Christentum und Islam

Um 5 Uhr morgens weckte mich ein ungewohntes Geräusch. Langsam ging die Sonne in Thies, der zweitgrößten Stadt des Senegal auf. Mit einer Jugendgruppe aus unserem Erzbistum war ich vor einigen Jahren im Rahmen unseres „Youth Exposure“-Programms zu einer zweiwöchigen Tour nach Westafrika aufgebrochen. In das Gezwitscher der fremdartigen Vögel vor meinem Fenster erhob sich langsam ansteigend der Gebetsruf der naheliegenden Moschee „Allahu akbar“ – Gott ist größer. Der durchtönende Gesang aus dem scheppernden Lautsprecher beendet meinen Schlaf abrupt. Selten zuvor hatte ich mit einem Mal so das Gefühl in der Fremde zu sein, wie an diesem Morgen. Ich war nicht nur auf einem fremden Kontinent gelandet, in einer fremden Kultur, als kleines Grüppchen weißhäutiger Europäer mitten in einer schwarzafrikanischen Bevölkerung. Ich war auch das erste Mal in einem Land, das nicht westlich geprägt war und vor allem: Ich war das erste Mal in einem Land, das kein christliches war. Über 90% der Senegalesen sind Muslime. Im Straßenbild ist es zu sehen: Viele Männer tragen islamische Kopfbedeckungen und halten in ihren Händen die Tasib, die muslimische Gebetskette. In den Straßen gibt es überall kleine und größere Koranschulen und Moscheen, in den Taxis hängen Bilder der Imame und Propheten und das staatliche Fernsehen sendet am Freitag religiöse Sendungen und Predigten.

Ich war also als Christ in einem muslimischen Land und machte auf diese Art vielleicht die umgekehrte Erfahrung, wie Muslime, die nach Europa kommen, die Erfahrung der Fremde. Interessant war, dass diese Erfahrung mit einem muslimischen Land keineswegs meinen Erwartungen entsprach. In den zwei Woche, die wir im Senegal waren erlebten wir eine katholische Kirche, die sich als kleine Minderheit in aller Freiheit neben den Muslimen behaupten durfte. Unsere Gesprächspartner bestätigten uns: Die Gesellschaft schätzt die Kirche sehr, weil sie einen wichtige Beitrag in Bildung und Caritas leistet. Außerdem war außer dem Muezzinruf wenig von dem zu merken, was ich erwartet hatte: Die meisten Frauen trugen kein Kopftuch, es war kein Problem, auf dem Markt Bier oder Zigaretten zu kaufen. Die einheimischen Jugendlichen gingen abends in die Disco und es war nicht zu merken, dass bei ihnen ein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gemacht wurde. Was sich hier über die Jahrhunderte etabliert hatte, war offensichtlich ein liberaler, entspannter Islam, ein unproblematisches Miteinander der Glaubensrichtungen. Diese Erfahrung war ein Schlüsselereignis für mich. Ich habe mich seitdem anders mit dem Islam auseinandergesetzt.

Der Islam ist ja so etwas wie ein entfernter Verwandter. Die islamische Tradition beruft sich auf Abraham. Die Legende erzählt im Koran, wie Abraham die Magd Hagar heiratet, die  seinen ersten Sohn Ismael gebiert. Auf einer Reise durch die Wüste gelangt er an den Ort der heute Mekka ist und baut dort ein Heiligtum, die spätere Kaaba. Ismael bleibt mit seiner Mutter an diesem Ort zurück und wird der Stammvater der Muslime. Die Bibel berichtet hingegen, Abraham habe die Magd Hagar samt Ismael auf das Drängen seiner Frau Sara hin verstoßen und sprichwörtlich in die Wüste geschickt. Sein Sohn Isaak, den Sarah gebiert, wird zum Stammvater des Volkes Israel und damit Urahn der Juden und Christen. Was die Legende verdeutlicht: Der Islam, das Judentum und das Christentum gehören verwandtschaftlich zusammen, sie sind eine Großfamilie, auch wenn sie sie später in ganz unterschiedlichen Gegenden und Kulturen aufwachsen werden. Und wie es mit entfernten Verwandten so ist: Wenn sie sich nach langer Zeit wiedertreffen, sind sie sich fremd geworden, haben seit ihren Urzeiten eine eigene Geschichte, eine eigene Tradition und eine eigene Familie aufgebaut, die von der Seite des jeweils anderen nur schwer zu überschauen und zu verstehen ist. So sehen wir uns heute in vielen Dingen als Fremde gegenüber.

