Wach bleiben [1. Advent]

Welches Adjektiv würden Sie verwenden, um die Stimmung an diesem ersten Adventssonntag zu beschreiben? Vielleicht würden Sie sagen: Die Stimmung ist angespannt oder sie ist gereizt, oder sie ist verzweifelt. Aus dem ruhigen, besinnlichen Advent ist nichts geworden und der Text des Evangeliums von den Zeichen des Weltendes ist dieses Mal sprechender als sonst:

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, so wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt (Lk 21, 25-28, 34-36).

Wenn Sie mich fragen, wie ich die Stimmung beschreiben würde, würde ich sagen: ermüdend. Ich habe den Eindruck, matt geworden zu sein. Die letzten Tage habe ich wie so viele andere auch mit Gesetzeswerken und Verordnungen verbracht: Einholung von Impfzertifikaten, Beratungen über Corona-Regeln, Umsetzung von Maßnahmen, Umplanen von Veranstaltungen, Telefonate darüber, was jetzt wie zu organisieren ist. Ich hatte das Gefühl: Zum Eigentlichen komme ich gar nicht mehr. Dieses Gefühl haben vermutlich viele. Ich denke an die Schulen, wo teilweise ganze Klassen nicht mehr zum Unterricht kommen dürfen und ständig umorganisiert werden soll, in den Betrieben, wo man sich mit Kontrollen und Hygienekonzepten befasst, im Alltag, wo ich schauen muss, wo ich noch einen Schnelltest bekommen kann. Es ist ermüdend. Das Eigentliche kommt zu kurz.

Wenn Sie so wollen, beschäftigen uns mit Blick auf das heutige Evangelium zur Zeit hauptsächlich mit dem ersten Teil des Textes, mit den Katastrophen und der Weltuntergangsstimmung. Der zweite Teil kommt zu kurz. Das ist ein Fehler. In ihm steht das eigentlich wichtige. Die erste Botschaft des zweiten Teiles ist ein Trost: All das geht vorüber. Es wird keinen Bestand haben. Lasst euch nicht verwirren, sondern richtet euch auf, seid mutig und bewahrt einen klaren Kopf. Und dann kommt die Anweisung: Wacht und betet, damit ihr den Tag des Heiles und der Erlösung nicht verpasst. Tut etwas gegen die Müdigkeit. Jetzt nicht einschlafen, nicht resignieren, nicht depressiv werden.

Deshalb erlaube ich mir, sie in eine Geschichte hineinzunehmen, die vom Wachbleiben handelt.

Es geht um Adalbert Stifters Novelle „Der Bergkristall“. Sie spielt in den Alpen, am Tag vor Weihnachten. Es gibt zwei Dörfer, die durch einen Bergrücken voneinander getrennt sind. In dem einen Dorf lebt eine Familie mit zwei Kindern, Konrad und seine kleine Schwester Susanna. In dem anderen Dorf leben die Großeltern. Die Eltern schicken die Kinder zu den Großeltern, um ihnen einen Weihnachtsgruß zu überbringen. Der Weg ist zwar anstrengend, aber eigentlich ungefährlich und den Kindern durch viele Wanderungen gut vertraut. Mit ihren Geschenken kommen sie sicher bei den Großeltern an, die sich über den Besuch herzlich freuen. In der Dämmerung machen sie sich wieder auf den Heimweg. Da geschieht das Unglück. Ein Schneesturm zieht auf. Die Flocken fallen dicht, der Wind pfeift. Die Schneedecke bedeckt die Wege. Das Unausweichliche geschieht. Die Kinder kommen vom Weg ab. In der Dunkelheit finden sie sich nicht mehr zurecht. Konrad entdeckt in höchster Not eine Höhle im Felsen, und zieht seine erschöpfte Schwester mit sich dort hinein. Vor dem Sturm sind sie in Sicherheit. Doch es droht eine andere Gefahr. Konrad weiß, dass er diese Gefahr bekämpfen muss. Diese Gefahr ist der Schlaf. Wer im Winter einschläft, der kann erfrieren. Die Kinder versuchen sich nun, gegenseitig wachzuhalten. Sie sprechen miteinander und ermutigen sich. Sie trinken Kaffee, den die Großmutter für die Eltern mitgegeben hat. Nur nicht ermüden, nicht einschlafen. Im Kampf gegen den Schlaf geschieht nun das Wunderbare. Die Wolkendecke öffnet sich in eine sternklare Nacht. Der Mond offenbart die Schönheit der Winterwelt. Die Kindern hören Eis knacken, sie sehen den Schnee glitzern, Tiere, die sich durch den Wald bewegen, sie beobachten ein Nordlicht am Himmel. Das Staunen hält sie wach, die Schönheit des Berges rettet sie. In diesem Moment fallen Bedrohung und Erlösung ineinander. Im schwersten Moment liegt zugleich das größte Wunder. Die Männer, die aus ihrem Heimatdorf aufgebrochen sind, um nach den Kindern zu suchen, finden sie schließlich in der Höhle. Der Morgen bricht an. Das Licht wird größer und am Weihnachtstag ziehen die beiden zu Tode erschöpft und zum Leben geboren wieder in ihr Haus zurück.

Das ist vielleicht mit diesem „Wachen und Beten“ gemeint. Es ist eine Ausrichtung auf die Größe Gottes und damit zugleich die Offenbarung des Wunderbaren. Das Staunen hält uns wach. Die Schönheit rettet uns.

Dieser Advent hat beide Seiten, die Katastrophe und die Wachsamkeit als Aufmerken auf das Gute, das uns entgegenkommt. Wir können in beiden Welten zugleich leben, ohne die Katastrophe zu missachten oder die Schönheit zu verachten. „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe“ – seid mutig, seid empfänglich, seid wachsam.

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