinent, ein knappes Viertel in Europa, 16% in Afrika und 11% in Asien und Ozeanien. Schon die Wahl eines Lateinamerikaners zum Papst war eigentlich vor dem Hintergrund dieser Zahlenverhältnisse nur eine Frage der Zeit. Das Zeichen ist klar: Die Zeit der europäischen bzw. allgemein „westlichen“ Dominanz der Leitungsebene in der katholischen Kirche wird auf Dauer vorbei sein. Europa wird nicht zuletzt aufgrund der schrumpfenden Anzahl der Katholiken, immer mehr zur Provinz innerhalb der weltweiten Kirche.

Für die bisherige Dominanz gibt es geschichtliche Gründe. Nach der Spaltung zwischen westlicher und östlicher Kirche im Mittelalter, war das europäische Kerngebiet mit seinem religiösen Zentrum Rom Mittelpunkt der katholischen Kirche. Von hier ging in der Neuzeit mit der Kolonisierung auch die Christianisierung weiter Teile Amerikas und Afrikas aus. Die akademische Theologie war seit dem Mittelalter zu einer europäischen Disziplin geworden. Europa hatte somit eine politische, aber auch geistig-geistliche Vormachtstellung. Bis in das 20 Jahrhundert waren Bischöfe aber auch wissenschaftliche Lehrer in den sog. „Missionsgebieten“ Asiens oder Afrikas vornehmlich Europäer. Die Etablierung eines einheimischen Episkopats ist erst eine Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ebenso ist auch erst seit dieser Zeit, etwa ab den 60er Jahren, eine Emanzipationsbewegung innerhalb der Theologie zu beobachten. Vorreiter waren hier die Lateinamerikaner. In Reflexion ihrer eigenen Missionsgeschichte bemühten sie sich zunehmend um die Entwicklung einer eigenständigen, inkulturierten Theologie, die als „Theologie der Befreiung“ bekannt wurde. Andere Erdteile folgten in dieser Richtung nach. Ein zentraler Kritikpunkt der Befreiungstheologen bestand darin, dass sie eine theologische Tradition, die vom europäischen Denken, insbesondere der europäischen Philosophie geprägt war, nicht mehr als passend für sich empfunden. [1] Auch bestand der Verdacht, die europäische Dominanz in theologischen Fragen, importiere zugleich auch gesellschaftliche und politische Vorstellungen, welche die kolonialen Strukturen auf andere Weise fortschreiben würden.[2] Es ging den Befreiungstheologen darum, eine eigenständige Theologie und Pastoral unter den kulturellen Gegebenheiten ihrer lateinamerikanischen Umwelt zu etablieren.

Papst Franziskus, der maßgeblich von der argentinischen Schule der Befreiungstheologie geprägt wurde, ist seit seinem Studium eng mit diesem lateinamerikanischen „Sonderweg“ vertraut.[3] Er hat an mehreren Stellen betont, dass für ihn besonders die Enzyklika „Evangelii nuntiandi“ von Papst Paul VI. für sein Kirchenverständnis wegweisend gewesen ist.[4] Paul VI. betont hier die Bedeutung der unterschiedlichen Kulturen für Pastoral, Mission und Lehre der Kirche. Die fruchtbare Verkündigung des Evangeliums kann nur unter Beachtung des jeweiligen kulturellen Rahmens gelingen. Zudem gesteht er zu, dass es innerhalb der Evangelisierungsbemühungen eine Hierarchie der Wahrheiten gibt, so dass jenseits des Kernbestands des christlichen Glaubens gewisse moralische, liturgische oder pastorale Fragen im jeweiligen Kontext unterschiedlich beantwortet werden müssen.[5] Papst Franziskus nimmt diesen Faden auf. In seinem programmatischen Schreiben „Evangelii gaudium“ widmet er dem Verhältnis von lokaler und globaler Ebene ein eigenes Kapitel.[6] Für das Gelingen einer globalen (kirchlich: einer weltkirchlichen) Perspektive auf bestimmte Fragen, ist der unterschiedliche Beitrag der lokalen Ebenen unerlässlich. Sie befruchten und ergänzen sich gegenseitig. Die Wahrheit, so Franziskus, ist ein „Polyeder“, in dem unterschiedliche Perspektiven von durchaus auch unterschiedlicher Qualität zusammentreffen. Eine „polyedrische“ Sicht auf die Gesamtkirche speist sich also aus den lokalkirchlichen Erfahrungen und kann erst aus diesen heraus gesamtkirchliche Verbindlichkeit erlangen. Dazu müssen die lokalen Ebenen aber auch mit Sitz und Stimme in den Diskurs einbezogen werden. Die Weltkirche wird damit auch kulturell, geistlich und theologisch pluraler.  Zugleich relativiert sich die Bedeutung einer bestimmten lokalen kirchlichen Tradition wie der europäischen. Sie wird künftig an Dominanz verlieren.

