Wie diskursfähig ist die Kirche?

In den Jahren 2011 bis 2015 lud die Deutsche Bischofskonferenz zu Dialogforen unter dem Titel „Im Heute glauben“ ein. Die Initiative ging auf den damaligen Vorsitzenden Erzbischof Robert Zollitsch zurück und war eine Reaktion auf die inner- und außerkirchliche Verunsicherung im Zuge der Aufdeckung des Missbrauchsskandals. Das Anliegen der Bischöfe war, den Dialog mit den Mitgliedern der Kirche zu verstärken, um eine Basis für ein verbessertes Miteinander zu schaffen. Misstrauen und gegenseitige Vorwürfe sollten durch das gegenseitige Gespräch bearbeitet und abgebaut werden. Ein neues „wir“, so der Wunsch, würde das häufig artikulierte Gegeneinander von „wir hier an der Basis“ oder auch „wir Gläubigen“ und „die da oben“ langsam ersetzen. Das gegenseitige Wahrnehmen, Ernstnehmen, Diskutieren in einer aufrichtigen Suche nach Konsens und Wahrheit sollte dies ermöglichen. Das Vorgehen erinnerte an den Ansatz der von Karl Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelten Diskursethik. Ihr zufolge können Wahrheitsfragen, aber auch politische Entscheidungen am besten im Diskurs geklärt werden. Alle für eine Frage relevanten Personen oder Positionen stellen sich der Diskussion, mit dem Ziel, sich zu verständigen. Apel und Habermas war es dazu wichtig, dass der Diskurs herrschaftsfrei ist. Das bedeutet, dass Hierarchien keine Rolle spielen, damit sich nicht automatisch die stärkeren oder mächtigeren Diskurspartner durchsetzen, sondern die besseren Argumente. Daher sollen insbesondere die sonst Machtlosen, also die Betroffenen, Opfer oder Minderheiten aktiv in den Diskurs eingebunden sein. Am Ende des Diskurses steht nicht eine Mehrheitsentscheidung, sondern ein weitestmöglicher Konsens.

Gemäß dieser Logik bemühte sich die Vorbereitungsgruppe von „Im Heute glauben“ um eine möglichst repräsentative Zusammensetzung der Teilnehmer. Neben den Bischöfen und den Vertretern zentraler Interessenvertretungen wie dem ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) nahmen abgeordnete Laien und Kleriker aus den Bistümern teil, Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, fremdsprachigen Gemeinden, geistlichen Gemeinschaften und Berufsgruppen. Ich selbst war als Delegierter des Erzbistums Hamburg bei drei der Dialogforen in Hamburg, Hannover und Stuttgart dabei. Der Sitzungsverlauf war auf größtmögliche Beteiligung angelegt. Statt Podiumsdiskussionen gab es Stuhlkreise, die, gemischt zusammengesetzt, einzelne Fragen diskutierten. Zentrale Inhalte wurden verschriftlicht, zusammengefasst und schließlich zu zentralen Ergebnissen „verdichtet“. Man versuchte, einer „idealen“ Diskurssituation nahezukommen –  soweit die Theorie. In der Praxis zeigten sich allerdings deutliche Schwierigkeiten. Schon zu Beginn regte sich der Unmut vieler Teilnehmer gegen das gewählte Verfahren. Politisch geschulte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, besonders aus dem ZdK den Verbänden und diözesanen Gremien beklagten die fehlende Podiumsdiskussion. In dieser würde sich schließlich die Zustimmung und Ablehnung bestimmter Positionen ebenso deutlich zeigen. Man wollte keinen Diskurs, sondern eine Debatte. In meinem Stuhlkreis etwa befand sich ein ehemals führendes Mitglied des ZdK. Auf eine der ersten zur Diskussion gestellten Fragen nach dem eigenen Kirchenbild, zu der jeder persönlich Stellung nehmen wollte, äußerte der Teilnehmer, es handele sich dabei nicht um eine Frage, über die man diskutieren müsse. Schließlich habe das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Bestimmung der Kirche als „Volk Gottes“ ein klares Kirchenbild beschrieben, das man einfach nur umsetzen müsse. Er meinte damit, dass in der nachkonziliaren Diskussion in Deutschland sich bereits ein Konsens über den Weg der Kirche gebildet habe (Demokratisierung, Synodalität, Eindämmung der Kompetenzen des kirchlichen Amtes etc.). Dass sich der Teilnehmer durch diese Haltung einem Diskurs verweigerte und seinerseits die „Wahrheit“ einfach für seine Position in Anspruch nahm, fiel ihm scheinbar nicht auf.

