Der katholische Barock, Teil 2: Krise und Aufbruch

Aufbrüche

Aus der deutschen Perspektive neigt man manchmal dazu, die Reformation Luthers als ein singuläres Ereignis zu betrachten. Tatsächlich haben wir es mit einer für die Zeit durchaus typischen Bewegung zu tun. Die Reformbestrebungen Luthers wurden in verschiedenen Bewegungen und an verschiedenen Orten geteilt. Im 16. Jahrhundert startet eine ganze Welle innerkirchlicher Aufbrüche mit dem Ziel, die Kirche theologisch, pastoral und geistlich zu erneuern. Die zentralen Motive: Intensivierung der persönlichen Frömmigkeit, Verbesserung der Glaubensverkündigung, Erneuerung der Bildung, Reform des priesterlichen Lebens und des Ordenslebens, Fürsorge für die Armen. Luther selbst war als Augustinermönch Mitglied eines Reformklosters. Die Augustiner trugen zu seiner Zeit einen inneren Kampf aus. Es hatte sich ein neuer Zweig innerhalb des Ordens gebildet, der es mit den evangelischen Räten, der Frömmigkeit, dem Klosterleben sehr ernst nahm. Zurück zu den Ursprüngen: Leben in einer strengen Observanz (Gehorsam), Entweltlichung, Askese, Gebet, Predigt, Gute Werke. Luther war selbst als Vertreter dieser observanten Richtung zu einem Kapitel (Ordensversammlung) nach Rom geschickt worden.[2] Einen ganz ähnlichen Prozess erlebte der Franziskanerorden. Auch hier entstand Anfang des Jahrhunderts ein neuer, strengerer Ordenszweig, der zurück zum ursprünglichen franziskanischen Leben kehren wollte, die Kapuziner.

Zudem gab es im 16. Jahrhundert zahlreiche Neugründungen, etwa die Theatiner, die eine Verbesserung des priesterlichen Lebens anstrebten, ebenso die Oratorianer. 1535 gründete Angela Merici in Brescia den Orden der Ursulinen, die sich der christlichen Bildung und Erziehung von Mädchen verschrieben. Mitte des Jahrhunderts entstanden die Reformzweige der Karmelitinnen und der Karmeliter, maßgeblich unter dem Einfluss von Theresa von Avila. Hier ging es um eine verstärkt kontemplative, asketische Ausrichtung der Ordensschwestern und -brüder. Es entstanden mit den Barmherzigen Brüdern und den Kamillianern Orden, der sich vor allem der Krankenpflege widmeten und Anfang des 17. Jahrhunderts schließlich die Gemeinschaften der Vinzentinerinnen und der Vinzentiner, ebenfalls ein caritativer Orden.

Und dann gab es noch die Jesuiten. Kein anderer Orden ist meiner bescheidenen Beurteilung nach enger mit der innerkirchlichen Reform und damit mit der Barockzeit verknüpft, wie diese vom Ignatius von Loyola ins Leben gerufene Gemeinschaft.[3] Nach seiner päpstlichen Anerkennung im Jahr 1540 wuchs der Orden schnell an Mitgliedern. Die Jesuiten waren zentral und straff geführt und achteten auf die sorgfältige Auswahl und Ausbildung ihrer Mitglieder. Besonders war, dass Ignatius dem Orden kein klares Betätigungsfeld zuwies, sondern sich dem Papst für die Erfüllung aller drängenden Aufgaben zur Verfügung stellte. So arbeiteten die Jesuiten schnell in vielen Bereichen: Sie waren als Seelsorger in Pfarreien tätig, als Volksprediger, gründeten Schulen und Priesterseminare, betätigten sich in der Armenfürsorge und gingen als Missionare in ferne Weltgegenden.[4] Ignatius hatte ein geistliches Programm entwickelt, dessen Grundsätze nicht nur für den Orden, sondern für ganze Generationen von Gläubigen prägend werden sollte. Zentral sind die Geistlichen Übungen, die Exerzitien. Im Kern geht es in den oft mehrwöchigen Übungen darum, sein eigenes Leben mit Hilfe der Heiligen Schrift zu bedenken und neu auszurichten. Ignatius spricht von einer inneren Schau. Die Ereignisse aus dem Leben Jesu oder andere Betrachtungsinhalte sollen während der Meditation auf einer inneren Bühne bereitet werden. In der Meditation des göttlichen Handelns erkennt der Mensch seine eigene Rolle, seine Berufung. Zugleich handelt es sich um einen Reinigungsprozess. Der betrachtende Mensch wird auf seine eigenen Fehlhaltungen, falschen Wünsche und Sünden aufmerksam. Ignatius verwendet viel Sorgfalt auf die Unterscheidung der Geister. Der Exerzitienprozess dient der Abwehr des Bösen und dem Durchschauen seiner Listen und Versuchungen. Das klassische Gebetswort des Ignatius lautet daher: „Dich [Christus] mehr erkennen, dich mehr lieben, dir mehr nachfolgen“. Damit ist bereits ein geistliches Lebensprogramm beschrieben. Der Mensch findet sein zeitliches und ewiges Heil darin, in Übereinstimmung mit Gott zu leben. Gott ist dabei „in allen Dingen zu finden“. Die Berufung ist nicht an eine bestimmte Lebensform oder ein bestimmtes geistliches Tun gebunden, sondern ist in jedem Tun, jedem Lebensstand, jedem Umfeld neu zu bestimmen.

