Verständlich Sprechen

Korinth, um das Jahr 50: Paulus hat ein Problem. Er muss zu einem Streit in der örtlichen Gemeinde Stellung beziehen. Die Fragestellung: Was ist die angemessene Weise, im Gottesdienst zu sprechen? Einige Mitglieder der Gemeinde, vielleicht sogar ihre Leiter verfügen über das Charisma der Zungenrede, andere über die Gabe des prophetischen Redens. Die Zungenredner scheinen mehr Anerkennung zu genießen. Ihre Rede gilt als von Gott begnadet, mystisch begabt, faszinierend für die Zuhörer. Die Sache hat einen Haken: Die Zungenrede ist unverständlich. Paulus bezieht Stellung. Er schreibt (1 Kor 14):

„Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; keiner versteht ihn: Im Geist redet er geheimnisvolle Dinge. Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf. Ich wünschte, ihr alle würdet in Zungen reden, weit mehr aber, ihr würdet prophetisch reden. Der Prophet steht höher als der, der in Zungen redet, es sei denn, dieser legt sein Reden aus; dann baut auch er die Gemeinde auf. Was nützt es euch, Brüder, wenn ich komme und in Zungen vor euch rede, euch aber keine Offenbarung, keine Erkenntnis, keine Weissagung, keine Lehre bringe? Wenn leblose Musikinstrumente, eine Flöte oder eine Harfe, nicht deutlich unterschiedene Töne hervorbringen, wie soll man dann erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? Und wenn die Trompete unklare Töne hervorbringt, wer wird dann zu den Waffen greifen?  So ist es auch mit euch, wenn ihr in Zungen redet, aber kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind. Es gibt wer weiß wie viele Sprachen in der Welt und nichts ist ohne Sprache.“

Was nützt es also, so Paulus, wenn wir uns einer Sprache bedienen, die uns zwar mit Gott sprechen lässt, aber den anderen nichts von Gott mitteilt?

Szenenwechsel. Pinneberg, Dreifaltigkeitssonntag 2014. Georg Bergner hat ein Problem. Er steht in der Heiligen Messe den Erstkommunionkindern gegenüber, die an diesem Sonntag ihre Dankmesse feiern und soll Ihnen eine Predigt über die Heiligste Dreifaltigkeit halten. Er hat im Grunde drei Optionen:

Die erste ist: Er spricht in theologischer Sprache, erklärt die innertrinitarischen Zusammenhänge und Hervorgänge, berichtet von frühen Konzilien und veranschaulicht die Materie durch das augustinische Erklärungsmodell, durch das Rahnersche Grundaxiom und dessen Terminologie von den drei distinkten Subsistenzweisen, den Grundlinien der Theodramatik von Balthasars oder einen anderen theologischen Ansatz, Kasper, Moltmann, Greshake oder Boff zum Beispiel.

Die zweite Option: Er versucht kindgerechte Bilder zu finden, um eine Vorstellung von christlichen Gotteslehre zu geben – drei Streichhölzer; eine Flamme, das dreiblättrige Kleeblatt, die Familie (Vater, Mutter, Kind) oder etwas Ähnliches. Dabei leidet er darunter, dass jeder Vergleich im letzten Gott nicht gerecht wird und theologisch anfechtbar ist.

Die dritte Option: Er lässt das Thema des Sonntags beiseite und spricht über etwas anderes.

In der Bewertung der drei Optionen ist klar: Die erste Option ist keine Option. Sie gleicht, gerade gegenüber Kindern, die das Wort Dreifaltigkeit vielleicht gar nicht kennen stark der Glossolalie – eine solche Spreche wird ihnen vollkommen unverständlich sein, auch wenn sie vielleicht die Gelehrtheit des Predigers herausstreicht. Im Sinne des Paulus ist die zweite Option vorzuziehen. Diese Sprache ist, wenn sie gut eingeübt ist, den Kindern verständlich und bietet die Möglichkeit, ihnen die Grundaussage des Glaubens zumindest näher zu bringen und sie im besten Fall dafür zu interessieren. Die dritte Option weicht der Herausforderung aus. Sie ist keine angemessene Reaktion, dürfte aber in der Praxis durchaus häufiger vorkommen.