Wenn wir bei uns in Europa über den Islam sprechen, sprechen wir schnell über Probleme und Schwierigkeiten. Bedrohlich lange schon hören wir seit Jahren und besonders in den letzten Monaten von den verabscheuenswürdigen Taten des Islamischen Terrors, der von den zahlreichen radikalen Fanatikern unter Namen wie „Al Quaida“, „Boko Haram“, „Al Musra“, „IS“ oder „Hisbollah“ begangen wird. Das Schicksal so vieler Menschen, darunter so vielen Christen im Nordirak, in Nigeria, Syrien und Afghanistan erfüllt uns mit Schrecken und Abscheu. Die Attentate in Berlin, Madrid, London, Amsterdam, Marseille, Sydney, Wien, Ottawa, Paris oder Kopenhagen haben das Gespenst des islamischen Terrors in unsere Kultur gebracht. All das ist nur zu verurteilen und unsere Solidarität und unser Gebet mit den Opfern ist notwendig.

Abseits der Diskussion um den Terror beschäftigt sich unsere Gesellschaft aber in vielen weiteren Fragen immer wieder mit dem Islam. Denken Sie einfach an die letzten Jahre zurück: der Kopftuch-Streit, die Einrichtung der Islam-Konferenz, die Schweizer Volksabstimmung zum Moscheebau, die Sarrazin-Debatte, der Karikaturenstreit, die Regensburger Rede von Papst Benedikt, die Integrationsdebatte „Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht?“, das Burka-Verbot in Frankreich, die Frage nach islamischem Religionsunterricht, der Umgang mit den Salafisten, die Frage nach islamischen Pflegeheimen und Friedhöfen, der Hamburger Staatsvertrag mit den muslimischen Verbänden, die Pegida –Demonstrationen, der Bremer Predigtstreit und das neue Islam-Gesetz in Österreich, die Diskussionen um DITIB, die Razzien von Hildesheim, der Streit um Moscheeneubauten – es vergeht gefühlt kein Monat, in dem unsere Medien und mit ihr die Gesellschaft nicht um ein angemessenes Verhältnis zu dieser Religion ringen. Vielleicht kann man den Islam als die vielleicht aktuell größte Herausforderung der westlichen Welt begreifen.

Ich wollte das alles hier nur einmal nennen. Ich habe mir zwei Fragen gestellt: „Wie kann ich mir einen Islam in unserer Kultur vorstellen?“ und „Was macht das eigentlich mit mir als Christ?“ Wie kann ich heute eigentlich angemessen von meinem Glauben her auf diese fremde Religion reagieren. Was wäre zu tun?

Ich möchte mit Ihnen zunächst in drei Etappen in die Geschichte der Entstehung des Islam schauen[1] – woher kommt eigentlich diese Religion, die den meisten von uns heute so fremd ist und welche Anknüpfungspunkte für den Umgang mit ihr gibt es?

