The long and winding road [2. Advent]

„Das Geld für die Fähre können wir uns sparen.“ Dieser Satz sollte sich verhängnisvoll auswirken. Es war während einer unserer Sommertouren als Jugendliche in Norwegen. Wir fuhren mit dem Auto einmal wieder auf einen Fähranleger zu. Das kam während unserer Reise häufig vor. Um auf direktem Weg weiterzukommen, bildeten die Fähren wichtige Transitwege über einen Fjord oder einen See hinweg. Mit Blick auf die angespannte Lage der Reisekasse beschlossen wir, diesmal die teure Fährfahrt zu umgehen. Ein Blick auf die Karte (es waren ja noch die Zeiten, bevor es Naviagtionssysteme gab) stimmte uns optimistisch. Der Fjord, der durch die Fährverbindung zu queren war, konnte auch umfahren werden. So groß schien er nicht zu sein. Ein Umweg von einer halben Stunde, dachten wir, würde uns schon nichts ausmachen. Wir ließen also den Fähranlieger links liegen und folgten der Straße, die sich eng am Berg entlangzog. Schon bald verengte sie sich und wir mussten die Geschwindigkeit drosseln. Immer wieder steuerten wir Ausweichbuchten am Straßenrand an, um den Gegenverkehr vorbeizulassen. In Kurven zog sich die Straße teilweise wieder auf die Höhe hinauf und ließ uns dann wieder abwärts klettern. Die Fahrt, die zunächst von allen als hübsche Panoramafahrt angesehen wurde, zog sich zunehmend in die Länge. Erster Unmut machte sich nach einer Dreiviertelstunde im Wagen breit. Nach quälend langsamer Fahrt auf enger und gewundender Straße kam der Fähranlieger auf der anderen Seite des Fjordes in Sicht. Wir waren fast 90 Minuten unterwegs gewesen. Anschließend haben wir keine Fähre mehr ausgelassen.

Offenbar haben auch vor uns Leute immer schon diese Erfahrung des langsamen mühevollen Weges machen müssen. Die Beatles verwendeten das Bild der langen gewundenen Straße 1969 für einen gleichnamigen Song: „The long an winding road“. Die lange, quälende, mühsame Fahrt wird in diesem Lied als Metapher gebraucht. Paul McCartney, der den Text geschrieben hat, erzählt von den Bemühungen des Sängers um das Herz eines Mädchen. Es braucht eine „long and winding road“, also einen langen und mühevollen Anweg, um vor ihrer Tür zu stehen. Aber die Tür bleibt verschlossen. Welche Straße auch immer der Sänger nimmt, er landet vor der verschlossenen Tür. Die Liebe wird ihm nicht gewährt. Es bleiben ihm die Mühen des Weges, aber es gibt niemals ein Ankommen. Beatles-Fans haben den Text immer wieder unterschiedlich gedeutet. Geht es wirklich nur um die Liebe zu einem Mädchen? Ist nicht eher das Bild des langen Wegs, der erfolglos bleibt, Ausdruck einer Lebenserfahrung? Sind die Menschen nicht immer auf den mühsamen Straßen zum Glück, zur Liebe oder zu Gott unterwegs, aber finden nicht das Ziel? Machen sie nicht die Erfahrung, dass das Unterwegs-Sein ohne wirkliche Ankunft ein Dauerzustand ist?

Beim Propheten Jesaja ist der lange Weg ein Weg zurück in die Heimat. In einer Zeit, wo große Teile des Volkes Israel nach Babylon verschleppt worden waren und Jerusalem zerstört wurde, beginnen die Menschen, vom langen Weg zu träumen, der sie in die Heimat zurückführt. Wie schön wäre es, wieder nach Jerusalem zu kommen, den Tempel wieder aufzubauen, als Volk neu anzufangen. Zugleich schwingt in diesen Träumen die Hoffnung mit, dass Gott ihnen den langen, mühsamen Weg ersparen kann. Es wird ein leichter Weg werden auf einer neuen Prachtstraße, die durch die Wüste führt. Vom Osten kommend, wird das Wegstück vom Jordan durch die Wüste hinauf nach Jerusalem ein leichtes werden. Die Berge senken sich, die Täler heben sich, es gibt kein Auf und Ab, keine Kurven und Engstücke, sondern einen geraden Weg. Die Heimkehr wird auf der neuen Straße zum Triumphzug Gottes, der sein Volk mit sich führt. Es gibt einen schnellen Weg, einen guten Weg, einen leichten Weg.  

Wenn diese Verheißung bei Johannes dem Täufer wieder aufgelegt wird, ist das kein Zufall (Lk 3, 1-6). Die Menschen sind des langen, mühsamen Weges überdrüssig geworden. Wer Gott finden möchte, wer zu einem guten, gelingenden Leben kommen möchte, für den weiß Johannes einen neuen, gerade Weg. Die „long und winding road“ hat ausgedient. Der mühevolle Weg soll bei Gott ein Ziel finden. Die Botschaft des Täufers ist sein Programm für die gute Heimkehr zu Gott: „Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden“. „Umkehr“ bedeutet, dass ich alles daran tue, Unrecht, das von mir ausgegangen ist, gut zu machen. Es bedeutet, an seinen Fehlern zu arbeiten. „Versöhnung“ ist das zweite Gebot der Stunde. Es bedeutet, Frieden zu schließen mit sich selbst und mit den anderen. Aus diesem Werk der Versöhnung, dass bei Gottes Vergebung beginnt, bildet sich die neue Straße, die nicht mehr auf die Umwege der Lüge angewiesen ist, auf die Engstellen, an denen man sich ausweichen muss. Die Straße, die nicht ansteigend den Weg des Stolzes und Hochmuts verfolgt, noch absteigend den der Selbsterniedrigung, der Eifersucht und des Verzweifelns. Der Weg der Versöhnung und des Friedens ist der schnelle Weg, der zum Ziel führt. Damit arbeitet das Evangelium in kurzer Form die Botschaft des Advents heraus. Es geht darum, diese Straße zu finden und vor allem, sie auch zu nehmen, statt des Umwegs, von dem wir hoffen, dass er uns nichts kosten wird. Das Ziel ist Friede, Versöhnung und Menschwerdung.

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