Ich gehe davon aus, dass eine solche Situation allen bekannt ist, die in der Verkündigung stehen. Sie steht beispielhaft für eine der wichtigsten Herausforderungen für uns Priester, aber auch für die ganze Kirche. Es geht um die angemessene Sprache und die Verständlichkeit der Verkündigung, um das Verhältnis zu den Menschen, zu denen wir sprechen, mit einem Schlüsselbegriff unserer Zeit: um Kommunikation und Kommunikationsfähigkeit. Das ist ein weites Feld. Es berührt die Sprachwissenschaften, die Philosophie, die Semiotik, die Informatik, die Psychologie, die Biologie und Verhaltensforschung und noch viele andere Fachdisziplinen. Die Frage nach der Kommunikation ist aber, eine existenzielle für Priester. Wir haben es laufend mit Kommunikation zu tun, im Gebet, in der Liturgie, in der Verkündigung, im Beichtstuhl, im seelsorglichen Gespräch, im täglichen Umgang mit den Menschen, die mit ihren Anfragen, ihren Anliegen, Beschwerden zu uns kommen, in Sitzungen und Gruppen.

Ich möchte anregen, über Kommunikation nachzudenken und gestatte mir dazu, in einem ersten Schritt kurz einige theoretische Anmerkungen zu machen, um dann die existenzielle Dimension zu beleuchten und zu einer vierten Option auf mein vorhin genanntes Beispiel der Predigt zu kommen.

  1. Im Zeitalter der Kommunikation

Wir leben in einem Zeitalter der Kommunikation. Dabei wird unter Kommunikation zunächst häufig das Austauschen von Informationen verstanden. Eine gute Kommunikation gilt als dann gewährleistet, wenn alle nötigen Informationen den Beteiligten zugänglich gemacht werden. Im Zeitalter des Internets gehen wir heute selbstverständlich davon aus, dass alle Informationen jederzeit zugänglich und abrufbar sind. Der Wunsch nach Transparenz von Vorgängen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, aber auch in der Kirche ist gesellschaftlich fest verankert. Dinge, die nicht öffentlich gemacht werden, stehen automatisch im Verdacht, Unangenehmes oder Böswilliges zu beinhalten. Das Musterbeispiel dafür ist zur Zeit die Verhandlung über das Freihandelsabkommen mit den USA, an dessen Intransparenz sich die Öffentlichkeit abarbeitet. Geheimhaltung wird in der Öffentlichkeit nur noch an ganz wenigen Punkten wirklich akzeptiert, im seelsorglichen Bereich, bei Ärzten oder bei der Frage nach der Mannschaftsaufstellung der Nationalmannschaft, zunehmend nicht einmal mehr im Gericht oder in der Diplomatie oder bei den Geheimdiensten.

Die Grunderwartung ist die nach der selbstständigen Beibringung aller Informationen. Dies war ein Kernproblem bei den großen kirchlichen Skandalen, beim Missbrauchsskandal und bei „Limburg“. Ein großer Teil des öffentlichen Furors bezog sich auf die zögerliche Informationstaktik und vermeintliche Intransparenz. Alle Gründe, die dafür vielleicht auch berechtigt ins Feld geführt wurden, hatten in der öffentlichen Meinung keine Chance. Die Öffentlichkeit goutiert undifferenziert und ohne häufig Diskussion möglicher Folgen die Veröffentlichung geheimen Wissens, sei es bei Wikileaks, Edward Snowden oder in unserem kleinen Bereich die Veröffentlichung von Interna bei den Bischofsbesetzungen, wie es jetzt (2014) in Freiburg und Köln geschehen ist.