Offensichtlich war dies kein Einzelfall. Immer wieder war zu hören, dass gerade die „Laien“ sich in vielen Fragen ohnehin einig wären. Die Debatte hätte ihrer Meinung nach dazu dienen müssen, den Bischöfen diese einhellige Meinung klarzumachen und sie zu zwingen, sie für sich zu übernehmen. In einer offeneren Diskussionsrunde auf dem zweiten Dialogforum wurde dies deutlich, als ein Delegierter, der dem konservativen Forum deutscher Katholiken angehörte, unter Hohnlachen des Saales eine offensichtlich ungelegene Meinung zum Ausdruck brachte. Die Vielstimmigkeit (übrigens auch der Bischöfe), die gerade im offenen Diskurs zum Ausdruck kam, stellte sich als Überforderung dar.

Die Idee des idealen Diskurses birgt Anforderungen, die schwer vorauszusetzen sind, vor allem die Anforderung, einzelne Argumente nicht nur anzuhören, sondern auch in widerstreitenden Meinungen einen Funken Wahrheit zu finden, der die eigene Meinung auf den Prüfstand stellen darf. Gerade im gegenseitigen „Abschleifen“ und „In-Frage-Stellen“ der eigenen Position besteht der Reiz des Diskurses. Wenn eine solche Bereitschaft von den Bischöfen erwartet wurde, hätte man sie auch von allen Teilnehmenden erwarten müssen. Dabei war bei den Dialogforen die Pluralität der Meinungen schon durch die Auswahl eingeschränkt. Weder hatte man extrem konservative und extrem liberale Gruppen eingeladen, noch war die große Menge der „ganz normalen Gläubigen“ aus den Pfarreien wirklich repräsentiert, ganz zu schweigen von den vielen inaktiven Kirchenmitgliedern. Die unterschiedlichen sozialen Milieus, sowie die unterschiedlichen Lebensalter waren nicht ausgewogen vertreten. Dies ist kein Vorwurf an die Veranstalter. Wer stellt sich schon einem „Dialogforum der Bischofskonferenz“, wenn er nicht über die entsprechende diözesane oder deutschlandweite Vertretung verfügt? In den Vertretungen engagieren sich aber zumeist bürgerliche, akademische und eloquente Repräsentanten. Die Dialogforen der Bischofskonferenz ließen eine zentrale Frage hervortreten, die auch für den gegenwärtigen kirchlichen Diskurs in verschärfter Form wieder zutrifft: Wie diskursfähig ist die katholische Kirche?