In diesem in groben Strichen umrissenen Programm zeigen sich die Grundsätze der in der Barockzeit prägenden Frömmigkeit. Zur besseren Übersicht möchte ich sie hier schon einmal nennen:

  1. Das Schauen ist wichtig. In der Betrachtung geht es um mehr als ein bloßen „angucken“. Das Schauen, die sinnliche Erfahrung, soll den Menschen innerlich bewegen. Es geht um Gefühle, die als sicherer Weg der Erkenntnis auf dem geistlichen Weg gelten: innerer Friede, Trost, Staunen, Überwältigt sein, Verzückung, Freude, Gelassenheit, Gleichgültigkeit, Traurigkeit, Erschrecken, Angst, Verzweiflung, innere Leere, Wut, Unzufriedenheit, Schmerz.     
  2. Weltliches und Geistiges, Leben und Glaube sind nicht voneinander getrennt. Beide Sphären des Natürlichen und des Über-Natürlichen greifen ineinander. Geistliches Ziel des Menschen ist es, sein Leben immer wieder mit seiner übernatürlichen Bestimmung, seiner Berufung in Einklang zu bringen. Theologisch spricht man von Natur und Gnade, menschlichem Leben und göttlichem Beitrag.
  3. Nicht alles ist, wie es scheint. Nicht alles, was auf den ersten Blick erstrebenswert und gut erscheint, ist es auch. Umgekehrt muss auch nicht alles schlecht oder nachteilig sein, wenn es zunächst so erscheint. Zwischen eindeutig Gutem und eindeutig Schlechtem gibt es einen Zwischenraum. In diesem „Zwischenraum“ müssen die Geister unterschieden werden. Der Einzelne muss durch Betrachtung, Gebet, Beichte und andere geistliche Mittel erkennen, was ihn zum Guten führt, ihn seiner Berufung näherbringt und was „vom Bösen Geist“ ist, ihn also auf Abwege führen möchte.    

Trient

Das Konzil von Trient setzt den Startpunkt zur barocken Phase der Kirche. Das Konzil, also eine Versammlung aller Bischöfe mit dem Papst wurde von Paul III. 1545 einberufen. Nach drei Sitzungsperioden, zwischen denen mehrjährige Unterbrechungen lagen, schloss es 1563 unter der Leitung von Papst Pius IV. Angesichts der Krisenlage der Kirche und vor allem ausgelöst durch die Ereignisse der Reformation wollte das Konzil vor allem eines: Ordnung und Klarheit schaffen. „Einerseits wollte [das Konzil] die katholische Glaubenslehre gegen die Reformatoren verteidigen und abgrenzen, andererseits die unübersehbaren […] Missstände bekämpfen und das kirchliche Leben reformieren“.[5]

Das theologische Überthema des 16. Jahrhunderts ist die Gnadentheologie – ein kompliziertes Feld. Ich will versuchen, es einfach zu sagen: Es geht um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Wie wirkt Gott am Menschen und wie kann sich der Mensch der göttlichen Zuwendung gewiss sein? Die Frage war durch die Konfrontation mit den fremden Völkern der neuen Welt virulent geworden. Wie konnte Gott an diesen Menschen wirken, wenn sie ihn gar nicht kannten und wenn sie nicht durch Glauben und Taufe Mitglieder der Heilsgemeinschaft waren? Gab es so etwas wie eine natürliche Gnade, die jedem Menschen zuteil wird oder braucht es ein Maß an menschlicher Mitwirkung, damit Gott wirken kann? Welche Bedeutung hat also die menschliche Freiheit? Innerhalb der katholischen Theologie hatte es darüber erbitterten Streit gegeben.[6]

Luther hatte diese menschliche Mitwirkung am Heilshandeln Gottes auf ein Mindestmaß beschränkt. Für ihn war (in Anlehnung an Augustinus) der Mensch so stark durch die Sünde befallen, dass seine Erkenntnisfähigkeit stark eingeschränkt ist. Aus eigener Kraft kann der Mensch eigentlich nichts zum Guten bewegen. Der einzige Beitrag ist, den festen Glauben zu haben, dass Gott in Jesus schon alles zu unserer Rettung getan hat. Man kann sich das Heil Gottes nicht verdienen, schon gar nicht durch äußere Dinge, etwa den Empfang von Sakramenten, Bußwerke oder gute Taten. Dies alles ist nicht falsch, aber im letzten unnütz, wenn es nicht durch die entsprechende innere Einstellung eines gläubigen Vertrauens getragen ist. Der Glaube ist ein innerer Akt, kein äußerer. Daher galt Luther die Verkündigung und Verinnerlichung der möglichst unverfälschten Botschaft der Heiligen Schrift als wichtigstes Mittel für das Seelenheil. Er lehnte zunehmend alle Instanzen ab, die behaupteten, göttliche Gnade vermitteln zu können. Dazu gehörte der Ablass, zum Teil die Sakramente, die Heiligen- und Reliquienverehrung und im letzten das Weihepriestertum. Die Institution Kirche spielt als „Gnadenanstalt“ im Protestantismus konsequenterweise keine wirkliche Rolle mehr.