Dieser Aspekt von Kommunikation ist für unsere Arbeit wichtig. Er betrifft auch die Frage der Beteiligung und Information etwa der Gemeindemitglieder in wichtigen Fragen der Pfarrei, die Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere im Internet, der Beteiligungs-Methoden, der Präsenz in den sogenannten „social media“ und vieles mehr. Aber es handelt sich um einen technischen-organisatorischen Bereich.

Kommunikation ist mehr als die Pflege einer guten Kommunikationsstruktur. In meinem kleinen Predigtbeispiel geht es ja um mehr. Hier ist der Kommunikationsweg geklärt. Der Prediger steht denen, für die die Botschaft bestimmt ist, gegenüber und wendet sich in konkreter Sprache an sie. Sein Problem ist das der Vermittlung und der Verständlichkeit. Und das ist keineswegs banal. Die Philosophen und Psychologen arbeiten sich intensiv am komplexen Problem der Sprache und der sprachlichen Vermittlung ab. Ich muss das nicht genauer darstellen, Ihr kennt die berühmten vier Seiten einer Nachricht, die Unterscheidung der verschiedenen Sprechakte, die Grundproblematik der Hermeneutik und Übersetzungsfähigkeit, der kulturellen Bindung von Sprache und vieles mehr. Ich weise nur auf eine der bekanntesten Theorien hin, Wittgensteins Beobachtung zu den Sprachspielen. Wittgenstein war durch die Tatsache verunsichert, dass die Sprache und bestimmte Wörter oder Sätze niemals eindeutig sind, sondern immer Bedeutungsnuancen haben und damit Missverständnisse  hervorrufen. In seinem ersten großen Werk, dem Tractatus logico-philosophicus hatte er die Absicht verfolgt, unsere Sprache auf eine streng-logische Grundstruktur zurückzuführen, die es ermöglichen würde, eindeutig zu sprechen. Dieses Vorhaben scheitert. Der „späte“ Wittgenstein ergründet nun die Untiefen sprachlichen Ausdrucks und sieht in der Metapher vom Sprachspiel einen wichtigen Hinweis. Er setzt voraus: Die Bedeutung eines Begriffes ist die Art seiner Verwendung in der Sprache. Es gibt kein Dasein des Begriffs unabhängig von den Personen, die ihn verwenden. Es gibt als, wenn man so will, keine objektiven Begriffe, sondern nur subjektiv gebrauchte. Wir lernen sie durch den Sprachgebrauch anderer und bestimmte Regeln, denen wir folgen. Das hört sich erstmal nicht schlimm an. Das Problem ist nur:  Es gibt zwischen zwei Personen, die den gleichen Begriff gebrauchen nicht das gleiche Verständnis von diesem Begriff.  In einem berühmt gewordenen Beispiel verdeutlicht Wittgenstein diesen Gedanken[1]: Zwei Menschen halten in ihrer Hand eine Schachtel, in denen sich das befindet, was wir einen Käfer nennen. Jeder kann nur in seine eigene Schachtel schauen und sehen, was darin ist. Die beiden könnten sich darauf verständigen, von einem Käfer zu sprechen, auch wenn die Dinge in der Schachtel völlig verschieden sind. Das Sprachspiel „Käfer“ funktioniert als, auch wenn beide Personen damit etwas ganz Unterschiedliches assoziieren. Das Beispiel ist natürlich eine Übertreibung. Es zeigt aber, dass die Vermittlung und Verständigung durch die Sprache ihre Tücken hatte. Das Verständnis von Begriffen oder Sätzen ist nie neutral, sondern durch Vorerfahrungen, Erlerntes, Assoziationen und Vorverständnisse der an der Kommunikation Beteiligten beeinflusst. Im schlimmsten Fall verwenden zwei Personen den gleichen Begriff, meinen verbinden damit aber ganz unterschiedliche Dinge.

