Christliches Menschenbild – Teil 4

Unsere Gesellschaft charakterisiert den Menschen gemeinhin als Einzelkämpfer. Es kommt ihr auf die Entwicklung, die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Einzelnen an. Zumindest attestieren Soziologen und Medien immer wieder eine Krise der Gemeinschaft. Dabei geht es um den Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft, aber auch um Institutionen wie Vereine, Parteien und Gewerkschaften. Die Kirche ist ebenfalls eine auf Gemeinschaft angelegte Institution. Dies ist kein Zufall, sondern hat wesentlich mit der biblischen Botschaft zu tun. Es mag sein, dass es auf den ersten Blick so scheint, als würde auch die Bibel zunächst einmal von herausragenden Persönlichkeiten erzählen, von Abraham und Sarah, von Jakob, Mose, von Judith, Ruth, Jesaja und schließlich von Jesus oder Paulus. Aber dieser Eindruck täuscht. Es geht bei diesen Erzählungen nie um Einzelne, sondern immer um Einzelne im Verhältnis zu ihrer Gemeinschaft, in besonderer Weise zum Volk Israel.

Dass der Mensch von vorneherein auf Gemeinschaft angelegt ist, macht bereits die Schöpfungserzählung deutlich. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ (Gen 2,18) sagt Gott über Adam und beginnt mit der Erschaffung Evas. Das Zueinander von Mann und Frau, später dann auch die Gründung der Familie stehen am Beginn der menschlichen Geschichte. Die sogenannten „Patriarchen“ Noah, Abraham, Isaak oder Jakob werden immer als Familienoberhäupter dargestellt. Ihr Handeln hat Auswirkungen für ihre Sippe oder ihren Stamm. Die Verheißung an Abraham, seine Nachkommen würden so zahlreich sein wie die „Sterne am Himmel“ (Gen 22,17) verweist bereits auf Gottes Plan, ein auserwähltes Volk heranwachsen zu lassen. Die Geschichte Jakobs, des Enkels Abrahams ist dann die Gründungsgeschichte dieses Volkes. Die Stämme Israels tragen die Namen der Söhne Jakobs. Israel ist also im Kern nicht nur ein Volk, sondern eine große Familie. Die Nachkommen der Jakobsfamilie siedeln sich in Ägypten an, wohin Josef sie geführt hat. Mose ist einer von ihnen und wird die Identität Israels als Volk begründen, indem er sie auf den Glauben an den einen Gott verpflichtet. Josua wird mit diesem Volk in das verheißene Land einziehen. Der Gottesglaube ist eng an die Existenz eines Volkes gebunden. Gott schafft sich ein Volk, damit er als der Schöpfer und Erhalter auf der Erde bekannt bleibt. Israel hat den Auftrag, dieses besondere Gottesverhältnis zu halten und zu pflegen und somit zum Zeichen für die anderen Völker zu werden. In der Zukunft, so die Hoffnung bei den Propheten (z.B. Jes 66, Ps 65, Tob 13), wird Israel und seine Hauptstadt Jerusalem der Ort, an dem alle Menschen Gott erkennen und sich ihm zuwenden werden.[1] Der Gottesglaube ist immer mehr als eine Sache der Einzelnen. Unzweifelbar ist die persönliche Hinwendung zu Gott, die persönliche Frömmigkeit wichtig, sie ist aber alttestamentlich immer an die Gemeinschaft Israels zurückgebunden. Der Auftrag der Propheten besteht darin, die Gemeinschaft im Sinne des Glaubens und der Ethik an die Bundesbeziehung mit Gott zu erinnern und sie neue darauf zu verpflichten.

