Der Gerechtigkeit dienen [3. Advent]

Die vergangene Woche war geprägt von der Wahl des Bundeskanzlers und der Einsetzung der neuen Regierung. Dieses Ereignis ist ja in der Regel nur alle vier Jahre zu beobachten. Im Unterschied zur Inauguration des amerikanischen oder französischen Präsidenten mit großen öffentlichen Festakten, Reden und Staatsbanketts ist der Regierungswechsel in Deutschland ein erstaunlich nüchterner, fast langweiliger, rein verwaltungsmäßiger Akt. Die Abläufe sind dabei durchaus kompliziert. Wir erhalten als Zuschauer einen Einblick in den Aufbau unseres Staatswesens. Das Parlament als politische Vertretung für das ganze Volk spielt eine wichtige Rolle, die Parlamentspräsidentin, dann der Bundespräsident. Die Regierungsverantwortung wird auf viele Personen verteilt. Hinter 16 Ministerinnen und Ministern sind wieder zahlreiche Staatssekretäre tätig, Abteilungsleiter, Fachleute und Juristen. Neben der Regierung und dem Parlament stehen dann der Bundesrat aber auch die Gerichte, um das Regierungshandeln zu überprüfen. Wer also das Land regieren möchte, muss sich darauf einlassen, von vielen Seiten, nicht zuletzt von der Öffentlichkeit kontrolliert, begutachtet und zu Veränderungen gezwungen zu werden. Das demokratische System ist ein kompliziertes Geflecht von Verantwortungen und Vertretungen, von Beteiligungs- und Kontrollrechten. Für manche ist das viel zu kompliziert. Diese komplizierte Ordnung ist aber kein Zufall. Die Idee hinter dieser Ordnung ist, einseitigen Machtgebrauch zu verhindern. Positiv geht es darum, die Vielstimmigkeit der Bevölkerung in die Entscheidungen einzubeziehen. Die Vielzahl der Interessen und Positionen fließt in Entscheidungsprozesse ein, auch wenn sie im Ergebnis natürlich nie alle Interessen in gleicher Weise berücksichtigen können. Einen solchen Zustand der Ausgewogenheit, der besonders die Schwächeren und sonst Einflusslosen stützen möchte, nennt man „Gerechtigkeit“. In ihrem Eid schwören die Minister, dass sie „Gerechtigkeit gegen jedermann üben“ werden. Das ist das Ideal politischen Handelns, auch wenn dieses Ideal natürlich aus Sicht der Einzelnen nie ganz eingeholt werden kann.

Ich glaube, man darf das Evangelium des Adventssonntags (Lk 3,10-18) ruhig vor diesem Hintergrund lesen. Das Evangelium ist nicht unpolitisch. Es geht dabei um mehr, als um eine Kritik an den Herrschenden. Darauf wird Johannes der Täufer ja gerne reduziert. Vielmehr heißt es im Text, dass das Volk überlegte, ob Johannes vielleicht selbst der Messias sei. Unter dem „Messias“ verstehen die Menschen einen König, der von Gott eingesetzt wird. Den Messias erkennt man daran, dass er Gottes Willen, also das Gesetz möglichst getreu in politisches Handeln übersetzt. Unter dem Messias, dem gottergebenen König wird sich das Volk Israel neu bilden können, wieder eine eigenständige und religiös verankerte Nation werden, frei von Fremdherrschaft und von fremden Religionen. Wie kommen die Leute auf den Gedanken, dass Johannes, der etwa eigentümliche Prophet aus der Wüste vielleicht der erwartete Messias sein könnte? Sie verstehen offenbar sein politisches „Programm“, also seine Vorstellung vom gesellschaftlichen Leben, seine ethischen und juristischen Vorstellungen als Hinweis auf das von Gott gewollte Königtum. Eine kleinen Einblick in dieses Programm bekommen wir im Evangelium gleich mitgeliefert, wenn Johannes die Soldaten ermahnt, sich mit ihrem Sold zufriedenzugeben und die Leute nicht schlecht zu behandeln; wenn er die Zöllner darauf verpflichtet, sich an ihre Tarife zu halten und die Menschen nicht auszuplündern; wenn er schließlich die Leute ermahnt mit dem, was sie an Gütern übrighaben, die Armen zu unterstützen. Hier geht es um Gerechtigkeit, eine Eigenschaft, die die Bibel Gott zuschreibt. Er ist der Gerechte schlechthin. In seiner Gerechtigkeit beschneidet er die missbräuchliche Machtausübung, stärkt die sozial Schwachen, hört auf die Klagen derjenigen, die nicht zu Recht gekommen sind und sorgt dafür, dass auch die Armen ein würdiges Leben führen können.