Ich will diesen kleinen Ausflug in die Philosophie nicht weiterführen, sondern ihn auf unser Beispiel mit der Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag anwenden. Ich habe es bei den Gemeindemitgliedern mit den unterschiedlichsten Personen zu tun. Ich verwende einen theologischen Begriff wir „Dreifaltigkeit“. Es kann sein, dass ein Teil der Anwesenden den Begriff gar nicht kennt, weil Deutsch für sie eine Fremdsprache ist und ein solches Fachwort nicht zu ihrem Wortschatz gehört. Es kann sein, dass ein Kind bei diesem Begriff an die Hautfalten seiner Oma denkt. Es wir so sein, dass es die unterschiedlichsten Assoziationen zu diesem Begriff gibt, Kunstwerke, die die Dreifaltigkeit darstellen, etwa den Gnadenstuhl, oder das dreiblättrige Kleeblatt, die Erinnerung an die eigene Katechese vor vielen Jahren, manche mögen an Gott Vater, Sohn und Maria denken, andere theologisch Gebildete denken vielleicht gerade hier an Karl Rahners Trinitätslehre und ärgern sich über den vermeintlich banalen Kram, den der Prediger den Leuten hier erzählt. Wieder andere verknüpfen sich mit Lebenserinnerungen oder auch geistlichen Erlebnissen, oder gehen in den Widerstand zu einem solchen Begriff, weil ihnen die buddhistische Lehre viel näher ist als die christliche.

Im kirchlichen Rahmen können wir zumindest vermuten, dass fast alle Anwesenden in ungefähr gleiches Grundverständnis zu diesem Begriff haben. Im außerkirchlichen Bereich kann ich davon nicht ausgehen. Vielleicht wird der Begriff an anderer Stelle ganz anders gebraucht und bedeutet z.B. in einem technischen Bereich die fachgerechte doppelte maschinelle Faltung eines  Bleches.

Für die Kommunikation zeigen sich zwei wesentliche Dinge. Das erste: Die Verwendung von Begriffen ist komplex. Ich kann nicht davon ausgehen, dass mein Gegenüber Dinge so versteht, wie ich sie meine. Ich muss Aussagen und Begriffe erklären, verdeutlichen, oder noch besser, anschaulich machen, damit die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ich auch verstanden werde. Der Witz bei Wittgensteins Beobachtung ist ja: Das prinzipielle Missverstehen, bzw. die Unschärfe unserer Sprache gilt ja nicht nur für Fachbegriffe, sondern auch für die Begriffe des Alltags, die Variationsbreite im Verständnis von Schlüsselbegriffen wie Liebe, Vertrauen, Leiden, Opfer, Gnade, Gebet, Versöhnung dürfte ebenfalls breit sein. Daher empfehlen gewiefte Predigtlehrer ja auch, einen Verstehensvorgang (bis hin zum Einverständnis) nicht nur durch rationale Erklärungen erreichen zu wollen, sondern durch Beispiele, Bilder und Emotionen zu fördern.

