Keine Zeit zum Aufgeben

Es war ein regnerisch-kalter Novembertag. Vor den Toren Roms lag die Gegend um die alte Via Appia bereits in tiefer Ruhe. Die wenigen Besucher der Stadt hatten das Gelände schon verlassen. In der Basilika Sankt Nereus und Achilleus aber brannte noch Licht. Die Kirche liegt halb unter der Erde und gehört zum Komplex der Domitilla-Katakombe, einer der größten frühchristlichen Begräbnisstätten der ewigen Stadt. Wir schreiben das Jahr 1965. Es sind die letzten Tage des II. Vatikanischen Konzils. In der Basilika hat sich eine Gruppe von Bischöfen eingefunden. Sie sind von den Beratungen des Konzils zu diesem Ort hin aufgebrochen. Hier, bei den Gräbern früher Christen scheinen sie sich an den Ursprungsort der Gemeinschaft zurückversetzen zu wollen, die später einmal als katholische Kirche zu einer weltumspannenden Organisation werden würde. Die Bischöfe sprechen über die Zukunft der Kirche. Sie eint der Wille, für eine Reform der Kirche zu den Grundlagen des Evangeliums zurückzukehren. In den letzten Tage hatte die Konzilsversammlung über das neue Verhältnis der Kirche zur Welt gesprochen. Es war eine optimistische Diskussion gewesen. Die Konzilsväter hatten sich dafür ausgesprochen, die staatlichen und gesellschaftlichen Gemeinschaften nicht als Gegner, sondern als Partner im Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Wohlergehen der Menschen anzuerkennen. „Was können wir als Bischöfe tun?“.

Es ist bereits dunkel, als die an der Katakombe versammelten Geistlichen sich auf Grundsätze für ihre zukünftige Amtsführung verständigen. Sie unterzeichnen eine Selbstverpflichtungserklärung, die später als Katakombenpakt[1] in die Konzilsgeschichte eingehen wird. Sie sagen darin unter anderem:

  • Wir wollen so leben, wie die Menschen um uns herum.
  • Wir verzichten darauf, als reich zu erscheinen und auf teure Kleidung, auf Amtstitel und goldene Insignien.
  • Wir wollen keine Möbel oder Immobilien besitzen und auch kein Bankkonto. Wir setzen unsere Mittel zum Wohl des Bistums und der sozialen Dienste ein.
  • „Wir werden, wann immer dies möglich ist, die Finanz- und Vermögensverwaltung unserer Diözesen in die Hände einer Kommission von Laien legen, die sich ihrer apostolischen Sendung bewusst und fachkundig sind, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können.“
  • Wir werden die sozialen Werke neu aufstellen.

Was hier aufgeschrieben wurde, nahm Bezug auf die Worte Jesu des Evangeliums. Es ging um eine arme Kirche, nicht in dem Sinne, dass sie nichts besitzt, sondern dass sie das was sie besitzt großzügig einsetzt zum Wohl der Gläubigen und zur Bekämpfung sozialer Not.

Der „falsche“ Besitz ist ein Hindernis in der Nachfolge. Als im Evangelium ein junger Mann zu Jesus kommt und ihn bittet, ihm nachfolgen zu dürfen, weist Jesus ihn an, seinen Besitz zu verkaufen (Mk 10,17-30). Daraufhin geht der Mann wieder weg. Von seinem Vermögen mag er sich nicht trennen. Der Text trifft einen wunden Punkt. Arm möchte keiner sein. Wer arm ist, ist bedürftig, kann nicht aus sich heraus leben. Er ist auf andere angewiesen. Der Heilige Franziskus, dessen Gedenktag letzte Woche war, radikalisierte diese Idee. Er stellte die Armut um des Evangeliums willen an die erste Stelle. Er selbst und seine Gemeinschaft sollten nichts besitzen als den Reichtum des Evangeliums. Nichts sollte sie im apostolischen Dienst binden und fesseln. Wer arm ist, ist unabhängig.

