Kyrie eleison

Im Anfangsteil der Heiligen Messe hat das „Kyrie“ seinen festen Platz. Der griechische Ruf „Kyrie eleison“ ist sehr alt. Er wurde schon in der Antike verwendet. „Kyrie eleison“ – „Herr, erbarme dich“ bzw. „Herr, hab Mitleid mit uns“ rief man den Königen oder auch den Göttern zu. Der Ruf hat eine doppelte Funktion: Auf der einen Seite ist es ein Huldigungsruf. Wer den König „Kyrios“, also „Herr“ nennt erkennt seine Macht und Herrschaft an. Zugleich machen die Rufer auf ihre eigene Situation aufmerksam indem sie sagen: Du, der König, der Herr, kannst unsere Not wenden. Du kannst unsere Bitten erhören. Es liegt in deiner Macht, für uns da zu sein und uns zu helfen. In der christlichen Liturgie wurde deshalb „Kyrie eleison“ sowohl als Anrufung Jesu verwendet, wie auch als Fürbittruf.

Das Erbarmen (ein sehr unmodernes Wort) ist die Zuwendung einer höhergestellten Person, die etwas erwirkt, was wir selbst uns nicht geben oder erarbeiten können. Um Erbarmen bittet jemand, der ein aus seiner Sicht berechtigtes Anliegen hat, zu dessen Erfüllung er die Hilfe einer anderen Person braucht. „Erbarmen“ ist kein rechtlicher Begriff. Es kann nicht eingeklagt werden. Der König ist nicht verpflichtet, aus Erbarmen zu handeln. Häufig sagt das Recht sogar etwas anderes. „Erbarmen“ ist manchmal sogar ein Handeln gegen das, was eigentlich richtig oder gerecht wäre. Der König setzt sich über das Recht hinweg, weil er es darf und handelt aus freier Entscheidung.

In genau dieser Weise kommt der Ruf nach dem „Erbarmen“ im heutigen Evangelium vor (Mk 10,46-52). Jesus geht mit den Jüngern und vielen anderen Leuten aus der Stadt Jericho hinaus. An der Straße sitzt der blinde Bettler Bartimäus. Er hört die Menge kommen und fragt, was dort los sei. Als man ihm erzählt, dass Jesus von Nazareth vorbeikommt, ruft er mit lauter Stimme: „Hyie David, Iesou, eleeson me!“ – „Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!“. Und wieder ist der Ruf beides. Bartimäus huldigt Jesus, indem er ihn als „Sohn Davids“ anspricht. Das bedeutet, dass er ihn als rechtmäßigen König Israels, als Messias anerkennt. Zum anderen möchte er Jesus auf seine Not aufmerksam machen. In diesem Moment entscheidet sich der Ausgang der Begegnung zwischen Jesus und dem Bettler. Denn Jesus hört den Ruf und erhört die Bitte des Bettlers, wieder sehen zu können. Er gewährt etwas, das eigentlich nicht möglich ist. Jesus zeigt damit die Haltung Gottes gegenüber uns Menschen, als demjenigen, der uns hört, sich uns zuwendet und sich unserer Bitte annimmt.

Was ist heute aus dem „Kyrie eleison“ geworden? Einige sehen darin ein Relikt aus alten Zeiten. Mit den Gebräuchen antiker Königshöfe sind wir nicht mehr vertraut. Einen anderen um Erbarmen anzurufen, erscheint uns veraltet. Wir sind es gewohnt, dass die Herrscher unserer Tage in ein Netzwerk von Geschäftsordnungen, Abstimmungen, Beratungen und Gesetzen eingebunden sind. Ihre Macht ist kontrolliert und eingeschränkt. Niemand kann sich so einfach über das Regelwerk hinwegsetzen.

Dabei verkennt man leicht, dass dieses „Erbarmen“, wenn auch vielleicht unter anderen Worten ein ganz alltäglich-menschliches Bedürfnis ist. Kinder bitten darum, aus den gewohnten Regeln ausbrechen zu können, etwa, wenn sie abends länger aufbleiben möchten. Aus meiner Schul- und Studienzeit kenne ich Fälle wo Lehrer oder Professoren inständig darum gebeten wurden, bei der Benotung einer Prüfung Gnade walten zu lassen. Arbeitnehmer bitten ihre Chefs um Großzügigkeit etwa bei der Urlaubsplanung. Ich selbst bin in meiner Arbeit immer wieder auf das nicht einklagbare Wohlwollen des Bischofs oder der übergeordneten Behörden angewiesen. Es gibt viele solcher Aushandlungsprozesse.

Aus dem Evangelium lassen sich daher vielleicht ein paar ganz einfache Grundsätze des täglichen „Erbarmens“ ableiten. Der erste Grundsatz ist das Anhören. Wenn jemand mir gegenüber ein persönliches Anliegen äußert, bin ich herausgefordert, seine Bitten und Argumente zu hören und zu erwägen. Es gibt immer wieder Fälle, wo das reine Recht oder die reine Regel aus guten Gründen überschritten werden dürfen und überschritten werden sollen. Als zweites hat das Erbarmen mit einer persönlichen Haltung zu tun, nämlich den anderen in seiner Abhängigkeit von mir nicht zu beschämen. Auch, wenn ich ihm nicht immer nachgeben kann, muss ich es auf eine Weise tun, die ihn nicht abkanzelt und klein macht. Ich muss ihm meine Beweggründe und Abwägungen gegenüber offen legen und um sein Verständnis werben. Zum dritten geht es um ein grundsätzliches Wohlwollen. Ich gehe erst einmal davon aus, dass ein anderer mir gegenüber eine gerechtfertigte Bitte äußert und meine Gutmütigkeit nicht ausnutzen möchte. Ich stelle mein eigenes erstes Urteil in Frage und denke über die Beweggründe des anderen nach. Ich glaube, das sind erste Schritte in eine barmherzige Kultur, in der ich gut sein und leben kann.

Gott als Herrn anzuerkennen fällt mir nicht schwer. Ich weiß, dass er barmherzig ist, auch wenn ich ihn nicht immer verstehe und ihn vielleicht auch manchmal nicht zu erreichen scheine. Ihn anzuerkennen, verpflichtet auch mich zur Barmherzigkeit. Ich relativiere mich vor ihm, verstehe mich als Geschöpf, das immer wieder auf Zuwendung und Barmherzigkeit angewiesen ist. In diesem Sinne fällt mir das „Kyrie eleison“ leicht.  

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