Das zweite, das sich für die Kommunikation zeigt: Kommunikation wird umso besser gelingen, je mehr ich mich auf den Verstehenshorizont meines Gegenübers einstelle. Das ist im Kindergottesdienst jedem klar. Zu Kindern spreche ich anders als zu Erwachsenen, aber auch die Erwachsenen sind ja sehr unterschiedlich. Ihr kennt das: Ich ärgere mich manchmal über oberflächliche Predigten und wünsche mir für mich selber mehr Anregung zum Denken, einen vertieften Gedanken usw. Gleichzeitig bekomme ich mit, dass andere Leute uneingeschränkt positiv auf die gehörte Predigt reagieren. Ich würde also sagen, der Prediger hat für sie und nicht unbedingt für mich gepredigt. Das kann ich akzeptieren. Umgekehrt bin ich ja auch dankbar, wenn mir unser Finanzchef bestimmte Vorgänge erst einmal in einfachem Deutsch erklären kann, so dass ich sie ohne großes Vorwissen verstehen kann. Die Klage um die Kompliziertheit der Sprache des Messbuches rührt meines Erachtens aus diesem Problem. Es ist geschrieben für voll initiierte Christen mit eigener geistlichen Erfahrung und einem theologischen Grundwissen. Es hat Niveau, setzt aber auch ein bestimmtes Verstehensniveau voraus. Ein geschickter Kommunikator antizipiert den Verstehenshorizont seiner Adressaten und ist dadurch gefällig. Meine Erfahrung: Es ist für die meisten Menschen sehr motivierend, wenn sie einem Redner gut folgen können. Eine Predigt wird häufig schon deswegen als gut gelobt, weil sie in Sprache, Ausdruck und Vortragsstil auf die Gemeinde abgestimmt ist. Über den Inhalt ist dabei noch gar nichts gesagt.

Was ich bis jetzt gesagt habe, ist vielleicht noch ein wenig banal. Ich hoffe zumindest, es war bis hierher noch nicht langweilig. Bisher sind wir in der theoretischen Betrachtung der Kommunikation gewesen. Ich möchte jetzt etwas zur existentiellen Seite sagen und Euch dazu zunächst mit Kommissar Ellwanger bekannt machen.

  1. Kommissar Ellwanger und die personale Seite der Kommunikation

Kommissar Ellwanger ist die Hauptfigur des Romans „Killmousky“ von Sibille Lewitscharoff. Eingesetzt bei der Kripo in München gilt er als Verhörexperte. Nach einem politischen Skandal um seine Person ist er vorzeitig aus dem Dienst entlassen worden. Nun lebt er als Ruheständler in einem Münchner Vorort ein Leben als alternder Junggeselle. Von unscheinbarer, untersetzter Gestalt hat er einen Hang zur äußerlichen Schludrigkeit und fühlt sich nicht übertrieben bemüht, Haus und Garten in Ordnung zu halten. Sein Mitbewohner ist der Kater Killmousky, der dem Roman den Titel gibt. Mitten in seiner Sinnkrise nach der Pensionierung erreicht ihn ein Anruf seiner Nachbarin, die als Kunsthistorikern zur Zeit einen Auftrag in einem New Yorker Museum hat. Einer ihrer Auftraggeber sucht nach dem unerwarteten Tod seiner Tochter unter ungeklärten Umständen einen kundigen Privatdetektiv mit Beziehungen nach Deutschland, weil sich eine Spur in diesem möglichen Mordfall zeigt. Nach einiger Überwindung reist Ellwanger nach New York. Er kommt in einem noblen Hotel am Central Park unter und fühlt sich sofort fehl am Platze. Weder mit der New Yorker Schickeria, in deren Gesellschaft ihn der Fall führt, noch mit der großen Stadt kommt er zurecht. Und zugleich hat er ein richtiges Handicap. Sein Englisch ist einfach zu schlecht. Redlich bemüht er sich, in den Gesprächen einigermaßen zurecht zu kommen und ist auf Übersetzungen und eine gehörige Portion Wohlwollen seiner Gesprächspartner angewiesen. Schlechte Bedingungen für einen Ermittler, der davon lebt, sein Gegenüber sprachlich genau analysieren zu müssen. So findet er sich in seinem ausgetragenen Sakko in pikfeinen Restaurants und Privatwohnungen vor edel gekleideten und redegewandten Personen wieder. Ellwanger sieht sich der Situation nicht gewachsen.