Das Problem ist nicht neu. In den 70er Jahren befand man sich in einer ähnlichen Diskussion. Wie beispielhaft die Memoranden des „Bensberger Kreises“ zeigen, die Diskussionen auf dem Katholikentag in Essen 1968 oder auf der Bundesdeutschen Synode in Würzburg (1971 bis 1975), hatte der Diskurs nicht selten die oben beschriebenen Probleme. Der „Bensberger Kreis“ umschrieb die Lage der katholischen Kirche in Deutschland so: Die Bischöfe und Priester halten das gläubige Volk durch eine veraltete und reglementierende Verkündigung in seiner geistigen und geistlichen Entwicklung klein. Die Gläubigen leben weitgehend in einem Verblendungszusammenhang. Die Kirche bedarf, auch angesichts der neueren theologischen, vor allem bibelwissenschaftlichen Erkenntnisse einer radikalen Aufklärung. Die intellektuellen fortschrittlichen Kräfte sind gefragt, um die Gläubigen zur Enttarnung ihrer Verblendung und zu mündigen Christen zu führen. Diese Position ist radikal. Sie spricht weiten Teilen der Kirche die Diskursfähigkeit ab, dem Klerus, weil er in Wirklichkeit Herrschaft ausüben möchte und weiten Teilen der Gläubigen, weil sie „verblendet“ sind. Ergo kann der offene Diskurs nur in einer bestimmten Schicht der Gläubigen wirklich stattfinden. Eine solche radikale Position wird heute wahrscheinlich so niemand vertreten. Die Denkweise aber wirkt nach. In den folgenden Jahrzehnten war die Diskussion in der Kirche vor allem von zwei Gruppen geprägt: Den Bürgerlich-Liberalen, die sich für eine weitgehende Reform der Lehre und Struktur der Kirche einsetzte und den Bürgerlich-Konservativen, die teilweise reaktionär gegen die liberalen Tendenzen vorgingen. Daneben gab es weiterhin einen großen Teil von Gläubigen, die versuchten, ein unpolitisches kirchliches Leben und Engagement weiterzuführen.

Die Lage hat sich verändert. Die alten Positionen von „links“, „rechts“ und „moderat“ sind in Bewegung geraten. Im Zuge der Missbrauchsdebatte hat die liberale Position deutlichen Aufwind erhalten. Dies ist möglicherweise ein Ergebnis u.a. der Dialoginitiative. Immer mehr Bischöfe sind bereit, sich angesichts der Katastrophe Argumentationen liberaler Kräfte anzuschließen. Das verhängnisvolle Zusammenspiel von autoritärer Machtausübung, struktureller Vertuschung und mangelnder Kontrolle legt dies auch nahe.  Die konservative Fraktion hingegen zieht sich immer mehr zurück. Wenn ich mich richtig erinnere, war die Bischofskonferenz der vergangenen Jahrzehnte so aufgestellt, dass es einige liberale und einige konservative Vertreter gab. Die Mehrheit aber war um einen Ausgleich der Positionen bemüht. Heute finden sich in der Bischofskonferenz meiner Einschätzung nach mehr moderat liberale Vertreter, wenige moderat konservative. Extreme Positionierungen sind selten. Im kirchlichen Diskurs gibt es bestimmte Reizthemen, an denen sich die Geister besonders stark schieden und die Polarisierungen ausgefochten wurden. Diese sind u.a. die kirchliche Sexualmoral (das Ur-Thema der Liberalen), der Umgang mit Gender-Fragen, Abtreibung, Zölibat, Gleichberechtigung, Mitbestimmung der Laien, Bedeutung des kirchlichen Amtes, die Frage nach der Feierform der Liturgie, Frauenordination, Bedeutung des kirchlichen Lehramtes, Freiheit der Theologie und Synodalität. Wenn Sie den Selbstversuch machen und die Themen durchgehen: Bei welchen Themen sehen Sie heute eine kontroverse Debatte? Wenn ich die öffentliche, aber auch die innerkirchliche Diskussion richtig einschätze, scheinen mit die Fragen zugunsten einer liberalen Position geklärt zu sein: Die Sexualmoral muss unter dem Vorzeichen der persönlichen Freiheitsrechte überarbeitet werden, in Gender-Fragen ist der universitären Sensibilitäts-Debatte zu folgen, die prinzipielle Ablehnung der Abtreibung ist falsch, der Zölibat muss als Voraussetzung für das Priesteramt fallen, die Gleichberechtigung der Geschlechter (inkl. Frauenordination) muss vorangebracht werden, das kirchliche Amt muss an Autorität und Einfluss abnehmen, die Feier der Liturgie muss verständlicher und volksnaher sein (vor allem die Öffnung für die tridentinische Liturgie war ein Fehler), das kirchliche Lehramt darf nicht mehr reglementierend (auch in die Theologie) eingreifen, es braucht mehr synodale Beteiligung und Kontrolle. Es scheint, als habe man einen neuen Konsens gefunden, lediglich in der Umsetzung hakt es noch.