Zu der Zeit, in der der Prophet Mohammed geboren wird, etwa 550-570 nach Christus, ist seine Heimatstadt Mekka ein wichtiges Handelszentrum im arabischen Raum. Das zentrale Heiligtum, die sog. Kaaba, ein kleiner Tempel aus uralter Vorzeit, zieht Wallfahrer und Pilger in die Stadt. Mekka ist eine religiös sehr vielfältige Stadt: Es leben dort arabische Juden und Christen, Anhänger des Zorastrismus und Hanifismus, daneben sicher auch noch Verehrer früher arabischer Kulte. Die Mehrzahl der Gläubigen bekennt sich zum einen Gott. Ihre heiligen Bilder finden sich in der Kaaba, die somit eine Art Tempel für die vielen Weisen wird, in denen man Gott verehren kann. Mohammed wächst bei seinem Onkel auf und wird ein erfolgreicher Kaufmann, führt ein ganz normales Leben, bis er eines Tages im Alter von etwa 40 Jahren ein religiöses Erweckungserlebnis hat, eine mystischer Erfahrung der Gegenwart Gottes, aus der er einen prophetischen Auftrag gewinnt, den einen Gott zu verehren und ihn allein zu verkünden. Sein Erlebnis erinnert an die Prophetenberufungen des Alten Testaments, etwa bei Jesaja oder Ezechiel. Von da an beginnt Mohammed, in Mekka zu verkünden und für die Verehrung des einen Gottes zu werben, sowie erste moralische Weisungen und Lebensregeln aufzustellen. In der Tat scheint Mohammed zunächst so etwas wie ein Sozialreformer gewesen zu sein, der im Namen Gottes gegen gesellschaftliche Missstände vorging.  Er sammelt einige erste Anhänger um sich. Seine Bewegung lebt als eine von vielen religiösen Bewegungen in Mekka.

Es gibt islamische Gelehrte, die für einen zeitgemäßen Islam an dieser frühen Phase anschließen möchten[2]. Der Islam wäre hier eine vor allem geistliche und theologische Kraft, eine Bewegung, wie sie in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren unkompliziert einen Platz finden könnte. Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi etwa tritt für einen bewusst europäischen Islam ein, der die kulturellen Werte, die europäischen Identität annimmt, ohne den Glauben aufzugeben.[3]

Im Leben Mohammeds kommt es zu einem Bruch. Seine Lehre, vor allem sein Angriff auf die Polytheisten, also auf die Menschen, die mehrere Götter verehren, sorgt mit der Zeit für Unmut in Mekka. Es heißt, dass die Oberschicht Mekkas, die Quarish, sowie einige Teile der Bevölkerung sich gegen den Propheten und seine Anhänger wenden. Es kommt zu Übergriffen. Mohammed und seine Anhänger verlassen Mekka und lassen sich in der Oasensiedlung Yathrib, dem späteren Medina nieder. Dort wohnen vor allem arabische Juden, die die Anhänger Mohammeds, wie es heißt, gastfreundlich aufnehmen.

Medina wird der Ursprungsort des Islams, an dem aus der kleinen arabischen Bewegung eine universale religiöse Weltanschauung entsteht. Medina ist der Ort an dem sich die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen als Religionsgemeinschaft herausbildet. Ebenso ist Medina der Ort, an dem weite Teile der im Koran gesammelten Weisungen niedergeschrieben werden. Ähnlich wie die Urgemeinde für uns Christen ist die medinische Gemeinschaft das Idealbild für die Muslime und Ausgangspunkt für viele spätere islamische Reformbewegungen, friedliche und kriegerische.

Die Gelehrten sind sich in der Bewertung nicht einig. Für einige ist der Islam in Medina der Ort an dem sich Religion und Herrschaft zum ersten Mal zu einer Theokratie verbanden, für andere der ideale Ort einer demokratischen durch den Glauben geeinten Gesellschaft, in der Herrschaft und Religion getrennt bleiben. Der Islam könnte in unserer Zeit ihrer Meinung nach zu einer starken religiösen Kraft werden, die aber im Vorbild Medinas nach demokratischen Grundsätzen aufgebaut ist und sich dem Gemeinwohl aller verpflichtet weiß.[4]