Ich weiß nicht, irgendwie hat mich die Figur des Ellwanger an die Figur eines Priesters erinnert (nicht nur wegen seines Äußeren). Auch ein Priester ist ein Mensch mit eigentlich wunderbaren Fähigkeiten als Seelsorger, Theologe, Vermittler zwischen Gott und Mensch, sowie häufig ja auch eine interessante Persönlichkeit. Im internen Kreis seiner Gemeinde und der Kirche ist er dafür angesehen und geachtet. Hier funktioniert seine Aufgabe und Rolle hervorragend. Tritt er aber in die Gesellschaft hinaus, kommt er nicht selten in eine fremde Welt. Er trifft auf Menschen, unter denen er plötzlich zum Sonderling wird in seinem Lebensstil, mit seiner Tätigkeit, in der Art und Weise, Dinge zu sehen und über sie zu sprechen. Er ist ein Fremdkörper. Seine Existenz und seine Sprache ist nicht unbedingt anschlussfähig. Er sitzt Menschen gegenüber, die er nur mit Mühe verstehen kann und die ihn ebenfalls nur mit Mühe verstehen, wenn er etwa von seinem Glauben erzählt oder theologisches Fachwissen vermitteln möchte. In dieser Welt kommen seine Fähigkeiten häufig nicht zum Tragen. Wie soll Verständigung möglich sein?

Der erste Impuls bei Ellwanger ist die Flucht. Mehrfach möchte er seinen Auftrag zurückgeben, das Honorar nicht annehmen, fühlt sich minderwertig und der Aufgabe nicht gewachsenen, träumt sich zurück in seine kleine Welt am Münchner Stadtrand und von seinem Kater. Ellwanger ist wirklich kein Held. Trotzdem wird er am Schluss den Fall gelöst haben. Wie stellt er das an? Zunächst einmal nimmt er sich Zeit. Er trifft sich trotz der Sprachbarrieren mit den verschiedenen möglichen Zeugen. Er hört geduldig zu, auch wenn er nicht alles versteht und freut sich dann über jeden kleinen englischen Satz, der ihm gut gelingt. Sein Instinkt und seine Fähigkeiten haben ihn ja nicht verlassen. Hier liegt seine große Stärke, Geduld, Beobachtungsgabe und der Wille, den anderen in seinen Worten und Gesten wirklich zu verstehen. Keine Nebenbeobachtung ist ihm dabei zu klein. Jeder noch so winzigen Spur geht er nach und gewinnt trotz aller Mühe langsam Gefallen an seinem Mordfall. Die Arbeit verändert ihn. Bei seiner zweiten Reise nach New York hat er ein neues Sakko dabei, überhaupt arbeitet er sich aus seiner Sinnkrise heraus. Als er nach der Aufklärung des Falls wieder in München ankommt, ist er mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet.

Es ist ja nur eine kleine Parabel – aber ich glaube in ihr steckt etwas für unseren Dienst Charakteristisches. Wir haben sicherlich die Rolle des Sonderlings in unserer Gesellschaft und Zeit mit all ihren Abnormitäten. Trotzdem werden wir, wie Ellwanger in ihr gebraucht, ausgestattet mit einem Spezialauftrag, Zeugen für Gott auch dort zu sein, wo man ihn nicht kennt oder kennen möchte. In die Kommunikation mit der Welt zu treten erfordert Mühe und ein wenig Abenteuerlust, Unverständnis zu ernten erzeugt sicher Frust. Es geht im Sinne der Kommunikation darum, sich eine gute Anschlussfähigkeit zu erarbeiten, ohne sich selbst aufzugeben. Das gefällt mir an Ellwanger. Er belegt nicht zuerst einen Intensivkurs in Englisch, besucht ein Fitnessstudio und kauft sich teure Klamotten, um in der fremden Gesellschaft aufzugehen. Er bleibt ganz derselbe und besinnt sich auf seine Stärken. So überwindet er die Kommunikationsschwierigkeiten, den Unterschied der Sprache und des Stiles. Ich habe manchmal Angst, dass wir als Menschen der Kirche zu sehr auf die kleine Welt um uns herum setzen, zu sehr im gewohnten Umfeld bleiben, unsere Sprache und unsere Stile pflegen und an einigen Stellen den Anschluss verlieren, aus Angst, zurückgewiesen oder nicht verstanden zu werden. Ich zumindest spüre häufig den Fluchtgedanken, wenn es im Gespräch auf bestimmte gesellschaftliche Themen kommt, mir nichtkirchliche Menschen begegnen, ich mich mit ganz fremden Welten auseinandersetzen muss, in denen ich mich nicht auskenne (ich erlebe so z.B. zur Zeit die Welt des Rechtes oder der Finanzen). Kommunikation nach außen und der Mut dazu sind keine Selbstverständlichkeit. Dabei haben wir doch Charismen, uralte Kompetenzen, Begabungen und Methoden der Kommunikation mit Gott, dem Nächsten und uns selber. Die Stärke Ellwangers ist Langsamkeit und die menschliche Nähe. Er lernt, den anderen zu verstehen, indem er ihm intensiv zuhört. Das Entscheidende ist, dass er verstehen will.

