An den Ruinen beten

Mitten in der Jerusalemer Altstadt befindet sich ein Platz, der einem unbedarften Besucher eigenartig vorkommen wird. Tag und Nacht stehen dort die frommen Juden, die Männer mit ihren schwarzen Hüten und den Gebetsschals, die Frauen mit Kopftüchern bedeckt. Sie halten in den Händen kleine Bücher oder Zettel, wiegen ihre Köpfe und zitieren still vor sich Gebete und Schriftzitate. Sie wenden sich dabei zu einer Mauer hin, einer Mauer aus großen Sandsteinquadern, die sich vor einem Hang erhebt. Auf diesem Hang stand der Tempel Jerusalems, ein gewaltiges Bauwerk, im Jahr 1000 vor Christus errichtet, vielfach zerstört und unter König Herodes 20 vor Christus erneut aufgebaut. Es war ein Bauwerk, gedacht für die Ewigkeit. Doch diese gedachte Ewigkeit währte nur kurz. Um das Jahr 66 kam es zu einem Aufstand. Das jüdische Volk wehrte sich gegen die römische Besatzung und verweigerte die Tributzahlungen an Rom. Die Römer schlugen den Aufstand nieder. Es kam zum Krieg und im Jahr 70 wurde der Jerusalemer Tempel von römischen Truppen besetzt und schließlich zerstört. Was von ihm bis heute blieb, waren nur Reste der Außenmauern, eben unter anderem diese, die in der Jerusalemer Altstadt zu sehen ist. Damit endete die Zeit des Tempels und kam nie wieder. Die Mauer wird heute Klagemauer genannt, in Erinnerung an die Zerstörung, die dem damaligen Judentum das bauliche Herzstück ihres Glaubens, den zentralen Ort der Gottesverehrung nahm.

Die im Evangelium (Lk 21,5-19) wiedergegebene Endzeitrede Jesu nimmt dieses Ereignis vorweg. Mit Blick auf den Tempel sagt er: „Alles wir niedergerissen werden. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.“ Und auch andere Entwicklungen der späteren Zeit kündet Jesus an: Die Verfolgung der ersten christlichen Gemeinden, der Christgläubigen, die sich vor jüdischen und römischen Autoritäten für ihren Glauben verantworten müssen. Außerdem verweist die Rede Jesu auf die Erwartung des Endes. Die ersten Christen rechneten mit dem baldigen Ende der Welt und der Wiederkunft Christi. Es gab mehr als genügend Propheten, die in den Kriegen und Katastrophen ihrer Tage die Zeit des Endes für gekommen sahen und die Menschen in Schrecken versetzten. Aber die Zeiten des Endes, so sagt es Jesus, lassen sich nicht so einfach deuten. Die Geschichte wird auch nach den Kriegen und Katastrophen weitergehen. Den falschen Propheten solle man keinen Glauben schenken.

„Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.“ Was so fest und für die Ewigkeit gefügt ist, kann von einem Moment auf den anderen zerstört werden. Diese Erfahrung machen Menschen leider auch heute. Der Krieg in der Ukraine stellt uns diese traurige Wirklichkeit wieder sichtbar vor Augen. Was gestern noch Bestand hatte, ist heute nicht mehr. Es ist die Erfahrung von Menschen, die mit einem Mal ihre Heimat verlieren, es ist die Erfahrung von Menschen, die mit einem Mal durch eine schwere Krankheit aus der Bahn geworfen werden, es ist die Erfahrung von Menschen, deren Beziehungen zerbrechen und von solchen, die den Verlust eines geliebten Menschen zu bewältigen haben. Die alte Sicherheit ist dahin. Sie stehen vor Ruinen ihres bisherigen Lebens. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben.

In diesen Tagen ist in Deutschland wieder viel an die dunkle Zeit der Zerstörung und Verheerung während des Nationalsozialismus erinnert worden. Am 9. November war der Gedenktag an die Reichspogromnacht, in der 1938 die jüdischen Gebetsstätten, aber auch Geschäfte und Wohnungen jüdischer Menschen zerstört, geplündert und niedergebrannt wurden. Es war ein Ereignis, bei dem die scheinbar so gefestigte Zivilisation aufbrach und den zerstörerischen Kräften des Hasses und Antijudaismus freien Lauf ließ und damit das Reich des Schreckens und der Gewalt erkennen ließ, das nun angebrochen war. Einen Tag später, am 10. November wurde in Lübeck an die Lübecker Märtyrer erinnert, drei Kapläne und einen evangelischen Pastor, die wegen ihrer Kritik an der nationalsozialistischen Herrschaft gefangengenommen und hingerichtet wurden.