Der Kampf für die Gerechtigkeit ist immer ein Kampf gegen die Habgier. Der Heilige Ambrosius analysiert: „Im Verlangen nämlich, das Vermögen zu vermehren, Geld aufzuhäufen, Ländereien in Besitz zu bekommen, durch Reichtum zu glänzen, streifen wir die Norm der Gerechtigkeit ab und verlieren den Sinn für das gemeinnützige Tun.“[1] Erstaunlich, wie bleibend aktuell ein solcher Satz ist, der vor 1600 Jahren geschrieben wurde. Ambrosius deutet im Folgenden das Leben Jesu auf diesen Aspekt der Gerechtigkeit hin. Christus ist der, der sich selbst verleugnet, also ganz ohne Habgier ist. Darin entspricht er dem Gesetz Gottes, verdeutlicht es durch seine Person. Das Verzichten ist bei Jesus keine persönliche Askese, sondern ein Zeichen mit Blick auf die umfassende Gerechtigkeit. Diese kommt umso mehr zum Vorschein, je mehr die Habgier zurücktritt.

Der Gerechtigkeit zu dienen – dieses Vorhaben ist also sehr anspruchsvoll. Es geht mit einem Kampf gegen die Habgier einher. Das bedeutet nicht, dass ich nichts besitzen dürfte oder mich nicht an bestimmten Dinge freuen dürfte. Es bedeutet allerdings, aufmerksam zu werden, wenn ich Dinge über Gebühr und über das legitime oder gesunde Maß hinaus beanspruche. Das gilt für die weltweite Gerechtigkeit genauso wie für die ganz private, persönliche Gerechtigkeit.

Insofern bietet das Evangelium gerade für die Adventszeit, die ja eine Zeit der Besinnung und Umkehr sein soll, Gelegenheit für eine persönliche Überlegung. Ich kann mich auf die Spuren meiner eigenen Gerechtigkeit und meiner Versuchbarkeit für die Habgier machen. Ich kann mich kritisch fragen: Wo beanspruche ich Dinge über das gesunde Maß hinaus? Denken Sie dabei nicht nur an materielle Dinge. Im Überfluss zu leben, ist ja längst nicht jedem gegeben. Denken Sie auch nicht nur an Dinge, die sie abhängig oder süchtig machen können. Es kann auch so etwas geben, wie ein ständiges Suchen nach Zerstreuung und Ablenkung, ebenso wie ein beständiges Verlangen nach Ruhe und Entspannung. Denken Sie an den Wunsch, sich beständig mit bestimmten Menschen treffen zu wollen und andere, die für Sie vielleicht auch wichtig sind aus dem Blick zu verlieren. Es gibt eine Habgier sogar im religiösen Sinn, die sich in einem Verlangen, nach beständiger geistlicher Erfüllung äußert. Es gibt eine Habgier im Streben nach Anerkennung und danach, Menschen auf mich aufmerksam zu machen. Es gibt ein ungesundes Übermaß darin, andere von meinen Positionen überzeugen zu wollen, sie zu dominieren und zu lenken. Alle diese Dinge sind nicht in sich schlecht, sondern dann schädlich, wenn sie sich nicht mehr der Gerechtigkeit dienen, das bedeutet den anderen Bedürfnissen und Interessen meiner selbst aber auch dem Nächsten und Gott gegenüber. Der Aufruf zur Gerechtigkeit ist nicht allein Sache „der da oben“, auch wenn sie besonders stark herausgefordert sind. Die Gerechtigkeit zahlt sich bereits in der kleinen Münze meines Alltags und Lebensstils aus. Die Gerechtigkeit ist der Zustand, in dem ich weder mich selbst noch den anderen aufgegeben habe. Und sie ist ein Zustand, in dem mich die Unzufriedenheit über das ausbleibende Ideal antreibt, mich für die größere Gerechtigkeit einzusetzen.


[1] Ambrosius von Mailand, Pflichtenlehre, Teil I, Nr. 137. Der nächste Hinweis im Text bezieht sich auf Nr. 142 im gleichen Text. Der Text wird zitiert nach der Ausgabe in der Bibliothek der Kirchenväter, Ambrosius, Bd. 3, München 1917.

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