Im Grunde spiegeln die innerkirchlichen Vorgänge einen Trend, der allgemein in den Kulturwissenschaften der letzten Jahrzehnte Einzug gehalten hat. Auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch in politischen und wirtschaftlichen Fragen wird von Seiten weltweiter Stimmen eine zunehmende Eigenständigkeit eingefordert. Die Zeiten, in denen eine europäische, bzw. westliche Sicht auf die Welt deren Abläufe normierte (im Kern ein kolonialistisches System) sollen ein Ende finden. Führende Persönlichkeiten Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas fordern ihre kulturelle Eigenständigkeit neu ein.[7] Das als postkolonial gekennzeichnete Verhalten des Westens, seine Vorstellungen von der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaftsordnung anderen Regionen der Erde vorzuschreiben, wird zunehmend weniger akzeptiert. Der Vorwurf des „Eurozentrismus“ hat sich in vielen gesellschaftlichen Diskursen fest etabliert.

Zurück zur Kirche. Die Richtung, die durch Papst Franziskus eingeschlagen wurde, hat gravierende Auswirkungen. Europa als Kirchenprovinz verliert seine bestimmende Funktion. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass kirchliche Fragen in Rom zunehmend auch durch die Brille Lateinamerikas, Afrikas oder Asiens wahrgenommen werden. Unter diesen Bedingungen verbindliche Regelungen für die Gesamtkirche zu treffen, wird zunehmend schwerer. Dafür verheißt diese Sichtweise eine höhere Partizipation und wahrscheinlich auch Gerechtigkeit für den übergroßen Anteil der Katholiken, die nicht in Europa oder Nordamerika wohnen. Europa bekommt zunehmend Gegenwind. Wir Europäer müssen und daran gewöhnen, kirchlich nicht mehr „den Ton“ anzugeben. Das ist und wird in zunehmendem Maß gerade für Deutschland schmerzlich sein, das sich doch in den letzten Jahrzehnten häufig als theologische Großmacht verstanden hat. Eine solche Erfahrung kann kränkend sein, pflegen Institutionen wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken doch häufig die Vorstellung, eine Intervention der deutschen Bischöfe beim Vatikan könne „mal eben“ gesamtkirchlich relevante Entscheidungen bewirken. Schon in der Vergangenheit hat es hier immer einmal wieder Enttäuschungen gegeben.

Ich möchte ein aktuelles Beispiel nennen. Derzeit diskutiert die deutschsprachige Theologie intensiv die theologische Bewertung und den praktischen Umgang mit Homosexualität. Die gesellschaftliche Diskussion strebt in Richtung einer weitgehenden Liberalisierung der lange geltenden gesetzlichen Einschränkungen für Homosexuelle und deren vollständiger gesellschaftlichen Anerkennung. Dieser Diskurs hat in den vergangenen Jahren auch Rückwirkungen auf die Kirche, von der gefordert wird, den eingeschlagenen gesellschaftlichen Weg mitzugehen, also eine moraltheologisch liberalisierte Neubewertung weltkirchlich verbindlich festzuschreiben. Die feste Überzeugung vieler europäischer und nordamerikanischer Diskutanten ist, dass es zur Liberalisierung keine Alternative gibt. Folglich sind alle Kulturen und politisch Verantwortlichen, die sich gegen diesen Trend stellen, auf der falschen Seite. Ihr Verhalten ist (mit einer sehr beliebten Vokabel gesprochen) „menschenverachtend“. Es kann also, so der Eindruck, nur einen Weg des Umgangs mit der Homosexualität geben. Dieser muss der europäische, bzw. westliche Weg sein. In anderen Weltteilen wird ein solches Verhalten als „Eurozentrismus“ beschrieben, der anderen Teilen der Welt die eigene kulturelle Prägung verordnen möchte. Darf man in dieser Frage also legitimerweise einer anderen Meinung sein? Treffen hier im kolonialen Diskurs zivilisierte Europäer auf moralisch minderwertige Weltanschauungen? Oder handelt es sich um eine allgemeinmenschliche moralische Grundkonstante, die universelle Gültigkeit beanspruchen kann? Die Frage ist noch längst nicht beantwortet. Adrian von Klinken und Masiiwa Gunda haben in einem gründlich recherchierten Artikel theologische Positionen aus Afrika zu diesem Thema zusammengetragen.[8] Ihr Fazit: In der überwiegenden Mehrheit lehnen die theologischen afrikanischen Publikationen Homosexualität als „unafrikanisch“ (also mit den afrikanischen Kulturen nicht vereinbar) und „gegen die Bibel“ ab. Die Zahl der liberalen Veröffentlichungen zu diesem Thema ist in Afrika sehr überschaubar. Weltkirchlich haben wir in dieser Frage also ein gespaltenes Bild. Unter der Berücksichtigung, dass die afrikanische Mehrheitsposition in einem ausgewogenen Gleichgewicht zur westeuropäischen Mehrheitsposition stehen soll, ist nicht davon auszugehen, dass auch weltkirchlicher Ebene Entscheidungen getroffen werden, die in Richtung der „westlichen“ liberalen Forderungen gehen werden. Dies schließt natürlich nicht aus, dass Papst Franziskus kraft seiner lehramtlichen Vollmacht aus eigenem Antrieb eine solche Entscheidung trifft. Damit würde er allerdings seine eigenen Entscheidungsgrundsätze verletzen, von denen einer ist: „Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“[9]. In der Tat sind die Äußerungen des Papstes zu diesem Thema bislang sehr ambivalent.