  1. Eine Ermutigung

Ich habe mich gefreut, neulich eine echte Ermutigung zur Kommunikation gefunden zu haben. Sie kommt von Papst Franziskus. In seiner letzten Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel nimmt er den zentralen Gedanken der Vermittlung unserer Botschaft in unserer Zeit auf. Er schreibt:

„Gute Kommunikation hilft uns, einander näher zu sein und uns untereinander besser kennenzulernen, in größerer Einheit miteinander zu leben. Die Mauern, die uns trennen, können nur dann überwunden werden, wenn wir bereit sind, uns gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen. Wir müssen die Differenzen beilegen durch Formen des Dialogs, die es uns erlauben, an Verständnis und Respekt zu wachsen. Die Kultur der Begegnung macht es erforderlich, dass wir bereit sind, nicht nur zu geben, sondern auch von den anderen zu empfangen.“

Papst Franziskus nimmt Bezug auf die neuen Medien und ermutigt dazu, sie zu nutzen. Er erinnert allerdings daran, dass Kommunikation mehr eine menschliche, als eine technische Fähigkeit ist und ermutigt zur Langsamkeit und Geduld in der Begegnung mit dem Nächsten. Er fragt:

„ Wie kann also die Kommunikation im Dienst einer authentischen Kultur der Begegnung stehen? Und was bedeutet es für uns Jünger des Herrn, einem Menschen im Sinne des Evangeliums zu begegnen? Wie ist es trotz aller unserer Grenzen und Sünden möglich, dass wir wirklich einander nahe sind? Diese Fragen lassen sich zusammenfassen in jener, die eines Tages ein Schriftgelehrter, also ein Kommunikator, an Jesus richtete: „Und wer ist mein Nächster?“ (vgl. Lk 10, 29). Diese Frage hilft uns, Kommunikation im Sinne von „Nächster sein“ zu verstehen. Wir könnten das so übersetzen: Wie zeigt sich „Nächster sein“ im Gebrauch der Kommunikationsmittel und in der neuen Umwelt, die von den digitalen Technologien geschaffen wird? Ich finde eine Antwort im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das auch ein Gleichnis für den Kommunikator ist. Wer nämlich kommuniziert, eine Verbindung aufnimmt, macht sich zum Nächsten. Und der barmherzige Samariter macht sich nicht nur zum Nächsten, sondern er sorgt sich um jenen Menschen, den er halb tot am Straßenrand sieht. Jesus kehrt die Perspektive um: Es geht nicht darum, den anderen als meinesgleichen anzuerkennen, sondern um meine Fähigkeit, mich dem anderen gleich zu machen. Kommunizieren bedeutet also, sich bewusst machen, dass wir Mitmenschen sind, Kinder Gottes. Ich definiere diese Macht der Kommunikation gerne als „Nächster sein“

[1] Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 293.

Der Text ist die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags zum Priesterbesinnungstag 2014 in Schwerin

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