Ist dies also ein Argument für die Diskursfähigkeit der Kirche? Die Liberalen würden sagen: Nein, weil wir nicht den Eindruck haben, dass man wirklich etwas gelernt hat. Die Reform geht nicht weit genug. Die Konservativen würden sagen: Nein, weil man unsere Argumente nicht mehr hört. In der Tat liegt hier aus meiner Sicht genau die Schwierigkeit der derzeitigen Diskussion. Der Diskurs ist nicht mehr herrschaftsfrei. Wenn ich die öffentlichen Diskussionen richtig verfolge, werden Gegenpositionen gegen die oben beschriebenen Entwicklungen nicht mehr geduldet. Als Kardinal Müller Stellung gegen viele der zentralen Entwicklungen bezog, wurde er als Diskursteilnehmer ausgeschlossen. Ich möchte gar nicht seine Positionen verteidigen. Ich teile sie nicht und würde jederzeit dagegen argumentieren (muss ich das hier betonen, um noch diskursfähig zu sein?). Ich nehme allerdings wahr, dass es keinen Willen gibt, Gegenargumente gelten zu lassen, sie argumentativ zu widerlegen, in ihnen das Körnchen Wahrheit zu sehen, das in ihnen steckt. Es bringt meiner Ansicht nach weder im politischen noch im kirchlichen Diskurs etwas, konservative Positionen sofort zu diffamieren. Es sind nicht einfach alles Reaktionäre, Mittelalterliche, Betonköpfe oder Menschenhasser, die sich zu Wort melden, sondern erstmal Diskursteilnehmer. Ihre Meinungen ernst zu nehmen, zu berücksichtigen und auszuhalten, gehört zu den Spielregeln eines reifen Diskurses hinzu, auch wenn ich 100 Gegenargumente gegen sie habe. Unstrittig ist dabei, dass es Regeln gibt, die nicht überschritten werden dürfen. Dazu gehören persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, Hetze, Ausgrenzung, Antisemitismus u.a.. Diese Regeln gelten für beide Seiten. Die Entwicklung ist auch im kirchlichen Bereich die Folgende: Die Konservativen verabschieden sich aus dem Diskurs und bilden eigene Plattformen und Foren. Es entstehen die viel zitierten Meinungsblasen oder „Echokammern“. Es ist bezeichnend, dass sich etwa die AfD um in dieser Weise enttäuschte Christen bemüht mit dem Argument, die Kirchen hätten sich dem linken Mainstream verschrieben. Ich möchte der AfD und damit auch weiteren Verschärfung und Radikalisierung nicht das Feld überlassen. Ich möchte diese Strömungen nicht unterstützen. Ich möchte nicht, dass bestimmte theologische und ethische Positionen mit politisch rechten Vorstellungen verbunden werden. Dies bedeutet aber doch auch, in der Kirche weiter die Möglichkeit zu einem offenen Diskurs zu haben, diskursfähig zu bleiben, Argumente zu hören und zu erwägen. Ich erwarte auch in der Kirche einen offenen Raum der Argumentation, in dem man z.B. für oder gegen Gendersternchen sein darf, für oder gegen die Abschaffung des Zölibats, für oder gegen eine starke Position des Lehramts ohne sich gegenseitig damit gleich seine Berechtigung absprechen zu lassen, in diesem Sinne zu sprechen. Eine solche Entschärfung halte ich für dringend geboten.

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