Dies ist nur ein Beispiel für den Konflikt, den ein schwindender Einfluss Europas in der Kirche mit sich bringt. Wir werden damit leben müssen, dass unsere Fragen und Probleme auf weltkirchlicher Ebene unwichtiger werden. Europa ist nur noch eine Kirchenprovinz unter anderen. Es wird uns schwer fallen, das zu akzeptieren. Umgekehrt geraten wir zunehmend in eine Position, die andere Teile der Welt über Jahrhunderte nicht anders kennen. Im Sinne der weltkirchlichen Gerechtigkeit scheint es allerdings angezeigt zu sein, sich als Europäer in einer guten christlichen Tugend zu üben: der Demut.

[1] S. z.B. Gutierrez, Gustavo, Theologie der Befreiung, München 1973, 7-21; Sobrino, Jon, Theologisches Erkennen in der europäischen und lateinamerikanischen Theologie, in: Rahner u.a. (Hg.), Befreiende Theologie, Stuttgart 1977, 123-143.

[2] Croatto, Severino, Befreiung und Freiheit, in: Prien (Hg.), Lateinamerika, Bd. 1, Göttingen 1981, 39-59

[3] S. dazu in diesem Blog den Beitrag zu „Papst Franziskus“.

[4] Kasper, Walter, Papst Franziskus, 29ff.

[5] Vgl. z.B. Paul VI., Evangelii nuntiandi (1975), Nr. 20, 25, 61.

[6] Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 234-237.

[7] S. z.B., Chakrabaty, Dipesh, Europa als Provinz, Frankfurt 2010; Mbembe, Achille, Kritik der schwarzen Vernunft, Frankfurt 2017.

[8] S. van Klinken/ Gunda, Taking up the cudgles against gay rights? (2012) – https://core.ac.uk/download/pdf/2794535.pdf

[9] Franziskus, Evangelii gaudium, 226-230.

Ein Kommentar zu „Europa als Provinz der Weltkirche

  1. Europa = Provinz der Weltkirche ? Dank zunehmender Besetzung der Führungspositionen durch Nicht-Europäer ?
    Kirchen-Reform geht erheblich tiefer !

    Hoch-aktuell dreht sich inner- und außer-katholische Reform vorrangig um Aufarbeitung von sexuellen Straftaten.

    Aus meiner Sicht steckt aber mehr dahinter. Nämlich Grundfakten vom christlichen Glauben überhaupt.

    Zugegeben, diese werden überhaupt nicht hinterfragt. Oder ist es auch Gegenstand reformerischer Bemühungen, die Bezeichnung HEILIGER VATER vom Amt des Papstes zu trennen?

    Dass die Engels-Verkündigung bei Bethlehem auf WELTFRIEDEN zielte, ist in kirchlichen Lehrplänen auch erfolgreich ausgeblendet geblieben.

    Was halten Sie von nachfolgenden Reimen als Gegengewicht für „ewige christliche Ungereimtheiten“?

    Frieden schaffen ohne Waffen
    schaffen nicht die nackten Affen,
    die Geld so gern zusammenraffen.

    Seit Gier nach Geld die Welt regiert,
    wird Produktion standardisiert
    und damit rationalisiert.

    Sparsamkeit ist Bürgerpflicht.
    Wer anders denkt, ist Bösewicht,
    denn er bedeutet Geldverzicht.

    Das Sparen fängt bei Waffen an.
    Darum war ein guter Mann,
    der einst Atombomben ersann.

    Diese Dinger raffen willig, pro Kopf gerechnet wirklich billig, ganze Menschenmassen hin.

    Das spart Geld und auch Benzin.

    Egal, ob Gebet oder Sarkasmus, Besseres ist meinem Reim unten zu entnehmen.

    Einzelheiten dazu gerne nach Rückmeldung.

    Die Welt verbessern,
    indem wir sie richtig bewässern
    — vorbeugend zur Flüchtlingsflut —
    — das tut der ganzen Welt so gut —

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