Die dritte Epoche wird durch die Rückkehr Mohammeds nach Mekka eingeläutet. Nach verschiedenen Scharmützeln und kriegerischen Auseinandersetzung seiner Anhänger mit den Mitgliedern der mekkanischen Quarish nimmt er die Stadt ein und tritt nun auch als weltlicher Herrscher auf. In einem entscheidenden Akt reinigt er das Heiligtum, die Kaaba, von allen religiösen Bildern und lässt sie zerstören (eine Aktion, auf die sich die Fanatiker, die die assyrischen archäologischen Schätze zerstörten, berufen haben). Nur dem einen Gott sollen sich alle verpflichtet fühlen und ebenso nur der einen großen monotheistischen Gemeinschaft, der Umma. Von nun an kommt es verstärkt zu Konflikten mit den anderen Glaubensrichtungen, besonders mit jüdischen Gruppen in Mekka, die aus der Stadt ausgewiesen werden. Mohammed akzeptiert auch den Glauben der Christen an den dreieinen Gott nicht. Mohammeds Nachfolger nennen sich Kalifen. Bei ihnen ist die weltliche und die geistliche Macht gebündelt. Unter ihrer Führung erobert die neue Religion schnell weite Teile Arabiens und gelangt bis nach Europa.

Die dritte Phase der Entstehungsgeschichte des Islams ist für uns problematisch. Sie zeigt eine Religion, die sich nicht mehr mit den anderen Religionen, aber auch mit anderen Lebensstilen und Kulturen versöhnen möchte. Dies ist erstmal nichts Ungewöhnliches, im Christentum hat es ähnliche Epochen gegeben. Aber es erschreckt und verstört umso mehr, wenn eine Religionsgemeinschaft heute bewusst an ein solches Modell anknüpft und für die Errichtung des islamischen Staats und Neubegründung des Kalifates eintritt. Islamisten wollen keine Integration in Europa, sondern wollen Europa durch den Djihad islamisieren.[5] Dies ist für uns unannehmbar.

Dieser kurze Blick muss genügen. Es reicht nicht der Platz, um die differenzierte und lange Geschichte des Islams angemessen wiederzugeben. Das Verhältnis zu Christen und Juden bleibt spannungsreich. Es entsteht eine Geschichte, in der sich zwei Welten, die christlich-europäische und die arabisch-islamische gegenseitig zum Feindbild erheben und über die Jahrhunderte hinweg immer wieder bekriegen. Die Kreuzzüge, die Kriege gegen Sarazenen und Türken, schließlich aber auch die Erfahrungen der Kolonialzeit in den arabischen Ländern haben viel zu einer Gegnerschaft und einer Entfremdung beigetragen, auch wenn natürlich auch die Stimmen zu hören sind, die auf die tatsächlichen, häufig guten Kontakte und den kulturellen Austausch zwischen den beiden Welten verweisen. Wenn wir es heute mit dem Islam zu tun haben, dürfen wir diese Geschichte und ihre Traumata, die gegenseitigen Verletzungen und Kränkungen nicht vergessen, sie hängen sowohl den Europäern, wie auch den Muslimen im kulturellen Gedächtnis. Und wir dürfen uns nicht hinreißen lassen, alte Feindbilder des 8, 13., 17. oder 19. Jahrhunderts einfach zu übernehmen. Unsere Welt ist nicht so einfach und sie hat sich seitdem immer weiter verändert. Es gibt heute genauso wenig ein einheitliches christliches Abendland, wie eine einheitliche muslimische Welt. Papst Benedikt hat hier 2006 ausdrücklich zur Versöhnung und Aufarbeitung der Vergangenheit aufgerufen.[6]

Wie also kann ich umgehen mit dem geheimnisvollen Fremden, diesem weit entfernten Verwandten im Glauben?

