Missbrauch

Die deutschen Bischöfe haben am 25. September die Studie zum sexuellen Missbrauch herausgegeben. Sie befasst sich mit einem Thema, dass völlig zurecht Empörung und Abscheu hervorruft. Dass unter dem Dach der Kirche Kindern und Jugendlichen Gewalt angetan wurde, ist eine schwere Bürde. Und es ist eine Verfehlung gegen das Evangelium, das den Schutz der Kleinen, Schwachen und Geringen fordert. Voll Reue müssen die Bischöfe, aber auch wir Priester bekennen: Wir haben uns versündigt. Wir sind unserem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden. Wir haben das, was wir verkünden sollen, nicht beachtet. Es geht dabei zum einen um persönliche Verfehlungen. Die Studie hat klar gemacht, dass gegen 1670 Priester und andere Kleriker Beschuldigungen wegen Missbrauchs erhoben wurden. Das ergab das Studium von 38 000 Personalakten aus 70 Jahren. Erfasst wurden alle Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten von „unangemessenen Körperberührungen“ bis zu Vergewaltigungen. Man kann lange darüber streiten, ob die Methodik der Studie richtig ist. Es steht aber fest, dass die Zahl der Übergriffe und des Missbrauchs höher sein werden, als sie in den Akten dokumentiert ist. Aber die Studie hatte auch noch einen anderen Zweck. Sie sollte nicht bloß Zahlen über potentielle Opfer und Täter ermitteln, sie wollte nicht nur die persönliche Schuld einzelner Geistlicher dokumentieren. Sie sollte vor allem Hinweise darüber geben, wie bei alldem die Kirche als Gemeinschaft und Organisation versagt hat. Deswegen geht es auch um eine gemeinsame Schuld der kirchlich Verantwortlichen.

Ich glaube, der wichtigste Punkt ist, dass vielen Opfern nicht geglaubt wurde. Sie wurden nicht wirklich ernst genommen. Man hat ihnen zu wenig geholfen. Das zweite ist, dass man nicht offen mit dem Thema umgegangen ist. Die Bischöfe und Personalverantwortlichen haben vielfach dafür gesorgt, dass das Thema nicht an die Öffentlichkeit gelangte.

Der Umgang mit beschuldigten Priestern ist aus Sicht der Opfer beschämend. Sie wurden nur in den wenigsten Fällen strafrechtlich verfolgt. Auch kirchenrechtliche Verfahren wurden nur wenige eingeleitet. Häufig gab es Alibi-Strafen und schließlich auch Versetzungen, in der Hoffnung, ein Täter würde in einem anderen Umfeld nicht weitermachen, sondern sich ändern.

Das dritte große Thema in diesem Zusammenhang wird gerade auch für die Zukunft entscheidend sein. Es betrifft die Frage, welche kirchenspezifischen Faktoren dazu beigetragen haben, dass sich der Missbrauch wie ein Krebsgeschwür verbreiten konnte. Dazu liefert die Analyse der Täterpersönlichkeiten einen wichtigen Beitrag. Die Forscher stellen in der Studie fest: Unter den Priestern gibt es Pädophile, also Menschen, die sich sexuell zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen fühlen. Das ist aber nur ein kleiner Teil der Beschuldigten. Die zweite Gruppe, so die Studie, sind Priester mit einer unreifen persönlichen Entwicklung. Bei der Auswahl der Priesteramtskandidaten und in den Priesterseminaren ist auf diesen Punkt zu wenig geachtet wurden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität wurde nicht gefördert, sondern häufig blockiert. Im sicheren Raum des Priesterseminars und unter der Perspektive eines späteren Lebens im Zölibat glaubten wohl einige, der Fragestellung der eigenen Sexualität entgehen zu können. Dies hat einen späteren unreifen Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Seelsorge gefördert. Der Zölibat allein, so die Forscher, ist keine Ursache für missbräuchliches Verhalten, er kann sich aber in einer solchem Zusammenhang negativ auswirken. Die dritte und größte Gruppe der beschuldigten Priester sind solche, die ihre Machtposition ausgenutzt haben. Sie fühlten sich scheinbar unangreifbar, weil ihnen als priesterliche Autoritäten niemand Einhalt gebot. Besonders an diesem Punkt können wir heute in unseren Gemeinden arbeiten. Sicher Priester, besonders die Pfarrer haben eine geistliche und organisatorische Verantwortung, aber sie dürfen nie unantastbar oder „Herrscher“ sein. Die Verantwortung muss zunehmend gemeinschaftlich getragen werden. Dies bedeutet ja noch nicht, dass der Dienst der Priester damit wertlos würde.

Das Evangelium gibt klare Anweisungen: „Wenn dich ein Körperteil zum Bösen verführt, dann reiß es aus“. Das ist drastisch formuliert. Aber es meint etwas Wichtiges. Wenn es Dinge gibt, die uns in der Kirche nicht zum Guten, sondern zum Schlechten bringen, dann müssen wir sehen, dass wir sie loswerden, auch wenn es liebgewordene Traditionen, Denkweisen, Handlungsmuster oder Strukturen sind. Das ist es, was auch die Öffentlichkeit jetzt zu Recht von der Kirche fordert. Und ich glaube, noch etwas ist wichtig: Angesichts der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind wir in der Verantwortung, gegen den Missbrauch insgesamt etwas zu tun. Die Kriminalstatistik weist für das Jahr 2016 in Deutschland 12 000 angezeigte Fälle von Kindesmissbrauch auf. Selbst wenn es gelingt, dass aus den Reihen der katholischen Kirche nach Möglichkeit keine Fälle hinzukommen, bleibt das Ganze ein großes gesellschaftliches Problem. In der Präventionsarbeit dürfen wir nicht nachlassen. Und auch die Unterstützung von Opfern müssen wir weiter ausbauen. Nur so kann auf Dauer aus der Krise doch noch etwas Gutes entstehen. Nur so können auch in diesem Fall die Zeichen des Gottesreiches in unserer Zeit wieder sichtbar werden.

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