Der Wahrheit ins Gesicht sehen [Reimpredigt zum ZDF-Fernsehgottesdienst]

Der Karneval, so meine These(n)

ist ja von ganz besond’rem Wesen.

Man nennt sein Treiben gerne „närrisch“ –

das ist das Gegenteil von „herrisch“.

Denn „oben“ , „unten“, „schlau“ und „dumm“,

das kehrt sich hier auf einmal um.

Mal über „die da oben“ lachen,

über die „Mächt’gen“ Späße machen.

Der scheinbar Schlaue wird zum Tor –

der Narr hält ihm den Spiegel vor.

 

Die Wahrheit aber ist dabei:

Der Narr ist selbst nicht fehlerfrei.

Doch in der Bütt sagt er uns: „Heute

bin ich der Anwalt kleiner Leute.

Und deren Fehler oder Schwächen

sich meistens schnell an ihnen rächen.

Ob sie die Kehrpflicht unterlassen,

die Frist beim Arbeitsamt verpassen,

zu lange steh’n im Parkverbot,

das straft der Staat zumeist sofort.“

Des Narren Überzeugung ist:

„Ein großes Tier macht großen Mist.

Denn passiert ein Missgeschick

in Kirche, Wirtschaft, Politik,

dann wird der entstand’ne Schaden

schnell allen Menschen aufgeladen.

Und bei Protest, ganz allgemein,

will keiner es gewesen sein.

Man sagt: ‚Den Fehler seh’ ich nicht!‘

und ist auf Ausflüchte erpicht.“

So wie im Evangelium

dreht nun der Narr den Spiegel um:

„In meinem Auge, das ist bitter,

steckt sicherlich so mancher Splitter,

doch seh’ ich scharf, so wie die Falken,

in eurem Auge steckt ein Balken.“

 

Tja, lieber Narr, du hast ja recht,

in unserer Welt läuft Vieles schlecht.

Das Wort vom Splitter und vom Balken

ist was für Narren, Clowns und Schalken.

Du darfst mit den verqueren Dingen

uns gerne heut zum Lachen bringen,

über die Mächt’gen Spott ausgießen,

satirisch Fehler klug aufspießen.

Doch darf man Gottes Wort verkleinern

und einfach so verallgemeinern?

Es richtet sich doch hier und heute

an große und an kleine Leute.

„Gut“ und „böse“, diese beiden,

muss ich im Alltag unterscheiden.

Wie schnell bin ich dabei, mal eben

dem Anderen eins mitzugeben.

Wenn die Kollegin krank und matt

vom Dienst sich abgemeldet hat,

dann sag ich gleich: „Die ist halt schlau,

und macht ja montags immer blau.“

Will mir mein Nachbar was erzählen,

versuch ich mich, gleich wegzustehlen,

weil doch meine Erfahrung ist:

„Der redet sowieso nur Mist“.

Oder im Matheunterricht,

der Lehrer voll Begeist’rung spricht.

Da schlaf ich sowieso gleich ein:

„Was der da quasselt, braucht kein Schwein.“

Es ist halt so: In meiner Welt

mir nun nicht jedermann gefällt.

So manche Frau und mancher Mann

soll gern versuchen, was er kann,

bei mir ist er schon abgeschrieben.

Ich kann nicht alle Menschen lieben.

Egal wie er sich auch anstellt,

das Urteil ist schon längst gefällt.

 

So ist nun, sehe ich genau hin,

die Welt voll von getrübten Augen.

Das Wort vom Balken und vom Splitter

ist wahr auch hier in unserer Mitte.

Splitter und Balken, diese beiden,

es wär doch schön, wenn dieses Leiden,

doch einmal überwunden würde

und ich dann frei und ohne Bürde

und ungetrübt könnt wieder sehen

und meinen Nächsten neu verstehen.

Es gibt ein Mittel, das zur Klarheit

des Auges führen kann: Die Wahrheit.

Wie wäre es, wenn ich mich wend’

an den, der sich die Wahrheit nennt?

Für Jesus bin ich selbst ein echter

Mensch, nicht besser, schlechter.

In seinem Auge seh’ ich mich

so wie ich bin, ganz einfach „Ich“.

In seinem Blick, der mir begegnet,

liegt Liebe, die mich anstrahlt, segnet.

Kann diese Liebe mir genügen

dann muss ich mich nicht selbst betrügen.

Ja, Fehler, die kann man beheben

und Sünden, die kann man vergeben.

Denn Liebe, Wahrheit und das Licht

besteh’n vor seinem Angesicht.

Ich denke mir, in diesem Glauben

werd’n klar und ungetrübt die Augen.

Bei Gott ist Güte und Erbarmen,

er sieht auf uns mit Liebe. Amen.

9 Kommentare zu „Der Wahrheit ins Gesicht sehen [Reimpredigt zum ZDF-Fernsehgottesdienst]

  1. Vielen Dank für die heiteren Anregungen am Fastnachtsonntag!
    Wir nehmen den Gottesdienst auf, und heute haben wir gleich reingeschaltet, mein Bauchgefühl (Intuition), sagte mir: es lohnt sich.
    Danke Ihnen, auch einen Sonntag, wie Sie sich dies wünschen!
    Dorothea und Philipp Hähnel , auch Wir-sind-Kirche;
    76646 Bruchsal,
    St.Michaelsberg Seelsorgeeinheit
    dorothea.haehnel@web.de

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  2. Vielen Dank für den tollen Beitrag. Ich komme aus Lohbrügge und habe mich gefreut Sie im Fernsehen zu erleben. Alles Gute Doris Duphorn

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  3. Ein herzliches Danke für den heutigen wunderschönen Gottesdienst, er kann auch menschlich mit Herz abgehalten werden – und das war er. Es bestärkt, daß trotz vieler Widrigkeiten im Leben man den Glauben und das Vertrauen immer haben muß.
    Wünsche Gottes Segen für Sie und für alle Menschen auf dieser Erde.
    Liebe Grüße aus Salzburg – Österreich

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  4. Das war eine Predigt nach meinem Geschmack! Warum ?
    Nun, ich selbst mache auch Reime und zwar aus der Überzeugung heraus, dass im Reim — verglichen mit Prosa — dasselbe Element steckt wie im Unterschied von Krach und Musik, nämlich Geist !

    Geist ist andererseits aber auch identisch mit dem lebendigen Leben in der Wirklichkeit, die ihrerseits im HIER und JETZT die Bühne ist für das Reich Gottes. Zugegeben, er spielt dort keine Rolle. Denn er ist der Regisseur . . .

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  5. Auch in Dresden ist dieser Gottesdienst mit seiner wichtigen Botschaft und einem Lächeln angekommen. Herzlichen Dank für diese wunderbare Predigt. Möge Gott Ihnen – zur Hilfe und Freude für viele Menschen – diese Gabe erhalten. Monika Bäßler

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  6. Der heutige Fernsehgottesdienst hat mir sehr gut gefallen, besonders die tolle Predigt.Vielen Dank und schöne
    Grüße von der Mosel.

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