Recht bekommen

Wer Recht bekommen will, zieht vor ein Gericht. Zumindest hat das Gericht die Aufgabe, im Rechtsstreit Recht zu sprechen. Sind allerdings die Gerichte dazu immer in der Lage? Ich schaue zur Zeit mit Begeisterung die Serie „Suits“. In ihr geht es im weiteren Sinn um das Rechtssystem. Schauplatz ist eine große Anwaltskanzlei in New York. Ein junger Mann mit der außerordentlichen Begabung eines fotografischen Gedächtnisses bekommt durch Zufall dort einen Job. Er wird Assistent eines äußerst erfolgreichen, selbstbewussten und gerissenen Anwalts. Als Quereinsteiger macht der neue Assistent notgedrungen Fehler. Nachdem er seine ersten Fälle behandelt hat, nimmt ihn der Anwalt zur Seite und korrigiert ihn. Er gibt ihm eine goldene Regel mit auf den Weg, sozusagen das „wichtigste Gebot“ eines erfolgreichen Juristen: „Du darfst niemals Sympathie für deinen Mandanten oder auch für die Gegenseite empfinden!“ Gemeint ist: Bleib objektiv! Deine persönlichen Empfindungen spielen im Rechtsstreit keine Rolle. Es geht allein um die Sache. Und so zeigt die Serie das Wesen der Rechtssprechung als eine Organisation, in dem das Recht des Stärkeren gilt. Wer die besten Anwälte hat, bereit ist, auch die Grenzen des Anstands zu verletzen, wer am meisten Zeit und Geld mitbringt, der gewinnt schließlich auch Prozesse. Jetzt ist das Ganze natürlich „nur“ Inhalt einer Serie. Aber ganz unrealistisch ist ein solcher Blick auf das Rechtssystem sicherlich nicht. Gerichte sind ein Ort des objektiven Streits um Sachfragen, bei denen das Geschick in der Argumentation, vor allem aber die genaue Kenntnis der Gesetze (und ihrer Schlupflöcher) eine entscheidende Rolle spielen.

Das ist sicherlich nichts Neues. Die Streitgespräche zwischen Jesus und den Pharisäern und Schriftgelehrten deuten darauf hin. Auch der Umgang mit dem göttlichen Gesetz Israels trägt häufig die Züge eines juristischen Streits. Mehrere Parteien liegen bezüglich der Anwendung und Auslegung der Gesetze im Widerspruch. Die stärkere Partei wird sich gegen die schwächere durchsetzen. Zu einer besonderen Auseinandersetzung um die Grundlagen des Gesetzes kommt es im Markusevangelium:

In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer. Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen. (Mk 12, 28-34)  

Die Antwort Jesu wird also vom Schriftgelehrten akzeptiert. Zugleich beinhaltet sie eine grundsätzliche Anfrage an die Auslegung des Gesetzes. Ist dieses „Gesetz“ im Sinne eines reinen Rechtssystems zu verstehen, oder handelt es sich beim Gesetz grundlegend zunächst um ein Beziehungsgeschehen? Der Unterschied ist wichtig. Ich möchte es an einem Beispiel verdeutlichen:

Wenn ich in einer Bibliothek ein Buch ausleihe, handelt es sich um einen Akt innerhalb eines Vertragswerkes. Ich habe eine Mitgliedschaft bei der Bibliothek unterschrieben und damit eine Geschäftsordnung anerkannt. Die Ausleihe verläuft nach bestimmten Regeln. Es gibt z.B. eine Leihfrist. Bei Überschreiten der Leihfrist habe ich mit einer Mahnung und evt. einer Geldbuße zu rechnen. Verliere ich das entliehene Buch, muss ich es ersetzen. Bei häufiger Zuwiderhandlung wird mir die Mitgliedschaft gekündigt.

Leihe ich hingegen einem Freund ein Buch, sieht die Sache anders aus. Ich setze ihm in der Regel keine Leihfrist, erlege ihm keine Geldbuße auf, fordere den Ersatz bei Verlust nicht unbedingt ein, vor allem aber kündige ich deswegen nicht die Freundschaft (auch wenn es vielleicht Situationen gibt, in denen ich das tue). Hier geht es um etwas anderes: Es geht um gegenseitiges Vertrauen. Die Freundschaft läuft nach ganz anderen Regeln. Ihre wichtigen Werte sind Sympathie, gegenseitiges Vertrauen, Treue und vor allem die Bereitschaft, füreinander einzustehen. Eine gute Freundschaft hält viel aus.

Als Gott dem Volk Israel das Gesetz übergibt, handelt es sich im Wesentlichen um ein Beziehungsgeschehen. Gott bindet sich in Treue an sein Volk und das Volk sich an ihn. Die Gottesliebe ist Ausdruck dieser Beziehung. Die einzelnen Gebote sind immer auf den Erhalt der Freundschaft und Treue zu Gott hin gedacht. Eine Verletzung des Gesetzes riskiert den Bruch der Freundschaft, wird aber zugleich durch die Vergebungsbereitschaft Gottes immer wieder gerettet. Unter diesen Vorzeichen ist die Anwendung des Gesetzes immer eine Frage der Beziehung. Nicht der einzelne Paragraph und seine Befolgung sind sachlich entscheidend, sondern das Handeln im Sinne der Freundschaft. Die Nächstenliebe „kopiert“ diesen Grundsatz auf das Verhältnis der Menschen untereinander. Wie Gott seine Treue und Hilfe anbietet, so soll es auch der Mensch gegenüber den Mitmenschen tun. Dies beinhaltet dann auch die Nachsicht, die Vergebung und die Bereitschaft, über die Grenzen der „eigentlichen“ Verpflichtungen hinauszugehen. Die Beziehung ist das entscheidende, das Handeln daraus abgeleitet. Recht bekommt in diesem Sinne nicht unbedingt der, der den Buchstaben des Gesetzes befolgt, sondern der, der im Sinne der Beziehung handelt. Deswegen kann es berechtigte Ausnahmen geben, von denen Jesus etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, wo das gesetzeskonforme Handeln des Priesters und des Leviten der barmherzigen Handlung des Samariters gegenübergestellt wird.

Im Gegensatz zu den Anwälten aus der Serie gilt als goldene Regel eben genau das Umgekehrte: Gerade deine Sympathie und Empathie, dein Gerechtigkeitsempfinden wird dir den richtigen Weg weisen.

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