Was erleben wir zur Zeit? Eine arme oder eine reiche Kirche? Ich habe den Eindruck, dass noch nie so viel über Geld in unserer Kirche gesprochen wurde. Das hat mit der einfachen Erkenntnis zu tun, dass das Geld weniger werden wird. Ich würde sagen, wir erleben keine arme, sondern eine sparsame Kirche, die versucht Vorsorge zu treffen, damit auch in Zukunft Geld da ist. Wir gehen von der optimistischen Vermutung aus, dass wir auch in Zukunft den heutigen Standard, wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau, halten können. Wir wollen reich, oder zumindest wohlhabend bleiben. Dabei nagt die Armut bereits an uns, ohne, dass wir uns zu ihr entschieden hätten. Hinter den schützenden Mauern eines nach wie vor ansehnlichen Hauses fällt von außen nicht so auf, dass in ihm bereits einige Zimmer nicht mehr bezogen sind und die Vorratskeller leerer werden. Auch aus dem Inneren heraus ist die Armut nicht immer zu erkennen. Wer unter netten Menschen in einem der belebten Teile des Hauses wohnt, wird sie nicht so stark wahrnehmen und muss es auch nicht.

Ich merke die Armut in verschiedenen Bereichen. Ich empfinde sie als bedrohlich. Armut ist nie angenehm. Ich bin versucht, sie zu ignorieren, schönzureden oder notdürftig zu lindern. Die erste Form der Armut ist eine Armut der Personen. Wir werden weniger. Die Zahl der Christen nimmt ab, Jahr für Jahr, genauso die Zahl der aktiven Christen in den Gemeinden, Werken und Gemeinschaften. Die Weitergabe des Glaubens in den Generationen funktioniert immer schlechter. Die Zahl der Priester nimmt ab. Ich bin zu Zeit sogar versucht zu sagen, dass das Priestertum in der gewohnten Form jetzt ausstirbt. Bei den Mitarbeitern in der Pastoral ist es ähnlich. Ich sehe eine Armut im Glauben. Natürlich nie bei allen oder bei konkreten Personen sondern auf das Gesamt unserer Kirche bei uns gesehen. Dabei ist die Kirche zunächst eine Religionsgemeinschaft. Ich habe den Eindruck, dass dieser Punkt bei den ganzen hektischen Diskussionen um Strukturen und Finanzen in den Hintergrund gerät. Wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, wozu wir als Kirche da sind, dann verschwindet sie. Die dritte Armut ist eine Armut an Glaubwürdigkeit. Das ist vielleicht zur Zeit der umstrittenste Punkt. Wie passen Kirche und Welt heute zusammen? Die einen sagen, man müsse an vielen Stellen in die Opposition zur Welt gehen, um Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Die anderen sagen das Gegenteil: Die Kirche müsse ihr Maß an der Lebensweise der Welt nehmen und sich auf sie hin radikal umstellen. Der Ausgang des Streits ist ungewiss.

Wie sollen wir mit der Armut umgehen? Ich erlebe bei mir selbst, aber auch bei vielen anderen eine tiefe Unsicherheit. Im Bild des großen Hauses gesprochen: Wir können die unbezogenen Räume renovieren und schön machen, in der Hoffnung, dass dann neue Menschen kommen. Wir können versuchen, Werbung für das schöne Haus zu machen. Wir können versuchen, die noch belebten Teile zu pflegen, Teile des Hauses aber aufzugeben. Oder wir können in ein neues Haus ziehen, das dann wieder passgerecht ist, auch mit der Gefahr, viele treue Bewohner nicht mehr zu einem Umzug zu bewegen.

Das Evangelium hat in dieser Situation eigentlich ein hoffnungsvolle Botschaft. Es macht Mut zur Armut. Das klingt paradox. So unangenehm die Erfahrung der Armut ist, so sehr scheint die Armut aber die Bedingung für eine gelingende Nachfolge zu sein. Ich glaube, ich darf keine Angst vor der Armut haben. Angst führt zu falschen Entscheidungen. Ich brauche die Armut auch nicht zu verklären, so als würden ich sie bewusst anstreben. Ich darf sie aber nicht verdrängen, sondern will sie als Herausforderung der Nachfolge begreifen, vielleicht auch als Herausforderung, um die Nachfolge besser leben zu können. Und ich möchte das nicht allein tun. Keine Zeit zum Verzagen. Keine Zeit zum Aufgeben. Der Gang in die Katakomben ist dabei tröstlich. Er führt durch die Jahrhunderte der Geschichte. Es gab keine Zeit ohne Armut oder ohne Umbrüche, keine Zeit, in die ich wieder zurückreisen wollte, keinen Zeitpunkt an dem ich stehenbleiben könnte. Wenn ich zurückblicke sehe ich vieles, das ich vermisse, wenn ich nach vorne schaue, sehe ich jemanden der vorangeht und dem ich nachfolgen soll. Und ich sehe ihn hoffentlich immer wieder.  


[1] Der Text im Original: https://www.pro-konzil.de/originaltext/

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