Die Geschichte des evangelischen Pastors Karl Friedrich Stellbrink ist dabei besonders eindrücklich. Er war Anfang der 30er Jahre ein glühender Nationalist, preußisch erzogen mit Sympathie für den Nationalsozialismus und ein arisches Christentum. Seine Hochzeitsanzeige zierte ein Hakenkreuz. Doch dann begann der Zusammenbruch. Zunächst geriet sein Weltbild ins Wanken, als er auf dem Friedhof bemerkte, dass man zeitweilig die Kreuze aus der Kapelle schaffte, wenn dort Nationalsozialisten bestattet wurden. Anhand dieses an sich kleinen Details wurde ihm die Gefahr seiner Weltanschauung deutlich, die auf eine Verdrängung des Christentums, seines Glaubens und all der christlichen Werte aus war, die er bislang verkündet hatte. Als dann 1942 der Krieg Lübeck erreichte und die Bomber die Altstadt in Schutt und Asche legten, nannte er in einer Predigt die Zerstörung eine Folge des gottlosen Tuns in Deutschland. Er näherte sich den drei Kaplänen an, die wegen ihres Einsatzes für die Zwangsarbeiter und gegen die Euthanasie bereits ins Fadenkreuz der Gestapo geraten waren und teilte mit ihnen als eine Glaubens- Gebetsgemeinschaft das Gefängnis und schließlich den Tod durch das Fallbeil. Das Lübecker Martyrologium, ein Gedenktext an die vier Märtyrer, drückt es sehr treffend aus: „Als Lübecks Türme, Zeugen vergangener Frömmigkeit, zusammengebrochen waren, gefiel es Gott, sich neue Türme zu bauen, Zeichen lebendigen Glaubens.“ Aus den Trümmern und der Zerstörung heraus erwuchs das Zeugnis des Glaubens, wie es den Jüngern im Evangelium angekündigt wird. Es gibt viele Klagemauern, sichtbare Ruinen, verlassene Orte und unsichtbare persönliche Gedenkstätten der Zerstörung, Verheerung und Katastrophen. Die Klagemauer in Jerusalem ist ein Beispiel. Sie ist zu einem Ort des Gebetes geworden, einem Ort, aus dem im Angesicht der Zerstörung wieder etwas Neues entstehen kann, an dem aus dem Unheilvollen, das Heilvolle wieder neu wachsen soll. Unsere Ruinen sollen Orte des Gebets sein, Orte an denen der Samen des Reiches Gottes wieder neu gesät werden kann, von denen Trauer, Heilung, Versöhnung, Erwartung, Hoffnung und Frieden ausgehen sollen. Den Jüngern im Evangelium wird die Kraft der Widerständigkeit versprochen, der göttliche Beistand, der die Katastrophe überstehen lässt und der uns davor bewahren soll, selbst Mitwirkende der Verheerung zu werden oder resignierte Zuschauer der Katastrophe. Die Kraft zum Guten hört nicht auf zu wirken. Die Ruine ist Erinnerungsort, aber vor allem Ort des Gebetes und Ort eines neuen Aufbruchs.

2 Kommentare zu „An den Ruinen beten

  1. Lieber Herr Bergner,   Ihre Beiträge auf „Sensus fidei“ bereichern mich allwöchentlich sehr. Ich wurde auf Sie durch eine Erwähnung Ihres Kollegen Pastor Volkmar Seyffert aufmerksam gemacht, der ein enger Freund meines Bruders ist. Ich habe selbst einmal Theologie studiert, 1973-75 in Freiburg (kath.) und danach drei Semester in Hamburg (evangelisch) und dann von meinem lang gehegten Lebensziel, Geistlicher zu werden, Abschied genommen. Nicht aber vom Glauben, der durch Ihren „Sensus fidei“ – für mich gleichermaßen gut mit „Sinn für den Glauben“ oder „Geschmack des Glaubens“ zu übersetzen – immer wieder zu neuem Nachdenken stimuliert wird.   Danke dafür sagt Ihnen Detmar Huchting Sensus fidei h

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