Das Trienter Konzil beschäftigte sich mit diesen Fragen. Es hielt daran fest, dass der menschliche Beitrag am Gnadenhandeln Gottes im Sinne eines gläubigen Mitwirkens weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollte. Es sei schließlich nicht egal, ob jemand ein gutes und frommes Leben führt, betet, gute Werke tut und die Sakramente empfängt. Dabei ist auch für Trient klar, dass der eigentliche Beitrag von Gott selbst kommt. Der Unterschied zu den Lutheranern ist eigentlich inhaltlich nicht so groß, hatte aber eine gewaltige Wirkung. Wenn man an der Wichtigkeit der Kirche als Institution, an den Sakramenten oder an der Heiligenverehrung festhält, dann muss diese Kirche in ihren Kernbereichen auch gut organsiert (heute würde man sagen „professionell“) sein.

Das Konzil bemühte sich daher zum einen um eine Klärung der Sakramentenlehre, da hier die Heilsvermittlung in besonderer Weise sichtbar werden sollte. Ein besonderes Augenmerk richtet man auf die Eucharistie (protestantisch „Abendmahl“). Das Konzil betonte hier vor allem die Notwendigkeit der würdigen Feier, den Opfercharakter und die bleibende Präsenz Christi in den eucharistischen Gaben (eine Lehre, die Luther und seine Anhänger mehr oder weniger verworfen hatten). Auch der Beichte wurde eine besondere Aufmerksamkeit gegeben. Zum anderen versuchte man, einiges am herrschenden Missbrauch und Wildwuchs zu beseitigen. Tatsächlich muss die Lage in den Pfarreien zu dieser Zeit häufig desaströs gewesene sein. Vistationsberichte erzählen von allgemeiner Verwahrlosung und Wurstigkeit, die in die Kirchengebäude und in den Gottesdienst, die Liturgie, eingezogen waren.[7] Man legte Wert auf eine Verbesserung der Ausbildung der Priester, führte einheitliche Riten für die Sakramentenfeiern ein, verordnete den Bischöfen Reformprogramme für ihre Bistümer und beschnitt die beim Volk äußerst populäre Heiligenverehrung. Der vielfach präsente Aberglaube sollte eingedämmt werden. Die Heiligenverehrung wurde christozentrisch gerechtfertigt. Die Heiligen dürften nicht zu einer Art von Nebengöttern werden, sondern sollten als Zeugen der christlichen Botschaft vorbildhaft sein und als Fürsprecher angerufen werden.  Ihr Leben ist ein Verweis auf das Heilshandeln Gottes.

In der Folge des Konzils geschieht dann der entscheidende Schritt. Die behandelten Themen, Gnade, Sakramente, Heiligenverehrung, daneben auch die Lehre vom Fegefeuer und Bestimmungen zum Ordensleben sollten eigentlich nur die strittigen Lehrunterschiede zu den Protestanten und anderen reformatorischen Gruppen klären. Jetzt aber wurden gerade diese Themen als Schwerpunkte besonders hervorgehoben und zu Kennzeichen der nunmehr nachtridentinischen römisch-katholischen Kirche. Man stellte besonders in den Vordergrund, was Trient als dezidiert katholisch behandelt hatte und vergaß ein wenig die immer noch vorhandene große Schnittmenge des gemeinsamen Glaubens unter allen Christen. Die angestrebte innerkirchliche Reform wird nun auch als „Gegenreformation“ wahrgenommen, als gezielte katholische Offensive gegen die Lehre der Reformation. Dies war sicher kein Zufall, hatte das Konzil schließlich gezielt Lehrsätze der Reformatoren verurteilt. Zugleich entsteht mit diesem Impuls der katholische Barock als römisch-katholischer Ausdruck der eigenen, neu aufgestellten streitenden Kirche. Die Wege sind also geebnet. Gehen wir im Folgenden auf die Merkmale dieser barocken Kirche ein.

Beitragsbild: Grabmal des Heiligen Ignatius in Il Gesú, Rom.


[1] S. Daniel Dessert, Der Finanzier, in: Barock (a.A.o.), 82-113, 91ff.; 96f.

[2] Volker Leppin, Martin Luther, Darmstadt 2010 (3. Auflage), 57ff.

[3] S. hierzu die umfangreiche Studie von John O’Malley, Die ersten Jesuiten, Würzburg 1995.

[4] O’Malley, 345ff.

[5] Jürgen Bärsch, Im Thronsaal Gottes, in: Barock 2017 (a.A.o.), 55-82, 59.

[6] Mehr bei Karl-Heinz Menke, Das Kriterium des Christseins, Regensburg 2003, 157-161.

[7] Bärsch, 64f.

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