Das zweite Vatikanische Konzil sagt über die Muslime:  „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“[7]

Ausgehend von dieser „Magna Charta“[8] für den Dialog mit den Muslimen, meine ich, dass drei Dinge für uns heute wichtig sind:

  1. Eine hohe Wertschätzung der Muslime. Dies bedeutet zunächst, den Islam kennen und verstehen zu lernen. Ich hatte zu Beginn von meinen eigenen Erfahrungen berichtet. Sie haben mein Islambild deutlich verändert. So wenig wie die Christen eine einheitliche Gruppe sind, sondern es bei ihnen unterschiedliche Konfession, Traditionen und geistliche Ausrichtungen gibt, strenggläubige und liberale, charismatische, mystische, sozialbewegte oder traditionalistische, so gibt es auch im Islam unterschiedliche Richtungen und Gruppen. Der kurze Durchgang durch die drei geschichtlichen Ursprungsphasen des Islam hat zudem gezeigt, dass sich die islamische Tradition und auch der Koran in ganz unterschiedlichen Weisen auslegen lassen. Zudem setzen wir in unseren Köpfen den Islam meistens mit dem arabischen Islam gleich. Über afrikanische Ausprägungen hatte ich schon gesprochen. Das bevölkerungsreichste islamische Land ist Indonesien und auch in Europa gibt es mit Albanien, dem Kosovo und Bosnien drei mehrheitlich muslimische Länder.

Die Bibel ist eindeutig, wenn es um die Gastfreundschaft geht: den Fremden aufnehmen und ihm vorurteilsfrei begegnen, wie es im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zum Ausdruck kommt, ist eine eindeutige Aufforderung Jesu. Wir kommen gar nicht umhin, uns mit den Muslimen verstärkt zu beschäftigen, sie wirklich kennenzulernen, den Kontakt zu suchen, angesichts der rund 15 Millionen muslimischer Immigranten, die in Europa schon eine neue Heimat gefunden haben. Schätzungen zufolge sind z.B. etwa 15 Prozent der französischen Jugendlichen Muslime.[9] Ich glaube es ist richtig, dafür zu sorgen, dass diese Menschen europäische Bürger werden können und nicht in Parallelwelten zu unserer Gesellschaft zu Hause sind. Ich glaube das ist möglich, auch wenn man zugleich die radikalen Strömungen der Wahabiten oder Salafisten sorgsam beobachten und wo nötig auch aktiv zurückdrängen muss.

  1. Ein Zusammenwirken mit den Muslimen auf Feldern, die uns Gläubige verbinden. Es gibt katholische Theologen, wie den Tübinger Professor Karl-Josef Kuschel, die vertreten, dass die Christen, Juden und Muslime sich in vielen Dingen ähnlicher sind, als es manchmal scheint.[10] Sie leiten sich von den gleichen Urvätern, von Adam, Noah und Abraham her. Folglich, so Kuschel, wäre es ihnen auch möglich bestimmte gesamtmenschliche Positionen gemeinsam zu vertreten und zusammen etwa die Würde aller Menschen, die moralischen Grundlagen des Rechts oder die prophetische Grundhaltung gegenüber der Welt zu vertreten. Man kann das durchaus berechtigt für übertrieben halten, aber so ganz falsch ist es nicht. Bei der Initiative zur Aufnahme eines Gottesbezuges in Schleswig-Holstein (2015) haben wir es deutlich gemerkt: Die Vertreter der Religionen setzen sich dafür zusammen ein, weil es ihnen wichtig ist, die Erinnerung an Gott in unserer Gesellschaft aufrecht zu erhalten, gegen die Gottvergessenheit anzugehen. Zudem vertreten wir in einigen moralischen Fragen ganz ähnlich Werte und Auffassungen. Die Muslime bleiben wichtige Gesprächspartner gegen einen zu dominanten Zeitgeist und einen aggressiven Atheismus.[11] Hier könnte das bekannte Wort Jesu gelten: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ (Mk 9,40).