Man könnte meinen, dass Jesus mit der Gemeinschaftlichkeit des Glaubens bricht und sie zugunsten einer individuellen Nachfolge umgestaltet. Auf den zweiten Blick allerdings ist seine Botschaft zunächst nicht viel anders als die der Propheten. Es geht ihm nicht um eine neue Religion, sondern um die Erneuerung des Volkes Israel. Deutlich beschreibt er seine Sendung in Mt 15 gegenüber einer heidnischen Frau: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“. Es geht also wieder um Israel. Johannes der Täufer hatte mit dieser Sammlungsbewegung begonnen. Alle „verlorenen Schafe“, also Menschen, die sich durch ihren Lebenswandel und ihr Tun aus der Gemeinschaft des Volkes ausgeschlossen hatten, sollten den Weg der Umkehr einschlagen. Es ging um die Erfüllung der endzeitlichen Sammlung des auserwählten Volkes. Jesus sieht ebenfalls seine Aufgabe darin, das „Verlorene“ zu suchen, also die Kranken, Ausgeschlossenen und Sünder wieder in den Raum der göttlichen Gnade und die Gemeinschaft des Volkes zurückzuführen. Das Gottesvolk sollte sich endzeitlich erneuern. Dazu setzt Jesus ein wichtiges Zeichen. Er sammelt eine Gemeinschaft von 12 Männern (die Apostel) um sich. Sie erinnern an die Stammväter Israels, an die Söhne Jakobs. Auf sie möchte er die Gemeinschaft des erneuerten Gottesvolkes gründen. Es gilt: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,50).  Der Bund, den Gott mit Israel geschlossen hatte, soll durch Jesus erneuert werden. Beim letzten Abendmahl deutet er seinen Tod in dieser Weise, wenn er über den Kelch sagt: „Dies ist mein Blut des Bundes, das für Viele vergossen wird“ (Mk 14,24). In dieser Gemeinschaft des erneuerten Bundes und des erneuerten Israel, zu dem die Heiden hinzukommen, liegt theologisch der Ursprung der Kirche. Daher ist die Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und als Gemeinschaft, die aus den Sakramenten entsteht nicht eine zusätzliche Form des christlichen Glaubens. Der christliche Glaube ist vielmehr von vornherein nur in der gemeinschaftlichen Form möglich.

Es gehört zum christlichen Menschenbild, dass der Einzelne nicht ohne die Gemeinschaft denkbar ist. Die Ethik des Christentums ist immer eine Ethik der Gemeinschaft. Es geht nie um die spirituelle oder geistige Vervollkommnung des Einzelnen, es gibt keine Gurus. Vielmehr gilt: „Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus“ (Mt 23,10). Der Einzelne soll sein Tun auf die Gemeinschaft hin ausrichten und bedenken. Der christliche Auftrag ist immer ein „Dienst“ am Nächsten. Paulus, der die Kirche als einen „Leib“ beschreibt, kann daher sagen:  „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm“ (1Kor 12,26f.). Der soziale Zusammenhang in der Familie, in der Kirche und schließlich in der Gesellschaft ist entscheidend. Deshalb war das Christentum dem Philosophen Friedrich Nietzsche ein Dorn im Auge. Er sah es mit Blick auf das „Dienen“  als eine Sklavenreligion an, die den Einzelnen daran hindern wollte, ein unabhängiges Genie, oder auch ein „Übermensch“ zu werden. Im Grunde dauert diese Spannung an. Immer wieder lassen sich aus ihr Anfragen an das Christentum stellen, ob es nicht zu sehr zu einer „Gleichmacherei“ ansporne, oder ob das „Dienen“ nicht nur ein Vehikel ist, um Macht umso stärker auszuüben. Es hat in der Kirchengeschichte immer wieder Bewegungen gegeben, die die Zusammengehörigkeit von Glauben und kirchlicher Gemeinschaft bestritten haben und auch das Christentum zu einer individualisierten Religion umgestalten wollten. Dagegen spricht aber die Geschichte. Es ist gerade die soziale Verantwortung des Christentums gewesen, die die Entwicklung der europäischen Kultur geprägt hat (bis hin zur sozialen Marktwirtschaft, die aus der katholischen Soziallehre heraus entwickelt wurde). Die christliche Caritas hat das Gesicht der Gesellschaft über die Jahrhunderte wahrscheinlich mehr geprägt als es viele Herrschaftsideen vermochten. Auch die Kirche hat, gerade als Gemeinschaft, ihre Bewährungsproben dort bestanden, wo sie durch christentumsfeindliche Regime herausgefordert wurde. Der Christ ist ohne seine Ausrichtung auf die Gemeinschaft nicht zu verstehen.

[1] S. zu diesem Zusammenhang z.B. Lohfink, Gerhard, Braucht Gott die Kirche, Freiburg 1999, 13-70.

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