 

3. Die Herausforderung des Islam annehmen. Der Islam fordert uns Christen heraus. Wir begegnen einer Religion, die von der Öffentlichkeit als stark und missionarisch wahrgenommen wird. Daneben erscheinen die Christen oft als blass und gezähmt, wenn ich das so einmal sagen darf. Es kann sein, dass wir es vernachlässigt haben, für unseren Glauben auch offensiv zu werben, dass wir uns zu lange damit getäuscht haben, dass wir meinten, die Grundlagen das Glaubens würden auf den bisherigen Wegen einfach so weitergegeben, dass wir als Kirche manchmal zu brav und artig auftreten. Unser Glaube ist wunderbar und bedeutsam, er hat unsere Kultur über Jahrhunderte geprägt, war ursächlich und intensiv beteiligt daran, dass wir zu einer guten und lebenswerten freiheitlichen Kultur gefunden haben, die wir als Europäer schätzen dürfen. Die Stärke der anderen ist an vielen Stellen auch unsere eigene Schwäche. Es ist wichtig, dem Islam gegenüber kritisch zu begegnen, nicht blauäugig zu sein und aus falscher Rücksichtnahme damit Entwicklungen zu fördern, die mit unserem christlichen Glauben und Empfinden nicht zu vereinbaren sind.[12] Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht in alte Muster zurückfallen, die anderen mit Gewalt bekehren zu wollen, eine Haltung, die wir auf der anderen Seite radikalen Muslimen vorwerfen.[13] Als Christen spielen wir in unserer Gesellschaft weiterhin eine große und wichtige Rolle, die wir nicht abgeben dürfen. Er ähnelt vielleicht in Zukunft immer mehr der Rolle der frühen Christen, einer glaubens- und hoffnungsstarken Gruppe innerhalb einer sehr vielfältigen Gesellschaft.

Soweit ein kurzer Blick auf den fremden Gast in unserer Mitte, aus dem durchaus ein Mitbewohner werden kann.  Zum Schluss möchte ich einfach an einen wichtigen Text der Bibel erinnern, an das Glaubensbekenntnis Israels aus dem Buch Deuteronomium. Es ist ein Text, der uns als Religionen eint und unsere gemeinsame Grundlage aufzeigt, ein Text für Juden, Christen und Muslime: „Höre, Israel! Der unser Gott, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.“

[1] S. für das folgende: Aslan, Reza, Kein Gott außer Gott, München 2006.

[2] S. Rhonheimer, Martin, Christentum und säkularer Staat, Freiburg 2012, 330. Der Autor verweist hier vor allem auf den Sudanesen Abdullahi Ahmed An-Na’im.

[3] Tibi, Bassam, Der Euro-Islam als Brücke zwischen Islam und Europa in: Chervel/Seeliger (Hg.), Islam in Europa, Frankfurt 2007, 183-199.

[4] S. Aslan, 72f.; 272-290.

[5] S. Tibi, 192f.

[6] Benedikt XVI.,  Ansprache an die Botschafter muslimischer Länder und Vertreter von muslimischen Gemeinde in Italien am 25.09.2006.

[7] II. Vaticanum, Nostra Aetate Nr. 3

[8] Benedikt XVI.,  Ansprache 2006.

[9] Daten aus: Garton Ash, Timothy, Der Islam in Europa, in: Islam in Europa, 30-53, 32ff.

[10] Kuschel, Karl-Josef, Juden Christen Muslime – Herkunft und Zukunft, Düsseldorf 2007.

[11] S. dazu auch Benedikt XVI., Ansprache

[12] S. dazu den Debattenbeitrag von Cliteur, Paul, Krieger ist nicht gleich Krieger, in: Islam in Europa, 117-125, 123: „Was mich an diesen relativistischen – oder eher nihilistischen Positionen ängstigt, ist, dass sie westliche Gesellschaften zur leichten Beute für die Ideologie des radikalen Islamismus machen. Wenn die westlichen Gesellschaften glauben, sie hätten keine Kernwerte für die es sich (mit friedlichen Mitteln) zu kämpfen lohnt, dann gibt es für die Immigranten auch keinen Grund, diese Werte zu akzeptieren.“

[13] S. dazu auch Aslan, 11-18: Aslan berichtet hier von der für viele Muslime kränkende Erfahrung, wenn christliche Missionare, besonders aus freikirchlichen Kreisen in die arabischen Länder eingeschleust werden.

Der Text ist eine leicht überarbeitete Fastenpredigt vom 08. März 2015

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